E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Henke Du bist die Sünde
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-23909-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erotischer Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-641-23909-1
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die attraktive Lola hat hart für den Erfolg ihres Erotikgeschäfts „Toyland“ gearbeitet. Als ihr Vermieter stirbt, will sein attraktiver Erbe Alessandro ihren Mietvertrag kündigen und das Gebäude profitabel verkaufen. Allerdings prickelt es vom ersten Moment an zwischen ihnen, und da Lola eine magische Wirkung auf Allessandro hat, macht er ihr einen unmoralischen Vorschlag: Er wird mit der Kündigung warten, wenn sie sich auf ein erotisches Abenteuer einlässt. Er ist unglaublich sexy, und Lola willigt ein ….
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1
Mai
»Sünde« hatte jemand mit signalroter Farbe auf das Schaufenster gesprayt. Auf der gläsernen Eingangstür prangte anklagend das Wort »Hure«.
»Dabei prostituiere ich mich doch gar nicht«, murmelte Lola verstimmt und schüttelte ihre blonden Dreadlocks, die von einem regenbogenfarbenen Tuch im Nacken zusammengehalten wurden.
Wasser lief von ihrer Hand auf ihren Arm hinab, drang unter ihr türkisfarbenes Batikkleid, unter dem sie einen meerblauen Spitzenbody trug, und kitzelte sie in der Achselhöhle. Sie wischte die Tropfen mit dem weiten fließenden Stoff ab.
Kopfschüttelnd tauchte sie die Bürste in den Eimer mit der Wasserlauge und fuhr fort, die Farbe abzuschrubben. »Und Sex ist keine Sünde, sondern ein Zeichen von Liebe oder Leidenschaft oder bestenfalls beidem. Ein One-Night-Stand mag ja belanglos sein, bedeutet aber pure Lebenslust. Derjenige, der das an das Schaufenster meines Ladens gesprayt hat, vögelt wohl nur, um Kinder zu zeugen, und macht das Licht aus, bevor er sich auszieht.«
Verärgert schnaubte sie. Sie verbot sich, weiter Selbstgespräche zu führen, sonst hielt man sie am Ende noch für verrückt und hatte endlich ein Argument, um die Stadt Birdsville davon zu überzeugen, das Toyland zu schließen.
Von Anfang an hatte es Proteste gegen Lolas Erotiklädchen gegeben, dabei war es stilvoll und gemütlich eingerichtet wie ein plüschiges Wohnzimmer, mit einem roten Samtsofa neben der Umkleidekabine und Kiefernholzregalen, auf denen die Schamlippenspreizer, Penisringe und anderen Sexspielzeuge ansprechend ausgestellt wurden. An den Wänden hingen ordentlich aufgereiht die Schlaginstrumente neben einem Garderobenständer voller verführerischer Dessous und Rollenspieloutfits. In der Ecke luden zwei Cocktailsessel dazu ein, einen Blick in die Bücher der kleinen, aber frivolen Sammlung dahinter zu werfen.
Von außen konnte man nicht in das Geschäft hineinschauen, denn indische Mandala-Tücher versperrten die Sicht, und ebendieses geheimnisvolle Ambiente machte gleichzeitig neugierig auf das, was sich dahinter verbarg. Kunstvoll verzierte venezianische Masken hingen in der Auslage. In einer Vitrine lagen Handgelenkriemen aus dunkelbraunem Wildleder mit zwei Schnallen, die man auch für medizinische Manschetten hätte halten können, wären sie nicht mit einer Metallkette verbunden.
Die Dekoration ist viel dezenter, als ich es gerne hätte, dachte Lola und wischte die Scheibe mit einem Tuch trocken. Schweißtropfen perlten ihren Rücken hinab. Es war zwar erst vormittags, aber die Wetter-App sagte dreiundzwanzig Grad vorher, recht warm für Anfang Mai, außerdem geriet bei dem Ärger über den Vandalismus ihr Blut in Wallung.
Es gab sogar einen Tag in der Woche, an dem nur Frauen, und einen, an dem bloß Männer Zutritt zu Lolas Reich hatten. Dieses Angebot galt Personen, die sich schämten, sich gemeinsam mit dem anderen Geschlecht die Toys näher anzusehen.
Mit verkniffener Miene ging Lola zur Tür und bürstete die verleumderische Schrift ab. Dabei übte sie nicht zu viel Druck aus, um das Glas nicht zu beschädigen, wodurch die Schinderei noch länger dauerte. Versehentlich spritzte Wasser auf ihre gelb lackierten Fußnägel und die mit türkisen Schmucksteinen verzierten Riemchensandalen.
Sie ärgerte sich, weil sie schon wieder das Schaufenster putzen musste. Erst hatte jemand Eier dagegengeworfen, an einem anderen Tag waren es reife Tomaten gewesen. Am härtesten hatten sie die Exkremente getroffen, die man ihr auf die zwei Stufen, die ins Toyland führten, geschmiert hatte.
Trotz allem oder gerade wegen der Anfeindungen, Diffamien und Demütigungen hielt ihr die Stammklientel die Treue. Kunden, die ebenso sexuell offen und tolerant waren wie Lola. Das wusste sie sehr zu schätzen und war dafür unglaublich dankbar.
Lola versuchte, sich ihre Wut nicht anmerken zu lassen, denn unter Umständen wurde sie beobachtet, entweder vom Täter selbst oder von demjenigen, der ihn dazu angestachelt hatte.
Verstohlen schaute sie über die Schulter. Sie spähte zur anderen Straßenseite, nicht direkt zu dem Gebäude gegenüber, sondern zu dem dreistöckigen Mietshaus zwei Eingänge links daneben. Sie sah Ezekiel Goodman zwar nicht, war sich aber sicher, dass er an diesem Samstagmorgen hinter der chlorweißen Häkelgardine stand und mit dem Fernglas jede ihrer Bewegungen verfolgte. Das Toyland zu überwachen war eins seiner Hobbys, ebenso wie jeden Autofahrer zu fotografieren, der zu schnell über die Hauptstraße von Birdsville fuhr oder der falsch parkte, und die Verkehrssünder der Polizei zu melden.
Tagsüber arbeitete er in der Kommunalverwaltung, wie Lola herausgefunden hatte. In seiner Freizeit engagierte er sich für den Verein zur Verhinderung des moralischen Verfalls, den er selbst ins Leben gerufen hatte. Die Mitglieder trafen sich wöchentlich in der Teestube der Kirche zwei Blocks weiter. Die Gruppe bestand wohl nur aus wenigen Mitgliedern, aber diese sorgten für ganz schön viel Wirbel in der Kleinstadt.
Als der anfänglich noch offene Protest gegen ihr Geschäft mit Plakataktionen auf dem Bürgersteig und Leserbriefen in der Lokalzeitung kurz nach der Eröffnung ihres Ladens angefangen hatte, war Lola einmal zu einem Treffen hingegangen, um das Gespräch zu suchen und die versammelte Mannschaft über ihr Geschäftskonzept aufzuklären. Sie war auf verkniffene Münder, ablehnende Blicke und taube Ohren gestoßen. Man hatte ihr weder zuhören noch mit ihr reden wollen.
Lola war in Birdsville geblieben und hatte sich durchgebissen. Der Widerstand gegen ihren Sextoyshop am Ende der Hauptstraße war nach einer Weile verstummt, doch seit Monaten hatte sie unter Vandalismus zu leiden, und sie ahnte, wer den initiiert hatte.
Bestimmt machte sich Goodman nicht selbst die Hände schmutzig, aber er impfte eine neue Generation mit seiner Verachtung. Neulich hatte ein Junge von vielleicht acht Jahren gegen ihr Auto gespuckt und war danach in das Gebäude, in dem Lolas Erzfeind wohnte, eingetreten.
Die Türglocke des Nachbarladens klingelte. Jimmy trat aus dem Wein- und Spirituosengeschäft, kam zu ihr und lehnte sich genau dort gegen die Hauswand, wo sich das Toyland an das Devine Drink schmiegte. Er schenkte Lola ein mitfühlendes Lächeln. »Schon wieder?«
Lola rümpfte die Nase und schrubbte den letzten Rest Farbe ab. »Die haben einen langen Atem, aber ich habe einen längeren, das werde ich allen beweisen.«
»Soll ich dir helfen, das Geschmier zu entfernen?« Die Sonne ließ sein rotes Haar leuchten und betonte seine Sommersprossen.
»Lieb von dir«, sagte sie und schüttelte den Kopf, »aber ich bin schon fast fertig.«
»Du solltest endlich Anzeige erstatten.«
»Gegen unbekannt? Du weißt doch, wohin das führen würde.« Energisch wischte sie die Scheibe trocken, sah, dass noch ein paar Kleckse Farbe daran klebten, und arbeitete mit der Bürste nach. »Zu nichts. Außerdem regele ich die Dinge lieber selbst.«
»Das hast du versucht, und es hat nicht geklappt.«
»Irgendwann werden sie aufhören, mein Geschäft anzugreifen.«
»Bist du sicher? Das dauert jetzt schon so lange an.«
Lola verspürte einen Stich in der Magengrube und schwieg.
»Hier.« Jimmy hielt ihr fünf schwarz-weiß melierte Schokoladenkugeln hin, die in mit goldenen Kronen verzierter Plastikfolie eingepackt waren. »Vielleicht bauen die dich wieder auf. Whiskytrüffel, haben wir neu reinbekommen.«
Als Lola den Betrag, der auf dem schreiend pinkfarbenen Preisschild stand, sah, riss sie die Augen auf. »Die kann ich unmöglich annehmen.«
»Geschenkt ist geschenkt.« Unnachgiebig drückte er ihr die Packung in die vom Putzen feuchte Hand.
»Wirst du keinen Ärger von deinem Chef bekommen?« Oder wollte er die Pralinen etwa aus der eigenen Tasche bezahlen? Denn dass er Lola mochte, wusste sie. Nur wie sehr, dessen war sie sich noch nicht sicher.
Verträumt betrachtete er den Spaghettiträger ihres Bodys, der hervorguckte. »Ich werde sie einfach als Probierpackung für die Kunden verbuchen. Wir öffnen schon mal Ware, wie zum Beispiel mit Alkohol gefüllte Schokolade, und legen sie neben die Kasse. Wenn die Leute kosten dürfen, kaufen sie eher.«
Erleichtert, dass sich keine Anmache hinter dem Präsent verbarg, steckte sie die Pralinen ein. Dennoch zog sie vorsorglich den breiten Träger ihres Batikkleids hoch, damit ihre Unterwäsche nicht mehr zu sehen war. »Danke.«
»Dafür sind Freunde doch da.« Kurz drückte er sie an sich.
»Du bist aber nicht der Meinung, dass ich das Toyland besser schließen sollte, oder?« Bevor dieser vermeintliche Verein brutalere Methoden anwendet, um mich aus Birdsville zu vertreiben.
»Gott bewahre, nein!« Sachte drückte er ihre Oberarme. »Ich finde nur, dass du zu nett und sehr – lass es mich mal so ausdrücken – leidensfähig bist. Ich an deiner Stelle hätte Goodman längst mal einen Besuch abgestattet und wäre ausgerastet.«
»Das würde mir bloß noch mehr Ärger und vermutlich eine Anzeige einbringen. Aber leidensfähig?« Lola lachte. »Ich kämpfe eben auf meine Art und Weise gegen diese Moralapostel, nämlich indem ich durchhalte und mich nicht einschüchtern lasse. Schließlich war es schon immer mein großer Traum gewesen, ein eigenes Erotiklädchen zu führen, eins das geschmackvoll und einladend ist.«
Lange hatte sie nach einem Ladenlokal dafür gesucht, hatte jedoch nur Absagen kassiert, sobald sie verriet, welche Art von...




