Hermann / Wächter | Karrieren in der Wissenschaft | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 230 Seiten

Hermann / Wächter Karrieren in der Wissenschaft

Die Spielregeln im akademischen Berufsfeld
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-17-039570-1
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Die Spielregeln im akademischen Berufsfeld

E-Book, Deutsch, 230 Seiten

ISBN: 978-3-17-039570-1
Verlag: Kohlhammer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Wissenschaft als soziales Feld, mit seinen Besonderheiten als Qualifizierungs-, Arbeits-, Lern- und Wissensfeld, wird von spezifischen Spielregeln determiniert, deren Kenntnisse über individuelle Karrieren entscheiden. Dazu gehören widersprüchliche Anforderungen und Erwartungen, die oft nicht erkenn- und schwer erlernbar sind. Die in dieser Publikation versammelten Beiträge diskutieren auf unterschiedlichen Ebenen intersektionale Zusammenhänge zwischen Wissenschaft als spezifischem Berufsfeld, Diversitätskriterien sowie aktuellen Entwicklungen, wie Digitalisierung und Ausdifferenzierung von Karrierewegen. Berücksichtigung findet dabei nicht nur die Beschreibung der Beharrlichkeit der Regeln im Feld, sondern es werden ebenso Veränderungs- und Anpassungsprozesse in den Blick genommen. Der Band richtet sich an WissenschaftlerInnen in unterschiedlichen Qualifizierungsphasen, PersonalentwicklerInnen in Hochschulen, Coaches im Wissenschaftsfeld, welche sich mit den besonderen Spielregeln in der Wissenschaft kritisch auseinandersetzen möchten.

Anett Hermann, Dr., ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin sowie stellvertretende Leiterin des Institutes für Gender und Diversität in Organisationen an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU). Franziska Wächter, Dr., Soziologin, ist Professorin für Methoden empirischer Sozialforschung an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.
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Weitere Infos & Material


Eine Karriere wie jede andere? Wissenschaftliche Karrieren vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen im Feld der Universitäten


Wolfgang Mayrhofer & Michael Meyer

1 Einleitung


In allen gesellschaftlichen Funktionssystemen sind es Organisationen, die für die erforderliche Ungleichheit sorgen (Luhmann, 2019a). Organisationen als formale Sozialsysteme, die durch Mitgliedschaftsregeln und Entscheidungen gekennzeichnet sind, bilden Kommunikationswege in Form Über- und Unterordnungsbeziehungen aus (Luhmann, 2000), die Personen bestimmte Stellen zuweisen, wie fluide oder rigide diese auch immer sind. In diesem Beitrag diskutieren wir, wie sich für uns diese Strukturen im akademischen Feld darstellen und welche Veränderungen und Verwerfungen zu beobachten und zu erwarten sind.

In der Wissenschaft waren und sind es Universitäten, die dominant die Hierarchisierungsfunktion erfüllen, obwohl sie neuerdings von einer zunehmenden Zahl und Vielfalt anderer Wissenschaftsorganisationen unterstützt werden. Universitäten selbst agieren in einem hierarchisch strukturierten Feld, in dem ihre Position durch Reputation bestimmt ist. Letztere wiederum wird immer stärker durch Intermediäre beeinflusst: Feldspezifische Intermediäre wie z.?B. Forschungsförderungsagenturen auf nationaler und europäischer Ebene, Akkreditierungsagenturen, wissenschaftliche Vereinigungen oder Verlage haben nicht nur Einfluss auf die Reputation der einzelnen Wissenschaftler*innen, sondern auch auf jene von Universitäten. Feldfremde Intermediäre wie z.?B. die Europäische Kommission, die Weltbank, das Weltwirtschaftsforum, Massenmedien wie z.?B. Financial Times, das Handelsblatt oder die Times Higher Education, aber auch digitale Plattformen wie ResearchGate und GoogleScholar beeinflussen mit ihren Ratings, Rankings und Bewertungen die Reputation individueller und organisationaler Akteure im Feld der Wissenschaft (Sahlin et al., 2015). Manche davon, wie die Einrichtungen zur Forschungsförderung oder wissenschaftliche Vereinigungen, gibt es schon seit der frühen Neuzeit. Andere, wie etwa Akkreditierungsagenturen oder Ranking-Ersteller, erschienen erst in den letzten drei Jahrzehnten auf dem Spielfeld der zunehmenden Vermessung von Universitäten und Wissenschaft.

Trotz der außeruniversitären Forschungsreinrichtungen und immer vielfältigeren tertiären Bildungseinrichtungen bleiben Universitäten die zentralen Akteure für wissenschaftliche Karrieren. In dem unübersichtlicher werdenden Feld veränderten sie ihr Verständnis von Leitung und Aufbaustruktur (Babel & Strubl, 2009; Höllinger & Titscher, 2004; Kieser, 2010; Zechlin, 2003) und ihr Rekrutierungsverhalten im Bereich des wissenschaftlichen Personals (Lavania et al., 2011; Stewart et al., 2007). Die damit verbundenen Konsequenzen für wissenschaftliche Karrieren wollen wir in diesem Beitrag beleuchten. Wir gehen dabei in zwei Schritten vor: Zuerst präsentieren wir ein von Pierre Bourdieu inspiriertes Feldverständnis als theoretischen Rahmen, innerhalb dessen wir die zentralen Veränderungen besser verstehen können. Dann diskutieren wir zentrale Entwicklungen in diesen Feldern und formulieren thesenartig, was diese für wissenschaftliche Karrieren bedeuten. Eine Bewertung mit Blick auf bedenkliche, aber auch begrüßenswerte Entwicklungen folgt zum Schluss. Wichtig bei all dem: Wir fokussieren nicht auf die einzelnen im Wissenschaftsfeld Tätigen. Konzeptionalisiert man Karrieren als Muster berufsbezogener Zustände und Positionen eines Karriereakteurs in einem begrenzten sozialen und geographischen Raum in ihrem bisherigen Leben (Gunz & Mayrhofer, 2018: 70; Übersetzung durch die Autoren), dann fokussieren wir auf den sozialen Raum. Dieser weist Grenzen nach außen und im Inneren auf, verfügt über definierte Positionen, ist von formalen und informalen Regeln durchzogen und beinhaltet andere individuelle und kollektive Akteure, also etwa andere in der Wissenschaft Tätigen oder Organisationen wie eben Universitäten. Das heißt nicht, dass individuelle Aspekte wie Karrieremotivation, Ziele oder Persönlichkeit nicht von Bedeutung sind – sie stehen aber nicht im Zentrum dieser Analyse.

2 Feldtheoretische Betrachtungen: Karrierefeld und Universitätsfeld


Karrieren als Muster von Bewegungen in einem Feld über die Zeit (Gunz & Mayrhofer, 2011) beziehen sich auf den Raum zwischen Akteuren und Organisationen in ihrem jeweiligen Kontext (Bradbury & Bergmann Lichtenstein, 2000). Dieser Raum entsteht im vorliegenden Fall durch das Zusammenspiel zweier Felder: (1) das Feld der Universitäten, in dem kollektive Akteure um bestmögliche (Ranking-) Plätze spielen; (2) das Karrierefeld für Wissenschaftler*innen, in dem es um die Frage geht, wie man individuell in vorteilhaftere Positionen innerhalb des Feldes kommt (Iellatchitch et al., 2003).

Feldtheorien führen in ihrem Kern Handlungsmuster auf Positionen von Akteuren zurück. Pierre Bourdieu arbeitet beispielsweise mit der Metapher des Spielfeldes (Bourdieu, 1996). Dieses Bild unterstreicht, dass Akteure sich auf ein gemeinsames Sinnsystem und geteilte Regeln beziehen, die ihr Handeln leiten. Individuelle oder kollektive Akteure im Feld sind diesen Machtdynamiken insofern unterworfen, als ihre Spielposition durch den Spielverlauf definiert wird. Ein bestimmter Spielstand räumt den mächtigen Akteuren größere Handlungsspielräume ein als den Akteuren, die sich auf schwachen Positionen befinden. Akteure nützen solche Spielräume strategisch oder habituell nach Maßgabe der verfügbaren Ressourcen und mit dem Ziel, Trümpfe im Spiel zu erlangen und damit die eigene Position sowie die Chancen zu verbessern, um Einfluss auf die herrschenden Spielregeln zu nehmen.

Bourdieu geht davon aus, dass die Analyse eines Feldes mit der Frage beginnen muss, worum sich der Wettbewerb dreht, was also auf dem Spiel steht. Im nächsten Schritt ist zu klären, nach welchen Regeln die Trümpfe im Spiel verteilt werden, die einzelnen Akteuren Macht verleihen. In den hier betrachteten Feldern sind manche der Regeln bekannt und in unterschiedlichem Maß kodifiziert, etwa Beurteilungskriterien von Akkreditierungsagenturen für Universitäten oder Anforderungen bei Laufbahnstellen. Andere wiederum entziehen sich dem geteilten Wissen, wie etwa nicht dokumentierte, aber trotzdem entscheidungsrelevante Kriterien von Berufungskommissionen. Auf dem Spiel steht meist eine Menge: für Universitäten die Aufnahme in den Kreis der von einer oder auch mehreren Agentur(en) Akkreditierten, die Einnahme eines Spitzenplatzes in einem der vielen Rankings oder die Etablierung internationalen Kooperationen mit noch renommierteren Einrichtungen. Für die Einzelnen geht es, je nach Karrierephase und Anspruch, etwa um die Erfüllung von Qualifikationsanforderungen, das Erreichen eines unbefristeten Anstellungsvertrags oder die Nominierung zur Wissenschaftlerin des Jahres. Abstrakter und im Sprachspiel der Theorie: um etwas, was das eigene Kapital vermehrt und zu einer bezogen auf die Feldregeln einflussreicheren Position im Feld führt.

Eine feldtheoretische Betrachtung lenkt den Blick auf die Strukturen, die jenseits der Entscheidungsverantwortlichen in Organisationen wirken und deren sie sich nur zum Teil bewusstwerden können. Für unsere konkrete Frage nach den Karrieredynamiken interessiert die parallele Konzeption unterschiedlicher Felder, die je spezifische Spielregeln entwickeln und daher relativ autonom sind, gleichzeitig aber in Beziehung zueinanderstehen. Das Spielfeld der Universitäten ist zu unterscheiden vom Karrierefeld, in dem individuelle Wissenschaftler*innen operieren. Gleichzeitig entstehen Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen den Feldern, indem Akteure in beiden Feldern zugleich operieren und Spielkapitalien in einem Feld zu strategischen Einsätzen in anderen Spielfeldern werden können. Dadurch entstehen auch charakteristische Spannungsverhältnisse.

Das Feld der Universitäten und das Karrierefeld für Wissenschaftler*innen unterstützen einander gegenseitig beim Aufbau ihres Regelwerks und ihrer Dynamiken (Emirbayer & Johnson, 2008) – in der Theoriesprache Niklas Luhmanns würde man das als strukturelle Koppelung bezeichnen (Luhmann, 2019b). Universitäten verleihen ihren Mitgliedern ein bestimmtes symbolisches Kapital, welches ihre Positionen im Karrierefeld beeinflusst und teilweise mit dem durch Forschungspublikationen erworbenen Kapital austauschbar ist. Auf der anderen Seite gewinnen Universitäten wiederum durch die Rekrutierung und Beschäftigung hochreputierter Wissenschaftler*innen an symbolischem Kapital, was ihre Position im Universitätsfeld verbessert.

Die Kopplung der Felder läuft über die zwei anderen Kernbestandteile der Sozialtheorie Pierre Bourdieus: Kapitalien und Habitus (Bourdieu, 2007; Dederichs & Florian, 2002). Universitäten vermitteln ihren Wissenschafter*innen in unterschiedlichem Ausmaß ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Kapital (Bourdieu, 1983) und tragen durch organisationale Sozialisation zu einem individuell charakteristischen Habitus bei (Vaughan, 2002). Der Habitus beinhaltet zum einen die doxa, d.?h. die als gegeben angesehenen Regeln des Feldes, zum anderen aber auch die illusio, also eigene, vom Feld nicht unabhängige, aber auch nicht...


Anett Hermann, Dr., ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlerin sowie stellvertretende
Leiterin des Institutes für Gender und Diversität in Organisationen an der Wirtschaftsuniversität Wien (WU).
Franziska Wächter, Dr., Soziologin, ist Professorin für Methoden empirischer Sozialforschung an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin.



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