E-Book, Deutsch, 110 Seiten
Herget Wir aßen sie roh
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7519-3985-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 110 Seiten
ISBN: 978-3-7519-3985-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Herget wurde 1964 in Frankfurt am Main geboren. Er studierte Kunststofftechnik und Maschinenbau in Darmstadt, schrieb früh als Autor für Zeitungen und Zeitschriften im deutschsprachigen Raum. Als Publizist lieferte er Beiträge in den Ressorts Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Gesellschaft für taz, Frankfurter Rundschau und diverse Stadtmagazine, außerdem schrieb er Film- und Theaterrezensionen, etwa für die Passauer Neue Presse und Junge Welt. Herget zeichnet als Theaterredakteur bei einem Magazin verantwortlich. Nachdem er sich ab den Neunzigern vom Literaturbetrieb abgewandt hat, betätigt er sich seit einigen Jahren erneut literarisch. "Wir aßen sie roh" ist sein zweites Theaterstück. Er lebt mit seiner Frau in Südwestdeutschland und in der Nähe von Kiel.
Autoren/Hrsg.
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AIDEN
ELLA,
JACOB
CHARLOTTE,
Heute. New York. In einem Aufzug.
JACOB Was ist, hast du etwa wieder deinen Lippenstift vergessen? Liebes, so etwas wie in Franks Garage können wir nicht noch mal bringen. Den Trip geh ich nicht mit, Charlotte. Wir könnten unter Beobachtung stehen.
AIDEN Sie müssen Sie locken.
JACOB Was?
AIDEN Anfüttern, Mann! Sie müssen ihr etwas anbieten, das sie nicht ausschlagen kann. Putt-putt, einen Köder. Sie waren nie Fischen, hab ich recht? Kommen wohl aus ner Anwaltsfamilie, so ne reiche Bagage. Einen Jagdschein haben Sie wohl auch nicht? Typen wie Sie tragen keinen Revolver, das riech ich, die haben nicht mal nen Angelschein. Sie sind noch nicht lange zusammen, was?
ELLA Aiden, sieh doch, sie hat Angst.
AIDEN Angst? Sie war in Franks Garage. Hast du nicht zugehört, Ella? Dreiundachtzig Stockwerke. Dreiundachtzig! Mensch, guck mal, wie die sich ziert, wie die sich über die billigen Perlonstrümpfe kratzt. Sieht aus wie ne alte Jungfer vorm ersten Mal. Wir waren übrigens auch bei Franks Eröffnung. Komisch, dass wir uns nicht über den Weg gelaufen sind, aber wir sind natürlich nicht ständig am Buffet entlang geschlichen. Typen wie Frank verschicken ihre Einladungen ja mittlerweile inflationär. Diese Influencer sind zu ner echten Plage geworden. Man muss sich nicht wundern, wenn der Kapitalmarkt total überhitzt. Ein Irrsinn, was denken Sie?
ELLA Aiden, bitte.
JACOB Charlotte, ich bitte dich, wenn je der Augenblick für Selbstachtung gekommen ist, dann jetzt.
AIDEN Charlotte, hier spricht Aiden. Auch wenn Sie jetzt von Interessenkonflikten übermannt werden sollten, nehmen Sie bitte nicht die Treppe, die ist noch im Bau.
JACOB Sehen Sie nicht, dass Sie zittert? Schon mal was von Panikstörungen gehört?
ELLA Hören Sie -
JACOB - Jacob -
ELLA - Gut, Jacob. Ich will nicht unhöflich klingen, schon gar nicht kaltherzig, aber wenn Ihre Frau -
JACOB - Verlobte. Wir sind verlobt -
ELLA - also, wenn Ihre Verlobte unter einer psychischen Erkrankung leidet, dann sollte sie schnellstmöglich in ärztliche Behandlung und nicht auf diesen Empfang, der für den einen oder anderen von uns von großer Wichtigkeit werden könnte. Mitunter wirken sich kleinste Unpünktlichkeiten geschäftsschädigend aus. Ich betone: kleinste! Ich bin völlig damit einverstanden, wenn Sie meinen Mann für einen Grobian halten, sein Zynismus sollte Ihnen umgekehrt aber nicht den Vorwand liefern, die Insassen eines Aufzugs in Geiselhaft zu nehmen, indem Sie die an der Weiterfahrt hindern.
AIDEN Ahoi, wenn der Grobian die Fahrt jetzt starten dürfte?
ELLA Sie reden nicht gerne, richtig?
CHARLOTTE .
ELLA Bei mir war das ähnlich. Ein ständiges Auf und Ab. Ich nenne es: das große Schweigen vor den Wechseljahren. Darauf jetzt einen Tusch! Tärää!
CHARLOTTE
ELLA Wenn Sie’s hinter sich haben, werden Sie das kostbarste Gut einer Frau noch schätzen lernen, Charlotte, ich darf Sie doch so nennen? Die Frau in den besten Jahren, pah, dass ich nicht lache. Ich pisse auf die besten Jahre, wenn von den Waffen einer Frau nur noch Worte übrigbleiben. Worte auf der Goldwaage, während die Messer langsam stumpf werden. Schauen Sie, ich zeig Ihnen was! Sehen Sie das? Lauter Runzelfältchen, darunter labberiges Bindegewebe, nein, bitte sehen Sie genau hin! Sehen Sie diese Altersflecken am Unterarm? Ja? Damit fängt es an! Die Krähenfüße im Gesicht sind nicht das Problem, mein Drogist hat mysteriöse Tinkturen und rätselhafte Cremes gegen Pigmentierung auf Lager, aber der übrige Körper beginnt sich aufzulösen. Alles welkt. Es ist ein Zersetzungsprozess unter dem Mikroskop eines wachen Geistes. Eines Frauengeistes, hört her! Was ist, wollen Sie meinen Hintern sehen, Charlotte? Nein? Kommen Sie, ich zeig Ihnen meinen Arsch? Okay, dann eben nicht. Es bleibt natürlich jedem freigestellt, sich mit der Zukunft auseinanderzusetzen. Als ich so alt war wie Sie, meine Liebste, bestand ich im Grunde nur aus Sinnen. Mein Körper eine einzige Muschi, ein teuflisch zuckender Muskel, triebhaft durchströmt von Blut, Schweiß und unerhörten sich jagenden Hormonen. Die fleischigen Schamlippen haben sich gespannt wie - wie ein Flitzebogen, meine Güte, fragen Sie mal Aiden. Hör mal Aiden, wann sind wir denn Top of he World?
AIDEN Ich mach Alarm.
ELLA Dieser Mann ist ein Traum. Ich liebe dich, Aiden.
AIDEN Ich liebe dich auch, Ella.
ELLA Da hören Sie’s. Der Kerl liebt mich, selbst wenn ich vor aller Welt verblühe. Der muss blind sein. Ich denke manchmal, ich habe einen Idioten geheiratet. Einen blinden Idioten. Charlotte, reden Sie sich bloß nicht ein, dass Sie einen Nobelpreisträger abkriegen werden.
CHARLOTTE Ich muss mich konzentrieren.
ELLA Auf was? Sie sprechen doch nicht. Kein Sterbenswörtchen, na ja, bis auf den Hinweis, Sie müssten sich konzentrieren. Die Kraft des Unausgesprochenen. Ist wohl ein Tick von Ihnen? Sie gehören hoffentlich nicht diesen Mormonen mit ihrer geweihten Unterwäsche an? Ich hatte mal so eine Phase, in der ich mir heilende Steine ins Bett gekippt habe, Herrgott nochmal, zu dem Zeitpunkt fing es auch an mit den Cremes. Ich gestehe Ihnen mal was: Ich glaube im Grunde auch, dass der Klimawandel eine Erfindung der Chinesen ist.
CHARLOTTE Ich muss mich konzentrieren.
ELLA Ach ja, sagt das ihr Therapeut? Ihr Angstpanikattackengeistheiler?
CHARLOTTE Konzentration ist gut.
ELLA Sie haben eine ausgewachsene Agoraphobie, Kleines. Platzangst.
CHARLOTTE Reden tut gut.
ELLA Aber Sie reden nicht.
CHARLOTTE In einer Stunde.
ELLA In einer Stunde rede ich. Ich rede, Sie hören zu, kapiert? Wie bei Franks Richtfest. Hat Sie nicht groß interessiert, schon klar, Sie mussten ja wie ein Schwarm Heuschrecken über das Buffet herfallen.
JACOB Sie war erkältet, sie hütete das Bett. Ich lud mir ein halbes Dutzend Frischkäsebällchen und zwei Datteln im Speckmantel aufs Tellerchen. Das schlechte Gewissen.
ELLA Was?
JACOB Ein Katarrh.
ELLA Kommen Sie, gerade eben haben Sie noch gesagt, sie hätte ihren Lippenstift vergessen. Schon verdrängt?
JACOB Eine eitrige Schleimhautentzündung. Das mit dem Lippenstift muss ich durcheinander gebracht haben, aus Sorge um Ella. Wir werden ja ständig angefragt, tja, da kann so ein Immunsystem schnell schlappmachen. Jedenfalls hat man jemand anderes gebeten, die Rede zu halten. Frank ist in diesen Dingen sehr pragmatisch.
AIDEN Frank hat bezahlt.
ELLA Halts Maul!
JACOB Sehr richtig, Mann!
ELLA Sagen Sie mir, wo auf diesen Planeten nicht bezahlt wird? Wir sind alle Sklaven des globalen Handels, der Mensch ist im Grunde seines Herzens eine einzige Einzahlungsausschüttungsmaschine. Ich sag Ihnen jetzt was, Jacob. Ich bin gewissermaßen froh, auf der richtigen Seite zu stehen. Auf der Seite der Glanzes, der Glanz des Guten. Ach, kennen Sie nicht? Leute wie Sie bereiten mir jedenfalls kein schlechtes Gewissen. Nicht mehr. Ich scheiß auf Ihre Datteln-im-Speckmantel-Moral!
CHARLOTTE Darf ich mich jetzt konzentrieren?
ELLA Ich scheiß drauf! Aiden, reib der Kleinen doch mal die Bestätigungs-Mail unter die Nase, damit die sich ihre verfickte Rede aus dem Kopf schlagen kann. Du hast sie doch ausgedruckt?
AIDEN Sicher, Ella, sicher.
ELLA Franks...




