Hellinga Dollars
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-89581-229-3
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sid Stefan in Amsterdam
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
ISBN: 978-3-89581-229-3
Verlag: Alexander
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gerben Hellinga, geb. 1937 in der Schweiz und aufgewachsen in den Niederlanden, ist einer der bekanntesten Krimiautoren und Dramatiker in den Niederlanden. Nach einem Schauspielstudium am Max-Reinhardt-Seminar in Wien arbeitete er als Schauspieler u. a. in Berlin und Amsterdam. 1966 erschien mit Dollars sein erster Kriminalroman um Sid Stefan, dem drei weitere Bände folgten. Für den letzten wurde ihm der 'Gouden Strop', der bedeutendste niederländische Preis für Kriminalliteratur, verliehen. Neben seinen Krimis verfaßte Hellinga mehrere Theaterstücke, Romane und Drehbücher und arbeitete als Theaterkritiker. Er lebt in Amsterdam.
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Nachdem uns eine Bodenstewardess mit aufgesetztem Lächeln zu einem gläsernen Ausgang geleitet hatte, mußten wir noch geraume Zeit auf den Bus warten, der uns zum Flugzeug bringen sollte. Leute, die auf irgendwas warten müssen, mustern gern die anderen um sich herum, habe ich festgestellt. Ich mache das auch immer. Abwesend ließ ich den Blick über meine Mitreisenden schweifen und sie über mich und einander. Es war warm. In Glasbauten bleibt immer so eine müde, alte Wärme hängen, wenn lange die Sonne darauf geschienen hat. Die nordische Septembersonne stand schon wieder tief am wolkenlosen, babyblauen Himmel. Sie spiegelte sich in den silbernen Flugzeugen, die friedlich nebeneinander schliefen.
Ich glaube, es fliegen immer die gleichen Leute mit. Der dunkelhäutige Mann mit rosa Turban zum Beispiel. Und die vier in Zellophan verpackten amerikanischen Touristen mit nahtloser Brille und künstlichem Gebiß, deren Ältester meist Parkinson hat. Auch die zwei gut rasierten jungen deutschen Geschäftsmänner mit Ansatz zu Speckfalten im Nacken fehlen nie, genauso wenig wie die hübsche junge Frau, die ihre verweinten Augen hinter einer Sonnenbrille zu verbergen versucht, und der schmierige Typ mittleren Alters, der sie anquatscht. Immer ist...
Mit einem Mal wurde mir bewußt, daß ich mich schon viel zu lange in die dunklen Augen eines italienischen Mannequins versenkt hatte, das ein Stück weiter weg mit einigen tuschelnden Kolleginnen zusammenstand. Fünf Köpfchen mit glattem, schwarzem Haar, fünf in Pastellfarben gehüllte, spindeldürre Leiber auf zehn langen Stelzen. Perfekt geschminkt, perfekt gekleidet, die richtigen Taschen, die richtigen Schuhe, Schals, Gürtel, Portemonnaies, Feuerzeuge...Männer.
Die meisten Männer stehen nicht auf Mannequins. Sie sind ihnen zu unabhängig und zu dünn, und daß sie so perfekt gebaut sind, macht ihnen Angst. Mir nicht. Ich mag diese Perfektion. Auf mich üben die in den Versuchsküchen der großen Modeblätter gekochten und gebackenen Frauen eine gewaltige Anziehungskraft aus.
Erst Minuten später registrierte ich, daß ich immer noch nicht aus den Tiefen dieser Augen aufgetaucht war, und jetzt schauten alle fünf Mädchen amüsiert zu mir herüber. Ich wandte mich rasch ab und bemerkte dabei, daß nicht nur sie, sondern sämtliche Mitreisenden mich angafften. Hatte ich etwa laut vor mich hin geredet? Ich tat, als starrte ich gedankenverloren auf das leere, weiße Rollfeld hinaus, und betrachtete mein Spiegelbild in der Glastür.
Kein Wunder eigentlich, daß alle guckten, ich fiel schon ein bißchen aus dem Rahmen.
Erstens bin ich groß, größer als die meisten anderen. Sogar in Schweden war ich aufgefallen. Ferner habe ich fast silberblondes, ziemlich wild wucherndes Haar, das mir in die Stirn fällt und im Nacken meistens viel zu lang ist. Meine Augen sind im Gegensatz zu den hellen Haaren pechschwarz. Mein Gesicht – zu der Zeit rostbraun gebrannt – ist hager und knochig, die Nase schmal, das Kinn spitz. Nicht schön vielleicht, aber allem Anschein nach nicht unattraktiv. Dazu ein muskulöser, schlanker, gestählter Körper. Damals jedenfalls, nach sechs Monaten als Holzfäller.
Ich trug verwaschene Bluejeans, ein schwarz-rot kariertes Holzfällerhemd und derbe Nagelschuhe. In einem alten Lederbeutel über der Schulter trug ich mein gesamtes Gepäck: Zahnbürste, Pullover, Rasierapparat. Travelling light. Plus zehntausend schwedische Kronen in der Brieftasche.
Ich schnitt in der Glastür ein Gesicht wie Jack Palance und wie Kirk Douglas – Peter O’Toole kannte ich damals noch nicht –, fand aber, daß mein eigenes Gesicht doch am besten zu mir paßte. Meine äußere Schale war nicht übel, der Meinung waren offenbar auch die fünf Mannequins und die ganzen anderen Leute, aber sie wußten nicht, wie es von innen aussah...
Mit leisem Trällern teilte uns eine Frauenstimme über Lautsprecher mit, daß es losging, und endlich schnurrte ein blauer Bus vor. Beim Einsteigen sorgte ich dafür, daß ich neben den Mannequins zu stehen kam, die aber hochmütig schweigend aus dem Fenster schauten – vielleicht fürchteten sie, ich könnte Italienisch. Zu Recht.
Auf dem Fallreep, der Landungsbrücke – wie nennt man das noch beim Flugzeug, man kann ja schwerlich von einer Landungsbrücke sprechen, wenn man gleich vom Boden abhebt, oder? – stand eine entzückende rothaarige Stewardess, die den Beweis dafür antrat, daß das Fliegen allemal seinen Preis wert ist. Sie hatte zartrosa Lippen, perlweiße Zähne, himmelblaue Augen – ach, das Ideal meiner Jünglingsträume. Ihre Uniform saß wie angegossen und verriet eine verheißungsvolle Figur.
Entrückt ging ich weiter. Gerade weil ich sechs Monate lang keine Frau gehabt hatte, war ich zu dem Zeitpunkt von Frauen besessen. Ich versuchte, neben eines der Mannequins zu gelangen, doch die saßen alle in einer Reihe nebeneinander, wie die Hühner auf der Stange, drei auf der einen und zwei auf der anderen Seite des Mittelgangs. So mußte ich mich mit einem Sitz in der Reihe hinter ihnen begnügen, neben einem Typen, der mir unter Garantie die Reise verderben würde. Während er sich mühte, seinen Sicherheitsgurt festzuschnallen, schmatzte er nervös mit der Zunge, und Leute, die solche Laute von sich geben, machen mich wahnsinnig. Dem Oggi auf seinem Schoß nach zu urteilen, war er Italiener, mit lila Leichtgewichtanzug, viel Gold im Mund, dunkler Brille auf der Nase und jeder Menge Brillantine im Haar. Angewidert und der Verzweiflung nahe, wandte ich mich von ihm ab und konzentrierte mich auf die reizende Stewardess, die mit Kaugummi und Süßigkeiten herumging. Ich nehme sonst nie was von dem Zeug, aber ihr zuliebe war ich zu allem bereit. Während ich ein Fruchtbonbon von ihrem Schälchen nahm, schickte ich ihr eine flammende Liebeserklärung. Sie lächelte und wurde rot. Ich spürte, wie in meiner Magengegend etwas zu kribbeln begann.
Take off. Adieu, Schweden, Land der endlosen Wälder, die ich zu fällen geholfen, und der blonden Schönheiten, die ich nie zu Gesicht bekommen hatte. Vor genau sechs Monaten war ich dort angekommen, um Arbeit zu suchen, und hatte gleich am ersten Tag als Holzfäller anfangen können. Irgendwo jwd, im tiefsten Forst, wo nur noch Hirsche, Holzfäller und Trolle lebten. Dort hatte ich gelernt, Bäume zu fällen, Schwedisch zu sprechen und selbstgebrannten Schnaps zu trinken.
Und ich hatte mehr als zehntausend Kronen gespart. Vor zwei Tagen war mein Vertrag ausgelaufen, vor einem Tag war ich wieder in Stockholm angekommen, und nun saß ich also im Flieger nach Amsterdam. Warum? Was hatte ich dort zu suchen? Tja, aber was irgendwo anders?
Ich schloß die Augen und stöhnte unterdrückt. Nicht, weil ich mich selbst bemitleidete, sondern einfach so. Als ich die Augen wieder aufmachte, sah ich, daß eines der Mannequins sich zu mir umgedreht hatte. Ich warf ihr ein Lächeln zu, das sie kühl fallen ließ. Dann eben nicht. Inzwischen waren wir in der Luft, was den Mann neben mir aber nicht daran hinderte, weiterzuschmatzen. Ich hätte ihm am liebsten eine reingehauen. Um wenigstens etwas zu tun, machte ich mich in meinem Sitz breit und rammte ihm ganz aus Versehen den Ellbogen in den Magen. Das fand er gar nicht witzig. Unter seiner Sonnenbrille hervor funkelte er mich wütend an und rückte so weit wie möglich von mir weg. Aber sein Schmatzen ließ nicht nach.
Ich hörte, daß hinter mir mit Tassen und Tellern rumort wurde, und vermutete, daß die süße Stewardess sich und uns mit einem Teegedeck zu beschäftigen gedachte. Ich tippte, woraus es bestehen würde. Tee natürlich, und dazu ein PlastikKokosplätzchen und ein Schaumgummi-Mohrenkopf. Hilfsbereit wurde der Klapptisch vor mir runtergeklappt, und ich schaute auf. Falsch. Keine Kokosplätzchen und keine Mohrenköpfe.
Sondern Jeanette.
Im ersten Augenblick starrten wir einander völlig baff an, dann sagten wir gleichzeitig: »Jeanette!« – »Sid!«
Eigentlich heiße ich ja anders, aber alle nennen mich so. Ich wollte mich erheben, wurde aber durch den Klapptisch daran gehindert.
»Bleib sitzen«, flüsterte sie, »ich darf dich hier sowieso nicht küssen. Wie schön, Sid, wir haben uns so lange nicht gesehen.«
Ich suchte fieberhaft nach einer passenden Erwiderung, aber mir fiel nichts ein. In solchen Fällen schalte ich immer sehr schwerfällig.
»Wie geht es dir?« fragte ich dann eben und kam mir ziemlich blöde vor.
»Hör mal, ich komme gleich auf ein Schwätzchen. Zuerst muß ich den Tee austeilen, dann habe ich Zeit.« Sie berührte flüchtig meine Schulter, drehte sich um und schwankte durch den engen Gang davon. Ich schaute ihrem schmalen Rücken nach, dachte an den ranken Körper unter ihrer Stewardessen-uniform und versank in Erinnerungen.
Jeanette war ein halbes Jahr lang meine Freundin gewesen. Bis ich Annette kennengelernt hatte und wir uns trennten. Ganz problemlos und ohne Streit, genauso wie wir zusammengelebt hatten. Es hatte einfach gut zwischen uns funktioniert. Aber ansonsten... Sie war ein ziemlich wildes Mädchen gewesen, aus gutem Hause, aber mit vielen üblen Bekanntschaften. Nach unserer Trennung war sie Stewardess geworden. Weil sie mal was anderes wollte, wie sie sagte. Wir waren Freunde geblieben, auch nachdem ich geheiratet hatte. Obwohl Annette nicht mit ihr konnte. Jeanette und Annette, allein schon die Namen bereiteten Schwierigkeiten.
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