Henríquez Der große Riss
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-446-28372-5
Verlag: Hanser, Carl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 416 Seiten
ISBN: 978-3-446-28372-5
Verlag: Hanser, Carl
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als um 1900 ein Kanal gebaut wird, der Atlantik und Pazifik verbindet, treffen in Panama die unterschiedlichsten Menschen aufeinander: Arbeiter aus der Karibik, amerikanische Journalisten, aber auch Malaria-Ärzte und Wahrsagerinnen. Viele sehnen sich nach einem neuen Leben. So auch Ada und der Fischerssohn Omar, die sich ineinander verlieben. Doch wie nah beieinander stehen Fortschritt und Ausbeutung? Und welche Rolle spielen Frauen bei dieser Unternehmung? Ein tiefer Riss geht durch die Gesellschaft, die getrennt ist durch Geschlecht, Hautfarbe und Status. Henríquez? gefeierter Roman behandelt Fragen, die aktueller denn je sind, und erzählt aus der Perspektive von Frauen von Menschen, die im Getriebe der Geschichte kaum wahrgenommen wurden.
Cristina Henríquez, geboren in Delaware, ist Autorin von vier Büchern. Ihr Roman »The Book of Unknown Americans« (2014) wurde von The New York Times als eines der Bücher des Jahres ausgewählt. Es erschienen außerdem der Roman »The World in Half« und der Erzählband »Come Together, Fall Apart: A Novella and Stories«. Sie schreibt regelmäßig Beiträge für The New Yorker, The New York Times, The Wall Street Journal, The Atlantic und TIME. Cristina Henríquez lebt in Illinois.
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2
AUF DER ATLANTIKSEITE, ungefähr bei der Mitte der gewundenen Küste Panamas, trudelte ein Schiff in den Hafen von Colón ein. Es war ein Raddampfer der Royal Mail mit hohen weißen Masten, der mit 23.000 Briefen unter Deck und gut 800 Passagieren an Bord aus Barbados gekommen war. Bei den Passagieren handelte es sich vorrangig um Männer, aus St. Lucy und St. John und Christ Church und jedem Parish dazwischen. Sie trugen ihre besten Anzüge und standen dicht gedrängt auf dem Deck, geklammert an Metalltruhen, Koffer und fieberhafte Hoffnung.
Zwischen ihnen saß die sechzehnjährige Ada Bunting, die Arme um die Knie geschlungen. Es war für sie das erste Mal auf einem Schiff, und während der gesamten sechstägigen Reise kauerte sie hinter zwei Hühnerkisten, die auf einem schwarzen Überseekoffer gestapelt waren, und betete, dass man sie nicht entdecken würde. An dem Morgen, an dem sie von Zuhause aufgebrochen war, hatte sie eine Nachricht auf ihrem Schreibtäfelchen aus der Schulzeit hinterlassen und dieses auf den Küchentisch gestellt, wo ihre Mutter es mit Sicherheit sehen würde, sobald sie aufstand. Dass sie nach Panama fahren würde, viel mehr stand dort nicht. Und dann, im frühen Morgengrauen, zog sich Ada ihre Gartenkleidung an — eine zerschlissene Hose und eine geknöpfte Bluse —, trug den gepackten Leinensack den ganzen Weg bis zum Kai und schaffte es, sich inmitten des Trubels unbemerkt an Bord zu schleichen.
Tag und Nacht gackerten, glucksten und krächzten die Hühner in ihren Kisten, und wenn Ada sie zu beruhigen versuchte, stellte sie fest, dass sie nur noch wilder gackerten. Sie mussten hungrig sein, dachte sie, also zerkrümelte sie ihnen am zweiten Tag ein paar der Cracker, die sie mitgebracht hatte, steckte die Krümel durch die Latten der Kisten und sah zu, wie die Hühner sie aufpickten. Davon wurden sie etwas ruhiger. Am dritten Tag fütterte Ada sie wieder mit Crackern und lauschte, wie sie zufrieden gurrten. Am vierten Tag teilte sie mit ihnen etwas von dem Zuckerapfel, den sie eingepackt hatte. Sie achtete darauf, erst alle Kerne herauszuholen. Am fünften schälte sie den Deckel einer Büchse Sardinen zurück, und nachdem sie die meisten selbst gegessen und das Salz von ihren Fingerspitzen geleckt hatte, fütterte sie die Hühner mit dem Rest. Bis zum sechsten Tag war ihr mitgebrachtes Essen komplett aufgebraucht. Das Einzige, was sie den Hühnern geben konnte, war das Versprechen, das ihre Mutter ihr stets gab: Der Herr wird sich kümmern. Sie musste glauben, dass es stimmte.
In dem Moment, als das Schiff zum Stehen kam, drängten alle von Bord. Ada wartete, bis sich die Menge etwas gelichtet hatte, aber selbst als sie sich erhob, schenkte ihr Gott sei Dank niemand auch nur die geringste Beachtung. Die Leute waren zu sehr damit beschäftigt, ihre Sachen zu sammeln und zu schauen, wie Panama jenseits der Segelboote und Palmen entlang des Ufers eigentlich aussah. Der Teil der Stadt, den Ada jenseits des Kais erkennen konnte, erinnerte sie an Bridgetown: Dort gab es eine Reihe zwei- und dreistöckiger Holzrahmenbauten mit Blick auf die Hauptstraße, Geschäfte mit Markisen und Gebäude mit Schildern. Dass die Stadt so vertraut aussah, enttäuschte und erleichterte sie gleichermaßen.
Mit ihrem Sack in den Armen schob sich Ada mit allen anderen auf die Hafenseite. Ihr Hosenboden war klamm, doch dank der Hose, die ihre Mutter genäht hatte, fiel sie zwischen all den Männern nicht auf. Sie hatte auf der Reise auch Stiefel getragen, schwarze Lederstiefel, ein Geschenk von einem Mann namens Willoughby Dalton, der ihrer Mutter seit ungefähr einem Jahr den Hof machte. Von Zeit zu Zeit, meist sonntags, wenn er wusste, dass sie zu Hause waren, hinkte Willoughby mit einem neuen Präsent zu ihrer Tür — mit Wildblumen, Brotfrucht oder einer kleinen Tonschale. Ein paar Monate zuvor war er mit einem Paar schwarzer Stiefel angekommen. Sie waren an den Fersen abgenutzt und hatten ausgefranste Schnürsenkel, doch als Willoughby sie hochhielt, nahm Adas Mutter sie entgegen und sagte »Danke«, wie sie es jedes Mal tat, wenn Willoughby mit einem Geschenk kam. Und wie jedes Mal sagte Willoughby »gern geschehen«, und blieb auf der Veranda stehen, als hoffte er, hineingebeten zu werden. Es war immer derselbe jämmerliche Tanz. Ihre Mutter nickte und schob die Tür zu, und erst als sie vollständig geschlossen war, drehte Willoughby sich wieder um und ging nach Hause.
Die Seile an den Masten schnalzten im Wind, die Menschen drängelten und schubsten. Als Ada den Steg erreichte, versteckte sie sich hinter einem Mann mit Klappstuhl, in der Hoffnung, dass der Stuhl sie vor den zwei weißen Polizisten abschirmen würde, die unten am Kai standen. Am Fuße des Stegs riefen sie »Arbeitszug! Zum Arbeitszug da lang!«, und deuteten in Richtung Stadt. Die Leute strömten vom Schiff in die besagte Richtung, und Ada hatte den Eindruck, dass es am besten wäre, einfach dem Strom zu folgen, um nicht aufzufallen. Sie hatte es so weit geschafft, aber es bestand noch immer die Möglichkeit, dass einer der Polizisten Verdacht schöpfen würde — ein Mädchen, ganz allein unterwegs —, und wenn sie sie beiseitezögen und herausfänden, dass sie nicht bezahlt hatte, würden sie sie mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit zurück auf das Schiff bringen und nach Hause schicken. Ada drückte den Sack gegen ihre Brust, als sie auf den Pier trat und an den Polizisten vorbeiging. Selbst hinter dem Klappstuhl bekam sie mit, wie sich die beiden unterhielten. Der eine sagte zu dem anderen: »Teil dem Kapitän mit, dass die Fracht angekommen ist.« Sie war erst sechzehn Jahre alt, wusste aber schon, dass sie nicht von der Post sprachen.
*
Als Ada in den Zug stieg, der eigentlich nicht viel mehr war als eine Reihe luftdurchlässiger, holzgerahmter Viehwaggons, war er voll mit Passagieren vom Schiff, die Koffer, Körbe, Pflanzen und Kisten bei sich hatten. Sie schob sich bis zur hinteren Ecke des Waggons durch und klammerte sich mit einer Hand an eine Stange, mit der anderen an ihren Sack. Neben den Sardinen, Crackern und Zuckeräpfeln hatte sie zwei Paar Unterwäsche, ein Kleid, ein Fläschchen Mandelöl zum Glätten ihrer Haare, einen gesteppten Baumwollquilt von ihrem Bett und drei goldene Crowns eingepackt. Sie wünschte, sie hätte daran gedacht, mehr Essen mitzubringen, hatte sie aber nicht. Ihre Gedanken waren schneller als ihr Verstand, sagte ihre Mutter immer, und dort im Zug lächelte Ada, weil sie innerlich ihre Mutter schimpfen hörte, ihren besonderen Tonfall. Ihre Mutter hatte die Nachricht sicherlich schon gesehen, und Ada konnte auch innerlich ihre Reaktion darauf hören — deutlich strenger —, darauf, dass sie allein nach Panama aufgebrochen war, wenn auch aus gutem Grund.
Ihre Schwester, Millicent, war krank und benötigte eine Operation, die sie sich nicht leisten konnten. Als Schneiderin verdiente ihre Mutter nicht viel, und Ada hätte sich selbst einen Job gesucht, nur war Arbeit in Barbados momentan schwer zu finden. Doch in Panama, sagten alle, sei es so leicht, Arbeit zu finden, wie Äpfel von Bäumen zu pflücken. Wenn alle anderen sie pflücken konnten, hatte Ada überlegt, warum nicht auch sie? Sie würde so lange bleiben, bis sie das Geld für die Operation beisammenhätte, dann würde sie zurückgehen.
Als der Zug losfuhr, betrachtete Ada die Gesichter um sich herum, so viele junge Männer in Anzügen, die genauso angespannt und erwartungsvoll aussahen, wie sie sich fühlte. Der Zug ratterte vorbei an der Stadt, über eine niedrige Brücke und durch einen dichten Wald, bevor er ein Feld erreichte, das weit genug war, dass man in der Ferne die dunkelgrünen Berge sehen konnte. Als er in der Nähe eines Städtchens zum Stehen kam, sprang eine Handvoll Männer ab und ging zu einer Reihe von Pfahlbauten. Ein Mann, dessen Sakko-Ärmel nicht einmal bis zu den Handgelenken reichten, schaute hinaus und sagte: »Hier sollen wir wohnen?«
Ein Mann in einer schmutzigen Khakihose und einem blauen Arbeitshemd lachte in sich hinein: »Was haste erwartet? Ein Luxushotel?«
Der Mann in dem zu kurzen Sakko zeigte auf die andere Seite der Schienen, zu einer Reihe gepflegter Gebäude, weiß gestrichen und mit grauen Zierleisten, und fragte, ob sie nicht dort wohnen könnten.
Der Mann in Arbeitskleidung lachte erneut. »Die sind Gold.« Er zeigte zu den Lagern: »Wir sind Silber.«
Als der Mann in dem zu...




