E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Henning Irgendwann werde auch ich ein Engel sein
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-0401-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-8192-0401-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mareike Henning wurde im März 1980 in Niedersachsen geboren. Sie ist eine lebensfrohe und tatkräftige Frau und steht mitten in einem erfüllten Leben, als sie aus heiterem Himmel zwei Diagnosen bekommt, die ihr Leben völlig verändern. Ihre bewegende Reise als Brustkrebspatientin hält sie in diesem Buch fest. Sie teilt nicht nur ihre Herausforderungen und Ängste, die sie während der Zeit der Prophylaxe, der Diagnose und dann im Zuge der Behandlung durchlebt, sondern auch die Hoffnung und Stärke, die sie aus dieser schweren Zeit schöpfen konnte. Mareike möchte mit ihrem Buch anderen Betroffenen Mut machen und darauf hinweisen, wie entscheidend Aufklärung und Selbstbewusstsein im Umgang mit dieser Krankheit sind
Autoren/Hrsg.
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Pech gehabt
Schon zu Beginn von Mamas Tumordiagnose hatte der Verdacht auf einen Gendefekt im Raum gestanden. Die Ärzte hatten uns aufgrund der ungewöhnlich aggressiven Krebsart Triple negativ, die, wie es hieß, häufig erblich bedingt sei, nahegelegt, einen entsprechenden Test zu machen.
Krankheiten hatte es in unserer Familie eigentlich nie gegeben. Klar, meine Mama litt – auch berufsbedingt – immer wieder an Bandscheibenvorfällen, aber das steckte sie jeweils gut weg. Sie war immer die Starke. Deshalb hatte der Humangenetiker, bei dem wir zur Anamnese saßen, zuerst gesagt, er könne sich nicht vorstellen, dass bei uns der Gendefekt vorliege. Meine Mama habe wahrscheinlich „nur Pech gehabt“, denn ein Gendefekt würde ein entsprechend geschwächtes Immunsystem hervorrufen, dadurch würde es normalerweise zu einer Häufung von Krankheiten kommen. In unserer Familie aber war die einzige Auffälligkeit, dass meine Uroma mütterlicherseits einen Gehirntumor gehabt hatte. Der wiederum hatte nichts mit einem Gendefekt zu tun. Sie folgte meinem Uropa in den Tod, der einige Monate zuvor bei einem Autounfall auf der Bundesstraße ums Leben gekommen war. Beide starben sehr schnell nacheinander, noch bevor ich geboren wurde.
Mama und ich entschieden uns, den Test machen zu lassen. Drei Monate später kam das Ergebnis – und das Unwahrscheinliche erwies sich als wahr: Uns beide traf die Diagnose „Gendefekt BRCA1“. Es war März 2018.
Für mich hatte von vornherein festgestanden: Wenn ich mich testen lasse, werde ich Konsequenzen aus dem Ergebnis ziehen. Sprich, wenn er positiv sein würde, würde ich mir die Brust abnehmen lassen. Darüber war ich mir völlig im Klaren. Ich besprach es mit meinem Mann und allen anderen aus der Familie, zugleich wollte ich nicht darüber diskutieren. Mir war in gewisser Weise egal, was andere dazu sagten und darüber dachten. Meine Schwiegermutter war bereits an Krebs gestorben, meine Mutter ging durch die Krankheit, ich hatte die Leidenswege beider Frauen ständig vor Augen und sagte mir: „Diese Diagnose möchte ich niemals bekommen, ich werde alles dafür tun!“
Es zeigte sich, dass die Wahrscheinlichkeit zu erkranken bei mir enorm hoch war: Mir wurde ein achtzigprozentiges Brustkrebsrisiko und ein fünfzigprozentiges Eierstockkrebsrisiko bescheinigt. Und dennoch war es ein langer Weg von meiner Entscheidung bis zur prophylaktischen Brustentfernung. Es waren unendlich viele Gespräche an unterschiedlichsten Stellen nötig, denn die Krankenkasse lehnte die Kostenübernahme anfangs ab. Ich hatte einen harten Kampf auszutragen, das Thema „prophylaktische Mastektomie bei Gendefekt“ war bislang eine Grauzone bei den Kassenleistungen. Ich brauchte psychologische Gutachten, musste mich in einer Uniklinik vorstellen. Irgendwann waren sie so weit, sich darauf einzulassen unter der Maßgabe: Brustaufbau mit Silikon, nicht aber mit Eigengewebe. Silikon aber wollte ich definitiv nicht. Es hieß: „Bis alles entschieden ist, können Sie die Eierstöcke doch schon entfernen lassen.“ „Nein“, da war ich mir sicher, „zuerst kommt die Brust ab!“ Meine Brust war für mich der Gefahrenherd Nummer eins, die Eierstöcke waren innerlich weit hinten. Nach Wochen des Kampfes und immer neuem Widerspruch war ich irgendwann so weit, dem behandelnden Arzt zu sagen: „Meine Brust ist eine tickende Zeitbombe für mich, ich will sie möglichst schnell loswerden. Egal wie.“ Zwei Tage nachdem ich das ausgesprochen hatte, war die Genehmigung durch die Krankenkasse da.
Als wir im März unseren Urlaub in Dubai verlebten, ließ ich meinen Mann Abschiedsfotos von mir und meiner Brust im Pool aufnehmen. Diese Bilder hängen gerahmt bei uns zuhause.
Im Juli 2018 fand endlich die erste OP statt. Zuerst wurde mir damals die linke Brust abgenommen und direkt mit dem rechten Bauchlappen neu aufgebaut. Zwei Monate später war die andere Seite dran. Beide OPs dauerten etwa zehn Stunden, ich lag jeweils zwei Tage auf der Intensivstation. Weil ich große Mengen Blut verloren hatte, stand ich kurz vor einer Bluttransfusion. Mir ging vieles gleichzeitig durch den Kopf. Ich musste mir immer wieder sagen: „Alles wird gut, Mareike. Du bekommst eine neue Brust!“ Ich sollte vierzehn Tage bleiben, entließ mich aber nach neun Tagen selbst. Ich wusste: Zuhause werde ich schneller gesund.
Danach gab es insgesamt fünf Angleichungs-OPs bis zum Dezember 2021. Die Bauchnarbe war beim ersten Eingriff nicht gerade angelegt worden, sie verlief in einem großen Bogen. Deshalb musste diese Naht nach unten gezogen und neu vernäht werden. Auch meine Brust musste immer wieder korrigiert werden, weil sie einfach nicht schön wurde. Sie ist bis heute nicht so, wie sie sein soll, aber irgendwann hatte ich entschieden: „Jetzt ist Feierabend, jetzt nehme ich es so hin.“
Einmal lagen der OP-Termin meiner Mama und mein eigener sogar so, dass wir uns ein Zimmer teilten. Das schweißte uns noch mehr zusammen. Eigentlich sollten wir gleichzeitig entlassen werden, aber bei meiner Mama gab es wieder Komplikationen. Es blieb ihr wirklich nichts erspart.
Damals hatten meine Mama und ich uns in diesem Krankenhaus gut aufgehoben gefühlt. Inzwischen habe ich gehört, dass nach der Mastektomie – der Entfernung der Brust aufgrund der Gendiagnose – ein abschließendes Kontroll-MRT etwa ein halbes Jahr nach der OP gemacht werden sollte. Darauf hätte man sehen können, dass bei mir noch Brustgewebe vorhanden war, was nicht vollständig entfernt worden war. Bei mir war dieses MRT nicht erfolgt. Ich hatte als Laie zu dem Zeitpunkt nicht darüber Bescheid gewusst und es von daher auch nicht einfordern können. Für mich stand außer Frage, dass mir nichts mehr passieren konnte. Innerhalb von drei Jahren war ich siebenmal operiert worden, ich war ständig präsent im Krankenhaus, und ich verließ mich darauf, dass die Ärzte wussten, was sie taten.
Mir war über das Netzwerk BRCA-Erkrankter nur ein einziger anderer Fall bekannt, bei dem sich trotz der Entfernung aller Risikoherde im Körper ein bösartiger Tumor entwickelt hat. Inzwischen habe ich Kontakt mit dieser Frau aufgenommen. In ihrem Fall war zuerst die Tochter an Brustkrebs erkrankt, genau umgekehrt wie in meiner Familie. Auch ihnen wurde nahegelegt, den Gentest zu machen, auch bei ihnen fiel er positiv aus. Petra ließ sich daraufhin 2017 die Brust abnehmen – und bekam 2022 Brustkrebs. Es ist schon ein beklemmendes Gefühl. Bei Petra lagen fünf Jahre zwischen Mastektomie und Diagnose, genauso wie bei mir. Warum gerade uns dieses Schicksal widerfährt? Wir wissen es beide nicht.
Seit mehreren Monaten schreiben wir uns intensiv, Petra wünscht mir jede Woche alles Gute, bevor ich in meine Chemo gehe, weil sie so viele Parallelen in unserer Geschichte sieht und sich dadurch sehr verbunden fühlt. Es ist ein wirklich enges Verhältnis geworden, obwohl wir uns bisher nicht persönlich kennen. Dieses Jahr will ich versuchen, mich mit ihr zu treffen. Ich freue mich darauf, zugleich macht es mir Angst. Vom Alter her könnte sie meine Mutter sein, ihre Tochter ist so alt wie ich. Ich glaube, die Begegnung wird mir sehr nahegehen.
Bei meiner Mama hatte es nach dem Durchlaufen ihrer Chemotherapie, der OP und den Bestrahlungen hoffnungsvoll ausgesehen. Es ging ihr wieder gut, und sie schmiedete Urlaubspläne mit meinem Vater. Sie wurde engmaschig kontrolliert, im September 2019 schien wirklich alles in Ordnung zu sein. Für den 29. November 2019 war geplant, dass sie sich die gesunde Brust präventiv abnehmen und neu aufbauen lassen würde. Einen Tag vorher wurde sie zur OP-Vorbereitung ins Krankenhaus aufgenommen. Schon zwei Wochen zuvor hatte sie mir erzählt, dass ihr ab und zu schwindelig sei. Ich beruhigte sie: „Mama, das ist die Aufregung. Du hast bestimmt Angst, dass die Brust nach dem Neuaufbau wieder abstirbt. Du machst dir Sorgen, ob die OP diesmal gut ausgeht. Versuch, nicht so viel daran zu denken.“
Am 30. November, dem Tag nach ihrer OP, hatte meine Oma Geburtstag. Wir riefen Mama kurz gemeinsam im Krankenhaus an. Sie war nicht gut drauf, sagte, sie komme nicht recht auf die Beine und könne sich nicht richtig bewegen. Sie fühle sich sehr, sehr schwach und wisse nicht, warum. Am 1. Dezember rief sie mich an und bat mich, ins Krankenhaus zu kommen. Sie sei gerade im CT gewesen, man wollte abklären, woher ihr Schwindel kam, und hatte ihr gesagt, dass der Verdacht auf einen Schlaganfall bestehe. Es war ein Sonntag. Ich fuhr direkt los, Raik begleitete mich.
Meine Mama hatte ein Zimmer für sich. Als ich die Tür öffnete, dachte ich im Stillen: Sie liegt dort, als sei sie ein Pflegefall! Es tat mir richtig weh, sie so zu sehen. Nach unserer Begrüßung machte ich mich auf die Suche nach dem zuständigen Arzt und fragte: „Was ist denn los?“ „Wir müssen Ihre Mutter gleich nochmal ins CT schicken, diesmal mit Kontrastmittel. Wir haben etwas gesehen, was da nicht hingehört.“ Mehr musste er nicht sagen, ich wusste Bescheid. Mir war sofort klar, dass die Ärzte etwas im Kopf gesehen hatten.
Ich ging ins Patientenzimmer und gab meinem Mann ein stummes Zeichen, indem ich meine Hand an...




