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E-Book

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

Hens Nikotin


1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-400856-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 192 Seiten

ISBN: 978-3-10-400856-1
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Hommage an die Zigarette und eine Erkundung der Sucht - Gregor Hens hat aufgehört zu rauchen und sucht nach den Nikotinspuren in seinem Leben. 'Ich rauche nicht mehr, aber es gibt immer wieder Momente, in denen ich an nichts anderes denken kann als an Zigaretten. Gerade ist so ein Moment. Ich sollte dieses Buch wirklich nicht schreiben, es ist viel zu riskant.' Gregor Hens geht das Risiko ein und erinnert sich: An die erste Zigarette in einer kalten Silvesternacht, mit der er Raketen anzündete und schließlich daran zog, um seine Mutter zu beeindrucken, an den dichten blauen Dunst im Mercedes 280 SE seiner Eltern auf der Fahrt in die Ferien, und natürlich an den Genuss des Rauchens, an die Lust auf die nächste Zigarette und viele phantasievolle Spielarten des Aufhörens. Ein leidenschaftlicher Versuch, die Sucht schreibend zu bannen.

Gregor Hens, geboren 1965 in Köln, lehrte zwei Jahrzehnte lang an verschiedenen amerikanischen Universitäten, zuletzt an der Ohio State University. Seit 2013 lebt er als freier Autor in Berlin. Er hat zahlreiche Romane übersetzt, unter anderem von Leonard Cohen, Rawi Hage, Marlon Brando und Will Self.
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{12}Eine Raststätte an der Autobahn A1, Mitte der Neunzigerjahre, irgendwo in Westfalen. Eine blau-weiße Tankstelle, Motordröhnen und das Rauschen von Reifen hinter staubigem, westdeutschem Dorngehölz. Ich habe meinen Wagen geparkt und warte auf meinen Bruder, der mich nach Delmenhorst mitnehmen wird, wo unsere Großtante, die Frau mit dem hundertjährigen Zigarettendeputat, gewohnt hat.

Ein dänischer Speditionslaster kommt zum Stillstand, die Hydraulik zischt. Der Fahrer trägt eine Bundfaltenhose und ein helles, kariertes Hemd, er wirkt frisch, beinahe sportlich. Ich sitze vor dem Shop auf einem Stapel in Plastikfolie eingeschweißtem Kaminholz, trinke Jacobs Krönung aus einem Pappbecher und sehe in den matten Himmel. Ich weiß nicht wohin mit dem dünnen Rührstäbchen. Der Däne stellt sich neben mich, steckt sich eine rote Gauloise an. Wortlos bietet er mir eine an. Ich zeige mit dem Rührstäbchen auf die Tanksäulen. Zu nah, sage ich. Der Mann lacht. Vor uns rollt ein silbergrauer Maserati aus. {13}Das Seitenfenster senkt sich ab, mein Bruder schiebt die Brille hoch und fragt: Wartest du schon lange? Ich nicke dem Dänen zu und gehe um das niedrige Auto. , sagt er noch einmal grinsend und zeigt mit den Händen, wie so eine Explosion aussehen könnte. Wie eine exotische Blüte, die im Zeitraffertempo aufgeht, denke ich, wie ein Silvesterfeuerwerk. Ich stütze mich ab, ziehe den Kopf ein, rutsche in den Schalensitz. Stefan wirft einen skeptischen Blick auf den Dänen, dann auf meinen Pappbecher. Er mag es nicht, wenn ich im Auto trinke. Mein Vater war genauso. Stefan gibt Gas. Wir reden nicht viel. Wir rauchen, und manchmal sagt Stefan Sätze wie: Ich glaube nicht, dass sie einsam war. Oder: Weißt du, sie hat immer noch diese Butterfahrten nach Helgoland gemacht. Es sind gnädige Sätze, Sätze, auf die ich nicht reagieren muss. Sie schwingen noch eine Weile nach, bevor sie im Rauschen der Autobahn, im satten Dröhnen des Zwölfzylinders untergehen. Sie ist zweiundachtzig geworden.

Kurz vor Bremen fahren wir von der Autobahn. Mein Bruder steuert sicher durch die Vororte, er kennt sich noch sehr gut aus. Er ist vier Jahre älter als ich und erinnert sich besser. Hier das Einkaufszentrum, sagt er, weißt du noch? Und da lang geht es zum Kohl-und-Pinkel-Essen. Ich versuche mir vorzustellen, was ich gesehen, was ich bemerkt hätte, wenn ich damals etwas älter gewesen wäre. Einmal im Jahr, an einem Samstagmittag im Januar, hat die Tante die ganze Familie in das {14}beste Restaurant von Bremen eingeladen. Es gab Braunkohl und fettige, körnige Würste, geeisten Schnaps. Ich erinnere mich an Holzbänke mit Auflagen, an dicke, teppichartige Tischdecken, an Kellnerinnen, die ungläubig fragten, ob ich das alles selbst gegessen hätte.

Wir fahren an einer Schule vorbei. Ich erkenne die rote Klinkerfassade, den weißen Zaun, den Sportplatz mit der kleinen, aus sechs aufsteigenden Bankreihen bestehenden Tribüne. Offenbar lagern die Bilder noch in meinem Gehirn, irgendwo. Ich erinnere mich, dass auf dem Schulhof Kinder spielten, wenn wir am Anfang des Sommers zu Besuch kamen. Ihre Ferien begannen später. Sie müssen mir sehr fremd vorgekommen sein, als lebten sie in einem anderen Land, in einer anderen Zeitzone. Wer waren diese Kinder hinter dem Zaun? Sprachen sie überhaupt meine Sprache?

Während im Radio die Windgeschwindigkeiten an Nord- und Ostsee verlesen werden, biegen wir in die Siedlung ein. Sie besteht aus weißen Bungalows, die sich hinter silbrig flimmernden Büschen und hohen Hecken wegducken. Ein Junge auf einem BMX-Rad kommt uns entgegen, erst im letzten Moment weicht er lässig, einhändig aus. Die Einfahrt steht offen. Stefan fährt über wacklige Platten bis kurz vor das Garagentor, das eine Delle hat. Tante Anna hat damals gleich ihren Wagen verkauft, sie ist nach dem Unfall überhaupt nicht mehr gefahren. Dabei hatte sie nur die falschen Schuhe an, die Kupplung ist ihr unter den glatten {15}Jackie-Kennedy-Pumps weggerutscht. Der Wagen muss mit einem einzigen Satz, wie eine Kröte, gegen das Garagentor gesprungen sein. Warum hat sie es nie ausbeulen und nur notdürftig streichen lassen? Das war eigentlich nicht ihre Art.

Im Eingang steht eine Frau mittleren Alters. Sie trägt eine viel zu große, rosa marmorierte Brille, über ihrem Arm hängt eine Pelzjacke, die sie an die Brust drückt, als hätte sie Angst, dass man sie ihr wegnehmen könnte. Sie wirkt angespannt, nervös, wer weiß, wie lange sie schon wartet. Wir steigen aus. Stefan spricht mit ihr. In hastigen, abgehackten Sätzen redet die Frau auf ihn ein. Ich zünde mir eine Zigarette an und sehe mich im Garten um. Als das Haus fertig gebaut war, hat meine Großtante eine Schaukel installieren lassen, dabei waren wir nur ein oder zwei Wochen im Jahr zu Besuch. Die restlichen fünfzig Wochen war die Schaukel sichtbares Zeichen dafür, dass in diesem Haus etwas fehlte.

Die Frau reicht Stefan einen Schlüsselbund und einen Zettel mit ihrer Telefonnummer. Hast du mal dreißig Mark?, fragt mein Bruder. Sie nimmt das Geld, das Tante Anna ihr schuldet, bedankt sich mit einem kurzen Nicken und geht die Einfahrt hinunter. Sie hat hier immer geputzt, sagt mein Bruder, manchmal hat sie Rommé mit der Tante gespielt. Sie war es, die den Krankenwagen gerufen hat. Das Fräulein Meyer, sagt Stefan, erst hat sie sie Fräulein Meyer genannt, dann auf {16}einmal Ihre Tante Änne. Ich glaube nicht, dass ihr die Tante die Pelzjacke wirklich vermacht hat.

Tante Anna scheint kaum etwas verändert zu haben. Beinahe zwanzig Jahre ist es her, seit ich zum letzten Mal hier war. Vor dem Schlafzimmer steht eine Gehhilfe. Der Durchgang zur Küche, eine scheckig-dunkelrote Falttür, ist geschlossen. Die Gebläseheizung rauscht leise. Ich finde den Lichtschalter nicht. Ich taste mich ins Wohnzimmer vor und ziehe einen Vorhang auf. Es bleibt schummrig, die Büsche vor der Terrasse sind lange nicht beschnitten worden. Schwere, tatsächlich unverrückbar schwere Sessel mit geklöppelten Schonern, die Armlehnen breit genug, um große Kristallaschenbecher darauf abzustellen. Wenn ich solche Sessel sehe, muss ich immer an Deng Xiaoping denken.

Oft haben wir hier gesehen und auf der in einem glänzenden, lackierten Kirschholzschrank untergebrachten Phonoanlage 78er-Schallplatten gehört, die mit einem Klacken von der Stange des {17}Wechslers fielen. Tante Anna häkelte bunte Acryldecken, die niemand haben wollte, weil sie im Winter nicht wärmten. Es roch nach Hühnersuppe mit Eierstich, nach Rauch und Teppichreiniger. Der Fernseher lief ohne Unterbrechung. Wenn im Sommer die Terrassentür offen stand und ein leichter, kühlender Luftzug hereinkam, bimmelte über dem Esstisch der Lampion, den sie aus Hongkong mitgebracht hatte.

Auf den Beeten, an Büsche und Bäume gehäufelt, lag frischer, duftender Torf, der in der Umgebung gestochen wurde. Aus den Erzählungen der Tante wusste ich, dass gleich hinter der Schule, gleich hinter den Grenzen der Stadt, ein geheimnisvolles Land lag, das von Torfstechern und Moorleichen bevölkert war. Dort draußen, ergänzte mein junges Hirn, wimmelte es von ewig rastlosen Untoten, von Deichgrafen, von verwilderten Wieder- und Doppelgängern. Draußen vor der Stadt legten die Torfstecher die Skelette ganzer Sträflingskompanien frei und die kleinen Körper unerwünschter Kinder, die Leichen der Missgeburten, der Bastarde und der Mongoloiden.

Im Wohnzimmer, in der Diele hängen an den altweißen Wänden passepartoutgerahmte, teilweise goldumrandete Fotos von Betriebsversammlungen und Firmenjubiläen, auf denen mal allein, mal im größeren Kreis mit dem Vorstandsvorsitzenden {18}der Brinkmann AG zu sehen ist. Auf dem Fernseher, einem Grundig, stehen mehrere Fotos meiner Mutter. Ich trete auf das Gitter der in den Boden eingelassenen Gebläseheizung und lausche dem eigentümlichen, lang nachklingenden Rasseln, und mir fallen all die Legosteine, Murmeln und Würfel ein, die ich in dem Schacht verloren habe. Stefan steht im Schlafzimmer vor dem Sekretär, er hat Schubladen herausgezogen, Papiere hervorgekramt. Er hat die Linke in die Tasche gesteckt und blättert lässig einen kleinen Stapel Kontoauszüge und Korrespondenz durch, er steht da, als wollte er nach einem langen Arbeitstag nur schnell einen Blick auf die Post werfen. Er sucht eine Verfügung, Anweisungen wegen der Beerdigung, erklärt er. Hat sie nicht sogar schon ein Grab gekauft, einen Sarg ausgewählt und den passenden Blumenschmuck? Wenn wir nichts finden, meint er, machen wir eine Feuerbestattung. Was hältst du davon? Von mir aus, sage ich. Stefan ascht, als wollte er die Entscheidung auf diese Weise besiegeln, in einen Zinnteller mit dem Roland von Bremen.

Sie besaß nicht einmal ein Adressbuch. Sie hatte eine Schwester, unsere Oma, mit der sie jahrzehntelang nur über einen Anwalt korrespondierte, und drei Schulfreundinnen, die einmal in der Woche zum Canasta vorbeikamen und ihre Großzügigkeit ausnutzten. Die Damen kamen mit dem Bus aus der Bremer Innenstadt, tranken den guten Schnaps der Tante, aßen ihren selbstgebackenen Kirschkuchen, spielten ein paar Run{19}den und verschwanden wieder. Mit einer, sie hieß Elke und war ebenfalls unverheiratet, hat die Tante 1975 oder 1976, kurz nach ihrer Pensionierung, eine Gastager Weltreise gemacht. Sie hat die Super-8-Rollen von unterwegs an meinen Vater geschickt, der sie an Kodak weiterschickte, wo sie entwickelt wurden....


Hens, Gregor
Gregor Hens, geboren 1965 in Köln, lehrte zwei Jahrzehnte lang an verschiedenen amerikanischen Universitäten, zuletzt an der Ohio State University. Seit 2013 lebt er als freier Autor in Berlin. Er hat zahlreiche Romane übersetzt, unter anderem von Leonard Cohen, Rawi Hage, Marlon Brando und Will Self.

Gregor HensGregor Hens, geboren 1965 in Köln, lehrte zwei Jahrzehnte lang an verschiedenen amerikanischen Universitäten, zuletzt an der Ohio State University. Seit 2013 lebt er als freier Autor in Berlin. Er hat zahlreiche Romane übersetzt, unter anderem von Leonard Cohen, Rawi Hage, Marlon Brando und Will Self.



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