Hermann | Herr Faustini bleibt zu Hause | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Hermann Herr Faustini bleibt zu Hause

Roman
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7844-8257-6
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-7844-8257-6
Verlag: Langen-Müller
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein liebenswerter Tagträumer. Heiter und unverdrossen pflegt Herr Faustini auch im Winter seine ausgedehnten Miniaturreisen, wie er seine kurzen Spaziergänge nennt. Doch als der nahe See zufriert und das Tal im Eisnebel erstarrt, ist damit Schluss. Herr Faustini bleibt zu Hause. Was aber nicht bedeutet, dass es mit den Abenteuern ein Ende hat. Auch ein Haus ist für ihn ein ganzer Kosmos, muss man sich doch gut mit der Heizung stellen und den Kater bei Laune halten. Doch Herr Faustini wäre nicht Herr Faustini, wenn nicht ständig etwas los wäre, nicht nur in seinem Kopf. Denn Uschi, seine ehemalige Klassenkameradin, steht eines Tages vor der Tür und macht ihm einen Antrag, aber Herr Faustini möchte lieber alleine bleiben. Als das Eis im Frühling zu tauen beginnt, verlässt er wieder das Haus, nicht ohne Folgen ...

Wolfgang Hermann, 1961 in Bregenz geboren, studierte Philosophie und Germanistik in Wien. Seit 1987 arbeitet er als freier Schriftsteller und veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele, für die er vielfach ausgezeichnet wurde. Nach längeren Aufenthalten im Ausland lebt er heute in Wien. Seine Romane 'Abschied ohne Ende 'und 'Die Kunst des unterirdischen Fliegens' erschienen bei LangenMüller. 'Herr Faustini bleibt zu Hause' ist der vierte Roman um den verschrobenen Eigenbrötler.
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2

Vom Dornbirner Bahnhof bis zu Uschis Haus im Rohrbach waren es zu Fuß nicht mehr als fünfzehn Minuten. Doch als Herr Faustini zuletzt durch den Rohrbach und seine Forachstraße, seine Siedlung Am Eisweiher, seinen Torfweg und seinen Foreneggweg gegangen war, war das alles noch Wiesengebiet gewesen. Da und dort hatte schon ein Neubau zwischen den Bauernwiesen und ihren alten Höfen gestanden, mit einer kniehohen, schütteren Hecke rund um den kleinen Garten, um den Maulwürfen den Einblick ins Wohnzimmer zu erschweren. Nun stand da eine Mehrfamilienwohnkiste neben der anderen, mit leer gähnenden Balkonen, auf denen die Blumenkisten in Sicherheit gebracht worden waren. Hinter einem Fenster blinkte der Stern von Bethlehem im Rhythmus eines automatischen Unterbrechers. Vor den Haustüren standen Plastikbobs und Schlitten, da und dort wurden Kinder in Schianzügen von ihren Müttern ins Auto verfrachtet.

Auf der Zufahrt zu Uschis Haus lag ein blauer Plastikbob. Herr Faustini überlegte, ob er ihn liegen lassen oder näher ans Haus stellen sollte. Zweifellos war es der Bob eines der Kinder von Uschi. Herr Faustini nahm den Bob und stellte ihn neben die Eingangstüre. Eine Unbekannte öffnete, umarmte Herrn Faustini, er bekam drei Küsschen, links, rechts, links. Im Vorraum duftete es nach frischem Kaffee. Herr Faustini zog seine Schuhe aus und schlüpfte in die bereitgestellten Filzpantoffeln.

Lass dich anschauen, sagte die mutmaßliche Uschi. Du hast dich kaum verändert! Du hast ein gutes Leben, man sieht es.

Herr Faustini zögerte mit der Antwort, denn eine solche hätte ohne Zweifel den Rahmen einer Begrüßungsrede gesprengt. Er hingegen erkannte Uschi noch immer nicht. Oder besser, er sah ihr Jungmädchengesicht mit den so leicht errötenden Wangen, sah es in dem Gesicht, das ihn neugierig musterte, und er erkannte Teile des Gesichts von damals, aber eben nur Teile.

Vorerst hatte er einmal zu begreifen, dass er nun tatsächlich im Haus seiner ehemaligen Schulkameradin Uschi war. War es nicht ein ungeheuer weiter Weg aus seiner Winterhöhle in dieses Haus, das zwischen seiner Schulzeit und einem Jetzt stand, das wie auf Stelzen in diesen Jahresendtagen schwebte?

Die fremde Frau, in der sich seine Schulkameradin Uschi verbarg, führte Herrn Faustini ins Wohnzimmer, wo der Tisch weihnachtlich golden gedeckt war. Tee stand auf einem Stövchen, Kerzen brannten, die Kuchenteller schwebten auf selbst gehäkelten Spitzenuntersätzen.

Die unbekannte Uschi schenkte Tee in Herrn Faustinis Tasse, reichte selbst gebackene Weihnachtskekse, eines davon ließ er auf seiner Zunge zergehen. Uschi hatte sich viel Mühe mit der Tischdekoration gegeben, alles war für seine Ankunft vorbereitet, die Kerzen zur rechten Zeit entzündet, das Licht gedimmt, das Engelshaar in einer line of beauty and grace quer über den festlichen Tisch geworfen oder gar gestreichelt. Über das Engelshaar hinweg leuchtete Uschi Herrn Faustini entgegen. Sie freue sich so, dass sie ihn endlich wiedersehe, sagte sie. Er wäre damals die Seele der Klassengemeinschaft gewesen. Immer vorne dran, wenn es ums Verteidigen eines Schülers gegen einen Lehrer gegangen sei. Herr Faustini winkte geschmeichelt ab. Ganz besonders habe sie ihn schätzen gelernt im Physiksaal während der unsäglichen Stunden des bösesten der bösen Lehrer, des berüchtigten Klobrillenbartes, dessen Name ihr nicht über die Lippen kam. Kannst du dir vorstellen, meinte Uschi, dass ich den Namen dieses Schulungeheuers bis heute nicht aussprechen mag? Herr Faustini konnte es sich vorstellen, denn ihm ging es ähnlich, nur dass er den Klobrillenbart längst vergessen hätte, hätte Uschi ihn nicht zu neuem Leben erweckt. Schließlich war sie des Klobrillenbartes wegen aus der Klasse ausgeschieden und hatte das Jahr wiederholen müssen. Ob der Missgünstige seine Aggression gegen sie gerichtet hatte, weil sie neben dem unbeugsamen Herrn Faustini saß und die beiden sich offenkundig gut vertrugen?

Sie vermute, dass Eifersucht das wahre Motiv des Bösewichts Klobrille gewesen war. Denn er, der speckglänzend Hässliche, der von Hunderten Schülern Ungeliebte war einsam und allein gewesen, auch im Lehrerzimmer ein Ungeliebter, da er überstreng an einer Haus- und Schulordnung festhielt, die jedem die Luft abschnürte, der nach ihr zu leben versuchte. Und nicht nur das: Er konnte seine Freude am Quälen einer Schülerseele nicht verbergen, wenn er sie in die Enge getrieben und vor der Klasse gedemütigt hatte. Das Heruntermachen, das Demütigen war das Lebenselixier dieses Ungeliebten und Liebesunfähigen, den Herr Faustini längst in einer Besenkammer seiner Erinnerung für immer eingeschlossen hatte. Nun stand die Tür zur Besenkammer offen, ein scharfer Wind pfiff hindurch. Es wurde Zeit, dass der Unhold wieder weggesperrt wurde, denn seine Zeit war abgelaufen, was ein großes Glück war. Und das Glück wollte Herr Faustini wie eine zerbrechliche Pflanze beschützen.

Uschi sagte, das habe sie immer besonders an ihm gemocht, seine Zuversicht, seinen Lebenswillen, seine Kraft, auch aus düsterer Enge herauszufinden und dabei andere, sie, Uschi, mitzureißen.

Uschi strahlte, sie hatte die Schule nie verlassen, auch wenn sie Mutter zweier Kinder und Ehefrau und Bewohnerin eines gut geführten Hauses geworden war. Sie lebte noch immer mit den Gesichtern, den Ängsten, der Begeisterung von damals, ihr Lachen sagte es, ihr Lachen, das jung geblieben war. Herr Faustini fühlte sich alt, die Schule war ein versunkenes Land, das er glücklicherweise lange schon nicht mehr betreten musste. Auch in seinen Träumen wurde er nicht dorthin geführt, und Herr Klobrillenbart mochte sein Lebensglück genießen, wo er wollte, er war ohnehin nicht begabt dafür.

Herr Faustini nippte an seiner Tasse Tee, als Uschi sagte: Du wunderst dich vielleicht über meinen Anruf nach so vielen Jahren. Aber mir ist plötzlich alles klar geworden. Die Jahre waren nicht umsonst. Sowohl das Pendel als auch die Karten haben es mir gesagt. Ruf ihn an, haben sie gesagt, es ist Zeit.

Herr Faustini sah durchs Fenster in den verschneiten Garten. Auf der Kinderrutschbahn türmte sich der Schnee und verwandelte sie in einen Elefantenrüssel. Wie viele Kinder hast du, fragte Herr Faustini.

Zwei, antwortete Uschi, Theresia ist siebzehn, Jakob dreizehn.

Und wo sind sie jetzt, wollte Herr Faustini wissen.

Theresia ist mit ihren Freundinnen in der Stadt. Jakob bei einem Freund. Da darf er fernsehen, so lange er will.

Bei dir nicht?, fragte Herr Faustini.

Wir haben keinen Fernseher, sagte Uschi.

Auch Herr Faustini hatte keinen Fernseher, aber das war etwas anderes. Einer wie er würde vor dem Fernseher zum Gemüse werden, im Ohrensessel anwachsen, Triebe schlagen. Kein Wunder, dass der Kater immer mehr Zeit bei Frau Gigele verbrachte. Dort gab es einen Fernseher, es war immer was los, Stimmen erfüllten den Raum, nicht die Stille des faustinischen Hauses, die selbst dem Kater zu still geworden war.

Uschis leuchtender Blick zeigte an, dass sie noch einmal auf die Vorsehung zu sprechen kommen würde. Sie würde Herrn Faustini bedeuten, dass die Karten und das Pendel sie und ihn als glückliches Paar gesehen hätten, nach so vielen Jahren des Getrenntseins nach der Schule.

Zwar waren sie in der Schule kein Paar, denn Herr Faustini war schon dort ein Eigenbrötler gewesen, und sie, Uschi, war noch nicht entschieden, nicht klar genug gewesen, um zu sehen, was unvermeidlich war, eine Fügung, nämlich dass sie und Herr Faustini endlich ein Paar sein sollten. Er brauche sich um nichts zu kümmern. Sie könne gut verstehen, dass es ihm nach so langen Jahren des Alleinseins schwerfallen würde, eine Frau an seiner Seite zu wissen, und Kinder, die nicht die seinen waren. Das alles würden sie langsam angehen, Schritt für Schritt, sie lasse ihm alle Zeit der Welt, er müsse nicht von heute auf morgen sein Leben umkrempeln, aber wenn er wolle, könne er täglich und immer öfter zu Besuch kommen und schließlich, wenn er so weit wäre, ganz bei ihr einziehen. Ihre Kinder wären bestimmt glücklich, einen Mann im Haus zu wissen, war doch ihr Vater schon seit mehreren Jahren auf und davon. Er, Faustini, könne selbstverständlich bestimmen, in welcher Form er hier in ihrem Haus anwesend sein wolle. Am liebsten wäre ihr, er gebe sein Einsiedlerleben auf und ziehe, Schritt für Schritt, ganz zu ihr. Pendel und Karten hatten es gesagt. Aber das wisse er nun schon. Diese beiden irrten sich nie. Schon viel früher hätte sie auf Pendel und Karten und innere Stimmen hören und ihren Mann davonschicken sollen, bevor das Leben tiefe Furchen in ihr Gesicht habe graben können. Nun aber war es, wie es war. Sie war frei und wisse nun, was sie wolle, und sie wisse auch, dass es gut war, was sie gesehen habe betreffs ihrer Verbindung mit Herrn Faustini. Ob er vielleicht noch einen Tee möge? Und von den selbst gebackenen Keksen habe er noch kaum genascht! Er brauche sich wie gesagt um nichts zu kümmern und sich keine Sorgen zu machen, was da auf ihn zukäme. Nichts käme auf ihn zu, nichts als glückliches Miteinander, als Zusammensein und ein Ende der Einsamkeit.

Einsamkeit? Herr Faustini war doch nicht einsam. Oder doch? In den düsterdunklen Dezembertagen war ihm, als wäre sein Leben aus dem Gleis. Das war richtig. Er war aus dem Tritt, kein Wunder, erstarrte er auf seinen Spazierstreifgängen doch beinahe zur Eissäule. Oder herrschte die Kälte etwa weniger draußen, vielmehr in seinem Innern?

Einsam? Herr Faustini? Deshalb also mied ihn der Kater in letzter Zeit! Welcher Kater mochte seine Zeit schon mit einem Einsamen verbringen! Hatte Uschi etwa recht? Führte Herr Faustini also eine veritable...


Wolfgang Hermann, 1961 in Bregenz geboren, studierte Philosophie und Germanistik in Wien. Seit 1987 arbeitet er als freier Schriftsteller und veröffentlichte zahlreiche Romane, Erzählungen, Theaterstücke und Hörspiele, für die er vielfach ausgezeichnet wurde. Nach längeren Aufenthalten im Ausland lebt er heute in Wien. Seine Romane "Abschied ohne Ende "und "Die Kunst des unterirdischen Fliegens" erschienen bei LangenMüller.
"Herr Faustini bleibt zu Hause" ist der vierte Roman um den verschrobenen Eigenbrötler.



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