E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Henisch Grosses Finale für Novak
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-7017-4223-3
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-7017-4223-3
Verlag: Residenz
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Henisch, geboren 1943 in Wien. Studium der Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Mitbegründer, Liedtexter und Sänger der Gruppe 'Wiener Fleisch und Blut' (1975) sowie Mitbegründer der Zeitschrift 'Wespennest'. Seit 1971 lebt er als freieschwebender Schriftsteller in Wien, Niederösterreich und der Toskana. Erste literarische Veröffentlichung 1971 mit 'Hamlet bleibt'. 1975 erschien sein Roman 'Die kleine Figur meines Vaters' (überarbeitete Neuauflage Residenz 2003), in dem er sich mit der Vergangenheit seines Vaters als offizieller Kriegsfotograf während des Nationalsozialismus auseinandersetzte, das bis heute ein Kultbuch geblieben ist. Musikalisch arbeitet er vor allem mit Woody Schabata und Hans Zinkl zusammen. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Anton-Wildgans-Preis, Literaturpreis der Stadt Wien. Mit den Romanen 'Die schwangere Madonna' (Residenz, 2005) und 'Eine sehr kleine Frau' (2007) war Peter Henisch für den Deutschen Buchpreis nominiert. Zuletzt erschienen: 'Der verirrte Messias' (2009) 'Kaum ein anderer österreichischer Autor macht so wenig Aufhebens von sich; und kaum einer hat die soziale und politische Entwicklung seines Landes in mittlerweile über zwanzig Büchern so präzise beschrieben wie er. Kritik hat er allerdings nie in der landesüblichen Form der rhetorischen Übertrumpfung betrieben, und vielleicht war es diese Tugend, sich der Routine wohlfeiler Empörung zu versagen und stattdessen den empörenden Verhältnissen geduldig auf den Grund zu gehen, die Peter Henisch den gebührenden Erfolg bis heute vorenthalten hat.' Karl-Markus Gauß über Peter Henisch
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II
DAS HAUS, in dem Novak und seine Frau seit fünfundzwanzig Jahren wohnten, war ein ausgebautes Schrebergartenhaus. Im Lauf der Zeit hatten sie alles mögliche angebaut. Die kleine Veranda zum Beispiel, in die man zuerst kam, wenn man die Türe öffnete. Ursprünglich war das nicht mehr als ein Windfang gewesen, dann aber hatte sich Novak eines Tages ein Herz gefasst und die Arbeit an dieser Veranda in Angriff genommen.
Er kannte hier also jeden Balken, jedes Brett. Und doch fühlte er sich jetzt, nachdem er die Schwelle überschritten hatte und einen Augenblick stehenblieb, befremdet. Der Raum war kleiner und enger, als er ihn in Erinnerung hatte. Und der Geruch des Holzes war nicht mehr frisch, sondern modrig.
Eigenartig, daß er das bisher nicht bemerkt hatte. Und wieso bemerkte er es jetzt? Er war doch nicht einmal drei Wochen weggewesen! Eine lächerlich kurze Zeit, gemessen daran, wie lange sie hier schon lebten, Herta und er. Damals, als sie hierher gezogen waren, aus der Stadt hinaus ins Grüne, war der Bub gerade sechs geworden.
Sie hatten es gut gefunden, daß er gleich hier draußen in die Schule kam. Und natürlich war es gut, daß er von nun an bessere Luft atmen würde. Über der städtischen Peripherie, an der sie bis dahin gewohnt hatten, hing stets ein Grauschleier. Hier in Grabern, so hieß die knapp fünfundzwanzig Kilometer von der Stadt entfernte Marktgemeinde, die einmal ein recht beliebtes Ausflugsziel gewesen war, aber das war damals auch schon eine Weile her, in Grabern war der Himmel immerhin blaßblau, und bei Nacht sah man erstaunlich viele Sterne.
Klar, anderswo glänzten die Sterne vielleicht noch schöner. Und bei Tag war das Blau des Himmels woanders gewiß etwas blauer als hier. Aber das war halt in Italien oder in Jugoslawien oder in Griechenland. Dort war eben Urlaub, hier war das tägliche Leben.
Doch nie, wenn sie vom Urlaub zurückgekommen waren, hatte Novak die Enge empfunden, die er jetzt empfand. Nicht einmal vor ein paar Jahren, nachdem sie Bernd drüben in Kanada besucht hatten. Klar, sie waren stolz gewesen, daß sich der Herr Sohn dort drüben in etwas anderen Dimensionen eingerichtet hatte. Aber noch Wochen nach ihrer Heimkehr hatten Herta und er einander versichert, wie froh sie seien, wieder in ihren vier Wänden zurück zu sein.
Diese Veranda: Wenn das Wetter gut war, hatten sie hier zu Abend gegessen, an schönen Sonntagen hatten sie hier gefrühstückt. Die Veranda ist gemütlich, hatten sie zueinander gesagt, die Veranda ist heimelig. Jetzt jedoch schien sie ihm befremdlich, merkwürdig, komisch, beinahe peinlich. Die vergilbten Spitzenvorhänge an den Fenstern, die Vasen mit den verstaubten Kunstblumen, vor allem die Wand mit den Fotos.
Herta und er, beide unwahrscheinlich, bis zur Unkenntlichkeit jung – hätte er nicht gewußt, daß sie das waren, daß sie das waren, er hätte es nicht für möglich gehalten. Nicht, daß sie wirklich gut aussahen, dazu waren sie zu gehemmt gewesen vor dem Fotografen, in dieser Hochzeitsmaskerade. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, Krawatte, dezent dekolletiertes Hochzeitskleid, natürlich auch weiß, blütenweiß, wie es sich gehörte. Beide schauten sie etwas puppenhaft aus der Wäsche. Trotzdem – was für ein schlankes Mädchen Herta damals gewesen war! Nicht wirklich schön, nein, das nicht, es hätte gewiß Schönere gegeben. Aber hübsch war sie gewesen, doch, auf die Art eben, wie damals die meisten jungen Mädchen hübsch waren. Und unglaublich schlank in diesem tailliert geschnittenen Hochzeitskleid.
Und er! Natürlich, auch er war nicht der Traummann gewesen. Dieses Milchgesicht mit dem Schnurrbart, der aussah wie aufgeklebt! Die Ärmel des Hochzeitsanzugs waren ihm übrigens zu lang, oder er hatte die Arme vor lauter Unsicherheit eingezogen. Männer, so hieß es, würden erst richtig attraktiv mit einer gewissen Reife, da war ja vielleicht etwas Wahres dran, aber letzten Endes, dachte Novak, ist nicht viel mehr dabei herausgekommen als eine gewisse Zerknitterung.
Es gab noch jede Menge andere Bilder. Schon fragwürdig, was man alles fotografiert. Herta und er in verschiedenen Stadien ihrer ehelichen Verformung. Herta und er und Bernd, der vorerst ein eher häßliches Baby gewesen war, dann ein mäßig liebes Kind und dann ein lang aufgeschossener Lümmel.
Absurd, skurril, was man alles festhalten will. Und doch wieder rührend, weil es sich eben nicht festhalten läßt. Nicht analog und nicht digital. So eine lächerliche, kleine Galerie! Fotos von Geburtstagen, Weihnachtsfesten, Ferien an verschiedenen Stränden, die einander alle zum Verwechseln ähnelten.
Was man halt für erinnernswert hält, aus einem Leben, das so dahinfließt. In einem regulierten Bett, sodaß es nur selten über die Ufer tritt. Bilder aus einem Leben, in das er nun wieder zurückkehren sollte, Franz Novak, fünfundfünfzig, nach achtzehn Tagen Spitalsaufenthalt, erleichtert um einige Gallensteine und geheilt von einer dadurch hervorgerufenen Vereiterung im Unterbauch.
Na, was ist? rief Herta, die inzwischen ins Wohnzimmer vorausgegangen war, willst du nicht herein kommen?
Und dann das: Auf dem Wohnzimmertisch, in der Kristallvase, die nur zu besonderen Anlässen verwendet wurde, erwartete ihn ein großer Strauß Margariten. Eine Sorte Blumen, die er wirklich gern hatte. Am Fuß der Vase aber lehnte eine großformatige Karte, auf der zwei nackte, etwas füllige Figürchen mit den Bäuchen einander zugewandt standen. …, war darauf in betont fröhlich geformten und gefärbten Buchstaben zu lesen, … .
Mein Gott, Herta! Zu was für einer Gefühlsäußerung hatte sie sich da aufgeschwungen! Novak war nicht nur gerührt, sondern auch beschämt. Auf ihre Weise war sie ja doch ein Schatz. Er umarmte sie und küßte sie, wie man sich unter älteren Eheleuten küßt.
In dieser Nacht lag Novak dann lange wach. Schon in der vergangenen Nacht, der letzten im Krankenhaus, hatte er wenig geschlafen. Bereits ohne die Kopfhörer, die er Manuela zuvor zurückgegeben hatte. Und ohne die Musik, an die er sich gewöhnt hatte wie an eine Droge.
Nun aber war er doch wieder daheim, wo er hingehörte. Nicht mehr im Krankenzimmer, das er mit einem fremden und unappetitlichen Menschen teilte, sondern im Schlafzimmer mit seiner Frau, die ihm seit dreißig Jahren vertraut war. Seiner Frau, die trotzdem noch zu Überraschungen fähig war. Vor dem Einschlafen eine Anwandlung von Zärtlichkeit, die er nicht ganz unerwidert hatte lassen können.
Er konnte sich gar nicht erinnern, wann sie das letzte Mal Sex miteinander gehabt hatten. Es war ihnen einfach schon lang nicht mehr eingefallen. Und nun war es Herta eingefallen, erstaunlich. Natürlich mußten sie vorsichtig sein, behutsam, die Narbe spannte noch, und der mit zwei großen Pflastern befestigte Verband sollte dranbleiben, aber es ließ sich bewerkstelligen.
Und dann waren sie eingeschlafen, er aber war nach kurzem wieder aufgewacht. Da lag er nun neben Herta und hörte sie. Nein, natürlich waren die Geräusche, die sie machte, nicht zu vergleichen mit denen, die Kratky gemacht hatte. Und trotzdem: Besonders wenn sie auf dem Rücken lag, schnarchte sie leise, und manchmal, wenn sie ihre Position veränderte, was sie, obgleich schlafend, mit einer gewissen Entschlossenheit tat, quietschten die Betteinsätze.
Natürlich kamen ihm da wieder die Kopfhörer in den Sinn. Und die Musik. Und die Träume, die sie in Gang setzte. Ja, es passierte sogar, daß er diese Musik, oder ihren Nachklang, hörte, in seinem kopfhörerlosen Kopf. Aber wenn ihm das, schon im Halbschlaf, im letzten Moment sozusagen, bewußt wurde, wachte er wieder auf, riß sich noch rasch aus dem Traum, denn das war nicht recht, empfand er, das durfte nicht sein, daß er, da neben Herta liegend, so etwas hörte, so etwas träumte – er mußte diese Träume verscheuchen, er mußte diese Musik aus seinem Kopf herausbringen, er mußte schleunigst in sein normales Leben zurückfinden.
Vielleicht wäre ihm das auch gelungen, wären die Bedingungen, die dieses normale Leben sonst ausmachten, gleich geblieben. Hätte er in den Alltag zurückkehren können, den er gewohnt war. Zuallererst in seinen beruflichen Alltag. Dieser berufliche Alltag war doch der Rahmen, der sein Leben bis dahin zusammengehalten hatte.
Das war ja eben das sogenannte Normale: Daß man das Privatleben meist nur in Abhängigkeit vom Berufsleben dachte, die Freizeit nur in Abhängigkeit von der Arbeitszeit. Ohne das wäre doch alles aus der Form geraten. Nichts als Privatleben, nichts als Freizeit – was sollte man damit anfangen?
Novak gehörte noch einer Generation an, in der man es für normal hielt, einen Beruf, den man,...




