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Hemmi / Schmid | I mag eifach nid! | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Hemmi / Schmid I mag eifach nid!

Ziemlich lustige Geschichten aus dem fast ganz normalen Leben des Comedian Rolf Schmid
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-03763-839-2
Verlag: Wörterseh
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ziemlich lustige Geschichten aus dem fast ganz normalen Leben des Comedian Rolf Schmid

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-03763-839-2
Verlag: Wörterseh
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dies ist ein Buch, das der Comedian Rolf Schmid und sein Texter Hardy Hemmi gar nie wollten. Wirklich nicht. Nicht einmal im Traum. Sie wollten nichts anderes als bloss ein paar Anekdoten aus dem fast ganz normalen Leben des gelernten Bäcker-Konditors und späteren Comedians Rolf Schmid notieren und diese biografischen Episoden irgendwann, irgendwie und irgendwo szenisch auf die Bühne bringen. So war der Plan. Aber dann passierte es: Über Nacht verselbständigte sich das ganze Projekt und kam in Fahrt - wie ein reissender Bündner Bergbach nach einem Gewitter. Eine Geschichte zog die nächste nach sich, der folgte dann noch eine und dieser eine weitere - das Projekt war im Flow. Jetzt liegen die Geschichten in Buchform vor. Und das fast ganz normale Leben von Rolf Schmid erweist sich im Rückspiegel betrachtet oft als meilenweit weg von jeder Norm. Und vieles, was aus heutiger Distanz komisch erscheint, war damals oft alles andere als das. Ja, das ist ein lustiges Buch! Manchmal lacht man laut heraus, und manchmal kämpft man aber auch mit den Tränen. Wenn der Bündner Bergbach mit Schalk und Wortwitz über die Seiten sprudelt, bleibt jedenfalls kein Auge trocken - ob vom Lachen oder vom Weinen. Wie sagt man doch: Später lachen wir darüber. Lachen Sie mit!

Hardy Hemmi, geb. 1959, absolvierte die Kunstgewerbeschule Basel. Mit dem Lehramt für bildende Kunst im Sack unterrichtete er anschliessend zehn Jahre lang - unter anderem am Bündner Lehrerseminar und an der Bündner Frauenschule in Chur - Zeichnen, Werken und Kunstgeschichte. Dann ging er in die Werbung und arbeitete für verschiedene Agenturen als freier Illustrator. Schliesslich gab er die Freiheit auf, stieg bei einer Werbeagentur ein und wechselte dort das Metier: Aus dem Gestalter wurde ein Texter. Als solcher schrieb er ab 1996 für Rolf Schmid die Rhäzünser-Fernsehspots. Aus dem Arbeitsverhältnis entstand eine Freundschaft und für Hardy Hemmi ein neues Tätigkeitsfeld. Er begann, für Rolf Schmids Bühnenprogramm zu schreiben. Der Autor lebt dort, wo er geboren wurde, in Chur. Rolf Schmid, geb. 1959, ist ein Ausbrecher. Er suchte das Weite schon in den Achtzigerjahren, als er einen Bus umbaute und damit vier Monate quer durch die Sahara fuhr. Danach flüchtete der gelernte Bäcker-Konditor vor der Routine des Alltags und dem Diktat seines Vaters nach London, wo er mit einundzwanzig Chef-Patissier im »Hilton« war. Zurück in den Bündner Bergen, tat er, was von ihm erwartet wurde: Er übernahm die Bäckerei und den Lebensmittelladen seines Vaters. Zwanzig Jahre später hatte er zwei Filialen mehr und dreissig Mitarbeitende. Vor allem aber hatte er eins - die Nase voll. Der praktizierende Bündner hängte, inzwischen Vater von drei Kindern, seinen Brotberuf von heute auf morgen an den Nagel und lebte endlich seinen Traum, die Bühne. Rolf Schmid ist verheiratet, Grossvater von zwei Enkeln und lebt dort, wo er auch aufgewachsen ist, im bündnerischen Rothenbrunnen.
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Das Sonntagskind


April 1959. In einer Küche, irgendwo auf dem Land begann meine Geschichte. Mittags zwischen zwölf und halb eins. Im Hintergrund knisterte Radio Beromünster, die Gratulationen. Die Geburtstagskinder hiessen Anna oder Hans. Abwechselnd wurde der Marsch »Alte Kameraden« und ein Männerchor mit »Die alten Strassen noch« gewünscht. Um halb eins kamen die Mittagsnachrichten. Mein Vater Conradin war seit fünf Uhr auf den Beinen. Josefina, meine Mutter, war im neunten Monat schwanger.

Mein Vater sass bereits und wartete. Sein Platz war am Kopfende des Tisches. Der Platz meiner Mutter war die Vorderseite des Herdes. Dort stand sie jetzt, fischte zwei Engadiner aus dem heissen Wasser und legte sie auf die Teller. Dann drapierte sie etwas Kopfsalat zu den Würsten und servierte diesen fettigen Vorläufer des Fitnesstellers. Jetzt endlich konnte auch sie sitzen. Aber nur kurz. »He!«, begann mein Vater, er sagte nie »du« oder »Josefina« oder gar »Fina«. Immer nur »he«. Ich dachte sehr lange, He sei der Vorname meiner Mutter. »He – haben wir noch Senf?«, fragte mein Vater also und schob der Mutter das fast leere Senfglas über den Tisch. Meine Mutter nahm es, stellte es beiseite und schaute im Schrank nach. Leider nichts. Aber in unserem Laden unten oder im Lager im Keller hatte es natürlich noch ganze Regale voll. Und was waren schon zwei, drei Stockwerke. Mein Vater wartete, meine Mutter ging. Nach einer Weile kam sie wieder, öffnete das neue Glas und stellte es auf den Tisch. Jetzt konnte auch sie endlich sitzen mit ihrem runden Bauch.

Sie assen. Sie schwiegen. Nicht weil etwas zwischen ihnen nicht gestimmt hätte. Beim Essen wurde damals nicht geredet. Ich glaube, es wurde generell weniger geredet. Einfach nur das Allernötigste. Das reichte ja auch. Engadiner mit Salat. Das reichte ebenfalls. Und das gab es bei Schmids fast jeden zweiten Tag, weil eine Wurst ziehen lassen keine Arbeit machte und die Mittagspause kurz war.

Meine Mutter hatte ziemlichen Appetit. Mein Vater grübelte die ganze Zeit angestrengt an etwas herum. Dann hatte er es endlich beisammen und fing an: »He – also es ist folgendermassen«, er schaute kurz vom Teller hoch, »es sollte also schon ein Bub werden. Die Backstube, der Laden und vor allem wegen später: Die ganze Nachfolge et cetera pp. Also etwas anderes als ein Bub kommt von mir aus eigentlich nicht infrage. Gell, es wird schon ein Bub, oder?«

Meine Mutter schaute ihn an und nickte wortlos. Ja, was hätte sie schon sagen können? Und was machen? Es würde dann halt werden, was es werden würde. So war es schon immer. Was für eine Idee!

Sie assen weiter. Aber da war noch etwas. Diesmal machte der Vater sogar eine Pause mit Essen, legte Messer und Gabel auf den Tellerrand und sagte: »He – und wenn ich grad dabei bin: Wenn das Kind am Samstag käme – also wenn das möglich ist –, das wäre natürlich ideal. Weil am Montag kommt ja der Lastwagen von der Usego mit einer grossen Lieferung. Und alles alleine abladen und versorgen wird mir langsam einfach zu streng.« Ein durchaus verständlicher Wunsch, schliesslich war mein Vater fünfzehn Jahre älter als meine Mutter. Er war mitten im Weltkrieg auf die Welt gekommen, und zwar nicht im zweiten. Meine Mutter nahm den Wunsch zur Kenntnis, sagte aber nichts. Ihr fiel auch zu seinem zweiten Anliegen beim besten Willen nichts ein.

Ein Bub am Samstag, ein Lastwagen am Montag. Wäre das also geklärt. Jetzt hatte der Vater alles gesagt, was ihm auf dem Herzen lag, die Wochenplanung erledigt, die Zukunft der Bäckerei organisiert und die Thronfolge der Dynastie gesichert. Und fertig gegessen hatte er inzwischen auch. Er trank sein Glas leer und wischte sich mit der Serviette flüchtig den Mund ab. Dann stand er auf, ging einen Stock höher, legte sich hin und machte dort wie jeden Tag ein Nickerchen. Meine Mutter holte sich noch eine halbe Wurst und etwas Salat, schüttelte den Kopf und strich mit der Hand über ihren Bauch.

Ich bin dann tatsächlich ein Bub geworden. Das hat meine Mutter also richtig gemacht. Und das mit dem Samstag habe ich vermasselt. Ich habe mich ein bisschen quergestellt und extra noch einen Tag gewartet. Erstens, um ein Sonntagskind zu werden, und zweitens wollte ich nicht, dass meine Mutter am Montag den riesigen Usego-Laster fast alleine abladen musste.

Auf einen Vornamen hatten sich meine Eltern längst geeinigt. Nein, es war nicht Rolf, sondern Max. Ich sollte also Max Schmid heissen. Während meine Mutter im Kreisssaal des Frauenspitals Fontana in Chur in den letzten Wehen lag, tigerte mein Vater – was für ein Klischee! – nervös im Spitalgang auf und ab und wartete. Irgendwie fiel ihm dort ein Zündholzbriefchen in die Hand: »Dr.iur. Rolf Schmid, Notariat und Anwaltskanzlei« stand da oder »Dipl.-Ing. Rolf Schmid, Bauberatungen, Generalunternehmen«. Was genau, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Etwas Mehrbesseres halt, in Kombination mit Rolf als erfolgversprechendem Vornamen. Wenn das kein Zeichen war! Mein Vater sagte »Rolf«, meine Mutter hatte wieder einmal nichts zu sagen, der Name Max war gestorben, Rolf Schmid war geboren.

Eine Klasse für sich


Das Dorf war wirklich klein. Sehr klein. Kindergarten gab es keinen, und am ersten Schultag waren wir nur zu zweit: Willi Moser und ich. Er war schon ein Jahr älter, aber für die Schule bis jetzt zu dumm gewesen. Das sagten alle. Man hätte Willi auch fördern können, aber ihn ein Jahr warten zu lassen, machte weniger Arbeit, also hatte man sich so entschieden.

Ob ich genug schlau war, weiss ich nicht. Es stand auch nie zur Debatte. Ich war der Sohn des Dorfbäckers und Ladenbesitzers. Ja, mein Vater war jemand. Willis Vater hingegen war ein Jenischer, also niemand. So wars halt damals. Moser musste ein Jahr auf seinen Schulstart warten. Es gibt Schlimmeres.

Ihm war das sowieso egal, und für mich passte es perfekt: Erstens wurde er mein allerbester Schulfreund, und zweitens wurde ich vom ersten Tag an immer mit ihm verglichen. Und egal, wie schwach meine Leistungen waren, er war immer schlechter als ich, und zwar viel schlechter. Neben seinem Nichtkönnen – das letztlich nichts anderes als ein geschickt getarntes Nichtwollen war – sahen selbst meine bescheidensten Bemühungen ganz passabel aus. Ende Schuljahr wechselte ich in die zweite Klasse. Moser blieb sitzen. Für niemanden eine Überraschung. Und alle sagten wieder dasselbe: Er habe es halt einfach nicht drauf. Ich wusste es besser: Willi wollte nicht. Und er glänzte auch nicht mit übertrieben regelmässigem Schulbesuch. Aber zu Hause Handorgel spielen, das wollte und konnte er. Er spielte schon als Achtjähriger virtuos wie ein Grossmeister. Das nützte ihm in der Schule natürlich wenig. Er war auch noch in der ersten Klasse, als ich zwei Jahre später die dritte beendete und in die vierte kam.

Ich weiss es nicht, aber vielleicht hätte mein Freund Willi halt auch weniger rauchen sollen. Fast ein Päckli an manchen Tagen ist für einen Primarschüler wohl doch an der oberen Grenze. Aber gell, das muss letztlich jeder selber wissen. Moser raucht übrigens immer noch. Und durchs Leben gekommen ist er auch, und zwar gar nicht mal so schlecht. Seinen Namen schreiben kann er zwar immer noch nicht, die Autoprüfung hatte er seinerzeit trotzdem im ersten Anlauf bestanden. Er ist einer von denen, die es nicht wegen, sondern trotz der Schule geschafft haben im Leben.

Ich meisterte meine sechs Primarschuljahre ohne allzu grosse Probleme. Das lag nicht nur an mir, sondern auch an Josefa, der Verkäuferin in der Bäckerei meines Vaters. Denn Sefa, wie sie von allen genannt wurde, stand nicht nur im Laden, sondern war gleichzeitig unser Kindermeitli und sorgte für meine kleine Schwester Klara und mich. Sefa half mir oft bei den Hausaufgaben. Das klappte am Anfang gar nicht so schlecht. Sie konnte mir viele Sachen sehr gut erklären und wurde auch nicht böse, wenn ich einmal etwas länger brauchte, weil ich nicht alles auf Anhieb begriff. Das änderte sich später. Nein, böse wurde sie nie, aber ungeduldig, und zwar sehr. Kein Wunder, meine Langsamkeit ging nicht selten auf Kosten ihrer freien Zeit.

Wenn ich Rechenaufgaben zu lösen hatte, wartete sie irgendwann meine zögerlichen Resultate gar nicht mehr ab, sondern nahm buchstäblich das Heft in die Hand und füllte einfach alles aus. In einem Zug von oben bis unten: Drei und acht gleich elf, fünf mal vier gibt zwanzig, zwölf durch drei sind vier. Das ging amigs ratzfatz! Ich sass daneben und staunte Bauklötze. Später sass ich dann nicht mehr daneben. Ich gab Sefa die Stöcklirechnungen und ging spielen. Oder, was mit zunehmendem Alter immer häufiger vorkam, dem Vater in der Bäckerei helfen. Wenn ich zurückkam, war alles erledigt. Natürlich blitzsauber und fehlerfrei. Und so ging das nicht nur mit den Rechenaufgaben. Nein, Sefa verfasste auch meine Aufsätze. Und ich gab in der Schule ab, was sie geschrieben hatte. Nicht etwa raffiniert in meine wacklige Primarschul-Schnüerlischrift übersetzt, sondern genau ihre Zeilen. Der Aufsatz eines achtjährigen Knirpses in der schwungvollen Schrift einer dreissigjährigen Verkäuferin. Das ging das erste Mal gut – und alle anderen Male auch! Ich wundere mich noch heute, wieso nie jemand etwas sagte. Der Bschiss war ja mehr als offensichtlich. Ich denke, Familie Moser wäre damit niemals durchgekommen.

Ab der zweiten Klasse, Willi war ja sitzen geblieben, war ich dann eine Klasse für mich. Ich sass ganz allein in einem Bänkli mitten im Schulzimmer. Vor mir die Reihen mit den Jüngeren,...


Hardy Hemmi, geb. 1959, absolvierte die Kunstgewerbeschule Basel. Mit dem Lehramt für bildende Kunst im Sack unterrichtete er anschliessend zehn Jahre lang – unter anderem am Bündner Lehrerseminar und an der Bündner Frauenschule in Chur – Zeichnen, Werken und Kunstgeschichte. Dann ging er in die Werbung und arbeitete für verschiedene Agenturen als freier Illustrator.

Schliesslich gab er die Freiheit auf, stieg bei einer Werbeagentur ein und wechselte dort das Metier: Aus dem Gestalter wurde ein Texter. Als solcher schrieb er ab 1996 für Rolf Schmid die Rhäzünser-Fernsehspots.

Aus dem Arbeitsverhältnis entstand eine Freundschaft und für Hardy Hemmi ein neues Tätigkeitsfeld. Er begann, für Rolf Schmids Bühnenprogramm zu schreiben. Der Autor lebt dort, wo er geboren wurde, in Chur.

Rolf Schmid, geb. 1959, ist ein Ausbrecher. Er suchte das Weite schon in den Achtzigerjahren, als er einen Bus umbaute und damit vier Monate quer durch die Sahara fuhr. Danach flüchtete der gelernte Bäcker-Konditor vor der Routine des Alltags und dem Diktat seines Vaters nach London, wo er mit einundzwanzig Chef-Patissier im »Hilton« war. Zurück in den Bündner Bergen, tat er, was von ihm erwartet wurde: Er übernahm die Bäckerei und den Lebensmittelladen seines Vaters. Zwanzig Jahre später hatte er zwei Filialen mehr und dreissig Mitarbeitende. Vor allem aber hatte er eins – die Nase voll. Der praktizierende Bündner hängte, inzwischen Vater von drei Kindern, seinen Brotberuf von heute auf morgen an den Nagel und lebte endlich seinen Traum, die Bühne. Rolf Schmid ist verheiratet, Grossvater von zwei Enkeln und lebt dort, wo er auch aufgewachsen ist, im bündnerischen Rothenbrunnen.



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