Henry | Blutrote Nacht | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 390 Seiten

Henry Blutrote Nacht

Ein Melbourne-Thriller
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8412-2474-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Melbourne-Thriller

E-Book, Deutsch, 390 Seiten

ISBN: 978-3-8412-2474-3
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Ermittler und die dunklen Seiten Australiens.

Detective Rubens McCauley kennt St. Kilda, Szene-Vorort von Melbourne, wie seine Westentasche. Als ein toter Junge neben einer Spritze gefunden wird, scheint der Fall klar - ein Drogentoter. Doch Rubens fallen Ungereimtheiten auf. Wo ist das Handy des Toten? Wo die Verpackung der Spritze? Als er Nachforschungen anstellt, begreift er, dass der Tote kein Junkie war, sondern eine Erpressung plante. Auch die Obduktion zeigt, dass hier nichts so ist, wie es anfänglich aussieht. Wenig später wird der nächste tote Junge gefunden ... 



Jarad Henry ist von Haus aus Kriminologe und arbeitet für die Polizei in Viktoria.

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Kapitel 2


Eine sanfte Berührung weckte mich. Erst spürte ich Pfoten auf meiner Brust, dann drang ein leises, vibrierendes Schnurren an mein Ohr. Prince leckte meine Wange und stieß ein flehendes Miauen aus. Ich öffnete die Augen und sah verschlafen zum Wecker auf dem Nachttisch: 12:43. Finetti hatte recht gehabt, was die Überstunden anging. Ungefähr um acht Uhr morgens hatten wir unsere Arbeit am Ort des Geschehens abgeschlossen, und ich hatte gute vier Stunden Schlaf abbekommen. Nicht schlecht für eine Nachtschicht. Ich strich mit der Hand über das schwarze Fell meines Katers, dann machte ich mich auf den Weg in die Küche. Vor sieben Jahren, in der Blüte unserer Beziehung, hatten meine Ex und ich diese Zwei-Zimmer-Wohnung als Vermögensanlage gekauft. Als Ella und ich zusammenkamen, war Albert Park noch ein Vorort mit heruntergekommenen Bergarbeiter-Cottages und schmuddeligen Eckkneipen gewesen. Heute ging selbst das kleinste Haus in die Millionen. Wir hatten das Apartment noch vor dem Boom mit einer Hypothek finanziert, deshalb war es inzwischen weit mehr wert, als ich der Bank schuldig war. Trotzdem verschlangen die monatlichen Raten den größten Teil meines Gehaltes.

Prince lief voraus und setzte sich vor seinen Napf. Das Insulin ging zur Neige. Wohl oder übel musste ich später zum Tierarzt gehen, um Nachschub zu holen – das war auch etwas, was meine Finanzen belastete. Als ich die Einwegspritze aus der Plastikverpackung nahm, hatte ich plötzlich wieder die Spritze vor Augen, die im Arm des Jungen gesteckt hatte. Psychologen hatten eine Erklärung für solche Phänomene: Bilder des Unterbewusstseins. Wir Cops nannten sie Flashbacks. Vor vielen Jahren hatte ich gelernt, sie als lästige Störung hinzunehmen. Doch eine Kugel in der Schulter und zwölf Monate Reha hatten all das verändert. Heute wurde aus einer harmlosen Spritze für eine zuckerkranke Katze ein toter Junge in einem Hinterhof; eine betagte Frau mit Dauerwelle an der Bushaltestelle verwandelte sich in das ältere Vergewaltigungsopfer, das ich vor Jahren vernommen hatte; die Fehlzündung eines Fahrzeugs dröhnte mir wie ein Gewehrschuss in den Ohren.

Nachdem ich den Napf gefüllt hatte, sah ich zu, wie Prince sein Fressen hinunterschlang. Meine Küche war in einem Art-Deco-Stil gehalten und mein Lieblingsraum in der Wohnung. Selbst wenn ich es mir leisten könnte, würde ich sie niemals modernisieren. Der altmodische Charakter und die Wärme waren viel mehr wert als glänzender rostfreier Stahl.

Wie immer nach dem Schlafen konnte ich die linke Schulter kaum bewegen, die Muskeln und Sehnen rund um die kleine Narbe waren fest und angespannt. Ich ging ins Bad und ließ das Wasser eine Weile laufen, ehe ich in die Duschkabine trat und mit meinen täglichen Übungen begann. Nach etlichen Minuten und ein paar Serien Stretching ließ die Verspannung nach, und ich war imstande, mich ordentlich zu waschen.

Ich rasierte mich, zog mich an, dann brachte ich ein paar Toastscheiben und ein Glas Orangensaft zur Balkontür. Noch ehe ich sie öffnen konnte, spürte ich, wie die Sonne durch die Scheibe brannte. Als ich sie aufmachte, schlug mir die Hitze entgegen, als hätte ich einen Brennofen geöffnet. Sie wurde vom Asphalt, von den Betonmauern des benachbarten Lagerhauses und dem Blech der Autoschlange abgestrahlt, die sich zwei Stockwerke unter mir durch die Straße wand. Einige Fahrzeuge waren voll mit getrocknetem Schlamm und Straßenschmutz – eine Folge der Nutzwassereinschränkung. Heute war der fünfte Tag in Folge, an dem es strikt verboten war, Feuer im Freien anzuzünden. Allmählich machte sich die drückende Witterung in der Stadt bemerkbar. Meine Augen fingen sofort an zu tränen, und ein vertrautes Jucken kroch mir in die Nase. Ich nieste lautstark, holte ein Papiertuch aus der Tasche und schnäuzte mich. Wie lange mussten wir noch warten, bis Abkühlung kam?

»Hast du dir eine Erkältung eingefangen?« Die Stimme kam vom Balkon zur Linken. Mein Nachbar Edgar Burns stützte sich auf einen Spazierstock und leerte einen Eimer Wasser in einen Blumentopf. Das Wasser hatte er zweifellos von der Dusche abgefangen – eine Sparmaßnahme, die Edgar akribisch befolgte.

»Keine Erkältung, Ed. Nur Heuschnupfen. Dieses Jahr treibt er mich an den Rand des Wahnsinns. Es ist einfach zu heiß und zu trocken.«

»Das beschissene Wetter«, erwiderte Edgar. Ein wenig Wasser schwappte über den Blumentopfrand. »Verdammter Umweltdreck – der ist schuld daran. Schau dir all die Autos an, um Gottes willen – die verpesten die ganze Stadt. Als ich ein Junge war, sind wir immer mit der Tram gefahren, egal wohin. Heutzutage setzt sich jeder in ein Auto, auch wenn er nur in eine blöde Milchbar will. Faul wie betrunkene Eidechsen.«

Ich kannte Edgar, seit ich in dem Apartment wohnte, und irgendwie schaffte er es immer, mir seine Meinung kundzutun.

»Hier in der Gegend gibt’s nicht viel Milchbars, Ed. Sie sind so selten wie Schaukelpferdäpfel.«

»Du weißt schon, was ich meine. Sieh dir das da drüben an.« Er deutete auf die Wolkenkratzer; dicke braune Rauchwolken, die von den Buschfeuern in Central Victoria herübergeweht waren, hüllten sie ein.

»Du könntest recht haben. Umweltverschmutzung.«

»Ganz bestimmt. An Tagen wie diesem wage ich mich besser nicht da raus. Es ist so trocken wie eine Nonnenmöse. Kein Wunder, dass du krank bist.«

Als Edgar zum Abschied winkte und in seine Wohnung zurückhinkte, beschloss ich, mich dieses Jahr mehr um ihn zu kümmern; vielleicht würde ich ihn wieder mit zum Football nehmen. Ed hatte bei dem Testspiel der Aussies gegen die chancenlosen Poms am zweiten Weihnachtsfeiertag vor Aufregung beinahe einen Herzanfall erlitten. Wir hatten mächtig viel Spaß miteinander.

Die Hitze wurde von Minute zu Minute drückender, und ich kauerte mich nieder, um die Erde des Rosenstocks im Kübel neben der Balkontür zu prüfen, und entschied, dass sie noch feucht genug war; die Rose würde diesen Tag überstehen. Da waren ein paar Blattläuse, die ich zwischen den Fingern zerquetschen konnte, aber ich wusste aus Erfahrung, dass ich die Plage damit nicht los war. Meine Mutter hatte mir die Silver Jubilee als Ableger geschenkt, der Setzling hatte sich gut entwickelt. Dies schien die einzige Pflanze zu sein, die direkte Sonnenbestrahlung vertrug. Ich stellte den Topf an einen anderen Ort und gab mir alle Mühe, den Tag, an dem mir Mum die Rose überreicht hatte, aus meinen Gedanken zu verdrängen. Ich stand auf und genoss den Blick von meinem Balkon auf die Palmen im Albert Park, den glitzernden See und das Gelände bis nach St. Kilda. Edgar sprach oft von einer Eine-Million-Dollar-Aussicht. Theoretisch hatte er sogar recht damit. Gerade diese Aussicht hatte mich vor Jahren dazu gebracht, diese Wohnung zu kaufen. Doch heute erinnerte sie mich an den toten Jungen Dallas Boyd. Mittlerweile dürfte seine Familie informiert worden sein, und die Nachricht von seinem Tod hatte sich sicherlich auch schon auf der Straße herumgesprochen. Wahrscheinlich lagen bereits die üblichen Blumensträuße an der Stelle, an der er gestorben war, und welkten vor sich hin.

In fast zwanzig Jahren im Job – fünf davon bei der Drogenfahndung – hatte ich gelernt, dass jeder Teenager, der Drogen nahm, etwas Wichtiges in seinem Leben entbehrte. Liebe, Disziplin, Anleitung, Selbstachtung – irgendetwas. Das hatte ich persönlich erlebt. Jacko war ein guter Kerl gewesen, ein Opfer seiner Umstände, und ich fragte mich, ob dasselbe auch für den Jungen in der Parkbucht zutraf. Was für ein Leben hatte Dallas Boyd gelebt?

Ich trank meinen Orangensaft, ging ins verhältnismäßig kühle Wohnzimmer, wo ich ein altes Fotoalbum aus der Fernsehkommode nahm, und setzte mich auf die Küchenbank. Als Erstes wischte ich den Staub vom Buchdeckel, dann schlug ich das Familienalbum auf. Auf einem Bild standen meine frisch verheirateten Eltern stolz neben einem HT Holden, die Verwandtschaft hielt sich im Hintergrund. Es war lange her, seit ich meine Mum zum letzten Mal gesehen hatte. Meinen Vater auch, um ehrlich zu sein. Auf einem anderen Schnappschuss winkten mein älterer Bruder Anthony und ich – beide krebsrot wie gekochte Hummer – vom Rand eines Swimmingpools in die Kamera. Die Aufnahmen brachten mich zum Lächeln, aber ich suchte etwas anderes. Ich blätterte weiter, bis ich zu einer Fotoserie kam, die auf einem Campingausflug am Murray River aufgenommen worden war.

Ich sah mir die einzelnen Bilder nur flüchtig an, bis ich endlich das vor mir hatte, das mich interessierte; es war blass geworden und an den Rändern vergilbt.

Ich betrachtete Jackos Gesicht. Mir fiel die freche Lücke zwischen den beiden Schneidezähnen wieder ein, und ich erinnerte mich, dass er seine Baseballkappe immer ein wenig schief aufgesetzt und sein Haar bis über die Ohren gereicht hatten. Und ich überlegte erneut, warum er beschlossen hatte, Benella zu verlassen. Etwas hatte ihm gefehlt.

Als ich das Album zuschlug, entdeckte ich, dass das rote Lämpchen am Anrufbeantworter blinkte. Ich hatte das Telefon stummgeschaltet, bevor ich ins Bett gegangen war. Ich drückte auf PLAY.

»McCauley, hier ist Ben Eckles. Ich hab gehört, dass sie heute Morgen bei dem Überdosis-Fall ein bisschen überfordert waren, und dachte, ich melde mich mal. Hören Sie, wir haben Sie morgen für die Frühschicht eingeteilt. Vermutlich schlafen Sie gerade, aber rufen Sie mich später an, um den Dienstplan zu bestätigen.«

Ich drückte den Finger auf den PAUSE-Knopf und dachte nach....



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