Herbst | Krebs, Angst und andere Monster | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

Herbst Krebs, Angst und andere Monster

Wohin, wenn du dir selbst davonlaufen willst
2. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-8893-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wohin, wenn du dir selbst davonlaufen willst

E-Book, Deutsch, 250 Seiten

ISBN: 978-3-6957-8893-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine Krebsdiagnose wird häufig von vielen Herausforderungen begleitet. Eine davon ist die unvorstellbare Angst, die in uns ausgelöst wird. Auch mir begegnete dieser unheilbringende Gegner im Jahr 2020. Ich war zu diesem Zeitpunkt (erst) 36 Jahre alt und erhielt eine Krebsdiagnose mit einer acht bis zwölf Wochen Prognose. Ich hatte Angst vor dem Sterben, Angst vor Leid und Schmerz, Angst vor einer Behandlung, die ich nicht aushalten würde und Angst, dass mir nur noch mein bisheriges Leben blieb, welches eher ungel(i)ebt als wirklich erfüllt war. Dies ist nun (im Jahr 2025) fünf Jahre her. Heute erfreue ich mich bester Gesundheit. Stand ursprünglich die Aufrechterhaltung meiner Lebensqualität im Vordergrund, so lernte ich, was möglich ist, wenn wir nur die richtigen Dinge im Leben loslassen. In diesem Buch nehme ich sie mit auf meine ganz persönliche Reise zwischen Diagnose, Enttäuschung, Selbstzweifel, Entscheidungen und Eigenverantwortung.

Daniela Herbst ist 1983 in Köln geboren. Sie ist in Köln aufgewachsen, hat eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellte gemacht, um kurz danach Fahrlehrerin im Familienbetrieb zu werden. Mittlerweile arbeitet sie im Familienbetrieb nur noch im Hintergrund und ist nebenbei Autorin. Diese einschneidenden Lebensveränderungen hat ihre Krebsdiagnose mit sich gebracht. Heute ist sie wieder vollkommen gesund und hofft, mit ihren Werken anderen ein klein wenig Mut machen zu können.
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APRIL


(K)Ein 2020 Ende in Sicht?

Es war Mitte April im Jahr 2020 - nach einer unfassbar langen Zeit des Leidens - fand ich zum ersten Mal eine Ärztin, die meine Schmerzen und Symptome ernst nahm. Sie erkannte, dass meine Gebärmutter stark vergrößert war. Ich hatte mittlerweile sehr schlechte Blutwerte, was ein weiteres Indiz dafür war, dass mit mir etwas nicht stimmen konnte.

Besonders im Hinblick darauf, dass selbst „gute Blutwerte“ ja lediglich aussagen, dass wir überleben. Sie sagen nichts darüber aus, wie gut oder gar hervorragend wir leben. Nur, dass wir überleben!

Ich sollte mich, sofern meine Familienplanung abgeschlossen war, damit beschäftigen, mich einer Gebärmutterentfernung zu unterziehen. Mir bereitete der Gedanke, ohne Gebärmutter mein Leben zu verbringen, keine Schwierigkeiten. Ich wollte nur noch, dass dieser Zustand endlich aufhört. Aus Interesse meldete ich mich in einer Gruppe an, die aus Frauen bestand, denen die Gebärmutter bereits entfernt worden war. Sie bemühten sich um Aufklärung. Dort wurde sehr detailliert über Nach- und Nebenwirkungen berichtet. Ich setzte mich intensiv damit auseinander, dass nach der Entfernung mein Leben (als Frau gesprochen) anders aussehen würde.

Es war zum damaligen Zeitpunkt gar nicht so einfach für eine solche Operation vorstellig zu werden und so riet sie, wenn möglich noch ein wenig zu warten. In der Zwischenzeit erhielt ich regelmäßige Eiseninfusionen, um den Mangel, den ich durch den Blutverlust erlitt, auszugleichen. Wirklich fitter wurde ich hierdurch allerdings nicht.

Zu jener Zeit hatten die meisten Kliniken aufgrund der Corona-Pandemie beschlossen, ihre Operationen auf ein Minimum zu reduzieren und nur Notfälle zu behandeln.

Ich fragte mich manchmal, wer denn eigentlich festlegt, was ein Notfall ist. Welche Parameter werden hierfür verwendet und welchen Spielraum haben diejenigen, die darüber entscheiden. Ich als Patientin hatte jedenfalls keine Möglichkeit, hier klar und deutlich weitere Untersuchungen einzufordern.

In den nächsten vierzehn Tagen änderte sich mein Gesundheitszustand drastisch und ich wurde erneut in der Arztpraxis vorstellig. Meine Gebärmutter war weiter gewachsen und ließ sich bei einem Ultraschall nicht mehr vollständig darstellen, zumindest nicht auf einem Bild.

Zudem hatte sich sehr viel freie Flüssigkeit in meinem Bauchraum angesammelt. Ich sah ein wenig so aus, als sei ich schwanger. Mein Zustand war mittlerweile sehr deutlich sichtbar. Meine Haut war fahl und blutleer, ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Die Ärztin rief sofort in einem Krankenhaus an, das auf Gebärmutterentfernungen spezialisiert war. Dort wurde ich zwei Stunden später als Notfall aufgenommen.

Ich war erleichtert , denn endlich hatten die Schmerzmittel, die Ungewissheit und hoffentlich auch alle anderen einschneidenden Symptome ein Ende. So dachte ich.

Ich wurde auch hier zunächst (aufgrund meines Alters, wie man mir später mitteilte) in diesem Krankenhaus nicht wirklich ernst genommen. Ich merkte an dem Blick der Ärztin, als ich den Grund für mein Erscheinen darlegte, was sie von mir hielt. Wer geht auch schon wegen seiner Periode zum Arzt? Wohl niemand außer mir - so fühlte ich mich jedenfalls!

Nachdem sie mich untersucht hatte, war sie schockiert über den Zustand meiner innenliegenden Geschlechtsorgane. Nun wurde ich endlich ernst genommen. Sie veranlasste alles Nötige, um eine Operation schon am nächsten Tag möglich zu machen.

Ab hier überschlugen sich die Ereignisse. Es folgte ein Gespräch über die Anästhesie zur Aufklärung und eine weitere Blutabnahme. Danach entschied ich mich bis zum nächsten Morgen noch mal nach Hause zu meiner Familie zu fahren.

Ich wollte zu meinem Mann und zu meinen Kindern. Ich wollte hemmungslos weinen und in den Arm genommen werden. Ich sehnte mich nach Wärme und Geborgenheit.

Ich hatte wahnsinnige Angst vor diesem Eingriff. Die Entfernung meiner Gebärmutter war aufgrund der Größe nur über einen großen Bauchschnitt möglich.

Bis zu diesem Zeitpunkt war ich noch nie operiert worden. Ich fürchtete mich vor Schmerzen und um ehrlich zu sein auch vor der Narkose.

Ich hatte mal einen Film gesehen, in dem jemand während einer Operation wach wurde. Er spürte und hörte alles, konnte sich aber nicht bewegen oder bemerkbar machen. Ich glaube, der Film hieß „Awake“.

Wenn ihnen keine OP bevorsteht, ist dieser Film wirklich lohnenswert, spannend und es erwartet sie ein überraschendes Ende.

An späterer Stelle werden sie sich vielleicht an diesen Absatz zurückerinnern, wenn es darum geht, von wem oder von was unsere Vorstellungen über gewisse Ereignisse konditioniert und geprägt werden.

Zudem bereiteten mir die Corona-Auflagen Bauchschmerzen, denn ich sollte am nächsten Morgen mutterseelenallein im Krankenhaus erscheinen.

Die Vorstellung, dass ich auch nach der OP keinen Besuch empfangen durfte, war schrecklich. Unmenschliche Zeiten waren das, welche kein Mensch erleben müssen sollte. Ich werde dieses Thema hier bewusst nicht weiter erörtern. Das Buch würde sonst eine andere Richtung einschlagen, als ursprünglich geplant war.

Ich zitterte wie Espenlaub und konnte mich kaum beruhigen. Ich erhielt glücklicherweise eine Beruhigungstablette, die relativ schnell und verlässlich wirkte. So wartete ich im Krankenhauszimmer darauf, für die Operation abgeholt zu werden. Als es so weit war und mir das Anästhetikum in die Venen gespritzt wurde, fühlte ich mich erlöst. Meine Augen ließen sich nicht länger offen halten und für einen ganz kleinen Augenblick, wirklich nur für eine Millisekunde war es mir völlig egal, wenn nicht sogar recht, wenn ich nicht wieder aufwachen würde.

Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich im Aufwachraum sehr unsanft geweckt wurde. Man riss mich förmlich aus dem Dämmerzustand. Man versuchte, mich zwanghaft wach zu halten und teilte mir mit, dass meine Gebärmutter nicht entfernt werden konnte. Man entdeckte bei Eröffnung des Bauchraumes seltsam aussehendes Gewebe, sodass eine Entfernung nicht möglich war.

Seltsames Gewebe? Ich wusste nicht so recht, was ich darunter verstehen sollte. Wenn es doch seltsam aussah und ich eh schon auf dem OP-Tisch lag, warum wurde es mir dann nicht einfach entfernt?

Ich war zu benommen, als dass ich mit dieser Information überhaupt etwas anzufangen wusste. Jedenfalls nicht bewusst. Unterbewusst nahm mein Verstand dennoch alles auf. Mein Puls und mein Blutdruck schossen in die Höhe und mir sprang beinahe mein Herz aus der Brust. Je weniger Luft ich bekam, desto mehr Panik stieg in mir auf.

Man redete auf mich ein, dass ich mich beruhigen müsse und gab mir blutdrucksenkende Mittel, die unglaublich schnell wirkten. Ich wollte nur noch schlafen, mir war alles egal. Ich hörte nur bla bla bla und gab mir keine besonders große Mühe mehr, weiterhin zuzuhören. Ich tat so, als hätte ich alles verstanden, damit man mich endlich in Ruhe und wieder schlafen ließ.

Das nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass mein Mann mich zwischendurch auf meinem Handy anrief. Das hatte eine Krankenschwester mir freundlicherweise bereitgelegt, als ich wieder auf dem Zimmer war. Ich teilte ihm die mir vorhandenen Informationen mit und schmiss danach mein Handy weg. Irgendwohin, sodass ich es nicht mehr erreichen konnte. Er rief daraufhin noch mal auf der Station an, weil ihn sehr verwunderte, was ich da von mir gab. Er dachte überwiegend daran, dass ich noch verwirrt von der Narkose sei . Die diensthabende Krankenschwester konnte ihm keine genaue Auskunft geben und versicherte ihm sich zu erkundigen. Ob die beiden sich noch mal verständigten, kann ich nicht genau sagen. Es gab einfach zu viele Ereignisse in kurzer Zeit.

Später, als ich etwas wacher war, kamen zwei der Ärzte, die mich operiert hatten, noch mal zu mir.

Sie erklärten mir ausführlich, warum die Operation nicht wie geplant durchgeführt werden konnte.

Sie redeten viel um den heißen Brei. Irgendwas von: Man wüsste nicht so richtig, sei sich nicht sicher und man müsste jetzt erst mal die Histologie abwarten. Sie hofften, dass es Lymphdrüsenkrebs sei.

Ich dachte da noch so bei mir: Ja ja, erzählt ihr mal. Ich ließ mir erklären, dass diese Krebsart wohl gut heilbar sei und dass das in meinem Alter (ich war wie gesagt zu dem Zeitpunkt 36 Jahre alt) am wahrscheinlichsten sei.

Es war schon seltsam; einerseits war ich so überzeugt davon, dass das, was dort in mir vorging, auf jeden Fall etwas Tödliches sein musste, hielt eine Krebserkrankung aber für absolut ausgeschlossen. Dies erklärt vielleicht, warum ich derart genervt von deren Gerede über dieses Krankheitsbild war.

Als sie mein Zimmer verließen, schlief ich trotz dieser Erklärungen zufrieden ein. Dass dies das letzte Mal gewesen war, wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht.

Am nächsten Tag lagen die ersten Ergebnisse vor. Es hieß, dass Lymphdrüsenkrebs ausgeschlossen werden konnte.

Man HOFFTE nun, es sei...



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