E-Book, Deutsch, 449 Seiten
Henke Jenseits aller Tabus
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95885-027-9
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Erotischer Roman
E-Book, Deutsch, 449 Seiten
ISBN: 978-3-95885-027-9
Verlag: venusbooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Sandra Henke, geboren 1973, gehört zu den Autorinnen, die sich nicht auf ein Genre beschränken, sondern ihre Leserinnen auf die unterschiedlichste Art begeistern - mit großen Liebesgeschichten, mit »Paranormal Romance« und erotischer Literatur. Unter dem Namen Laura Wulff veröffentlicht Sandra Henke außerdem erfolgreich Thriller. Sie lebt, glücklich verheiratet, in der Nähe von Köln. Mehr Informationen finden sich auf den Websites der Autorin (www.sandrahenke.de), auf Facebook (https://www.facebook.com/sandra.henke.autorin) und auf Instagram (www.instagram.com/sandra.henke.liebesromane). Bei venusbooks veröffentlichte Sandra Henke die Hot-Romance-Trilogie »London Lovers - Geheime Verführung«, »London Lovers - Gefährliche Küsse« und »London Lovers - Verbotene Gefühle«, sowie die Romane »Jenseits aller Tabus«, »Flammenzungen«, »Die Maske des Meisters«, »Opfer der Lust«, »Loge der Lust«, »Lotosblüte« und »Vampire's Kiss - Gebieter der Dunkelheit«, der auch im Sammelband »Shadow Kiss« erhältlich ist. Gemeinsam mit Kerstin Dirks verfasste Sandra Henke außerdem die erotische Trilogie über die Vampirloge Condannato, die ebenfalls bei venusbooks erschienen ist: »Die Condannato-Trilogie - Erster Band: Begierde des Blutes«, »Die Condannato-Trilogie - Zweiter Band: Zähmung des Blutes« und »Die Condannato-Trilogie - Dritter Band: Rebellion des Blutes«
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PROLOG
1
Juni, Mexiko
Acapulco de Juárez war sexy, fand Lucille Blunt und ließ ihren Blick über den Strand schweifen, während sie ein weiteres Cocktailglas mit einem Trockentuch polierte. Blinzelnd beobachtete sie eine Latina, die sich auf ein Sommerbett, eine komfortable Loungeliege mit Baldachin, setzte, sich hinter ihrem Rücken abstützte und ihr Gesicht in die Sonne hielt. Unweigerlich musste Lucille an ihr Bett daheim in Boston denken – eine Matratze auf dem Fußboden.
Sie betrachtete die Bartheke als Grenzlinie. Aus einer Laune heraus stellte sie das Glas ins Regal und legte das Tuch weg. Schmunzelnd trat sie an den Durchgang.
Auf dieser Seite des Tresens gibt es nur Arbeit, dachte sie und machte einen Schritt nach vorn zu den Barhockern, und auf dieser beginnt der Spaß.
Zumindest für die Urlauber. Sie selbst kam nur dahinter hervor, um Gläser von den Tischen neben den Wellnessliegen abzuräumen. Die Strandbar, in der Lucille den Sommer über jobbte, befand sich in unmittelbarer Nähe der Luxushotels, die neu im Süden Acapulcos gebaut worden waren. Die Bezeichnung Acapulco diamante beschrieb nicht nur das Viertel, sondern auch deren Gäste treffend. Tag und Nacht floss der Champagner in Strömen, und Lucille musste aufpassen, nicht allein vom Zuschauen betrunken zu werden. Es wäre ihr im Traum nicht eingefallen, bei dreißig Grad Alkohol zu trinken. Aber was wusste sie schon von Genuss? Für sie stellte jedes Sandwich, das sie sich von ihrem kargen Lohn leistete, eine Schlemmerei dar.
Neid und Frust regten sich in ihr, doch sie kämpfte die giftigen Gefühle nieder, indem sie sich einredete, dass es okay war. Immerhin lebte sie das Leben, das sie leben wollte. Sie war unabhängig und »erfolgreich« – wenn auch nicht im Sinne von »vermögend« wie die Gäste, die für eine Übernachtung in den hiesigen Hotels mehr zahlten, als Lucille monatlich in Kassandras Kitchen in Boston verdiente. Aber man konnte es wahrlich als erfolgreich bezeichnen, wenn man sein Studium abschloss, obwohl man genauso viele Stunden als Kellnerin in einer Bar verbracht hatte wie im Hörsaal!
Als sich ein Mann neben die Latina setzte, verzerrten sich deren Botoxlippen zu einem lasziven Lächeln, das Lucille unweigerlich an den Joker aus Batman denken ließ. Die rassige Schönheit würde ihren nächsten Champagner bestimmt nicht selbst bezahlen. Lucille dagegen war auf niemanden angewiesen, niemandem etwas schuldig und kroch niemandem ins Mokkastübchen.
Grinsend lehnte sie sich gegen die Theke. Mokkastube, diesen Begriff hatte ihr Alfie beigebracht. Sie vermisste den bärtigen Riesen, der mit seinen tellergroßen Händen die besten Kuchen in ganz Boston buk. Er war zu ihrer Ersatzfamilie geworden, seitdem sie alle Brücken hinter sich abgerissen hatte. Unwillkürlich zog sie ihren Rocksaum nach unten, da Erinnerungen in ihr Gestalt annahmen wie schwarzer Nebel, der sich zu einer scheußlichen Fratze verdichtete.
»Darf ich Sie etwas fragen?«
Lucille schreckte aus ihren Gedanken hoch und drehte sich rasch zu dem Mann um, der sich gerade auf einem der Barhocker niederließ. Hatte er etwas gesehen? Als er auf ihre Beine zeigte, setzte ihr Herz einen Schlag aus.
»Wieso tragen Sie einen Rock?«, fragte er mit einem auffälligen Vibrato, das seine Stimme einzigartig machte. Er schaute einer Kellnerin nach, die sich mit einem Tablett an Lucille vorbeidrängte und zu den Loungeliegen ging. »Die Hintern der anderen Angestellten dieser Bar stecken in Hotpants.«
Was sollte sie darauf antworten? Fieberhaft suchte sie nach einer Ausrede, aber es wollte ihr keine einfallen. Religiöse Gründe? Für dieses Argument war der Rock vermutlich nicht lang genug, er bedeckte nicht einmal ihre Knie. Sie wollte auch nicht als verklemmt gelten, indem sie log, dass die Hosen, die kaum die Pohälften der Servicekräfte bedeckten, ihr zu sexy waren. Der Fremde würde sich bestimmt die verrücktesten Vorstellungen machen, wenn sie die Wahrheit sagte, nämlich dass sie etwas verdecken musste. »Private Gründe.«
»Verzeihung, ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.« Entschuldigend lächelte der Fremde und studierte die Cocktailkarte.
Das gab Lucille, die hinter den Tresen trat, als würde sie Schutz suchen, die Möglichkeit, ihn zu mustern. Obwohl sie ihn um die fünfzig schätzte, leuchteten seine kurzen Haare schlohweiß, als wären sie durch einen krankhaften Pigmentverlust ausgebleicht. Ein Albino schien er jedenfalls nicht zu sein, denn seine Augen waren von einem trüben Grau und sein Teint so braun, dass er entweder schon seit einem halben Jahr in Acapulco weilte oder sich am Morgen eine frische Bräunungsdusche gegönnt hatte. Durch sein schwarzes Hemd, das in der Meeresbrise flatterte, konnte Lucille ein kleines, festes Bäuchlein und seine Brustwarzen sehen – und wandte sich ab. Sie hatte mehr gesehen, als ihr lieb war.
»Einen Sex on the beach, bitte.« Nachdem er die Cocktailkarte weggelegt hatte, haftete sein Blick auf ihr. »Mein Name ist Jack Caruso.«
»Lucille.« Sie zeigte auf ihr Namensschild und maß Wodka, Pfirsichlikör, Cranberry- und Orangensaft ab und gab die Flüssigkeit samt einiger Eiswürfel in einen Shaker. Dieser Kerl machte sie nervös. Noch flirtete er auf eine zurückhaltende Art und Weise mit ihr, aber sie kannte diese Sorte Männer – sie waren begütert und überheblich und verspeisten Kellnerinnen zum Frühstück. Aber nicht mit ihr!
Lucille hielt den Shaker mit beiden Händen und schüttelte die Zutaten. Jack Caruso, dieser Name passte so gar nicht zu seinem Erscheinungsbild, er klang nach einem Disney-Film, nach Robinson Crusoe oder Die Schatzinsel, nach einem Künstlernamen für jemanden, der sich mit der Aura von Abenteuer und Gefahr schmücken wollte.
Sie goss die Flüssigkeit aus dem Shaker hinzu. Dann steckte sie einen dieser neuen Trinkhalme in das Glas, einen sogenannten Sensory Straw, der am oberen Ende anstatt einer großen Trinköffnung vier kleinere Löcher hatte, damit sich die Flüssigkeit gleichmäßig im Mund verteilte.
Nur das Beste für die Gäste, dachte Lucille spöttisch und stellte den Sex on the beach vor Jack Caruso auf einen Untersetzer.
»Danke. Ich mag übrigens Ihr Tattoo«, bemerkte er beiläufig, während er versonnen lächelnd mit dem Strohhalm in seinem Cocktail rührte, ohne sie aus den Augen zu lassen.
Instinktiv legte Lucille eine Hand auf ihren Bauch. Wie hatte er es sehen können?
Als hätte er ihre Gedanken erraten, erklärte er: »Es schaut manchmal heraus, je nachdem, wie Sie sich bewegen. Dann klafft diese hübsche himmelblaue Bluse vorn ein bisschen auf – nicht viel, machen Sie sich keine Sorgen –, sondern gerade so weit, dass die Scheren des Skorpions herauslugen. Es ist doch einer, habe ich recht?«
Zögerlich nickte sie, denn sie gab nicht gern Dinge von sich preis. Eine Ahnung beschlich sie. Caruso hatte absichtlich die harten Barhocker den weichen Liegen vorgezogen – er hatte ein Opfer auserkoren und war nun auf der Pirsch.
»Würden Sie es mir zeigen? Ich habe nämlich auch un escorpión. »
Lucille wollte seine Tätowierung auf keinen Fall sehen. »Lieber nicht, meine Chefin fände das gar nicht gut.«
Um seinem Blick zu entgehen, schaute sie so angestrengt zum Strand hinüber, als würde Gerard Butler, leicht bekleidet wie ein Spartaner, am Ufer entlangspazieren – halb nackt, durchtrainiert und zu allem bereit.
Ihr fiel eine Gruppe von fünf Kindern auf, die miteinander eine Sandburg bauten. Lucille schätzte sie auf fünf bis acht Jahre. Aber sie hörte kein Lachen oder Schreien. Die Hautevolee wurde niemals laut, nicht einmal die Kinder. Lucille fand es traurig, dass bereits die Kleinen das Korsett der High Society trugen. Sah so eine glückliche Kindheit aus?
Was wusste sie schon davon! Man soll nicht mit Steinen werfen, wenn man im Glashaus sitzt, unkte sie in Gedanken und biss sich auf die Unterlippe, bis es wehtat.
»Darf ich Sie denn wenigstens auf einen Drink einladen?« Caruso trank einen Schluck und leckte sich über die Unterlippe.
Plötzlich legte ein Mann den Arm um die Schulter des Weißhaarigen. »Aber Jack«, mit zusammengekniffenen Augen sah er auf ihr Namensschild, »Lucille ist doch keine Animierdame, sondern im wahren Leben, abseits des Acapulco diamante … lassen Sie mich raten.«
»Danke, Richard.« Freundschaftlich knuffte Caruso den Neuankömmling in die Seite. »Durch dich sind meine Chancen gerade auf null geschmolzen. Konnte dein Termin mit unseren Geschäftspartnern nicht etwas länger dauern?«
Obwohl es schon vier Uhr nachmittags war, ging für Lucille erst jetzt die Sonne auf. Was für eine Sahneschnitte!
Das erste Mal war Lucille ernsthaft betrübt darüber, keine von den Schmocks zu sein, wie ihre jüdische Kollegin Judith – die nicht etwa aus der Judenhochburg New York County stammte, sondern, zu Lucilles Überraschung, aus dem »Mekka der Country Music« Nashville – die versnobten Gäste nannte.
Trotz der Hitze...




