E-Book, Deutsch, Band 7, 736 Seiten
Reihe: Die Phileasson-Saga
Hennen / Corvus Die Phileasson-Saga - Rosentempel
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-641-23177-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 7, 736 Seiten
Reihe: Die Phileasson-Saga
ISBN: 978-3-641-23177-4
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bernhard Hennen, 1966 geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Vorderasiatische Altertumskunde. Mit seiner »Elfen«-Saga stürmte er alle Bestsellerlisten und schrieb sich an die Spitze der deutschen Fantasy-Autoren. Bernhard Hennen lebt mit seiner Familie in Krefeld.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
PROLOG
Ryl’Arc,
sechster Tag im Kornmond, vor 887 Jahren
Eine kühle Berührung an seiner Kehle ließ Galayne den-die-Göttin-liebt erwachen. Er hielt die Augen geschlossen. Witterte. Es war Lossyril Spinnenhaar, die noch immer neben ihm lag. Er roch auch den Stahl. Und den Duft ihrer Liebesnacht. Er hörte das leise Tuscheln vor der Tür. Wie viele erwarteten ihn dort wohl? Mindestens fünf. Da war der Geruch von Waffenfett und Leder. Gegen Klingen würde er siegen. Wenn sie Armbrüste mitgebracht hatten, wäre es etwas anderes …
»Habe ich dich verärgert, meine Liebe?« Sein Herzschlag blieb ruhig. Er war den Shakagra’e, den Nachtalben, überlegen. So lange Zeit hatte er sich von ihnen genährt, ihr Sikaryan getrunken. Auch bei Lossyril. Vor allem nach dem Liebesspiel, wenn sie erschöpft in seinen Armen lag und ihr Herz noch wild vor Leidenschaft schlug. Dann schmeckte die Essenz des Lebens besonders süß.
»Du hast mich betrogen!«, zischte die Nachtalbe. »Du lebst nur deshalb noch, weil du ein Liebling der Göttin bist.«
Galayne öffnete die Lider und betrachtete ihr blasses, ebenmäßiges Antlitz, die fein geschwungenen, fast farblosen Lippen. Ihre Augen, deren Farbe irgendwo zwischen Blau und Lila lag. Sie war hübsch.
Spielerisch tastete er nach ihrem langen, silbrigen Haar, so fein wie Spinnenseide. »Du begehrst mich noch immer«, sagte er lächelnd. »Ich kann es riechen.« Seine Sinne übertrafen die der Shakagra’e bei Weitem. Er war ihnen in allen Aspekten überlegen. Der Erste, der so vollkommen war.
»Du musst nicht sterben«, sagte Lossyril selbstsicher. »Aber du wirst dafür bestraft werden, was du uns angetan hast.«
Galayne ahnte, was kommen würde. Jeden überraschenden Tod würde man ihm anlasten. Jedes Neugeborene, das im Kindbett gestorben war. Jeden, der erkrankt war oder sich einfach nur schwach gefühlt hatte.
»Was bin ich denn?«, fragte er.
»Ein Feylamia! Du trinkst heimtückisch von unserer Lebenskraft, du Vampir!«
Wie viel konnten Lossyril und jene vor der Tür von ihm wissen? Er hatte die Bücher vernichtet, in denen von Feylamia und ihren Schwächen die Rede war, ja, er hatte sogar einige gefälschte Texte in die Bibliotheken gestellt, für den Fall, dass sie ihm einmal auf die Schliche kamen. So viele Jahrzehnte lebte er schon unter dem Himmelsturm. Seit die Göttin ihn erschaffen hatte, war Galayne ihr Liebling und ihr Geliebter. Das hatte seine Stellung gleichermaßen geschwächt und gestärkt. Geschwächt, weil es unter den Nachtalben viele gab, die auf den Günstling Pardonas eifersüchtig waren. Und gestärkt, weil er unberührbar gewesen war, denn keiner in den Tiefen Städten wollte den Zorn der Göttin auf sich lenken, selbst die mächtigsten Priester nicht. Aber Pardona – oder Bhardona, wie die Altvorderen sie noch immer nannten – war nun schon seit vielen Jahren verschwunden. Und die Eifersucht begann schwerer zu wiegen als die Furcht vor ihrem Zorn.
»Was hat mich verraten?«, wollte Galayne wissen.
»Du bist anders als wir, das haben wir gespürt …«
Das hielt Galayne für leeres Gerede. Er sah kaum anders aus als die Nachtalben. Helle Haut, silberweißes Haar … Allein die Augen. Bei ihm waren lediglich die Iriden gefärbt, bei den Nachtalben die kompletten Augäpfel, und sie besaßen auch keine Pupillen. Aber daran hatten sie sich gewöhnt, sie hielten es für eine Missbildung, über die sie hinter vorgehaltener Hand tuschelten. An seinen Augen konnte es nicht liegen.
»Es waren die Buntkarpfen, die dich letztlich verraten haben.« Sie wies auf das Fischglas in der Wand. Einige der farbenfrohen Karpfen trieben mit dem Bauch nach oben an der Wasseroberfläche. »Sie waren krank, aber nicht so schwach, dass sie die Nacht nicht überlebt hätten.«
Galayne hatte sich über die Jahrzehnte angewöhnt, ein wenig vom Sikaryan aller Lebewesen in etlichen Schritt Umkreis zu stehlen, um zu verschleiern, was er tat. Dass er dabei einige der Fische versehentlich getötet hatte, war ihm nicht aufgefallen. Ein dummer Fehler, der aus Überheblichkeit resultierte.
»Und wenn ich Widerstand leiste, schneidest du mir die Kehle durch, obwohl wir so viele berauschende Nächte miteinander verbracht haben?«
»Worauf du dich verlassen kannst, Feylamia!«, zischte Lossyril, griff nach seinem rechten Arm und versuchte, ihn ihm auf den Rücken zu drehen.
Er riss sich los.
Das Messer schnitt über seine blasse Haut. Die Wunde war nicht tief und schloss sich augenblicklich wieder. Nur ein paar Blutspritzer sprenkelten die blütenweißen Laken.
Er drehte sich um, entwand der überraschten Nachtalbe die Waffe und setzte die Spitze der langen, schmalen Klinge unmittelbar unter Lossyrils linke Brust. Er hatte die Form ihrer Brustwarzen immer besonders gemocht. Sie waren größer als gewöhnlich und annähernd rund. Seine Zeit in den Tiefen Städten kam nun wohl zum Ende, dachte er betrübt. »Du wirst jetzt deine Freunde vor der Tür hereinbitten, Lossyril.« Er wollte sie nicht töten. Er empfand keinen Hass gegen sie. Nur Traurigkeit, dass der Tag gekommen war, der wohl unausweichlich gewesen war.
»Kommt herein!«
Sie hielt sich gut, dachte Galayne. Da war kein Zittern in ihren Stimmen. Lossyril Spinnenhaar war die Hüterin des Tempels der Schatten. Ihr Herz konnte wie Eis sein. Vor allem aber war sie hart gegen sich selbst.
Galayne zog sie vor sich und legte ihr das eigene Messer an die Kehle. Sie würde sein lebender Schild sein. Seine Gedanken überschlugen sich. Bislang hatte er immer geglaubt, er würde Zeit haben, wenn der Tag kam, zu gehen. Dass er sich durch den Himmelsturm zurückziehen würde, um dann durch das ewige Eis gen Süden zu wandern. Nun kam es anders.
Die Tür zu dem Schlafgemach schwang auf. Fünf Shakagra’e in den langen, roten Waffenröcken der Tempelwachen traten ein. Sie alle hielten schussbereite Armbrüste. Ohne ihn auch nur einen Herzschlag lang aus den Augen zu lassen, verteilten sie sich rechts und links der Tür.
Galayne sah, wie sich das Kerzenlicht golden auf den Spitzen der Bolzen brach. Stahl, dachte er. Sie würden ihn nicht ernsthaft verletzen können.
»Schießt!«, befahl Lossyril.
Die Wachen gehorchten ihr nicht, tauschten zögerliche Blicke.
Galayne spürte, wie sich die Hohepriesterin anspannte. Er ließ das Messer fallen, genau in dem Augenblick, in dem sie ihre Kehle gegen die Klinge drücken wollte, um den Wachen die Entscheidung abzunehmen, ob sie verletzt würde.
Galayne stieß sie von sich. Er wirbelte um die eigene Achse, griff nach seinem Schwert, das auf dem großen Tisch mit den goldgeprägten Folianten lag.
Die Abzugsbügel der Armbrüste klackten.
Ein schwerer Schlag traf ihn in den Rücken zwischen die Schulterblätter. Er wurde nach vorne geschleudert. Mit vorgestreckten Händen fing er sich auf der Tischplatte ab. Ein Bolzen steifte seinen linken Arm. Auch wenn der Stahl keine tiefen Wunden zu schlagen vermochte, nahm das den Treffern nichts von ihrer Wucht.
Er griff nach einem der Folianten, drehte sich und nutzte das schwere Buch als Schild. Ein Bolzen hämmerte in das dunkelblaue Leder.
Dann traf ihn ein Geschoss mitten auf der Stirn, und Finsternis umfing Galayne.
Ryl’Arc,
achter Tag im Kornmond, vor 887 Jahren
Galayne den-die-Göttin-liebt spürte ihre Angst und wie ihnen diese Angst zugleich peinlich war. Sie hatten ihn in schwere Eisenketten geschlagen und ihm einen eisernen Helm mit schmalen Sehschlitzen aufgesetzt. Das Metall lag kühl an seinen Wangen. Er gestattete sich ein Schmunzeln, da sie ihn ja nicht sehen konnten. Sie mussten in den alten Schriften gelesen haben, die die Nachtalben auf ihren Kriegszügen durch Myranor in Baan-Bashur erbeutet hatten. Galayne hatte diese Texte vor mehr als dreißig Jahren mit Hingabe gefälscht. Er hatte dort hineingeschrieben, dass Eisen den Feylamia unangenehm war, dass es ihre Fähigkeit, Sikaryan zu trinken, blockierte und ihr Blut schmerzlich erhitzte, auch wenn man ihnen äußerlich nichts ansah. Natürlich hatten die Nachtalben, denen die Berührung von Eisen Schmerzen bereitete, diese Lügen nur zu gern geglaubt.
Nur sieben Shakagra’e hatten sich versammelt. Er kannte sie alle. Sie repräsentierten alle drei großen Sippen: die vom ersten Blut, die vom letzten Blut und die Schöpfer der Generationen.
Lossyril Spinnenhaar saß dem Tribunal vor. Sie war schön wie immer. Er bereute nicht, ihr nicht die Kehle durchschnitten zu haben. Wenn er hier gefangen stand, dann hatte er das vor allem seiner eigenen Überheblichkeit zuzuschreiben. Er hätte längst die Tiefen Städte verlassen können, statt sich hier einzunisten wie ein Parasit.
Auch Kayil’yanka gehörte zu seinen Richtern. Ihre silbern schimmernden Augen hatten es ihm stets besonders angetan. Sie war noch sehr jung, und es verwunderte Galayne, sie hier im Tribunal zu sehen. Mit ihr war er durch die verlassenen Paläste des Himmelsturms gestreift. Ihr war die Welt am Meeresboden, wo die Shakagra’e unter mächtigen, gläsernen Kuppeln in den beiden Städten Ryl’Arc – dem unheimlichen Schwarzwasser – und Tieaha Mhagra – der Wasserstadt des Tobenden Traums – lebten, zu eng. Ihr war es nicht genug, die Geheimnisse der ölig schimmernden Basalttürme des verschwundenen Volks der Schwarzen Mahre zu ergründen, um welche die Städte der Shakagra’e erwachsen waren. Kayil’yanka war zu spät geboren, um an den Feldzügen ihres Volks nach Myranor teilzunehmen. Jener Epoche, in der die Göttin selbst sie von Schlacht zu Schlacht und von Sieg zu Sieg geführt...




