E-Book, Deutsch, 472 Seiten
Hengy Kantschu
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-946820-59-8
Verlag: Hybrid Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wie du mir, so ich dir
E-Book, Deutsch, 472 Seiten
ISBN: 978-3-946820-59-8
Verlag: Hybrid Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die 1965 geborene Dresdnerin wohnt jetzt in Baden-Württemberg wo sie sich, nach Studium und vier Berufsabschlüssen, nunmehr dem Schreiben widmet. Mit Ekstase und Explosion startete sie als Kriminalautorin und wechselte unter ihrem Pseudonym Mo Siegel und mit ihren Romanen Franka und Leuchtende Gräber zu Thrillern. ihr dritter Kriminalroman ist gerade unter dem Titel Kantschu erschienen.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Geschehen ist dies zu Dresden im Jahre 1206.
Mit diesen Worten, geschrieben auf einer Gerichtsurkunde aus Tierhaut, wurde eine kleine Siedlung im Elbtal am 31. März 1206 ins Weltgeschehen katapultiert. Eine der bedeutendsten Kunst- und Kulturmetropolen der Welt war geboren.
Diese erste Dresdner Urkunde schließt mit dem Siegel des Meißner Markgrafen Dietrich der Bedrängte und den Worten:
»Geschehen ist dies in Dresden im Jahr 1206 nach der Fleischwerdung des Herrn in der 9. Indikation an den 2. Kalenden des April im 8. Regierungsjahr des Herrn Philipp des erhabenen Königs. Heil und Segen. Amen.«
Dem Gerichtsverfahren vorangegangen war ein Streit zwischen dem Burggrafen Heinrich von Dohna und dem Meißner Bischof Dietrich.
Heute, mehr als achthundert Jahre später, gehörte Dresden zu den schönsten Städten Deutschlands. Auch wenn sie mancherorts in der Nacht ein ganz anderes, ein hässliches Gesicht offenbarte.
Es war die dem Licht abgewandte Seite einer glamourösen Kunst- und Kulturmetropole. Eine Schattenwelt aus vernachlässigten Gebäuden, verwilderten Flächen und vergessenen Existenzen. Unter ihnen auch verlorene Seelen, die gezwungen waren, sich mit aufgebrezelten Hüllen auf dem Straßenstrich zu verkaufen.
Helmut Funke, ein magerer Mittvierziger mit eingefallenen Wangen und schlechten Zähnen, blickte verstohlen auf die Beifahrerseite seines alten Opel Vectra. Vor wenigen Minuten hatte dort ein besonders hübsches Exemplar einer Bordsteinschwalbe, eine kleine Asiatin, Platz genommen.
Er war nicht zum ersten Mal an diesem Straßenstrich vorbeigefahren, hatte aber zum ersten Mal angehalten, um eine Nutte in sein Auto steigen zu lassen.
Wenn er die Augen schloss, konnte er die Fliederbüsche, Hyazinthen und Schneeglöckchen deutlich vor sich sehen.
Ein Hauch von Wehmut verengte seine Brust.
Damals war die Welt es noch wert gewesen, jeden Morgen aufs Neue erobert zu werden. Der Tag ein rasanter Galopp von Eindrücken und Erlebnissen, nur im Zaum gehalten von der Nacht, die diesen wunderbaren Wahnsinn in verlässlicher Regelmäßigkeit durchbrach. Mit einer Oase der Ruhe, in die er sich fallen lassen und aus der er Kraft schöpfen konnte.
Heute hingegen waren Tag und Nacht gleichsam in Trostlosigkeit gehüllt. Seit zwanzig Jahren arbeitslos, fesselte ihn die kleine Stütze, die er monatlich vom Amt bekam, an seine Stadtwohnung. Dadurch war er gezwungen, seine Abenteuerlust, Wünsche und Sehnsüchte virtuell am Computer zu befriedigen.
Sein Auto war das einzige, was er sich aus der realen Welt erhalten hatte. Selbst die Nutten hatte er in den letzten Jahren nur in seiner Fantasie vor dem Bildschirm gefickt.
Doch das sollte sich ab heute ändern!
Heute war endlich die Nacht der Nächte – seine Nacht!
Wieder schaute er verstohlen auf die Beifahrerseite, bevor er seinen Wagen neben dem Zaun eines verwaisten Fabrikgeländes zum Stehen brachte.
Auf den ersten Blick waren er und seine Begleiterin vollkommen allein. Auch beim zweiten Hinsehen deutete nichts auf die Anwesenheit einer dritten Person hin. Die Gegend rund um das Auto lag in völliger Dunkelheit und friedvoller Stille. Mal abgesehen von der gespenstischen Atmosphäre, die das silberne Licht des Mondes verbreitete.
Vollmond – nüchtern betrachtet der Zeitpunkt, in dem Sonne und Mond in Opposition zueinander stehen. Vom Gefühl her jedoch ein Mysterium, um das sich seit Menschengedenken unzählige Mythen und Legenden ranken.
Die kennt schließlich jeder, die Geschichten über Werwölfe, Vampire und Geistererscheinungen. Menschen, die sich bei Vollmond in blutrünstige Bestien verwandeln und arglosen Nachtschwärmern das Fleisch von den Knochen reißen; lichtscheue Gestalten, die sich tagsüber in der Dunkelheit irgendwelcher Gruften verbergen, jedoch nachts aus ihren Särgen steigen, um Blut aus den Kehlen wunderschöner Jungfrauen zu saugen; Verstorbene, die keine Ruhe finden und den Mondschein nutzen, um auf sich aufmerksam zu machen.
Funke grinste erregt. Genau diese Atmosphäre hatte er sich für sein erstes Mal gewünscht.
Die kleine Asiatin sah ihn frech von der Seite an.
»Na, Süßer, wie hättest du es denn gern?« Sie zog aus einer verdeckten Bauchtasche zwei kleine Schokoladentäfelchen hervor und hielt ihm eine hin, während sie sich selbst eine zwischen die Lippen schob.
Er nahm die Süßigkeit, entfernte das Papier und steckte sie sich in den Mund. Dann bleckte er die fauligen Zähne und schob seine dreckige Hand unter ihre Bluse. Die Brüste waren überraschend klein, aber sie waren fest und ihre Brustwarzen knackig wie zwei frische grüne Erbsen. Als würde er an der Krone einer Armbanduhr drehen, rieb er sie zwischen Daumen und Zeigefinger.
Seine Erregung wuchs.
»Das wirst du gleich sehen«, grunzte er und fuhr sich mit der freien Hand in den Schritt.
»Ja, zeig ihn mir«, stöhnte die kleine Asiatin mit deutlichem Akzent. »Hole ihn heraus, damit ich mit ihm spielen kann.«
Er nickte, doch statt die Hose zu öffnen, zog er ein Messer zwischen seinen Beinen hervor und ließ die Klinge aufspringen.
Ein kurzer Aufschrei, dann ging alles blitzschnell. Hatte er soeben noch voller Lust in die vor Entsetzen weit aufgerissenen braunen Mandelaugen dieser Nutte geschaut, durchzuckte ihn plötzlich ein beißender Schmerz.
»Scheiße«, schrie er überrascht auf und hielt sich die Schläfe.
In diesem Moment fiel ein kleiner aber unglaublich hochhackiger Schuh auf seinen Schoß – der spitze Absatz des Schuhes besudelt mit Blut.
, dachte er wütend. Als er nach ihr greifen, sie sich vornehmen wollte, entwischte sie ihm nur um Haaresbreite durch die inzwischen geöffnete Wagentür und lief davon.
»Böser Fehler«, polterte seine Stimme. »Hast du gehört? Das war ein ganz böser Fehler!«
Er wischte sich mit dem Handrücken über die blutende Wunde und sah ihr zähneknirschend nach. Ob er nun wollte oder nicht – er musste hinterher. Er musste dieses Luder einholen, bevor die Dunkelheit sie völlig verschluckt haben würde; durfte sie auf keinen Fall entwischen lassen!
Nicht auszudenken, wenn sie ihrem Zuhälter erzählte, was geschehen war, oder gar auf die Idee käme, die Polizei auf ihn anzusetzen.
»Komm zurück«, rief er mit einer ordentlichen Portion gespielten Bedauerns in der Stimme, bückte sich nach dem Messer, welches in den Fußraum gefallen war, und steckte es in die Hosentasche. »Ich wollte dir nichts tun, ehrlich! Ich wollte dich nur ein bisschen erschrecken! Heute ist Halloween – schon vergessen?«
Dabei musste er zugeben, dass sich ihm der tiefere Sinn dieses aus Amerika herübergeschwappten Blödsinns bis heute nicht erschloss.
»Halloween«, rief Funke hinter ihr her, während er sich anschickte, ebenfalls auszusteigen. »Kennst du nicht, oder? Erst macht man sich gegenseitig Angst, dann wird gefeiert.«
Als sie unverhofft stehenblieb, beeilte er sich, aus dem Wagen zu kommen. Ein böses Grinsen huschte über sein Gesicht.
Doch die junge Frau schaute nur kurz über ihre Schulter zurück, streifte sich dann den zweiten Schuh vom Fuß und rannte weiter.
Fluchend nahm er die Verfolgung auf.
»Lauf nur, Miststück«, brüllte er hinter ihr her. »Ich kriege dich sowieso! Du kannst mir nicht entwischen! Nicht hier!«
In der Tat kannte er das Terrain wie seine Westentasche, hatte lange Zeit auf diesem Fabrikgelände als Maurer gearbeitet. Mit seinem guten Schulabschluss an der Polytechnischen Oberschule hätte er auch eine Berufsausbildung mit Abitur machen können. Hat er aber nicht. Weil er nicht studieren, sondern Geld verdienen wollte. Und als Maurer hatte er gutes Geld verdient. Bis die Firma vor zwanzig Jahren Pleite gegangen war. Und er in gewisser Weise mit ihr.
Zwar hatte es anschließend den einen oder anderen Nachbesitzer gegeben, aber keiner von ihnen war lange genug geblieben, um tiefgreifende Veränderungen vorzunehmen.
Im Gegensatz zu ihr wusste er also genau, wo er sich verstecken würde, wenn er müsste. Nur musste er eben nicht.
Wieder grinste er, legte unwillkürlich einen Zahn zu, als er merkte, dass es urplötzlich stockfinster geworden war. Eben noch hatte er ihre mädchenhafte Silhouette vor sich im Mondlicht sehen können und schon im nächsten Moment war sie verschwunden.
Funke schaute verärgert in den Nachthimmel. Wo zum Kuckuck kamen auf einmal die vielen Wolken her? Fast schien es, als wären die Wolken nur aufgezogen, um die kleine Hure zu beschützen. Was natürlich Quatsch war, aber irgendwie auch amüsant, weil sinnlos.
Die Kleine hatte doch schon längst verloren.
Nicht nur, dass sie sich auf unbekanntem Terrain bewegte, sie war auch barfuß. Barfuß auf kaltem, unwegsamem Grund, auf dem es vor Glasscherben und metallischen Kleinteilen nur so knirschte und klirrte.
Vor ihm, nur wenige Meter entfernt, ertönte ein spitzer Schrei. Im gleichen Augenblick sah er einen schmalen Schatten hüpfend davonspringen. Dieser Anblick erheiterte ihn so sehr, dass er von Herzen lachen musste. Wie bei den Stummfilmen über , wo allein Mimik und Körpersprache ausreichten, um entsprechende Emotionen in ihm auszulösen.
Vielleicht. Jedenfalls nicht zeitgemäß. Trotzdem stand er...




