E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Henn Henkerstropfen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86358-830-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kulinarische Kurzkrimis
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-86358-830-4
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Carsten Sebastian Henn, geboren 1973 in Köln, lebt in Hürth. Er studierte Völkerkunde, Soziologie und Geographie und arbeitet als Autor und Weinjournalist für verschiedene nationale und internationale Fachmagazine.
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Il Branzino Siciliano
Don Bruschetto, genannt Schäng, steckte die Finger tief in die Kiemen des leblosen Fisches. Der Wolfsbarsch befand sich in der Kühlbox des alten tschechischen Händlers, der kein Wort mehr herausbrachte. Er stand nur da und nahm langsam die Farbe des Fischbauchs an. Kalkweiß. Don Bruschettos Finger erschienen wieder, ein milchiger Schleim an den Spitzen. »Verklebt«, spuckte der kleine Sizilianer mit starkem Akzent aus. Da der Don fast nur aus Bauch bestand und sich stets in Schwarz kleidete, erinnerte er stark an eine Bowlingkugel. Sein Zeigefinger bohrte sich in ein mattes Auge des Barsches. »Eingesunken und trüb.« Er hob den Fisch hoch und sah sich die Schuppen an. »Stumpf. Und er stinkt nach Fisch!«
Don Bruschetto war eigentlich ein ausgeglichener Mensch. Seine Position im Kölner Zweig der Cosa Nostra war unbestritten. Er hatte wichtige Dienste getan, aber war zu unwichtig gewesen, um Neid heraufzubeschwören. Und nun war er im Ruhestand. Das hatte ihn, sagte seine geliebte Frau Maria, zu einer Sanftheit geführt, die ihm früher immer gefehlt hatte.
Don Bruschetto schlug dem tschechischen Händler den Fisch ins Gesicht. Von jeder Seite. Mehrmals. Jeden Schlag begleitete er mit einem Wort: »Das. Ist. Kein. Frischer. Wolfsbarsch.« Für Wolfsbarsch nahm er sich zwei Schläge Zeit. »Heute Abend eröffnen wir mein ›Il Branzino Siciliano‹. So ein verschissener Kommunist wie du scheint nicht zu wissen, was das übersetzt heißt. Der sizilianische Wolfsbarsch! Für Menschen wie dich haben wir ihn sogar extra aufs Schild gemalt. Wolfsbarsch soll die Spezialität des Hauses sein.« Er hielt den Fisch vor das Gesicht des Tschechen. »Würdest du diesen Fisch essen wollen? Eh?« Er schob ihm den Kopf des Wolfsbarschs in den Mund. »Diesen Fisch, den du mir geliefert hast? Ich habe dir vertraut, als gehörtest du zur Famiglia! Ich habe dich mit dem wichtigsten Auftrag für mein Ristorante betraut. Und dann finde ich in der Lieferung nur solchen Fisch. Das betrübt mich. Das betrübt mich sehr.« Er riss den Wolfsbarsch aus dem Mund des Tschechen. »Dieser Fisch ist Müll. Weißt du, was ich von Müll halte? Sag es ihm, Tünn.«
Antonio »Tünn« de Luca war nicht nur der Koch des »Il Branzino Siciliano«, sondern auch der Bruder des Don und in einem früheren Leben, das vor siebenundzwanzigStunden offiziell geendet hatte, Killer der Famiglia. Antonio liebte nur eines mehr, als andere sterben zu sehen. Seine Haare. Und seine Fingernägel. Seine Kleidung natürlich. Vor allem die Schuhe. Und seinen Wagen. Auch langen Schlaf. Schönheitsschlaf. Er machte nichts lieber als schlafen. Meist mit offenen Augen.
»Mein Bruder hasst Müll«, sagte er nun mit seiner langsamen, geschmeidigen Stimme. »Deshalb hat er auch mit dem Business aufgehört. Er ist raus aus dem Müll, mein Bruder. Das Kölner Müllgeschäft sollen jetzt die Russen machen. Wir machen jetzt in Fisch.«
Der Don nickte und ging zum Messerblock. Alle Klingen waren neu und scharf. »Bin ich nicht ein freundlicher Mensch? Bin ich nicht gutherzig? Alle sagen das. Aber hat ein freundlicher, gutherziger Mensch einen solchen Fisch verdient? Nein. Das macht mich sehr traurig. Und wenn ich traurig bin, mache ich unüberlegte Dinge. Wie dieses Hackbeil nehmen, zum Beispiel. Es ist ein scharfes Hackbeil. In den Händen eines gutherzigen Menschen ein harmloses Messerchen. Den Händen eines traurigen, eines enttäuschten Mannes wie mir kann es dagegen leicht entgleiten.«
Der Don demonstrierte es. »Im Kühlhaus«, sagte er zu Antonio, »hinter den Schweinehälften müsste noch ein wenig Platz sein. Und mach Plastik über den Tschechen, bevor du mir neuen Wolfsbarsch besorgst. Pronto!«
Betrübt blickte der Don den Wolfsbarsch an. Wie hatte er es als Kind geliebt, mit dem strengen Vater Wolfsbarsche zu fangen. In diesen Momenten waren sie Freunde gewesen. Er hatte die Angel seines Vaters halten dürfen, hatte ein stolzes Nicken geerntet, wenn er einen dicken Brocken einholte. Beim Angeln war er nie angeschrien worden.
Der Don wanderte kopfschüttelnd durch das Restaurant, strich mit der Hand über die gestärkten weißen Tischdecken, rückte hier eine Gabel zurecht, dort eine Vase mit frischen Nelken in die Tischmitte. Er würde heute Abend hier Wolfsbarsch servieren. Den besten Wolfsbarsch. Die Bosse würden kommen. Der Don durfte sein Gesicht nicht verlieren. Es würde alles gut gehen. Es würde alles gut gehen müssen.
An der gläsernen Eingangstür klopfte es, und ein hochgewachsener Mann im Trenchcoat klappte einen Ausweis auf. »Nekens, Gewerbeaufsicht. Aufmachen!«, hörte der Don ihn sagen. Und er spürte diese Unruhe aufkommen, die er doch eigentlich mit der Pensionierung abgelegt hatte. Seitdem brachten nur noch junge Mädchen und schnelle Pferde seinen Puls in die Höhe.
Er öffnete die Tür. »Kommen Sie bitte morgen wieder. Wir eröffnen heute.«
»Nicht ohne mein Einverständnis, Bruschetto. Ich bin über Sie informiert«, sagte der Beamte und drängte sich ruppig am Don vorbei.
Das passte dem Don gar nicht. Man drängte sich nicht so einfach an ihm vorbei. In sein Ristorante. Man zeigte Respekt. Der Mann von der Gewerbeaufsicht stürmte zuerst in die Toiletten, dann in die Küche. Es gab keine Spur mehr, die auf den Fischhändler hindeutete.
»Womit habe ich kleiner Ristorantebesitzer das verdient?«, fragte der Don. »Warum hat sich der Himmel gegen mich verschworen? Bin ich nicht immer ein fleißiger Mann gewesen? War ich nicht jeden Sonntag in der Kirche? Oh ja. Das war ich. Heilige Rosalia steh mir bei! Heilige Madonna mia!«
Nekens brauchte lange, bis er alles kontrolliert hatte. Den Kühlraum Gott sei Dank nicht in voller Tiefe. Der Don hatte sich ganz automatisch einen Entbeiner gegriffen und versteckte ihn hinter dem Rücken.
»Kein Wunder, dass es mit diesem Land bergab geht. Wenn schon unbescholtene Ristorantegründer so schikaniert werden! Ich schaffe hier Arbeitsplätze, ich zahle Steuern, ich sollte belobigt werden! Einen Orden sollte ich erhalten für Verdienste um die deutsch-italienische Freundschaft.« Der Don glaubte, was er sagte. Und sein Ärger steigerte sich. Er wollte jetzt endlich Wolfsbarsch in Olivenöl braten sehen, mit Knoblauch, Rosmarin und Chili.
Der schlaksige Beamte rückte dem Don nach erfolgloser Suchaktion auf die Pelle. »Ich werde mich hier sehr regelmäßig blicken lassen, Bruschetto. Und wenn Sie glauben, Ihr dreckiges Geld durch Pizzen waschen zu können, haben Sie sich geschnitten.«
»Muss ich mir so etwas gefallen lassen? Bin ich auch nur einmal verurteilt worden? Nein, bin ich nicht. Weil ich nie etwas getan habe. Und hier wird keine Pizza serviert, sondern Fisch. Branzino! Wolfsbarsch!«
»Fisch?«, fragte Nekens. »Wie den hier?« Er griff sich den alten Wolfsbarsch. »Der sieht aber nicht mehr gut aus, die Augen sind ja ganz tief drin. Scheint mir ein Fall für das Gesundheitsamt zu sein.« Er drückte Kurzwahl vier an seinem Handy. »Hallo, Kollege. Du solltest ganz schnell in Don Bruschettos Etablissement kommen. Der scheint hier alten Fisch zu servieren.«
Der Don war froh, dass er den Entbeiner noch hinter dem Rücken hielt. Er fühlte sich deutlich besser, nachdem er mehrmals auf den Beamten eingestochen hatte. Das Kühlhaus war nach der Entsorgung proppevoll. Den vermaledeiten Wolfsbarsch warf er in den Mülleimer.
»Heute sollte doch so ein glücklicher Tag werden, die Belohnung für all die harten Jahre«, jammerte der Don. »Und bis jetzt nur Ärger. Aber ab jetzt wird alles gut.«
Der Don hatte beschlossen, sich die Laune nicht vollends verderben zu lassen. Heute Abend würde es Wolfsbarsch geben. In seinem Ristorante. Vor den Bossen. Und sie würden ihn loben. Er würde nun extra noch einmal den roten Teppich am Eingang saugen.
Es klingelte an der Seitentür. Das Gesundheitsamt. Wie schnell Beamte doch sein konnten, dachte der Don. Nicht einmal durch Bestechungsgelder hatte er früher solche Resultate erzielt. »Bernardo Provenzano, Capo di tutti Capi, steh du mir bei«, sagte er statt einer Begrüßung zu dem mit Halbglatze, glasbausteindicker Brille und einem miserablen Farbgefühl gestraften Beamten. »Die Heilige Rosalia und die Madonna haben mich verlassen…«
»Wo ist die Küche?«, fragte der Mann, ohne seinen Namen zu nennen, und schob sich wie ein Musterbuch der Pastellfarben ins Restaurant. »Wo ist der alte Fisch?«
»Was ist das für eine Frage? Sehe ich etwa aus, als würde ich alten Fisch verkaufen?«
Der Pastellunfall hob die Nase. »Ich rieche Ammoniak, ich rieche etwas Saures, ich rieche Fisch. Frischer Fisch riecht aber nicht nach Fisch.« Die Nüstern des Mannes waren riesig und führten ihn ohne Umweg zum Mülleimer, in dem der alte Wolfsbarsch entsorgt worden war. Als er »Aha– da isser versteckt. Ich mach Ihnen den Laden dicht!« rief, hatte der Don entdeckt, dass sich in direkter Griffnähe das schöne große Wiegemesser befand. Eigentlich wollte er den Mann gar nicht umbringen, denn das Kühlhaus war voll. Doch er schaffte lieber etwas Platz, als heute Abend das Gesicht zu verlieren. Die Prioritäten mussten richtig gesetzt werden.
Nach und nach traf die Restaurantbrigade ein, darunter Mario »Knagges« Andresi, der ihm jahrelang als Bodyguard gedient hatte und nun zum Kellner umfunktioniert worden war. Mario grunzte zur Begrüßung. Sein Anzug wirkte, als habe man eine Stoffbahn auf einen Gorilla getackert.
Nur Antonio kam nicht. Und kein Wolfsbarsch.
Vielleicht würde es keinem auffallen! Viele wussten doch gar nicht, was Branzino hieß. Sie würden die übrigen Speisen der Karte essen. Die waren alle gut! Die Antipasti,...




