Herbst | Die Spiegelspringer | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Baumhaus

Herbst Die Spiegelspringer

Im Bann der Geschichten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7517-1581-2
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Im Bann der Geschichten

E-Book, Deutsch, 288 Seiten

Reihe: Baumhaus

ISBN: 978-3-7517-1581-2
Verlag: Baumhaus
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Unter ihren Schuhsohlen knirschten die Scherben, und schon von der Tür aus sah Galina, dass sich hier ein erstaunlich riesiger Saal befand, mit den schönsten und prächtigsten Spiegeln, die sie jemals gesehen hatte.«

Wie jedes Jahr verbringen die 12-jährigen Zwillinge Galina und Domingo im Herbst eine Woche bei ihrer strengen Tante Serafina. Öde ist das! Doch dann entdeckt Domingo in der alten Nachbarsvilla einen zerbrochenen Spiegel - und davor einen geheimnisvollen goldenen Würfel. Als eine Katze auftaucht, die verdächtig nach der Grinsekatze aus Alice im Wunderland aussieht und ein Wolf im Nachthemd durch die Villa läuft, der schwer an Rotkäppchen erinnert, beginnen die Geschwister zu ahnen, dass das alte Haus eine geheime Welt verbirgt. Kann es sein, dass den Spiegeln dabei eine besondere Bedeutung zukommt?



Ein spannendes Kinderbuch über eine ganze Geschichten-Welt, die hinter den Spiegeln verborgen liegt.



Mona Herbst hat bereits Kinder- Jugendbücher und auch belletristische Romane veröffentlicht. Die beiden Bücher rund um Cassandra Carper waren ihr Kinderbuchdebüt bei Boje. Mit ihrer Familie, Pferden und Hunden wohnt sie auf dem bayrischen Land, wo sie ihre Liebe für dicke Bücher und wunderbare Geschichten ungestört ausleben kann.
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An dem Tag, an dem Mrs Merlowski die zweite Katze in einer Woche zulief, lernte Galina, dass nichts einfach so passiert. Für alles gibt es einen Grund.

Seit Galina und ihr Bruder Domingo bei Tante Serafina wohnten, und das waren nun schon genau viereinhalb Tage, verbrachte Galina den Nachmittag im Garten. Der Garten war nicht groß. Es gab eine kleine, verwilderte Rasenfläche, auf der im Sommer Klee und Disteln blühten. Dazu einen alten Sandkasten, in dem Galina und Domingo früher gespielt hatten, und einen ausladenden Kirschbaum, in dessen Zweige ein Baumhaus gebaut war. Wenn man es so nennen konnte. Eigentlich war das Baumhaus nur eine Plattform aus Brettern mit maroden Seitenwänden und einem Stück Segeltuch darüber.

Galina liebte das Baumhaus mit derselben Kraft, mit der sie Tante Serafina hasste. Jeden Tag, nachdem sie und Domingo ihren Privatunterricht in Tante Serafinas Wohnzimmer abgesessen hatten, verschwand Domingo, um durch fremde Gärten zu streunen. Galina kletterte dann mit einem Buch und einer Decke in das alte Baumhaus. Domingo nannte sie, weil sie nicht mitkam, Feigling. Galina nannte sich selbst deswegen vernünftig. Manchmal klug und manchmal, was etwas seltener vorkam, Langweilerin.

An dem Tag mit der zweiten Katze hatten Domingo und Galina am Morgen gestritten, weil Domingo sagte, er würde es keinen Tag länger bei Tante Serafina aushalten. Und Galina hatte entgegnet: »Bald kommen Mum und Dad zurück, so wie immer. Stell dich nicht so an.«

Daraufhin hatte Domingo einen Wutanfall bekommen, was oft vorkam.

Es war die Woche vor dem 31. Oktober, die Woche vor Halloween. Diese Zeit im Jahr verbrachten sie immer – solange sie denken konnten – bei Tante Serafina. Daran war nicht zu rütteln.

Und nun saß Galina in ihrem Baumhaus über dem verwilderten Garten, mit einem Buch auf den Knien, das sie heute jedoch nicht einmal aufklappte. Sie ließ ihren Blick über den Garten schweifen und entdeckte Mrs Merlowski im Nachbargarten. Die ältere Dame schlenderte zwischen ihren Beeten umher und zupfte welke Blätter von den Rosensträuchern. Als sie zupfend und schlendernd den Gartenzaun erreicht hatte, legte Mrs Merlowski den Kopf in den Nacken und spähte zu Galina hinauf.

»Na, fleißig am Lesen?«, fragte sie.

Galina rutschte bis zur Kante der Plattform. »Nein. Ich denke nach«, sagte sie.

»Das ist gut«, erwiderte Mrs Merlowski und nickte. »Nachdenken ist eine sinnvolle Sache. Ich selbst denke den ganzen Tag über die unterschiedlichsten Dinge nach.«

»Worüber denn, Mrs Merlowski?«, wollte Galina von der Nachbarin wissen.

»Heute habe ich darüber nachgedacht, ob es möglich ist, einen Sandkuchen zu backen, der tatsächlich nach Sand schmeckt und trotzdem lecker ist.«

»Hmmm«, machte Galina.

»Und ich habe über die Katzen nachgedacht«, fügte Mrs Merlowski hinzu.

Sie trug eine grüne, viel zu große Latzhose, in der jede Menge Gartengerätschaften verschwinden konnten. In die Taschen dieser Hose stopfte sie nun ihre Hände. Es sah aus, als hätte sie in jeder Tasche ein Karnickel.

»Über die Katze«, verbesserte Galina, doch Mrs Merlowski schüttelte den Kopf.

»Nein, nein«, sagte sie. »Seit heute Morgen sind es
zwei.«

»Wo ist sie hergekommen, diese zweite Katze?« Galina lehnte sich so weit nach vorne, dass sie kurz Angst bekam, kopfüber aus dem Baumhaus zu fallen.

Mrs Merlowski wiegte nachdenklich den Kopf. »Ich kann es natürlich nicht sicher sagen. Aber meine Vermutung ist, dass die Katzen von da drüben kommen.« Sie zog eine Hand aus der Hosentasche und deutete auf die andere Seite von Tante Serafinas Garten. »Sie kommen aus der Villa.«

»Aus der Villa?«, wiederholte Galina ungläubig. Mrs Merlowski nickte.

Genau auf der anderen Seite von Tante Serafinas Garten befand sich ein weitläufiges Grundstück. Der Rasen war gepflegt und die Hecken geschnitten. Manche hatten die Form von Kugeln oder Tieren. Es gab Rosenbeete und riesige Oleander, die im Sommer einen intensiven Duft verströmten. Im Gegensatz dazu sah das Haus halb verfallen aus. Es versteckte sich hinter einigen Essigbäumen, wie ein geducktes Tier. Galina hatte sich oft vorgestellt, wie das Haus früher ausgesehen haben mochte, mit den verschnörkelten Türmchen, den kleinen Balkonen, über die Kletterrosen rankten, und den Außentreppen, die sich um das Haus wanden.

»Haben Sie Madame Laurent nach den Katzen gefragt?«, wollte Galina wissen.

Madame Laurent wohnte in der Villa. Doch Galina hatte sie bis jetzt erst zwei oder drei Mal gesehen. Sie verließ so gut wie nie das Haus.

Mrs Merlowski schnaubte unwillig. »Nein, das habe ich natürlich nicht!«

Galinas Mutter hatte erzählt, dass Tante Serafina, Mrs Merlowski und Madame Laurent einmal gute Freundinnen gewesen waren. Aber das war lange her, ein böser Streit hatte sie auseinandergebracht, und seither hatten sie kein einziges Wort mehr miteinander gewechselt. Obwohl sie Nachbarinnen waren.

»Ich würde keinen Fuß mehr in Madame Laurents Garten setzen«, sagte Mrs Merlowski düster. »Und ganz ehrlich, Kindchen, das solltest du auch nicht!«, fügte sie nach einer kleinen Pause hinzu.

»Kann ich die Katzen sehen?« Galina setzte sich auf und ließ ihre Füße über die Kante baumeln.

»Das ist keine so gute Idee. Sie sind sehr scheu. Die eine habe ich ins obere Stockwerk gesperrt und die andere ins untere. Sie können sich nicht leiden. Sind sich spinnefeind.«

»Wie sehen sie denn aus?«, fragte Galina.

Mrs Merlowski kam noch einen Schritt näher an den Zaun und senkte ihre Stimme.

»Nun«, begann sie zögernd, »das ist ja das Seltsame. Die erste Katze, du hältst mich wahrscheinlich für verrückt, die erste Katze sieht aus wie der gestiefelte Kater.«

»Sie meinen, sie trägt Stiefel?«, hakte Galina nach.

Mrs Merlowski kratzte sich am Hinterkopf. Ihre Hand versank in einer Wolke aus stahlgrauen kleinen Löckchen. »So kann man es sagen.«

Galina versuchte ein Gesicht zu machen, als würde sie Mrs Merlowski nicht für verrückt halten. Es gelang ihr nicht.

»Du hältst mich doch für verrückt«, sagte Mrs Merlowski prompt.

»Oh nein!« Galina ließ sich vom Baumhaus plumpsen und landete direkt vor Mrs Merlowski auf den Knien. Sie rappelte sich auf und klopfte sich Erde und Laub von der Hose. »Oh nein. Es ist nur ungewöhnlich.«

»Das kann man wohl sagen.« Mrs Merlowski seufzte und machte ein bekümmertes Gesicht.

»Und die zweite Katze?«, fragte Galina gespannt. Insgeheim freute sie sich, dass sie nun auch etwas zu erzählen hatte, wenn Domingo nach Hause kam.

»Ja, die zweite Katze, die kam heute frühmorgens«, sagte die Nachbarin ausweichend. »Kratzte einfach an meiner Küchentür.«

»Wie sieht sie aus?«

»Gestreift«, sagte Mrs Merlowski.

»Sie meinen getigert«, verbesserte Galina sie.

»Wenn ich sage gestreift, dann meine ich auch gestreift. Ich habe in der Literatur nachgesehen …«

»Sie haben Katzenbücher?«

»Keine Katzenbücher! Ich sagte, Literatur! Und ich denke, ich weiß, wer sie ist!«

»Und? Wer ist sie?«

Mrs Merlowski holte tief Luft und schien mit sich zu ringen. Gerade als sie den Mund aufmachte, um zu antworten, hörte man die Sirene eines Krankenwagens näher kommen. Sie drehten sich beide um und sahen den hohen Kastenwagen in die Straße einbiegen. Statt an ihnen vorbeizufahren, hielt er mit quietschenden Bremsen direkt bei ihnen. Erschrocken sah das Mädchen dem Mann mit dem dunklen, gewellten Haar in die Augen. Er ließ die Fensterscheibe herunter und beugte sich ein wenig in ihre Richtung.

»Madame Laurent?«, fragte der Mann.

»Merlowski«, schnarrte Mrs Merlowski. »Madame Laurent wohnt dort.« Sie machte mit dem Kinn eine Bewegung Richtung Villa, und der Mann stieg aus dem Rettungswagen. Er trug die grüne Uniform eines Sanitäters und ging mit kurzen eiligen Schritten auf das Haus zu. Ihm folgte eine sehr blonde Frau mit einem riesigen Koffer. Er war so riesig, dass Galina überlegte, ob darin noch ein Mensch saß.

»Du glaubst es nicht«, murmelte Mrs Merlowski. Sie zog ein Stofftaschentuch aus ihrer Latzhose und schnäuzte lautstark hinein.

»Was?«, fragte Galina.

»Wie bitte«, mahnte Mrs Merlowski. »Das heißt: wie bitte.«

»Wie bitte?«, antwortete Galina folgsam. Noch immer hatte sie die Augen auf die Essigbäume gerichtet und versuchte, einen Blick auf die Eingangstür zu erhaschen. Die Sanitäter waren im Haus verschwunden. Man sah und hörte nichts.

»Am besten gehst du rein«, sagte Mrs Merlowski. »Du willst doch nicht, dass die Leute dich für neugierig halten.«

Galina nickte wieder folgsam und fragte sich, wieso Mrs Merlowski stehen blieb. Als hätte sie alle Zeit der Welt und wäre furchtbar neugierig.

»Außerdem dämmert es schon«, erklärte Mrs Merlowski. »Für mich als Kind war das immer das Zeichen, dass ich nach Hause musste.«

Diese Regel gab es bei Tante Serafina glücklicherweise nicht! Galina hörte das Krächzen eines Raben und hob den Blick gen Himmel. Zwei schwarze Silhouetten segelten dort oben wie Fische, die in einem grauen Meer schwimmen. Tatsächlich neigte sich der Tag dem Ende entgegen. Nasskalter Nebel schlich sich zwischen die Essigbäume und umarmte die Baumstämme. Die schwarzen Schatten glitten sanft über die Häuserwände. Galinas Blick schweifte wieder zurück zur Fassade der heruntergekommenen Villa. Je dunkler es wurde, desto gespenstischer...



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