Herget | Der Häuptling ist einer, der Honig schätzt | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Herget Der Häuptling ist einer, der Honig schätzt


1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6957-6916-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-6957-6916-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Flucht in die Fantasie-Welt des Karl May verspricht keine Erlösung, sie eröffnet dem zahlenden Festspiel-Publikum nur gespenstische Reservate. Frida, Arne und Jonas sind unzuverlässige Zeugen, aber verlässliche Erfinder ihrer Freizeit. Den Kindertraum als Endlosschleife im Herzen, postulieren sie Blutsbrüderschaften in stereotyper Pflichtschuldigkeit - so macht sich "Der Häuptling ist einer, der Honig schätzt" als Satire über die Unbehaustheit des modernen Menschen her. In der psychologischen Druckkammer einer geisterhaften Wildwest-Retorte - abseits aller Debatten über Redfacing und kulturelle Aneignung - darf er als tapferer Stammeskrieger und schurkischer Revolverheld letztmals Edelmut beweisen. Doch bei der Suche nach Selbstoptimierung und permanenter Zerstreuung schmilzt seine Welt zu einem Ort voller Trauer und schrillem Witz. "Nur das Auge gibt dem Körper Licht", das zweite Stück in diesem Band, spiegelt die Reflexe einer verlorenen Generation in Zeiten pandemischer Unsicherheit wider. Nachdem das tückische Antilopenvirus das Land im Würgegriff hat, werden die unendlichen Gräberfelder einer Friedhofsmaschine zu Resonanzräumen und Projektionsflächen einer fragmentierten Gesellschaft, die auf ein Drittel der Bevölkerung zusammengeschrumpft ist. Aus rollenspielartigen Perspektivwechseln, diffusen Wahrnehmungen und kriminalistisch verschränkten Zeitebenen erwächst ein konspiratives Kaleidoskop quirliger Figuren, die das Impfdrama als prophetisch-fröstelnde Groteske festschreiben. In den von Spott und Bigotterie gefärbten Theater-Burlesken, die jetzt erstmals als vollständig erweiterte Bühnenfassungen bereits veröffentlichter Hörspiele vorliegen, setzt Herget der Banalität des Alltags schwarzen Humor und absurde Komik entgegen. Im Duktus hochtouriger Konversationskomödien holt sich das beschädigte Personal sein privates Glück einmal mehr über den zivilen Ungehorsam und das Mysterium der Imagination zurück, indem es der anarchischen Lust beim Erfinden aberwitziger Geschichten frönt. Komplettiert wird die Sammlung durch eine Übersetzung des titelgebenden Dramas in die niederdeutsche Sprache.

Thomas Herget wurde 1964 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Kunststofftechnik und Maschinenbau in Darmstadt, schrieb daneben als Autor für Zeitungen und Zeitschriften im deutschsprachigen Raum. Nach literarischen Förderpreisen (wie dem Jungen Literaturforum Hessen) und Stipendien (Residenzen am Literaturinstitut Leipzig) wandte er sich in den Neunzigerjahren zunächst vom Literaturbetrieb ab. Als Publizist lieferte er Beiträge in den Ressorts Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft für taz und Frankfurter Rundschau, schrieb Filmrezensionen für die Passauer Neue Presse und Junge Welt. Über dreieinhalb Jahrzehnte zeichnete Herget zudem als Kulturredakteur bei einem Stadtmagazin verantwortlich, heute schreibt er hauptsächlich für und über das Theater und den Hörfunk. In seinen teilfiktionalen Dramentexten setzt er zwischenmenschlichen Katastrophen und der Banalität des Alltags oft schwarzen Humor und absurde Komik entgegen. Angesiedelt sind seine von Bigotterie und Sinnkrisen beeinflussten Theater-Burlesken zumeist in randständigen Milieus und inmitten dystopischer Schauplätze wie Trailer Parks oder verwaisten Kraftwerken. Bekanntheit erlangte im März 2020 das Drama "Wir aßen sie roh", in dem weltweit erstmals das Coronavirus in einem Theaterstück Einzug hielt. Herget lebt in der Nähe von Kiel.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Der Häuptling ist einer,
der Honig schätzt


„Wenn die Bienen verschwinden, hat der Mensch noch vier Jahre zu leben.“

FRIDA

ARNE

JONAS,

EINE BEDIENSTETE DES HAUSES

GAST

ZWEITER GAST

DRITTER GAST

WEIBLICHER GAST

Heute. Karl-May-Festspiele an einem Sommertag, vielleicht in einem norddeutschen Bundesland. Der Speisesaal, in dem ein spätes Frühstück serviert wird, ist einem genretypischen Wildwest-Saloon nachempfunden. Während die Hausgäste überwiegend Lederboots, Cowboyhüte und farbenfrohe Halstücher auftragen, wuseln die weiblichen osteuropäischen Angestellten durchweg in indigenen Fransenkleidern und mit Tribal-Haarschmuck aus Pfauenfedern und Holzperlen um die massiven Holztische. Durch die Fenster geht der Blick auf den im Stil einer Geisterstadt gestalteten Jahrmarkt mit Rodeo-Bullriding und Trockeneisnebel. Unweit von feuerspeienden Gauklern und blinden Wahrsagern werden Hufeisen geschmiedet, Pferde gesattelt und Streitäxte geworfen. Ein zirzensischer Ritt durch die Zeit des Goldrausches, dem sich im Fortlauf des Geschehens furchtlose Squaws, tapfere Sheriffs und elegante Revolverhelden als loyale Statisten anschließen - eine perfekt arrangierte Unterhaltungsmaschinerie inmitten künstlicher Prärie, die sich sanft an den bemoosten Teil des Kalkbergs schmiegt, der den abendlichen Freilufttheater-Aufführungen als imposante Nuturkulisse dient.

FRIDA Endlich. Dachte schon, ich müsste singen.

ARNE Frida, sieh dich um. Niemand hätte dich verstanden.

FRIDA Wir hätten unsere Füße nicht auf fremdes Stammesgebiet setzen dürfen. Du siehst es also ein.

ARNE Es war dein Vater, der uns die Jochen-Schweizer-Gutscheine unter den Christbaum legte.

FRIDA Ich wollte sie verschenken, erinnerst du dich? An unsere Freunde. Zusammen mit der Karl-May-Werkausgabe, in die du kein einziges Mal deine Nase gesteckt hast.

ARNE Welche Freunde? Wir haben keine Freunde, die Cowboy und Indianer spielen. Würden sie sich für Goldschürfen und Line Dance interessieren, hätte ich ihnen längst die Freundschaft aufgekündigt.

FRIDA Lenk nicht ab, Arne. Du warst derjenige, der wieder unter Leute wollte.

ARNE Aber nicht unter solche, die sich mit Make-up in Native Americans verwandeln.

FRIDA Und - und was meinen Vater angeht: Er wollte nur das Kriegsbeil begraben.

ARNE Gut, dass wir uns bereits umgezogen haben. Nicht auszudenken, man würde uns hier erkennen. Als Konföderierte.

JONAS Was sind Native Americans?

FRIDA Das sind Leute, die in baumlosen Gebieten hauptsächlich Rauchzeichen abgeben, um über weite Entfernungen Mitteilungen zu verschicken. Zeichen, die der Arne nie verstehen wird.

ARNE Der Arne sträubt sich auch, Aas auszulegen, weil er nicht möchte, dass Geier seinen Standort verraten - stell dir vor.

FRIDA Jetzt kommt bestimmt der Römertopf!. Nur weil ich nicht auf heißen Steinen kochen möchte. Irgendwann müssen wir mit Traditionen brechen und die Zeichen der Zeit erkennen.

ARNE Fridas blauvioletter Römertopf ist ein tonnenschwerer Bräter aus emaillierten Eisen, kostete achthundertneununddreißig Euro und stammt aus einer bretonischen Traditionsgießerei.

FRIDA Hast du dir vorigen Monat nicht nen neuen Tesla bestellt? Aus Liebe zu Elon Musk?

ARNE Einen Tag, nachdem du den alten gekillt hast. Die Batterie.

FRIDA Regen. Das solltest du nicht unterschlagen.

ARNE Du hattest die Türe aufgelassen, und wenn mich recht entsinne, war es ein kapitaler Wolkenbruch.

FRIDA Was ist da los?

JONAS Wow.

FRIDA Sind das Gummimesser?

ARNE Solange sie nicht BossHoss spielen.

FRIDA Erinnert ihr euch an Attila?

ARNE Wen?

FRIDA Den rumänischen Stuntmen, der im freien Fall durch den Vulkan rauschte und das Luftkissen verfehlte. War das letztes Jahr?

JONAS Ich glaub, der ist seinen Verletzungen erlegen.

FRIDA Wäre mal besser beim Traktorpulling an den Start gegangen.

ARNE Man sieht ja nie etwas. Immer nur Pulverdampf. Selbst der Tod wird verklausuliert.

FRIDA Ne, im letzten Jahr war's die Lokomotive, die alles vernebelte.

JONAS Ist die nicht schon vor Ewigkeiten in den Bahnhof gerauscht?

ARNE Gut aufgepasst, mein Kleiner. So ein fauchendes Ungetüm.

FRIDA Aber das Knalltrauma ist mir geblieben. Daran erinnert man sich.

ARNE War drei Jahre davor. Zusammen mit den Eierstockzysten. Danach kam der Scheidenpilz.

FRIDA Wie bitte?

ARNE Letztes Jahr waren Juckreiz und Ekzeme. Die Theaterschminke auf rein pflanzlicher Basis. Musste ja unbedingt was von Weleda sein.

FRIDA Ist Attila wirklich tot?

JONAS Stand auf Instagram. Als seine Nummer gezogen wurde, schickten sie ihn in die ewigen Jagdgründe.

FRIDA Nächstes Jahr verschachere ich die Tickets auf Ebay - versprochen! Papa und Jochen Schweizer schick ich die Kavallerie mitsamt rauchender Colts in die Altmark - glaub ihr wohl nicht!

ARNE Seitdem Gojko Mitic nicht mehr aufs Pferd steigt, fehlt mir der DEFA-Touch. Die intellektuelle Durchdringung. Schillers Rehabilitierung haben sie ebenfalls in die Tonne gekloppt - keine Räuberpistole, kein Sturm und Drang. An der DDR war nicht alles schlecht.

FRIDA Gestern Abend ist mir einer zum Silbersee nachgestiegen, nur mit Tomahawk und in Mokassins. Als er in der Dampfsauna an meinen Skalp wollte, hab ich ihm eins übergebraten. Mit der Winchester.

ARNE Perverse Sau!

FRIDA Schade um Attila. So ein schöner Mann. Immerhin ist er für Schiller und die sozialistische Idee gestorben.

ARNE Vermutlich war er ihnen zu alt. Ein Schuss, ein Schrei, das ist Karl May.

FRIDA Wie lange existierte noch mal die DDR?

JONAS Sozialistische Idee - versteh ich nicht!

ARNE Du, die Frida redet in politischen Gleichnissen. Hat sie von Sahra und ihrem Antiamerikanismus. Komm, ess mal dein Frühstück auf.

JONAS Was ist noch mal ein Gleichnis?

ARNE Zwei Männer treffen sich in der Prärie und hassen sich. Und am Ende stellen sie fest, dass sie Brüder sind und sich lieben sollten.

FRIDA Wie herzbewegend du formulieren kannst. Beim Gott der Azteken - ich könnte das nie so raushauen. Lass mich mal deine Hand spüren. Es ist okay. Es ist so okay. Wenn Manitu zürnt, sollten die Waffen der Pyrotechniker schweigen. Schon als Akt der Pietät gegenüber Attila.

JONAS Schauen deshalb die Leute beim Frühstück so grimmig drein? Weil sie um die Unmöglichkeit dieser Bruderliebe wissen?

FRIDA Ich schätze, sie geben die Hoffnung auf Frieden und eine klassenlose Gesellschaft nicht auf.

JONAS Aber wie können sie Hoffnung haben, wenn der Frieden jedes Jahr durch Vulkanausbrüche und entgleiste Züge in Schutt und Asche gelegt wird?

FRIDA Warum, warum? Warum haben Männer einen Kratzebart? Warum ist Babyhaut so zart? Warum hat der Tisch vier Beine, aber Füße keine? Möglicherweise geht es den Leuten gerade wie mir. Bin ich superlustig, wenn ich dem Arne und dir tagelang nicht aus dem Weg gehen kann? Dieser Urlaub...



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