Hellmich | Der Steinkönig | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 500 Seiten

Reihe: Der Steinkönig

Hellmich Der Steinkönig

Der Steinkönig Band 1
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-4980-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Der Steinkönig Band 1

E-Book, Deutsch, Band 1, 500 Seiten

Reihe: Der Steinkönig

ISBN: 978-3-7568-4980-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Wesen aus alter Vorzeit erwacht: Der Steinkönig. Eine junge Frau gerät zwischen die Fronten, entdeckt ihre magischen Gaben und nicht zuletzt die Liebe. Rosa, 17 Jahre alt, lebt als Stallmagd am Hof des Fürsten Milan von Nortia. Nachdem sie miterleben musste, wie der finstere Sanas zwei ihrer Freunde in einem nächtlichen Ritual ermordete, flüchtet sie vom Hof. Der zweite Zeuge des Geschehens, der junge Hofzauberer Hanc von Temeryn, wird ihr Reisegefährte, Lehrer und Freund. Doch auch er scheint etwas vor ihr zu verbergen. Welchen ihrer Verbündeten kann Rosa vertrauen? Wird es ihr gelingen, den Steinkönig als erste zu erreichen und seine Magie dem Zugriff der Machtgierigen zu entziehen? Eine magische High-Fantasy-Geschichte über Freundschaft, Liebe und den Mut, sich einem übermächtigen Bösen entgegenzustellen.

Anna Hellmich, Fantasy-Autorin und Krankenhausseelsorgerin, erzählte schon als Kind sehr gerne spontan entstehende Geschichten. Ob Hogwarts oder Mittelerde, Anna Hellmich sieht hier keine Grenzen und fühlt sich in jeglicher Fantasy-Welt zu Hause. Hauptsache, da ist "Orm", um mit Walter Moers zu sprechen: die Magie des Erzählens. Als evangelische Pfarrerin hat Anna Hellmich ihre eigene Perspektive auf das Leben. Der Syrienkonflikt und seine Auswirkungen 2015/16 haben bei Hellmich einen bleibenden Eindruck hinterlassen. "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung" sind keine Worthülsen für sie, sondern eine ständige Sehnsucht, an der sie trotz der aktuellen Entwicklungen festhält.
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Die Stadt war grau und leer. Nicht leer von Menschen, sondern von Leben – als ob ihr das Blut aus den Adern gesogen und durch Blei ersetzt worden war.

So empfand es der Junge, der hinter einem Stapel Kisten mit Frachtgut kauerte und den Körper an die Hinterwand des Verschlags presste, in dem die Ware untergestellt worden war. Angewidert wich er von dem Fischgeruch zurück, der von den Kisten ausging, und zuckte zusammen, als sich in seinem Rücken Holzspäne durch die Jacke bohrten. Wachsam lauschte er auf die Schreie seiner Verfolger, die den Hafen nach ihm absuchten.

Doch noch mehr als sie fürchtete er die Lautlosigkeit, die sich trotz ihrer Rufe um ihn ballte. Es war fast so, als hätten sie ihn schon gefangen und ihm einen Sack um den Kopf gebunden, ihn ins hinterste Verlies gestoßen und dort zurückgelassen, blind, taub und verzweifelt.

Der Junge ahnte: Dieses Gefühl würde ihn begleiten, wohin auch immer er floh und wie auch immer seine Geschichte weiterging.

Sein linker Arm, getroffen von einer mit Dornen besetzten Keule, pochte und schwoll immer mehr an. Er wusste, dass seine Chancen schlecht standen, wenn die Wunden sich entzündeten.

Aber er achtete kaum darauf.

Sie waren mitten in der Nacht gekommen, hatten an das Hoftor geklopft, bis es unter ihren Schlägen dröhnte. Die Nachbarn mussten sofort Bescheid gewusst haben. Keiner kam heraus, alle erstarrt vor Angst. Wen auch immer die Söldnertruppen vom Rat der Drei nachts heimsuchten, war verloren. Ganze Häuser standen inzwischen leer. Überall, wo Heilkundige und ihre Familien lebten, herrschte ständige Furcht. Jeder konnte als nächstes an der Reihe sein; es gab kein System, nach dem sie vorgingen.

Stumm wiegte der Junge sich hin und her. Er presste die Fäuste auf die Augen, als könne er dadurch auslöschen, was er gesehen hatte: das bleiche, entsetzte Gesicht seines Vaters, von Blut überströmt. Nie wieder würde er in seine lächelnden, klugen Augen blicken können. Wie erstarrt hatte der Junge sich an die Wand gedrückt, sich klein gemacht, um bloß keine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Sein Blick war im Zimmer umhergeirrt und hatte eine Unregelmäßigkeit auf dem Boden erfasst. Dort hatte Vaters Schreibfeder gelegen, zerbrochen unter dem Tritt schwerer Stiefel. Tinte war auf den Teppich getropft. Sein Kopf war wie leergefegt gewesen.

Er hatte nur denken können: »Diese Flecken sind nicht mehr herauszubekommen.«

Danach hatten sie den Jungen nicht mehr angerührt. Warum, wusste er nicht. Zufall? Hielten sie ihn für unbedeutend? Oder hatte es etwas mit der Konzentration zu tun, mit der er in seinen Gedanken immer wieder gebetsmühlenartig denselben Satz wiederholt hatte: »Lasst mich gehen!« Es war kein klassischer Zauberbefehl, aber trotzdem... Hätte er mit dieser Gedankenkraft mehr ausrichten können, wenn er gewusst hätte, wie? Hätte er vielleicht seinen Schwestern helfen können?

Als er an seine Schwestern dachte, musste der Junge ein verzweifeltes Aufschluchzen unterdrücken. Zuletzt hatte er nur ihre Schreie gehört. Er wusste nicht, wohin sie gebracht worden waren, wie lange sie noch zu leben hatten, ob der Henker sie bekam oder ihr Leben vorher zu Ende ging, schon in dieser Nacht oder nach Tagen und Wochen unter der Folter.

Seine Mutter hatten sie als erste geholt, vor einem halben Jahr.

Niemand hatte je wieder von ihr gehört. Es gab keine sicheren Informationen, wohin sie die Gefangenen brachten. Einige tauchten in Schauprozessen wieder auf. Andere verschwanden für immer.

Sein Vater hatte gesagt: »Das hätten sie gerne, dass wir fliehen.

Doch damit würden wir ihnen nur Recht geben.« Dafür, dachte der Junge bitter, war jetzt seine ganze Familie zum Schweigen gebracht worden.

Alle außer ihm. Er hatte die Schriftrolle unter sein Hemd gestopft, die eine, von der ihm sein Vater hastig zugeraunt hatte:

»Schütze sie mit deinem Leben, wenn es sein muss.«

Es war still geworden am Hafen. Die Verfolger waren fort, hatten die Jagd aufgegeben, ihn vielleicht schon für tot erklärt. Sie ahnten nichts von dem Wissen, das er mit sich genommen hatte.

Langsam wurde es hell, ein diesiger Morgen; perlfarbenes Licht erhob sich über der Flussmündung.

Wie ein Tier sprang den Jungen der Schmerz in seinem Arm an; immer und immer wieder. Zusammengekrümmt lag er in seinem Versteck und wagte keinen Laut von sich zu geben. Er musste inzwischen Fieber haben, sein Kopf dröhnte und sein Gesicht fühlte sich heiß an. Sobald er auf dem Schiff war, musste er Hilfe suchen. Wenn es dann noch nicht zu spät war.

Er war nun der Barmherzigkeit Fremder ausgeliefert, und dazu auch noch der Heilkunst Ungeübter. Sein Vater hätte an diesem Sachverhalt eine grausige Komik gefunden und treffsicher auf den Punkt gebracht. Aber er war nicht mehr da. Nichts war mehr da, außer – Wie von selbst tastete die Hand des Jungen nach dem hohlen Stab, in dem die Schriftrolle verborgen war. Er war immer noch unter seinem Hemd, da wo er ihn hingeschoben hatte.

Die nächste Welle des Schmerzes, ausgelöst durch die Bewegung seines Arms, verebbte nur langsam. Mühsam hob der Junge den Kopf, der ihm viel zu schwer für seine Schultern vorkam, zwang sich auf die Knie und kroch Schritt für Schritt auf das nächste Schiff zu, das an der Mole vertäut lag.

Der Name am Bug schien vor seinen Augen zu flimmern: Kornblume. Mit letzter Kraft schleppte er sich zu den am Pier aufgestapelten Kisten und Fässern, die am nächsten Arbeitstag – in wenigen Stunden – verladen werden würden.

In ihrem Schatten brach er zusammen und wusste nichts mehr.

EINE HAND AUF SEINER SCHULTER weckte ihn, mit nicht allzu sanftem Rütteln, und eine raue Stimme sagte: »Wach schon auf, Junge, du kannst hier nicht einfach herumliegen, wir brauchen den Platz!«

Mühsam öffnete er die Augen und versuchte den Mann anzusehen, der ihn an der Schulter gepackt hatte. Er blickte in helle Augen, umkränzt von faltiger Haut, die Sonne und Wind zur Genüge gesehen hatte – ein freundliches Gesicht, auch wenn der Mann mit dem grauen Haarschopf und dem gutmütigen Mund die Stirn gerunzelt hatte und offenbar zur nächsten Stufe Kommandoton ansetzen wollte.

Doch als der Junge sich aufzurichten versuchte und der Schmerz in seinem Arm ihn erneut beinahe ohnmächtig werden ließ, wechselte der Gesichtsausdruck des Mannes von verärgert zu alarmiert.

»Du bist gar nicht betrunken ...«, stellte er fest. »Du siehst so aus, als hätte man dich übel zusammengeschlagen. Wolltest du auf das Schiff?«

»Ja«, antwortete er. Zu mehr fehlte ihm die Kraft.

»Dann komm mit. Ich ahne, was du brauchst. Ich habe eine Idee.«

Später, als er in dem kleinen Frachtraum hinter Weinfässern und Kisten mit gesalzenem Hering lag, seine Wunde notdürftig gereinigt und verbunden, fragte der Junge sich, was in seinem Gesicht den Mann dazu gebracht hatte ihm zu helfen.

Es gab zur Zeit viele Flüchtlinge aus Windar, und der Schiffsverkehr wurde regelmäßig kontrolliert. Zum Glück hatten sie unbehelligt ablegen können. Immer noch fühlte er sich schwach und fiebrig. Die Überfahrt nach Samaran würde nicht einfach werden, zumal er nicht ein einziges Kupferstück dabeihatte. Er hörte den Wellen zu, wie sie rhythmisch an den Schiffsrumpf klatschten und schwappten.

»Ich lebe«, dachte er. Die Schriftrolle lag sicher verborgen unter seinem Hemd. Sein Retter – ein Matrose, der früher zum Verladen der Ware da gewesen war als die anderen – hatte sie nicht angetastet. Um ein Haar hätte er sein Leben verloren, wenn dieser Mann nicht gewesen wäre. Es musste einen Sinn haben – darauf hoffte er mit aller Kraft, die ihm geblieben war. Und wenn nur den, dass sie die Schriftrolle nicht in ihre Finger bekamen. Gerechtigkeit für seine Familie – auch das. Wenn er nur wüsste, wie!

Der Junge lag im Dunkeln, lauschte dem Lied der Wellen und wartete.

Zwölf Jahre später

»Ein Kenner der wahren Magie«, murmelte der Mann seinem Spiegelbild zu. »Ich muss den Steinkönig finden. Und den richtigen Schlüssel wählen, um ihn zu wecken. Dann wird sich die Welt verwandeln und niemand wird mehr Zauberkräfte brauchen. Alle Magie wird mir gehören. Was dann geschieht, bestimme alleine ich!«

Das Gesicht im Spiegel glühte vor Erwartung und nervöser Energie.

Es war das Gesicht eines gewöhnlichen, wenn auch recht ansehnlichen Mannes.

Dunkle Schatten unter den ausdrucksvollen Augen ließen diese größer wirken. Seine sonst makellose, goldgetönte Haut hatte einen Anflug von Grau, der Bartwuchs auf den Wangen war sich selbst überlassen und sah entsprechend ungepflegt aus, ungezähmt. Nichts wies darauf hin, dass hier der mächtigste – der einzige Zauberer der Welt stand, der diese Bezeichnung verdiente.

»Aber man wird es in meinem Gesicht sehen«, dachte der Mann, »wenn ich erst einmal hier fertig bin. Dann...



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