E-Book, Deutsch, 312 Seiten
Henry Anhaga
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-96089-736-1
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fantasy
E-Book, Deutsch, 312 Seiten
ISBN: 978-3-96089-736-1
Verlag: dead soft verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Aramin Decourcey - Min für seine wenigen Freunde - mag der beste Dieb in Amberwich sein, und er mag ein Geheimnis haben, das ihm hilft, in der tückischen Welt der aristokratischen Familien und ihrer mächtigen Magieanwender zu überleben, aber er hat eine Schwäche: seine Zuneigung zu seinem Adoptivneffen Harry. Als der Junge zwischen die Fronten gerät, wird Min gezwungen, einen selbstmörderischen Auftrag anzunehmen. Dieser führt ihn ausgerechnet nach Anhaga, einem Küstendorf, das unter der Kontrolle des furchterregenden Verborgenen Herrschers der Feen steht. Min mag sich seiner Cleverness rühmen, aber dieser Fall scheint ihm über den Kopf zu wachsen.
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Kapitel 1
Die Morgendämmerung hinkte lahm heran wie ein schlurfender Bastard und zog das Sonnenlicht einem verkrüppelten Körperteil gleich hinterher.
Min stöhnte und rollte sich mit dem Rücken zum Fenster.
»Du liegst auf meinen Haaren«, sagte jemand.
Min riss seine Augen auf. »Ah«, sagte er.
Er konnte sich vage an die Frau erinnern. An ein geteiltes Lächeln und mehr als einen Drink mit ihr. Und leider nur so vage, dass er sich nicht vorstellen konnte, sich gut angestellt zu haben. Die hochgezogene Augenbraue der Frau bestätigte dies.
Er bewegte sich leicht zurück, damit sie ihre roten Locken zu sich ziehen konnte.
»Aiode«, stellte sie sich vor und hielt ihm eine blasse Hand voller Sommersprossen entgegen. Ihren anderen Arm behielt sie vor ihrer Brust, damit die Decke nicht herunterrutschte, die einen, da war sich Min sicher, wunderschönen Busen verbarg. »Aiode Nettle. Da ich mir sicher bin, dass du dich nicht erinnerst.«
Der Nachname überraschte ihn ein bisschen. Min hatte nicht die Gewohnheit, mit den Begabten zu schlafen. Auch wenn Aiode mit dem Namen, den sie gewählt hatte, wahrscheinlich keinen höheren Rang, als eine Heckenhexe innehatte. Offensichtlich hatte er eine Ausnahme gemacht. Aiode war selbst mit ihrem vom Schlaf zerzausten Haar und dem Kissenabdruck auf ihrem Gesicht wunderschön.
»Aramin Decourcey«, stellte er sich, ihre Hand schüttelnd, vor.
»Das ist ein ziemlicher Zungenbrecher«, meinte sie.
»Ich bin mehr als ein Zungenbrecher, Süße.«
»Das hast du letzte Nacht versprochen«, sagte Aiode. Ihre Augenbrauen wanderten wieder nach oben. »Leider hast du nicht abgeliefert.«
Min war zu verkatert, um wirklich beleidigt zu sein. Er rollte sich zurück und blinzelte zu dem Lichtstreifen, der durch die herunterhängenden Fensterläden drang. Da der Tag in seinen Augen bereits ruiniert war, setzte er sich auf und schwang seine Beine aus dem Bett. Seine Fußsohlen trafen auf den groben Boden der Dachkammer. Sie war günstig, was ihr einziger Pluspunkt war. Das und ihr Blick über die Seitengasse hinter der Taverne namens Footbridge. Die meiste Zeit arbeitete Min von dieser Taverne aus. Seine Arbeit war nicht gerade seriös und er wusste gerne, ob sie ihm nach Hause folgte wie ein zeckenbefallener Streuner. Die Sicht auf die Gasse gab ihm zumindest eine kleine Vorwarnung.
Min sah sich blinzelnd im Raum um.
Hose. Hose, Hose, wo war seine Hose? Er war nicht wirklich ein Gentleman, doch eine Hose musste sein. Er entdeckte sie zusammengeknüllt unter dem Fenster und hievte sich aus dem Bett, um sie zu holen. Er hob sie auf, schüttelte sie aus und zog sie an.
Als er sich umdrehte, um Aiode wieder anzusehen, wirkte es, als hätte sie den Anblick sehr genossen. Doch um sein Ego nicht zu streicheln, sagte sie nichts.
Aber bitte, Min wusste auch so, dass sein Arsch wunderschön war.
Er grinste Aiode an, bückte sich nach seinem Hemd und zog es sich über den Kopf. »Ich würde dich ja gern einladen, zu bleiben und dein Fasten mit mir zu brechen, aber«, er umschloss den Raum in einer Geste, »wie du sehen kannst, habe ich weder eine Küche noch Essen.«
»Selbst wenn du beides hättest, würde ich ablehnen«, erwiderte Aiode und ließ ihren Blick kritisch über den verschmierten Boden, die Spinnweben in der Ecke der wasserbefleckten Decke und die Sammlung leerer Flaschen im Raum wandern. »Man erwartet mich im Schrein zurück.«
Der nächstgelegene Schrein, den Min kannte, war der der Heiligen Quelle. Also war Aiode auf jeden Fall eine Heckenhexe. Von allen Begabten waren die Heckenhexen am wenigsten fragwürdig. Grundsätzlich waren ihre Kräfte gutartig und in der Natur begründet. Sie halfen mit guten Ernten und Regen. Auch wenn sie meist in der Stadt angesiedelt waren, reisten sie regelmäßig aufs Land und boten ihre Dienste den Farmern des Königreichs an. Der Rest der Begabten sah auf die Heckenhexen herab, was in Mins Augen ein Argument für sie war. Wenn auch das einzige.
»Also dann«, sagte Min.
»Also«, echote Aiode ihre Augen verengend.
Min tat so, als würde er ein Buch interessant finden, das Harry hatte liegen lassen. Harry und seine verdammten Bücher. Der Junge war zu neugierig. Außerdem waren Bücher teuer. Auch wenn Harry das Buch definitiv gestohlen hatte, das Min nun durchblätterte. Min war ein guter Lehrmeister.
Hinter sich hörte er das Rascheln von Stoff. Er war versucht, sich umzudrehen, um wenigstens etwas von dem zu kriegen, was er gestern Abend verpasst hatte, aber Aiode schien wie eine Frau, die geübt war, einem Mann in die Eier zu treten, und Min wollte sie nicht provozieren. Außerdem war sie begabt. Eine Heckenhexe konnte wahrscheinlich nicht mehr tun, als ihn mit ein paar Warzen hier und da zu verfluchen, aber es gab keinen Grund, es zu riskieren. Nicht die Warzen natürlich, sondern die Enthüllung.
Min hatte nämlich eine eigene Gabe und er bevorzugte es, sie geheim zu halten.
»Ich werde jetzt gehen«, verkündete Aiode.
Min legte Harrys Buch auf den klapprigen Tisch und drehte sich um. Aiode trug ein schlichtes grünes Kleid über einem weißen Untergewand. Enttäuschend bescheiden.
»Ich bringe dich bis zur Straße«, bot Min an. »Einige meiner Nachbarn sind leider keine Gentlemen.«
Aiode hob eine Augenbraue. »Glaubst du, ich sei nicht in der Lage, mich zu verteidigen?«
Min lächelte sie an. »Keineswegs. Tatsächlich verlasse ich mich auf dich, mich zu beschützen.«
Aiode lachte. Es klang so ehrlich und ausgelassen, dass Min zum ersten Mal, seit er aus dem Schlaf gerissen worden war, verstand, warum er sie am Abend zuvor mit in sein Bett genommen hatte. Er verfiel immer am ehesten den Frauen, die sich keinen Mist gefallen ließen. Und Aiodes Mistdetektor war, so vermutete er, so fein eingestellt wie sein eigener.
Es war klar, dass er sie auf keinen Fall wiedersehen durfte.
Min trennte sich von Aiode auf der Straße hinter seiner Bleibe und ging die Gasse hinunter zur Taverne. Die Footbridge zog eine spezielle Klientel an: Slummer; verhätschelte Söhne aus wohlhabenden Familien, die nach Einbruch der Nacht in den Ort einfielen, begierig darauf, Schultern und andere Körperteile der ungewaschenen, ungehobelten und auf andere Weise unangenehmen Gestalten anzufassen. Aber warum auch nicht? Das Bier und die Prostituierten waren billig und es verging keine Stunde, in der keine Schlägerei ausbrach. Die Slummer kamen für das Blut, genauso wie für die anderen Dinge. Sie waren zu jung und zu dumm, um sich darum zu scheren, dass es vielleicht ihres sein könnte.
Am Tage war der Ort normalerweise ruhig. An diesem Morgen war die Footbridge leer, bis auf ein paar Stammgäste, die wahrscheinlich im Schankraum lebten, und den Jungen, der frisches Stroh über die schlimmsten Flecken von letzter Nacht verteilte: Bier, Blut, Pisse oder eine Kombination aus allem.
Min setzte sich wie immer an den Tisch in der Ecke und sah einer fetten Spinne dabei zu, wie sie einen schimmernden Seidenfaden spann und drehte.
Freya, die Frau des Besitzers, oder eine von Swanns Frauen, das hatte Min nie gewagt zu fragen, kam auf ihn zu. Sie hatte ihre Ärmel hochgerollt und zeigte ihre muskulösen Unterarme. Und das war keine Übertreibung, denn Min hatte mal gesehen, wie sie einen Schmied beim Armdrücken besiegt hatte.
»Haferbrei oder Haferbrei?«, brummte sie.
»Dann Haferbrei«, antwortete Min freundlich und legte eine Münze auf den Tisch. »Hast du Harry gesehen?«
Harry war ein dünnes, sechzehnjähriges Kind mit grauen Augen und einem Schopf unzähmbarer, blonder Haare, die so weich und wild waren wie Löwenzahnflaum. Er war clever und neigte dazu, stundenlang verloren zu gehen. Meistens fand man ihn unter dem Rock einer jungen Frau, die ihm in der Woche gerade gefiel. Er hatte die Manieren einer Kanalratte und es war ein unendliches Mysterium für Min, wie er es schaffte, die Mädchen, die er liebte und wieder verließ, nicht zu verärgern. Der Charme der Jugend vielleicht.
Harry hatte auf jeden Fall keinen anderen Charme, den er bezeugen konnte. Wahrscheinlicher war, dass die jungen Frauen, die er verführte, so daran gewöhnt waren, in einer tristen Transaktion gekauft und verkauft zu werden, dass sie Harrys Eifer wie eine glückliche Abwechslung sahen. Sie wurden umgarnt, gebettet und verließen einander als Freunde.
»Heute nicht«, sagte Freya.
»Hast du unter allen Betten nachgesehen?«
Freya grunzte. Es war näher an einem Lachen, als Min jemals aus ihr herausgekitzelt hatte. Sie wischte die Münze vom Tisch in ihre Hand und ging in Richtung Küche davon.
Min sah der Spinne noch etwas länger zu und fragte sich, ob der Tag ihm etwas Interessanteres bringen würde als Haferbrei.
Es sollte anscheinend so sein, denn Min war gerade mit seinem Frühstück fertig, als ein junger Mann die Taverne betrat. Er sah sich besorgt um, bevor er wohl entschied, dass Min am wenigsten bedrohlich wirkte. Er näherte sich seinem Ecktisch. Der Mann war dünn und blass und hatte weiche Locken, die bis zu seinen Schultern fielen. Seine Kleidung war einfach, aber sauber und von guter Qualität. Er hatte einen verkniffenen Blick und schmale Gesichtszüge, die ihm die Ausstrahlung eines etwas unzufriedenen Wiesels gaben. Wahrscheinlich würde er deswegen mit wenigstens einem blauen Auge die Taverne verlassen. Es war einfach so eine Art Ort.
Er sah Min zögerlich an und senkte seine Stimme, sodass Min ihn, als er sprach, kaum hören konnte. »Bist du Aramin Decourcey?«
Min benutzte seinen Fuß, um den anderen Stuhl unter dem Tisch hervorzuschieben. »Der...




