E-Book, Deutsch, 296 Seiten
Helmsorig Graceland in Gefahr
3. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7407-1954-8
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 296 Seiten
ISBN: 978-3-7407-1954-8
Verlag: TWENTYSIX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eva-Maria Helmsorig, Autorin, Lese- und Literaturpädagogin, fabuliert und illustriert seit 1997 mit Kindern Bilderbücher und schreibt selber Kindergeschichten. Sie ist in Schulen, Kindertagesstätten und Bildungseinrichtungen tätig, arbeitet als Referentin für die LAG Jugend und Literatur NRW und in ihrer Bilderbuchwerkstatt in Dortmund.
Autoren/Hrsg.
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Ein schwedischer
Mittsommernachtsbrauch
Endlich war es Nachmittag. Pünktlich um drei Uhr stand Julia vor der Tür. Über ihrer Schulter hing ein rosarot gemusterter Rucksack, aus dem ihr Kuschelteddy Rudi heraus schaute. Von ihm sie sich noch keine Nacht getrennt.
„Hey Julia, du siehst aber toll aus!“, begrüßte Fays Mama sie lächelnd. Passend zum Fest hatte Julia ihre blumenbestickte Jeans mit einem pinkfarbenen Glitzergürtel angezogen. Dazu trug sie ihr hellrosa Lieblings-T-Shirt, auf dem neuerdings ein Fotodruck ihres Nager-Freundes ´Knabber` prangte. Und natürlich durften die neuen Sommerschuhe nicht fehlen!
Fay, die zur Haustür gestürmt kam, musste sich ein Grinsen verkneifen. Doch auch sie hatte sich schick gemacht. Über ihren olivgrünen Shorts leuchtete Ton in Ton mit ihrer roten Haarsträhne eine ebensolche Tunika, die am Hals und an den Ärmeln mit kleinen Blumen bestickt war. Julia lächelte, als sie das sah, und hielt ihren Daumen hoch.
Nach und nach trudelten weitere Gäste ein. Sie alle sammelten sich hinten im Garten, wo Mama ein leckeres Öko-Buffet aufgebaut hatte. Den ganzen Tag war sie in der Küche herumgewirbelt, und Fay hatte ihr geholfen, alles auf den langen Holztisch zu stellen, der mit frischen Blumen und Efeuranken geschmückt war.
Mama hatte ihr dabei mit blumigen Worten erklärt, dass Efeu ein Symbol war für Freundschaft, Liebe und Treue.
Das käme daher, weil sich die Efeuranken beim Hochwachsen immer irgendwo anschmiegen müssten.
Verträumt hatte sie in die Bäume geschaut und gelächelt.
Aha, da war doch etwas im Busch, vermutete Fay. Hatte das vielleicht mit Johannes zu tun?
Fay zog sich mit Julia in das Geäst des alten Apfelbaums zurück. Dort oben hatten sie ihre Ruhe vor dem ganzen Begrüßungstrubel mit Umarmungen und Küsschen. Wie albern Erwachsene sein konnten!
Damit Julia nicht protestieren konnte, hatte Fay extra für sie eine Leiter aus dem Schuppen geholt, über die sie bequem in den Baum steigen konnte. Die Erdbeertorte und die selbstgemachte Zitronen-Ingwer-Limonade hatte Fay in einen Korb gepackt und ebenfalls hoch gehievt.
Da kam Johannes schwungvoll durchs Gartentor gefegt. Als er die Mädchen oben im Baum entdeckte, winkte er ihnen mit einem großen Strauß bunter Rosen zu.
„Hallo Mädels, wo ist die Gastgeberin?“, rief er gut gelaunt. „In der Küche!“, brüllte Fay zurück. Dann grinste sie Julia an: „Lass Blumen sprechen! Ob Mama das überzeugen kann? Irgendwie ist sie heute anders als sonst!“ Julia schmunzelte und schwieg.
„Wer ist denn im Moment dein Traumprinz?“, neckte Fay Julia neugierig. Spätestens seitdem sie im letzten Winter zusammen „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ geguckt hatten, wusste sie, dass Julia auf romantische Märchen stand.
Julia schaute sie eingeschnappt an. Musste Fay sie immer so provozieren? Doch die ließ nicht locker: „Bist du immer noch in Tim verknallt?“, bohrte sie nach.
Julia verdrehte ihre Augen. „Dieser Spinner geht mir total auf die Nerven!“ Ärgerlich rupfte sie ein paar Blätter vom Baum. „Er hat mich heute im Schulflur angerempelt, als ich an ihm vorbeigelaufen bin. Ich finde Fabian viel cooler. Hast du mitgekriegt, dass er Kapitän der Jungen-Fußballmannschaft geworden ist? Ich habe auf meinem Handy ein paar total schöne Fotos von ihm. Willst du die mal sehen?“ Seitdem Julia von ihren Eltern ein Smartphone bekommen hatte, musste sie bei jeder Gelegenheit darauf hinweisen! Deshalb winkte Fay schnell ab.
„Nö, ehrlich gesagt nicht! Der ist ein ganz schöner Angeber. Mir gefällt Fynn viiiel besser. Er hat letzte Woche ein neues Mountainbike bekommen. Vielleicht nimmt er mich in den Sommerferien mal mit auf seine Cross-Strecke.“
„Der ist doch total peinlich! Der stylt seine Haare mit Gel, und letzte Woche hat er sich selber ein Ohrpiercing gestochen!“ Julia verzog ihren Mund abfällig nach unten. „Nun, mir gefällt´s!“ Jetzt war Fay eingeschnappt und schaute beleidigt hoch in die Äste.
„Sei froh, dass wir nicht auf die gleichen Jungs stehen“, lenkte Julia ein. Sie hatte jetzt wirklich keine Lust auf einen Streit mit Fay. Schnell holte sie zwei Teller mit Erdbeertorte aus dem Korb und reichte einen davon zu Fay hinüber.
Die nahm den Teller schweigend entgegen und stach mit ihrer Gabel die Spitze ab. Hmm, die Torte war mal wieder sensationell! Zum Glück besänftigte sie Fays Grummelmonster, bevor es wieder aktiv werden konnte.
„Ich hole uns noch ein Stück, was meinst du?“, schlug Fay vor, nachdem sie den letzten Krümel von ihrem Teller gepickt hatte.
„Na ich weiß nicht, ich will nicht zu dick werden“, zögerte Julia. „Oh Mann, du mit deinem Schlankheits-Tick!
Dann isst du die Erdbeeren, und den Boden mit dem Mascarpone-Quark bekomme ich!“ „Gute Idee“, strahlte Julia, „ich halte dir hier den Platz frei!“
„Haha, wie lustig!“ Fay verdrehte die Augen. Geschickt sprang sie auf den Rasen hinunter und lief davon.
Als sie zurückkam, grinste sie über das ganze Gesicht.
„Was hast du denn jetzt wieder ausgeheckt?“, fragte Julia misstrauisch.
„Guck mal, ich habe ein altes Kinderbuch aus meinem Zimmer geholt...!“ Fay reichte ihr den Teller mit der Erdbeertorte hoch in den Baum. Mit der anderen Hand zog sie „Wir Kinder aus Bullerbü“ von Astrid Lindgren hinter ihrem Rücken hervor.
„Was willst du denn damit?“, fragte Julia verwundert. „Das wirst du gleich hören. Es ist schon etwas länger her, seitdem Mama und ich das Buch gelesen haben. Aber mir ist eingefallen, dass es in einem Kapitel um ein Mittsommerfest geht“, antwortete Fay spitzbübisch. „Und…“, sie macht eine kleine Pause, „…darin wird von einem lustigen Mittsommerbrauch erzählt. Er hat mit Blumen pflücken und über Zäune klettern zu tun! Warte, ich suche die Stelle heraus und lese sie dir vor.“
Sie kletterte mit dem Buch in der Hand die Leiter hoch auf ihre Astgabel und blätterte darin herum. „Da steht es! Wenn man schweigend über neun Zäune klettert, dabei neun wilde Blumen pflückt und sie am Mittsommerabend unter sein Kopfkissen legt, träumt man in der Nacht von seinem Liebsten! Ist das nicht cool? Dann wissen wir, ob Fabian und Fynn die Richtigen für uns sind!“, grinste Fay verschmitzt.
„Daran glaubst du?“, fragte Julia zweifelnd. „Ich habe eine Liebestest-App auf meinem Smartphone, soll ich es aus meinem Rucksack holen und die ...“
Weiter kam sie jedoch nicht, Fay fiel ihr ins Wort: „Wir lassen uns nicht veräppeln! Lass uns diesen schwedischen Brauch einfach ausprobieren! Hier im Garten und auf den Weiden und Wiesen von Bauer Runkelbach wachsen genug wilde Blumen. Los komm, sei keine Spielverderberin, das ist doch eine witzige Idee! Und lass dein Smartphone im Haus, sonst verlierst du es noch!“
Seufzend raffte sich Julia auf, nachdem sie sich noch schnell eine letzte, saftig-rote Erdbeere in den Mund geschoben hatte - mit Mascarpone-Quark! Fay hatte es genau gesehen und schmunzelte. Geschickt sprang sie vom untersten Ast auf den Rasen hinunter. Julia kam über die Leiter nach. Schnell liefen sie an den Gästen vorbei, die sich am Buffet tummelten.
In den Blumenbeeten pflückten die Zwei lila Lavendelblüten und sonnengelbe Ringelblumen. Dann sprangen sie in Mamas Gemüsebeet, um das Johannes einen Kaninchenzaun gezogen hatte, und wieder hinaus. Damit hatten sie schon zwei Zäune geschafft!
Anschließend liefen sie zur hintersten Gartenecke. Auf dem Weg kamen sie an der Kräuterspirale vorbei. Aus der klaubten sie Arnika, Salbei und Baldrian, denn ihre kleinen Blüten leuchteten verführerisch in orangegelb, himmelblau und puderrosa.
Dann kletterten sie über den Jägerzaun (Nr. 3!), der um den Garten herum gezogen war. Von dort aus liefen sie den kleinen Feldweg entlang bis zu den Weiden, auf denen ein paar gutmütige Kühe grasten.
Am Wegesrand erwischte jede einen Stiel der zitronig duftenden Melisse, bevor sie über den ausgeschalteten Elektrozaun (Nr.4) auf die erste Weide sprangen. Dort fanden sie prächtige Kamillenblumen, deren pralle, sattgelbe Blütenköpfchen von strahlend weißen Blütenblättern umkränzt wurden.
Drei Zäune weiter erreichten Fay und Julia schließlich den Waldrand. Dort wuchsen üppige Holunderbüsche, die voll waren von flockig-weißen Dolden, in denen sich winzige, sternchenförmige Blüten aneinander drängten. Vorsichtig brachen sie zwei der Dolden ab.
Hinter den Büschen begann ein großer Wald mit Buchen, Eichen, einem kleinen Moor, undurchdringlichen Sträuchern, Brombeergestrüpp und, je tiefer man hinein ging, einer dichten Tannenschonung.
Fay wollte gerade hineinlaufen, nur ein paar Schritte, da zögerte sie. Über den Baumwipfeln bemerkte sie graugrüne Rauchschwaden, die durch die blaue Luft...




