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E-Book, Deutsch, Band 2859, 134 Seiten

Reihe: Beck Paperback

Herbert Das Dritte Reich

Geschichte einer Diktatur
2. Auflage 2016
ISBN: 978-3-406-69779-1
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Geschichte einer Diktatur

E-Book, Deutsch, Band 2859, 134 Seiten

Reihe: Beck Paperback

ISBN: 978-3-406-69779-1
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieser Band bietet eine knappe Gesamtdarstellung des Dritten Reiches auf dem neuesten Forschungsstand. Nach einer Analyse der Faktoren, die den Aufstieg des Nationalsozialismus und die Etablierung der Diktatur ermöglicht haben, ist der größere Teil des Buches den Jahren von 1939 bis 1945 gewidmet, in denen sich die deutsche Geschichte in eine europäische und welthistorische Dimension ausweitet. Klar und prägnant im Urteil informiert der Band über Hitlers Krieg gegen die Sowjetunion, die deutsche Besatzungsherrschaft in Europa und die Ermordung der europäischen Juden.



Ulrich Herbert ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Er ist u.a. Herausgeber der Reihe "Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert", in der auch sein großes Werk "Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert" erschienen ist, das 2014 mit dem Bayerischen Buchpreis in der Kategorie "Sachbuch" ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschien von ihm bei C.H.Beck: "Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft. 1903–1989" (2016).

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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


1;Cover;3
2;Titel;3
3;Zum Buch;2
4;Über den Autor;2
5;Impressum;4
6;Inhalt;5
7;Vorwort;7
8;Erster Teil;9
8.1;Kaiserreich und Drittes Reich;9
8.2;Nachkriegsjahre;20
8.3;Die Rechte in Weimar;25
9;Zweiter Teil;32
9.1;«Machtergreifung»;32
9.2;Verfolgung;37
9.3;Wirtschaft und Gesellschaft;43
9.4;Expansion;50
9.5;Novemberpogrome;56
9.6;Kriegskurs;59
10;Dritter Teil;62
10.1;Erste Kriegsphase 1939–1941;62
10.2;Explosion der Gewalt;68
10.3;Barbarossa;77
10.4;Vernichtungspolitik;85
10.5;Krieg und Besatzung;96
10.6;Volksgemeinschaft im Krieg;105
10.7;Widerstand;116
10.8;Das Ende;119
10.9;Schluss;122
11;Zitatnachweise;126
12;Literaturhinweise;131


Kaiserreich und Drittes Reich


Wie konnte es zur Machtübernahme des Nationalsozialismus in Deutschland kommen? Das ist keine Frage nur von Historikern. Sie wurde auch schon von den Zeitgenossen gestellt, von den Protagonisten selbst wie von auswärtigen Beobachtern. Lange Zeit dominierte dabei die Überzeugung, dass die Herrschaft der Nazis auf länger zurückliegende Fehlentwicklungen in der deutschen Geschichte zurückzuführen sei, auf einen deutschen «Sonderweg», der bis ins 18. Jahrhundert oder sogar noch weiter zurückreiche. Der Gedanke, dass die Entwicklung des deutschen «Untertanengeists» bis zu Friedrich dem Großen oder womöglich gar zu Martin Luther zurückzuverfolgen sei, erwies sich bald als wenig substantiell. Hingegen schien die These, dass sich im Verlaufe des 19. Jahrhunderts in Deutschland problematische Strukturen herausgebildet hätten, die die Etablierung der NS-Diktatur nach 1933 begünstigt hätten, plausibler zu sein. Sie ging, kurz gesagt, davon aus, dass Nationalstaat und Industrialisierung in Deutschland aufgrund der historisch bedingten Kleinstaaterei nur mit gehöriger Verspätung entstehen konnten. Das deutsche Bürgertum habe deshalb ein liberales, demokratisches Selbstbewusstsein nicht oder nur in Ansätzen entwickeln können. So sei auch die liberale Nationalbewegung mit der Revolution von 1848/49 gescheitert, am Widerstand des Adels und des preußischen Königs vor allem. In der Folge sei mit der von oben vollzogenen Reichsgründung 1871 ein halbfeudaler Obrigkeitsstaat entstanden, mit dem sich das Bürgertum, auch aus Angst vor der aufstrebenden Arbeiterbewegung, rasch arrangiert habe. Der übermächtige Einfluss der alten, vorindustriellen Eliten in der Großlandwirtschaft, dem Militär und der Ministerialverwaltung habe eine Demokratisierung und Parlamentarisierung Deutschlands verhindert, zugleich sei der Nationalismus zu einem immer wichtiger werdenden Bindemittel der Massen geworden. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg habe sich deshalb die Demokratie in der Weimarer Republik nur auf einen rasch schwindenden Teil der Bevölkerung stützen können und sei schließlich vom Bündnis der alten Eliten mit der nationalistischen Massenbewegung zerstört worden.

Einige Aspekte dieser Interpretationsrichtung sind nach wie vor einleuchtend, im Ganzen wurde sie aber vor allem durch zwei Argumente entkräftet: Zum einen setzte der Begriff «Sonderweg» eine Norm voraus, von der abgewichen wird – in diesem Fall die Abweichung Deutschlands von der Entwicklung der großen westlichen Demokratien. Jedoch entsprachen weder die Zustände in Frankreich noch die in Großbritannien einer solchen Norm der «Westlichkeit» – sei es in Bezug auf das Wahlrecht, die massiven sozialen Widersprüche oder, im Falle Frankreichs, die tiefen Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern der Republik um die Jahrhundertwende. Und ganz zu schweigen wäre hier von der Kolonialpolitik der europäischen Staaten, die einem wertbezogenen Begriff von «Westlichkeit» vollständig widerspricht.

Zum anderen wirkte das von der Sonderwegstheorie gezeichnete Bild vom Deutschen Kaiserreich verzerrt und einseitig. Denn den nicht zu übersehenden Defiziten des politischen Systems, etwa bei der Parlamentarisierung, standen bemerkenswerte Fortschritte gegenüber, wie sie in anderen Ländern erst viel später erreicht wurden – das allgemeine Männerwahlrecht etwa, die ausgeprägte Rechtsstaatlichkeit oder die Sozialpolitik, bei der Deutschland weltweit Vorreiter war. Auch hatte die extreme Rechte in Deutschland vor 1914 keineswegs einen bestimmenden Einfluss. Und bedenkt man, dass sich die demokratischen Parteien in Deutschland bis 1930 immer auf eine klare Mehrheit hatten stützen können, so war das Scheitern der Weimarer Republik ja offenbar auch nicht unvermeidlich: Selbst im Frühjahr 1933 stimmte noch mehr als die Hälfte der Bevölkerung gegen die Nationalsozialisten.

Nun sind aber Kontinuitäten zwischen Kaiserreich und NS-Regime nicht zu bestreiten, doch liegen sie offenbar komplizierter, als es das simple Modell des «Sonderwegs» suggeriert, welches das wilhelminische Deutschland als vorgestrig, im Grunde gescheitert ansah. Denn ohne Zweifel war das Deutsche Reich in den 30 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg neben den USA der erfolgreichste Staat der Welt: wirtschaftlich, wissenschaftlich und auch kulturell. Ein historisch unvergleichlicher, über mehr als zwanzig Jahre fast ungebremster wirtschaftlicher Aufschwung verwandelte Deutschland in diesen Jahren innerhalb einer Generation von einem Agrar- in einen Industriestaat. Die Entstehung der großen Industrieanlagen ging einher mit dem rapiden Wachstum der Städte, mit der Durchsetzung der modernen technischen Errungenschaften vom Telefon bis zum Automobil und dem Aufbau eines Schul- und Universitätssystems, das weltweit zum Vorbild wurde.

So definierte das Deutsche Kaiserreich bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts hinein die Norm von Prosperität und Erfolg eines deutschen Gemeinwesens, und niemand anderes als der Historiker Hans-Ulrich Wehler, einer der markantesten Vertreter der Sonderwegsthese, bestätigte dem Kaiserreich «ein hohes Maß an Rechtssicherheit, politische Teilhaberechte wie nur wenige westliche Staaten, sozialpolitische Leistungen wie sonst nur Österreich und die Schweiz, Freiräume für entschiedene Kritik, Erfolgserlebnisse für die Opposition, Meinungsfreiheit mit seltenen Zensureingriffen, Bildungschancen, Aufstiegsmobilität, Wohlstandsanstieg» und «erfahrbar verbesserte Lebens- und Partizipationschancen».

Diese gewaltigen Fortschritte waren allerdings verbunden mit spektakulären und sehr rasch sich vollziehenden Wandlungsprozessen in der Kultur, der Gesellschaft, der Technik und der Wirtschaft, die für die meisten Menschen innerhalb kurzer Zeit enorme Veränderungen ihrer Lebensumstände mit sich brachten. Ein Großteil der Bevölkerung wanderte aus den ländlichen Regionen in die neuen städtisch-industriellen Zentren, sodass sich auch das soziale Profil der deutschen Gesellschaft tiefgreifend veränderte. Nicht mehr Adel, Geistlichkeit und «Bürgerstand» waren hier kennzeichnend, sondern die durch ihre Stellung in der kapitalistischen Marktgesellschaft definierten Klassen: Bürgertum, Handwerker, Angestellte und Industriearbeiter. Zugleich wuchsen die Unterschiede zwischen Arm und Reich – nicht so massiv wie in Großbritannien, aber doch so stark, dass die Angst vor der «sozialen Zerreißung des Volkes» durch den modernen Kapitalismus zu einem der bestimmenden Themen dieser Jahre wurde.

Zweifellos waren solche Entwicklungen nicht auf Deutschland beschränkt, sondern (in verschiedenen Abstufungen) in den meisten Ländern West- und Nordeuropas zu beobachten. Der wichtigste Unterschied bestand aber in der außerordentlichen Geschwindigkeit der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Veränderungen in diesen Jahrzehnten. Sie vor allem verlieh dem hier geschilderten Prozess jene spektakuläre Dramatik, welche schon die Zeitgenossen beeindruckte und die Entwicklung in Deutschland von derjenigen in anderen Ländern unterschied. In Großbritannien hatte sich der Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft über siebzig oder achtzig Jahre hin erstreckt. In Frankreich blieb die beschleunigte Modernisierung ähnlich wie in Italien noch bis in die 1950er Jahre auf wenige industrielle Inseln begrenzt. In Deutschland hingegen konzentrierte sich der Wandlungsprozess auf die 25 Jahre vor dem Ersten Weltkrieg. Entsprechend waren hier die Reibungsflächen zwischen traditionalen und modernen Orientierungen größer, die Konfliktpotentiale vielfältiger und die Veränderungserfahrungen intensiver.

Diese Erfahrungen des Verlusts der herkömmlichen Lebensumstände bezogen sich etwa auf den Rückgang der religiösen Bindungen, auf den Aufstieg der Arbeiterbewegung, auf die Veränderungen bei den Geschlechterrollen und dem Verhältnis der Generationen zueinander. Um die Jahrhundertwende verdichteten sie sich in Abwehr und Ängsten und weiteten sich vor allem im Bürgertum zu einer manifesten Orientierungskrise aus. Die Opposition gegen Materialismus und die Macht des Geldes, gegen den «kalten» Intellekt, gegen Entfremdung und Vermassung...


Ulrich Herbert ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Er ist u.a. Herausgeber der Reihe "Europäische Geschichte im 20. Jahrhundert", in der auch sein großes Werk "Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert" erschienen ist, das 2014 mit dem Bayerischen Buchpreis in der Kategorie "Sachbuch" ausgezeichnet wurde. Zuletzt erschien von ihm bei C.H.Beck: "Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft. 1903–1989" (2016).



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