Helm | Backfischchen's Leiden und Freuden | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

Helm Backfischchen's Leiden und Freuden


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-95923-006-3
Verlag: RUTHebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

E-Book, Deutsch, 200 Seiten

ISBN: 978-3-95923-006-3
Verlag: RUTHebooks
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Zweites Kapitel - Am Morgen


"Du sollst mit in meinem Zimmer schlafen, Gretchen!" sagte Tante Ulrike, als sie mich in ihrer Wohnung umher führte, und dabei öffnete sie ein nettes, behagliches Stübchen. Mit ängstlicher Scheu blickte ich nach dem zierlichen Himmelbett, unter dessen schneeweißen Gardinen ich von jetzt an träumen sollte. Mein einfaches Bettchen zu Haus entbehrte jeglichen Schmuckes, und doch, wie himmlisch hatte ich darin geschlafen! Das Bett der Tante war auch von langen, weißen Vorhängen umgeben, deren Schnüre von dem Schnabel eines Adlers gehalten wurden. Das Tier sah mich so böse an, als ärgere ihn der neue Ankömmling, mir wurde ganz unheimlich zu Mute. Zum Glück schien es mir bald, als blicke er von Tag zu Tage freundlicher auf mich armes Kind hernieder, er mochte wohl einsehen, daß ich den besten Willen mitbrachte, es jedem recht zu machen.

Neben meinem Bett stand ein niedliches Waschtischchen, ebenfalls von Gardinen umwallt, und alle möglichen Toilettengegenstände schmückten dasselbe. Ein weicher Teppich bedeckte den Fußboden, grüne Vorhänge harmonirten mit der grünen Tapete der Wände, und machten das Zimmer ungemein behaglich. Das Beste darin aber war der Platz meines Bettes unmittelbar neben dem Fenster, das nach dem Garten hinaus führte. Von hier aus fielen meine Blicke ja gleich beim Erwachen auf Himmel und Bäume, gerade wie es zu Hause gewesen in der großen Unterstube, in welcher wir Kinder schliefen.

Mit welch' unbeschreiblich schwerem Herzen drückte ich am ersten Abend meinen Kopf in die weichen Kissen meines Himmelbettes! Ach es war die erste Nacht, die ich außer dem Vaterhause zubrachte, die erste Trennung von meinen Lieben in der Heimat! Träne auf Träne rollte auf die weißen Kissen, und unnennbares Heimweh bedrückte mein Herz. Endlich aber faltete ich still meine Hände und suchte Trost und Ruhe bei Dem, der ja auch hier über mir wachte, und dessen Hand mich auch hier gütig und väterlich leiten würde, wie sie es bisher getan. Ein süßer Friede kam während des Gebetes in mein Herz, und ruhig schloß ich endlich die Augen, um im Traum wieder dorthin zu fliegen, wo mein Herz und meine Gedanken weilten, nach dem lieben, teuren Vaterhause!

Wie erstaunt war ich, als ich am andern Morgen erwachte, und halb noch im Geiste unter meinen lärmenden Geschwistern, mich nun hier in dem stillen, grünen Zimmerchen fand. Mit einem leisen Seufzer besann ich mich endlich auf alles und blickte nun spähend nach dem anderen Himmelbett hinüber, ob dessen Bewohnerin schon erwacht sei. Sie nickte mir einen freundlichen Morgengruß zu und fragte, wie ich geschlafen.

"Sehr gut, liebe Tante," sagte ich fröhlich. "Ich habe die ganze Nacht von Schreibersdorf geträumt und von all meinen Geschwistern. Sie sind heute gewiß rechte Langschläfer, da ich sie nicht aus den Federn treibe."

"Du scheinst mir auch noch nicht ausgeschlafen zu haben, Kleine!" sagte die Tante lächelnd, als ich jetzt den Mund zu einem lauten Gähnen öffnete, und ohne die Hand vorzuhalten, die Tante anblickte. "Hu, verschling mich nicht, Mädchen!" rief diese, sich die Augen zuhaltend, und beschämt steckte ich meinen Kopf wieder unter die Decke. Es war die erste Unmanier, mit der ich den Tag begann, und sie machte so tiefen Eindruck auf mich, daß ich mein Gähnen seitdem außerordentlich kultivierte.

Die Tante mahnte jetzt zum Aufstehen, und so fuhr ich denn schleunigst, wie ich all mein Lebtag getan, mit beiden Beinen unter dem Deckbett hervor und kauerte mich im allerleichtesten Nachtkostüm auf den Fußboden, um mir dort die Strümpfe anzuziehen.

Ein herzliches Gelächter der Tante brachte wieder dunkle Glut auf mein Gesicht. "O," rief sie lustig, "wie alt ist denn das liebe kleine Hemdenmätzchen dort an der Erde, das fünf Fuß preußisch in der Länge mißt?"

Wie der Blitz flog ich bei diesen Worten der Tante hinter die Bettgardine, und jetzt lernte ich erst deren Tugenden schätzen, denn bis ich mein gar zu natürliches Nachtkostüm mit andern Kleidern vertauschte, schützte mich diese gar trefflich. Beschämt kam ich hinter derselben wieder zum Vorschein und eilte an das Bett der Tante, um derselben meinen Morgengruß zu bringen.

Den Gruß erwiderte sie freundlich, als ich ihr jedoch meine Lippen zum Kuß darbot, schob sie mich sanft zurück und sagte:

"Erst waschen und den Mund reinigen, ehe man damit küßt, liebes Gretchen!"

Das war schon Dummheit Nummer drei, die ich beging, und ich war kaum aus den Federn; zu welcher Summe würden Tante's Ermahnungen wohl angewachsen sein, wenn ich am Abend mich wieder hinter den weißen Gardinen meines Himmelbettes niederlegte!

Kleinlaut schlich ich zum Waschtisch, meine Morgentoilette zu machen, die bisher zu Hause sehr wenig Zeit gekostet hatte. Ein wenig Wasser, eben genug, um die Hände naß zu machen, genügte mir vollkommen zum Waschen, und ohne mein weißes Nachtjäckchen abzulegen, fuhr ich mit dem nassen Handtuchzipfel ein paar Mal über das Gesicht und den Nacken, ebenso schnell ging es mit den Händen, und fertig war ich.

Die Tante war indessen aufgestanden und trat nun zu mir an den Waschtisch.

"Ist bei Euch auf dem Lande das Wasser so teuer, daß du so sparsam damit bist?" fragte sie, auf die paar Tröpfchen im Waschbecken deutend.

"Ich brauche nicht mehr, Tantchen!" sagte ich verwundert.

"Ich wünschte, daß du diesem Geschäft etwas mehr Sorge zuwendest, es ist gut sowohl für die Reinlichkeit als für die Gesundheit!" sprach die Tante freundlich, und begann nun selbst ihre Toilette, der ich erstaunt zusah.

Zuerst goß sie eine große Menge Wasser in das Waschbecken, entblößte dann Nacken und Arme von ihrer Umhüllung, und badete nun Kopf und Hals immer und immer wieder mit einem großen weichen Schwamme, den sie im Nacken ausdrückte. Dann rieb sie Arme und Hände mit schäumender Seife ab und rief munter: "Wasser und Seife kannst du mir nie zu viel verschwenden! Nach dem Verbrauche der Seife taxiert man die Kultur der Staaten, je mehr Seife derselbe konsumiert, je weiter ist er im Fortschritt." Dabei überreichte sie mir einen ebenso schönen, weichen Schwamm, als der ihrige war, und forderte mich auf, nun ihrem Beispiele zu folgen. Verlegen machte ich mich an das ungewohnte Werk und benahm mich dann auch dabei so geschickt, daß bald alles um mich herum schwamm. Zum Überfluß stieß ich auch noch den Wasserkrug um, und nun triefte alles rings umher, sowohl der zierliche Waschtisch, als auch der Fußboden und meine Bettgardine, ja sogar die Kleider auf meinem Stuhle.

"Himmel, wir ertrinken! Das nenne ich Wasser konsumieren!" lachte die Tante, nach mir umschauend, und rettete die noch trockne Umgebung vor den strömenden Wogen. "Du bist ja riesenhaft kultiviert, meiner Theorie zu Folge!"

"Ach der dicke Schwamm ist dran Schuld, Tantchen!" rief ich fast weinend und blickte trostlos auf die Sündflut um mich her.

"Alles will gelernt sein, Kind!" tröstete die Tante freundlich. "Mache jetzt, daß du wieder trocken wirst, sonst bezahlst du meine Lehren mit einem tüchtigen Schnupfen."

"Wäre dies Anziehen doch nur erst überstanden!" seufzte ich im Herzen, während ich mir das Wasser zur Reinigung des Mundes zurecht machte. "Was wird dabei nun wieder falsch sein!" Aber das ging besser ab, als ich gefürchtet. Die Bürste war köstlich fein, das Pulver von angenehmen Geruch, und das half mir trefflich.

"Ich hoffe, du wiederholst dies Geschäft auch stets nach dem Mittagessen, Kind?" sagte die Tante, als ich fertig war.

"Nach dem Mittagessen, Tantchen? Nein, bis jetzt tat ich das nie!"

"So tue es ja von heute an, es ist vortrefflich für die Konservierung der Zähne!"

"Ja wohl, liebe Tante!"

Ach wie oft habe ich in jener Zeit "Ja wohl, liebe Tante!" gesagt! Hätte ich für jedes Mal einen Taler bekommen, ich wäre als Millionärin nach Haus zurück gekehrt!

"Ich habe es gern, wenn junge Mädchen sich gleich am Morgen das Haar flechten!" sagte die Tante, als ich mir eben meine braunen Zöpfe unter das Morgenmützchen stecken wollte.

"Ja wohl, liebe Tante!" entgegnete ich demütig und riß mein Häubchen schnell wieder vom Kopfe und die Flechten herunter, daß die Nadeln umher flogen.

"Ich lese dir indes aus der Zeitung vor, Gretchen, nimm dir Zeit, daß du ordentlich aussiehst, darauf halte ich etwas!" fuhr die Tante fort, indem sie sich in einen Lehnstuhl setzte und mir aus der Zeitung allerlei vorlas, wobei sie aber fortwährend über dieselbe hinaus und zu mir hin blickte, ob ich auch alles regelrecht mache. Da hieß es denn bald: "Löse die Haare aus dem Kamme, ehe du wieder damit kämmst! Lege das Haar nicht auf den Tisch, sondern auf Papier! Nicht so fest flechten, hübsch gleichmäßig! Reinige Kämme und Bürsten, ehe du sie fortlegst!" und was dergleichen kleine Mahnungen mehr waren.

Endlich war das Werk vollbracht, und ich griff nach dem Morgenrock, um mich, wie ich gewöhnt, bequem hinein zu hüllen.

"Nein Kind, ein junges Mädchen zieht sich gleich fertig an, nur keine Verwöhnung!" sagte die Tante mir zusehend, und erstaunt legte ich das verschmähte Kleidungsstück wieder auf die Seite. "Das ist vortrefflich, wenn du krank bist, aber nicht in gesunden Tagen, mein Töchterchen!" fügte sie freundlich hinzu. "Nur immer schmuck und à quatre épeingles! Ein saloppes Mädchen ist etwas Widerwärtiges, und der Schlafrock verleitet nur gar zu gern hierzu. Komm, ich will dir helfen, mein Kind!"

Dabei griff sie nach meinen Kleidern und befestigte mir freundlich alle Bänder und Haken und Knöpfe, die zu meinem Anzuge...



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