Henisch Siebeneinhalb Leben
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-552-06388-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-552-06388-4
Verlag: Zsolnay, Paul
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Henisch wurde 1943 in Wien geboren, er studierte Germanistik, Philosophie, Geschichte und Psychologie. Er ist Mitbegründer der Zeitschrift Wespennest, seit 1971 arbeitet er als freier Schriftsteller und lebt in Wien. Werke u.a.: Die kleine Figur meines Vaters (1975), Pepi Prohaska Prophet (1986), Steins Paranoia (1988), Morrisons Versteck (1991), Vom Wunsch, Indianer zu werden (1994), Schwarzer Peter (2000). Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, mit seinen Romanen Die schwangere Madonna (2005) und Eine sehr kleine Frau (Deuticke, 2007) war er auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis. 2009 ist Der verirrte Messias im Deuticke Verlag erschienen, 2013 sein Roman Mortimer & Miss Molly, 2016 Suchbild mit Katze, das auf der Shortlist zum Österreichischen Buchpreis stand, und Siebeneinhalb Leben (2018).
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Dieser Sommer, der nicht enden wollte … Es war schon Ende September, aber die Tage waren noch immer heiß und die Nächte lau. Das war schön, aber man hatte das Gefühl, dass es nicht so bleiben konnte. Man musste es also nutzen, solang es noch ging.
Dabei der Verdacht, dass einem da etwas geschenkt wurde, das man gar nicht verdiente. Und dass es dann, wenn sich das Wetter eines Tages doch noch wendete, lang dauern mochte, bis es wieder so schön wurde. Falls es je wieder so schön wurde, worauf man sich nicht so ohne weiteres verlassen konnte. Ich war gewiss nicht der Einzige, der das empfand.
Im Türkenschanzpark lagen jüngere Menschen leicht bis fast gar nicht bekleidet auf den nach wie vor erstaunlich grünen Wiesen. Ältere saßen auf Bänken und genossen das warme Rot unter den geschlossenen Lidern. Oder sahen den Enten zu, die auf dem Teich bei der Meierei hin und her schwammen, und den Kindern, die diese Enten mit Semmelbröckchen fütterten. Joggerinnen und Jogger drehten ihre Runden, Hunde aller Formate wurden spazieren geführt, in den Bäumen, deren Blätter noch kaum gelb waren, zwitscherten die Vögel.
Beinahe idyllisch, notierte ich – na und? Nur die Rudel von Jugendlichen, die, in für die Halswirbelsäule schädlicher Haltung, mit ihren I-Phones in der Hand virtuelle Ungeheuer jagten, fand ich ein bisschen störend. Pokémon Go hieß das Spiel, das seit Anfang des Sommers angesagt war, ein Spiel, bei dem die Kids, wie wohlwollende Kommentatoren schrieben, immerhin Bewegung an der frischen Luft machten. Außerdem hörte man ab und zu das Folgetonhorn eines Einsatzfahrzeugs, aber das war draußen, in der Hasenauerstraße, der Gersthofer Straße oder gar in der Peter-Jordan-Straße, also weit genug entfernt.
Ich hatte eine Bank entdeckt, die ein wenig im Gebüsch versteckt lag. Wenn die Blätter der Sträucher fielen, in denen sogar noch späte Blüten standen, würde es mit dieser Verborgenheit vorbei sein. Vorläufig fand allerdings nur selten jemand anderer hierher, und wenn doch, so handelte es sich meist um dezente Personen. Wortkarge oder schüchterne Menschen, die allenfalls leise grüßten, bevor sie sich ans andere Ende der Bank setzten und sich dann in ihre Zeitungen oder sogar Bücher vertieften (tatsächlich, diese Minderheit gab es noch) oder einfach aufs Wasser hinausschauten.
Doch dann, eines Nachmittags, saß ein Mann am anderen Ende der Bank, der sich anders verhielt. Er nahm nicht viel Platz ein, er hatte schmale Schultern. Vielleicht lag dieser Eindruck allerdings auch an der Haltung, in der er vorerst verharrte – die Arme vor der Brust gekreuzt, die linke Hand am rechten und die rechte Hand am linken Oberarm. Als ob ihm kalt wäre. Trotz der nach wie vor fast sommerlichen Temperatur.
Das war es, was mir zuallererst an ihm auffiel. Aber ich wollte ihn gar nicht weiter beachten. Ich schrieb in mein Notizheft. Ich würde mich nicht ablenken lassen. Gerade jetzt, da ich das Gefühl hatte, dass ich mit dem Text, mit dem ich letzthin nur mühsam vorangekommen war, endlich in Fahrt kam.
Im wahrsten Sinne des Wortes. In diesem Text saß ich auf meinem Rad. Das heißt, zuerst, auf den letzten Metern vor der Passhöhe, stand ich noch in den Pedalen. Doch schon im nächsten Satz hatte ich die Steigung überwunden – jetzt! –, die Anspannung in den Waden, aber auch in den Armen und im Rücken löste sich. Und schon sauste ich bergab, bergab, und in diesem Satz versuchte ich den Fahrtwind einzufangen, den ich damals, mit sechzehn oder siebzehn, gespürt hatte, diesen Wind, der mir den Schweiß von der Stirn wegblies und mir durchs Haar fuhr.
Weiter so, weiter so! Von dem schmalen Mann, der sich neben mich gesetzt hatte, durfte ich mich nicht irritieren lassen. Allerdings war das leichter gedacht als getan. Ich versuchte ihn zu ignorieren, aber ich fühlte mich von ihm beobachtet. Oder genauer: Ich hatte den Eindruck, dass dieser Mensch, der vom Rand der Bank näher an mich heranrückte, nicht so sehr mich beobachtete als vielmehr den Bleistift, mit dem ich schrieb.
Den Bleistift, den ich gerade vorher gespitzt hatte. Es war mir wichtig, mit gut gespitzten Bleistiften zu schreiben. Trotzdem war es unwahrscheinlich, dass der distanzlose Mensch neben mir meine Handschrift wirklich lesen konnte. Aber das Gefühl, dass sein Blick jeder der kleinen Bewegungen folgte, die meine durch Impulse aus dem Gehirn gesteuerte Hand auf den Bleistift übertrug – dieses Gefühl war dennoch störend.
So gut mir die letzten paar Sätze von der Hand gegangen waren – jetzt kamen sie ins Stocken. Schon wollte ich aufstehen und gehen. Da sprach mich der Mann an. Sie sind doch, sagte er, der Herr – Spielmann, nicht wahr? Ich war nicht geistesgegenwärtig genug, um mich zu verleugnen.
Der Autor …, sagte der Mann
Ja, gab ich zu. Ich bin Schriftsteller.
Der Autor des Buchs mit dem Titel Steins Paranoia?
Ich habe mehrere Bücher geschrieben, sagte ich. Und war schon im Begriff, aufzustehen. An dieses Buch wurde ich ungern erinnert.
Warten Sie, sagte er, hören Sie zu, dieses Buch … Das ist ein Buch, das mich ganz besonders … Persönlich … Wie soll ich sagen? … Spezifisch? … Genau: spezifisch … Berührt hat … Höchst ambivalent berührt allerdings, muss ich sagen.
Abrupt erhob sich auch er und schnitt mir dadurch den schmalen Weg ab.
Mein Name, sagte er, ist nämlich Stein.
Er war zwar ein schmaler Mann, aber ich konnte trotzdem nicht an ihm vorbei.
Max Stein, sagte er. Sein Gesicht kam dem meinen dabei zu nah.
Max Stein. Das war der Name des Protagonisten jenes Buchs. Steins Paranoia. Erschienen vor dreißig Jahren – oder waren es schon mehr?
Dieses Buch, das Sie da über mich geschrieben haben …, sagte der Mann. Sie können sich wahrscheinlich denken, dass ich damit nicht voll und ganz einverstanden war.
Ich machte eine Ausweichbewegung, die er spiegelverkehrt erwiderte. Dabei wären wir beinahe beide gestrauchelt. Ein paar Enten flatterten aus dem Schilf auf. Sie werden mir doch nicht einfach davonrennen, sagte er, setzen wir uns wieder.
Also gut, seufzte ich. Was wollen Sie von mir?
Dass Sie mir zuhören, sagte er. Das ist doch nicht zu viel verlangt – oder? Ich habe ja schon damals, im Jahr 1988, Kontakt zu Ihnen aufnehmen wollen. Aber nach meiner Entlassung aus der Klinik war ich noch längere Zeit in einem Zustand, in dem es mir schwergefallen ist, Dinge, die ich mir vorgenommen hatte, auch wirklich zu tun.
Mit den Pillen, die ich weiterhin nehmen sollte, bin ich immer erst gegen Mittag halbwegs hell gewesen. Und bevor ich auch nur das Telefonbuch aufgeschlagen oder die Auskunft angerufen hatte, war es schon wieder dunkel. Dort auf der Psychiatrie haben die Ärzte bei mir übrigens eine bipolare Störung konstatiert, keine Paranoia. Bereits der Titel Ihres Buchs ist also eine Ungenauigkeit – Sie hätten sorgfältiger recherchieren sollen.
Hören Sie …, sagte ich – aber er schnitt mir das Wort ab, wie er mir zuvor den Weg abgeschnitten hatte.
Natürlich ist nicht alles falsch, was Sie über mich geschrieben haben, sagte er. Nein, keineswegs. Für manche Passagen gilt geradezu das Gegenteil. Sie haben ja, wenn ich das sagen darf, eine erstaunliche Einfühlungsgabe.
Er griff in die Brusttasche seiner Jacke und nahm ein Zigarettenetui heraus. Rauchen Sie?, fragte er. Nein, sagte ich, das soll ich nicht mehr.
Eine erstaunliche Einfühlungsgabe, wiederholte er und zündete sich eine Zigarette an. Ist es die Möglichkeit?, habe ich gedacht. In manchen Passagen Ihres Buchs hab ich mich erblickt wie in einem Spiegel.
Bereits in den Abschnitten, in denen Sie die Geschichte meiner Krise in der dritten Person erzählen. Aber erst recht in denen, in denen Sie aus der Ich-Perspektive schreiben. Wie macht er das, dieser Autor, habe ich mich gefragt, gleich damals, als ich Ihr Buch zum ersten Mal gelesen habe. Aber darf er denn das überhaupt? Ist dieses Sich-Versetzen in das Innenleben eines Menschen, eines Menschen in der Krise wohlgemerkt, eines Menschen, der nicht gefragt wurde, ob ihm das recht ist, nicht eigentlich eine Distanzlosigkeit, eine Missachtung der Intimsphäre, etwas wie Hausfriedensbruch im Seelenbereich?
Hören Sie, sagte ich, das ist ein Missverständnis … Ich habe damals nicht Ihre Geschichte geschrieben – ich kenne Ihre Geschichte gar nicht …
Sie lügen, sagte er und blies mir Rauch ins Gesicht. Vielleicht tat er es auch nicht absichtlich, vielleicht lag es am Abendwind, der jetzt aufkam.
Denn eben versank die Sonne hinter den Bäumen am anderen Teichufer. Und wie jeden Abend erhoben sich die Krähen mit rauem Geschrei aus den Wipfeln. Gleich würden sie anfangen, ihre Runden über dem Park zu drehen. Jeden Abend drehten sie diese paar Runden, bevor sie abflogen.
Ich muss jetzt gehen, sagte ich.
Nein, bleiben Sie, sagte er. Überraschend sanft berührte seine Hand meinen Unterarm. Sie müssen nicht gleich beleidigt sein – wenn Sie nicht bewusst lügen, so lügen Sie halt unbewusst. Alle Dichter lügen, das ist eine alte Wahrheit, und wir wollen jetzt keinen Unterschied zwischen Dichtern und Schriftstellern machen.
Außerdem haben Sie doch auch Gedichte geschrieben, nicht wahr? Da war doch so ein Band mit einem roten Umschlag, stimmt’s? Poesie der Peripherie oder so ähnlich. Ja, sehen Sie: Ich war schon früh ein Fan von Ihnen.
Und damals, als ich Ihr Buch über mich gelesen und wieder gelesen habe … Das ging ja recht schnell, es ist ja nicht allzu dick … Also da war ich nicht nur...




