Henisch Der Mai ist vorbei/ Pepi Prohaska Prophet
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-552-06391-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwei Romane
E-Book, Deutsch, 704 Seiten
ISBN: 978-3-552-06391-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Pepi Prohaska ist ein junger Mann mit viel Fantasie und Chuzpe. Eines Tages fällt ihm ein, dass Gott etwas mit ihm vorhat, nennt sich selbst 'Pepi Prohaska Prophet' und sammelt Jünger und Jüngerinnen um sich. Doch er wird auch unzählige von Widerspruchsgeist inspirierte Briefe an Politiker schreiben - und schließlich auf geheimnisvolle Weise verschwinden.
Peter Henisch wurde 1943 in Wien geboren, er studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift Wespennest, seit 1971 arbeitet er als freier Schriftsteller und lebt in Wien. Werke u.a.: Die kleine Figur meines Vaters (1975), Pepi Prohaska Prophet (1986), Steins Paranoia (1988), Morrisons Versteck (1991), Vom Wunsch, Indianer zu werden (1994), Schwarzer Peter (2000). Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, mit seinen Romanen Die schwangere Madonna (2005) und Eine sehr kleine Frau (Deuticke, 2007) war er auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. 2009 ist Der verirrte Messias im Deuticke Verlag erschienen, 2013 sein Roman Mortimer & Miss Molly, 2016 Suchbild mit Katze, das auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis stand, und Siebeneinhalb Leben (2018).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1
An diesem Morgen erwachte Grünzweig ungewohnt früh. Hatte ihn das Kind der Nachbarin geweckt oder war das Kindergeschrei in seinem Kopf nur der Rest eines Traums? Er fröstelte, streifte einen Pullover über, steckte den Heizstrahler an. Beschloss, den Artikel für Fiedler ernsthaft in Angriff zu nehmen.
Von einer Tendenzwende, schrieb er, ist allenthalben die Rede. Tatsächlich: Die Neuen Linken sind älter geworden … Aber schon nach diesen ersten zwei Sätzen hatte er das Gefühl, dass er eigentlich nur in verklausulierter Form über sich selbst schrieb. Also zog er das soeben eingespannte Blatt aus der Walze, legte es auf einen Stoß anderer, mit ebenso wenigen Sätzen beschriebener Blätter, und begann ein neues.
Wie Schubert geblieben und nicht mehr gegangen war. Paul hätte ihn gehen lassen sollen damals frühmorgens, das wäre besser gewesen. Andererseits lässt man doch einen seelisch angeschlagenen Menschen nicht einfach davonrennen in dem Glauben, er sei ein Ungeheuer. – »Jetzt setz dich erst einmal nieder und trink’ einen Schnaps!
Du begehrst meine Frau, na und, das ist doch nicht außergewöhnlich! Ich weiß nicht, was sie davon hält, das ist eine andere Frage. Aber du kannst ja darüber reden mit ihr. Durchs Reden kommen die Leute zusammen, findest du nicht?«
Später, als sie sich entzweit hatten, pflegte Schubert herumzuerzählen, Paul hätte zu ihm gesagt: »Du kannst ruhig mit ihr schlafen.« Das war natürlich ein Missverständnis, denn wenn Paul gesagt hatte, Schubert solle mit Silvi reden, so hatte er damit nur das und nichts anderes gemeint. Vielleicht lag das Missverständnis allerdings auch auf seiner Seite und ging viel weiter als dasjenige Schuberts. Denn er glaubte damals noch, es genüge, über die Dinge zu reden, die uns belasten.
Außerdem wusste er, dass es beim Reden bleiben würde, denn Schubert war nicht Silvis Typ. Paul war lang genug mit Silvi beisammen, um zu wissen, mit welchem Typ von Männern sie in Versuchung geraten konnte und mit welchem nicht. In den ersten Jahren ihrer Beziehung hatte sie ihn das nur stillschweigend merken lassen, und er hatte es ebenso stillschweigend zur Kenntnis genommen: Es war nicht aktuell. Dann aber, als ihre Beziehung schon etwas älter wurde und als sich rundherum das Bewusstsein zu verändern anfing (man wusste nicht recht, wer die Parole ausgegeben hatte, aber zweifellos gab es etwas, das diese Veränderung auslöste, eine allgemeine Aufbruchstimmung erfüllte nicht nur Paul und Silvi, das Gefühl, dass so etwas wie ein qualitativer Sprung bevorstand, auch wenn man nicht genau wusste, wer oder was da springen sollte und vor allem, wohin …), als sich also mit dem allgemeinen Bewusstsein auch ihr besonderes veränderte, und dass sich die Zweierbeziehung im Wandel befinde, das las man in jedem Schmierblatt, da waren Silvi und Paul sogar so weit gegangen, einander die Männer und Frauen in ihrem Bekanntenkreis aufzuzählen, mit denen sie gern geschlafen hätten; doch wie gesagt, es wurde vorläufig nur geredet.
»Silvi, mein Freund Schubert hat etwas auf dem Herzen. Er sagt, er begehrt dich.«
Silvi stand da und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
»So, er begehrt mich, das habe ich mir gedacht.«
Sprachs und verschwand zum Zähneputzen ins Badezimmer.
Paul war zufrieden. Das hatte er ja erwartet.
»He Schubert«, fragte er, »willst du ein Ei zum Frühstück?«
Nackt vor dem Herd stehend kam er sich sehr progressiv vor.
»Na siehst du: Reden kann man mit ihr über alles.«
Beim Frühstück sprachen sie über Schuberts Probleme. Silvi gab sich recht munter, sie fand es immer wieder erfreulich, wenn sie jemandem gefiel. Nein, sie war Schubert nicht böse, im Gegenteil. Aber sie könne ihm trotzdem nicht helfen, das stellte sie klar.
Als sie in die Schule ging, bot sie Schubert an, gleich gemeinsam mit ihr aufzubrechen, aber der lehnte ab. Es sei jetzt ohnehin schon zu spät für ihn, zur Arbeit zu gehen. So hatten Paul und Schubert gemeinsam das Geschirr abgewaschen und sich dann wieder ins Zimmer gesetzt und geredet. »Paul«, sagte Schubert, »du bist wie ein Vater zu mir!«
Sie tranken ziemlich viel an diesem Vormittag, und als Silvi aus der Schule zurückkam, waren sie ganz schön blau. »Silvi«, verkündete Schubert, »du bist ein Engel und dein Mann ist der geborene Psychoanalytiker! Ich hab ihm mein Seelenleben aufgeblättert, wie ein Buch. Ich habe unbegrenztes Vertrauen zu ihm!«
Was blieb Paul übrig, als dieses unbegrenzte Vertrauen, das ihm überdies schmeichelte, zu akzeptieren? »Habt ihr Rindfleisch im Haus?«, fragte Schubert, ich mach ein phantastisches Steak!« In der Küche verhielt er sich wie ein Stardirigent. Aber das Steak, das dabei herauskam, war gut.
So ging es weiter, den Nachmittag lang, den Abend. Sie aßen, tranken, plauderten, analysierten. Und Paul erlag der subtilen Verführung Schuberts. Es machte ihm Spaß, wie ein Vater und Arzt zu sein.
Natürlich versuchte er Schubert klarzumachen, dass er nicht mehr Psychologie, sondern Philosophie studiere und überdies, selbst wenn er noch Psychologie studiert hätte, nicht qualifiziert gewesen wäre, als Psychoanalytiker zu dilettieren. Aber Schubert wollte das nicht wahrhaben: »Ach Paul«, sagte er, »du verstehst mich wie kein anderer Mensch auf dieser miesen Welt. Weißt du übrigens, dass deine Frau eine unheimlich liebe Brust hat, je eine kleine Hand voll, so durch den Stoff des Nachthemds gesehn, versteh mich nicht falsch. Sie hat mir gesagt, dass sie nicht mit mir schlafen will und ich habe das zur Kenntnis genommen …«
Vorsichtshalber bot Paul Schubert für diese Nacht nun doch das Campingbett an, und siehe da, der erlitt kein seelisches Trauma. Am Morgen allerdings lag er auf dem Teppich, Salome, die offenbar ahnte, dass er sich zum Dauergast entwickelte, hatte an den Gummiverstrebungen der Liege genagt. Silvi ging wieder in die Schule, Paul schlief am Frühstückstisch ein, das Analysieren hatte ihn geschafft. Als er wieder erwachte, war Schubert immer noch da.
Und so lief das weiter, zwar ging Schubert am dritten Tag zur Arbeit, aber am Abend kam er wieder zurück. Es sei ihm unmöglich, jetzt, da ihm all die Probleme, die zwischen seiner Mutter und ihm bestünden, bewusst würden, unter einem Dach mit ihr zu schlafen, Paul würde das verstehen. Und Paul verstand, und Silvi flickte das Campingbett. Und Schubert blieb und ging und kam immer wieder.
Am sechsten oder siebenten Tag schlug Schubert vor, Silvi beim Einkaufen zu begleiten, er wolle ihr die schwere Tasche tragen helfen. Paul atmete auf, hoffte er doch, in der Zwischenzeit ein paar Zeilen an seiner Dissertation arbeiten zu können, die er, seit Schubert da war, vernachlässigt hatte. Als die beiden zurückkamen, hatte Silvi ein rotes Gesicht, winkte Paul beiseite und sagte, sie habe ihm etwas zu erzählen. Schubert habe ihr im Aufzug an die Brust gegriffen und versucht, ihr einen Zungenkuss aufzuzwingen, nur ihre entschlossene Gegenwehr und das Zusteigen einer Frau aus dem ersten Stock hätte Schlimmeres verhindert.
Paul sprang auf und war endlich entschlossen, Schubert vor die Tür zu setzen. Aber als er ins Zimmer kam, lag der auf der Sitzgarnitur und heulte wie ein Schlosshund. – »Ich weiß, ich bin ein Schwein«, rotzte er, »ich habe dein Vertrauen bitter enttäuscht. Aber ich flehe dich an, hab’ Geduld mit mir!«
Und er bettete seinen Kopf in Pauls Schoß und weinte dort weiter. Paul gab die Hose am folgenden Tag in die Wäscherei. An diesem Abend aber war er gerührt. Und saß und streichelte Schuberts drahtiges Haar.
2
Etwa so weit hatte Paul geschrieben oder gedacht, als es klopfte. Einen Augenblick lang hoffte (fürchtete?) er, es wäre Silvi, dann, als er den Vorhang zwischen Zimmer und Küche wegschob, fiel ihm ein, es könnte auch Julia sein, doch es war keine von beiden. »Ich möchte Ihnen«, sagte die Frau, die auf seiner Fußmatte stand, »eine Botschaft von Gott bringen, haben Sie ein bisschen Zeit?« Paul war viel zu verblüfft, um nein zu sagen, und trat beiseite.
»Haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht«, sagte die Frau, die ihm resolut ins Zimmer voranschritt, das Haar an ihrem Hinterkopf war zu einem Knoten gebunden und grau wie der Fischgrätenmantel, der ihm viel zu lang schien, »haben Sie sich schon einmal darüber Gedanken gemacht, dass dieses Leben keinen Sinn hat?« Paul sagte ja. – »Ohne Gott«, präzisierte die Frau, »hat nichts einen Sinn!« – Sie stellte ihre Handtasche (eigentlich war es eher eine Art von Vertreterkoffer) aufs Klavier. Paul fragte sich, ob er ihr ein Glas Sliwowitz offerieren sollte, ließ es aber lieber bleiben.
Er bot ihr den Schaukelstuhl an, den ihm Silvi im vorigen Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte, sie verschmähte ihn. »Ist Ihnen schon aufgefallen«, fragte sie, »dass die Werte dieser Welt nicht von Bestand sind? Die Menschen haben Angst vor der Inflation, aber es ist nicht nur das Geld, das entwertet wird, nicht wahr? Schauen Sie sich doch um, verschließen Sie nicht die Augen: Rund um Sie herrscht das Chaos!«
Einen Moment lang hatte Paul die Idee, dieser letzte Satz bezöge sich auf die Unordnung in seinem Zimmer. »Wollen Sie sich nicht doch setzen?«, fragte er und rückte der Frau den Klavierhocker zurecht, sie sagte danke. Sie setzte sich hin, mit sehr aufrechtem Oberkörper und geschlossenen Beinen, die Hände auf den Knien. »Und diesem äußerem Chaos entspricht Ihr inneres: Gestehen Sie sich das doch ein!«
Paul dachte, dass sie recht hatte, aber vermutlich in einem anderen Sinn, als dem von ihr gemeinten. Er lehnte sich, da er nicht wusste, ob er stehen bleiben oder sich ebenfalls setzen sollte, mit dem...




