E-Book, Deutsch, Band 8, 135 Seiten
Reihe: Praktische Theologie konkret
Hermelink / Schnelle In der Kirche leiten
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-647-99320-1
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 8, 135 Seiten
Reihe: Praktische Theologie konkret
ISBN: 978-3-647-99320-1
Verlag: Vandenhoeck & Ruprecht
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Prof. Dr. Jan Hermelink studierte Evangelische Theologie, Vikariat und Ordination in Berlin. Seit 2001 ist er Professor für Praktische Theologie/Pastoraltheologie an der Theologischen Fakultät der Georg-August-Universität Göttingen und Mitherausgeber der Zeitschriften 'Praktische Theologie', 'Zeitschrift für evangelisches Kirchenrecht' und 'Arbeiten zur Praktischen Theologie'. Als Mitglied der internationalen Societas Homiletica und des Arbeitskreises Empirische Religionsforschung liegen seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte auf Homiletik, Kasualtheorie, Pastoraltheologie und Kirchentheorie/Kybernetik.
Autoren/Hrsg.
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2Praktisch-theologisches Update
2.1Theologie für die Gestaltung des Ganzen: Leiten in der Kirche als Thema der Praktischen Theologie
Fragen der Leitung, also der Koordination gemeinsamen Handelns, seiner Ziele, Absichten und leitenden Bilder, sind in der Praktischen Theologie immer schon bearbeitet worden. Wie ein Gottesdienst, wie die Konfirmand:innenarbeit oder ein Gemeindekreis zu leiten ist, das gehört seit jeher und selbstverständlich zur Ausbildung von Diakonen, Katechetinnen und Pfarrer:innen. Das Thema dieses Buches jedoch, die Leitung einer diakonischen oder kirchlichen Organisation ist wissenschaftlich-theologisch bis in die 1990er-Jahre kaum bedacht worden. Zwar hat die Praktische Theologie immer wieder »Kirchentheorien« ausgearbeitet, vor allem dann, wenn die kirchliche Institution elementar infrage gestellt wurde, etwa nach dem Ende des Staatskirchentums (1919). Auch was eine »Gemeinde« ist und sein soll, wird seit den 1880er-Jahren immer wieder intensiv reflektiert. Die inhaltlichen und methodischen Fragen, wie eine solche Gemeinde, wie auch ein Kirchenkreis gezielt zu gestalten ist, stehen allerdings erst seit den 1990er-Jahren auf der praktisch-theologischen Tagesordnung.
Wie ist dieser Befund zu erklären? Lange Zeit sind die Organisationsund Strukturfragen der Kirche, die uns heute permanent beschäftigen, nicht als genuin Fragen begriffen worden; zum Teil ist das bis heute so. Sodann richtet sich die Praktische Theologie vor allem an einzelne Verantwortliche – die Leitungsverantwortung von Gremien und Kollegien (siehe 2.2) ist weniger im Blick. Zudem werden viele Fragen der Organisationsentwicklung bis heute eher »oben«, in landeskirchlichen Ämtern und Synoden zum Thema, vielleicht noch auf der Ebene der Kirchenkreise. In Gemeinden und diakonischen Einrichtungen, für Pfarrer:innen und (Kirchen-)Vorstände dagegen erschienen diese Themen über lange Zeit als – vielleicht ärgerliche, aber kaum beeinflussbare – Rahmenbedingungen für das »eigentliche«, das soziale, pädagogische und liturgische Handeln vor Ort.
Dazu kam bis vor wenigen Jahrzehnten die komfortable ökonomische Situation: Eine relativ stabile Mitgliedschaft, der staatlich unterstützte Kirchensteuereinzug sowie der wirtschaftliche Aufschwung der Bundesrepublik hat bis in die 1980er-Jahre dazu geführt, dass inhaltliche Konflikte in der Kirche nicht durch klare Prioritäts- oder Richtungsentscheidungen bearbeitet werden mussten, sondern eine Art additive Logik greifen konnte: Die Ansprüche konkurrierender Frömmigkeiten oder neuer gesellschaftlicher Entwicklungen wurden durch die Einrichtung weiterer Arbeitsfelder (etwa interkulturelle Seelsorge), durch eigene Berufsbilder (etwa Popkantoren oder Geistliche Begleiterinnen) oder zusätzliche Gebäude bedient. Sie traten jeweils neben die klassischen, ortsgemeindlichen Institutionen, ohne dass diese auf Ressourcen verzichten mussten.
Erst seit das »Dagobertinische Zeitalter« der Landeskirchen (Hauschild 2006, 64 ff.) zu Ende gegangen ist, wird Leiten – als Bearbeitung von organisatorischen Konflikt- und Mangelverhältnissen – in der Kirche zu einem eigenen, auch theoretischen Thema. In den letzten dreißig Jahren hat sich die einschlägige praktisch-theologische Expertise enorm erweitert. Wichtige Einsichten benennen wir anhand der Vorstellung einiger Grundlagenwerke.
Eine erste »praktisch-theologische Kybernetik«, deren Lektüre immer noch lohnt, hat der damalige Leiter der Gemeindeakademie Rummelsberg, , 1994 vorgelegt: »Gemeinde leiten«. Er ordnet die Fragen nach Gemeindeleitung in ökumenische Diskussionen zur »Versöhnung der Verschiedenen« und zur »Convivencia« ein; er skizziert »Gemeindeleitung im Horizont systemisch-ökologischen Denkens« und unterscheidet drei Aufgaben: die hermeneutische Entwicklung von Leitbildern, die kommunikative Förderung einer Kultur des Miteinanders und die organisatorische Gestaltung. Breitenbach nutzt zahlreiche, vor allem in der Sozialarbeit entwickelte triadische Modelle, um die Komplexität des Leitungsgeschehens zu erfassen.
Der Systematische Theologe , seinerzeit Bischof der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, hat 1998 »gesellschaftliche[n] Wandel und Erneuerung der Kirche« in der »Zeitenwende« zum 21. Jahrhundert reflektiert. Er stellt die Gestaltungsaufgaben in den weiten Horizont sozialstruktureller Prozesse wie Säkularisierung und Wertewandel und zielt dabei auf eine »offene und öffentliche Kirche« (Huber 1998, 97 ff.). Huber will die kirchlichen Krisen, die er prägnant beschreibt, durch erneuten Rückgriff auf die christliche Botschaft bearbeiten, rezipiert aber auch politik- und betriebswirtschaftliche Perspektiven. Im Impulspapier »Kirche der Freiheit« (Kirchenamt der Evangelischen Kirche in Deutschland 2006), das Huber – nun als EKD-Ratsvorsitzender – initiiert hat, wurde diese Sichtweise wirkungsvoll konkretisiert, erfuhr aber zugleich viel Kritik.
Schon »Kirchentheorie« (1997) und erst recht die Entwürfe von (2011) und und (2013) sind stark durch die Gesellschaftstheorie von Niklas Luhmann (1927–1998) geprägt. Er beschreibt eine wachsende gesellschaftliche Differenzierung, in der einzelne Funktionssysteme, etwa Politik, Wirtschaft, Religion und Kunst, immer mehr auseinandertreten. Soziale Systeme operieren nach je eigenen »Logiken«, die sich von außen allenfalls indirekt steuern lassen. Luhmanns Einsichten, etwa seine kategoriale Unterscheidung von Gesamtgesellschaft, Organisation und kommunikativer Interaktion, lassen sich mit verschiedenen theologischen Motiven verbinden, etwa mit Troeltschs Unterscheidung von Kirche, Sekte und Mystik. Inzwischen ist sich die Praktische Theologie einig, dass die evangelischen Großkirchen als komplexe soziale Systeme zu beschreiben sind (siehe 2.3), die vielgestaltige religiöse Kommunikation unterschiedlichste organisatorische Entscheidungen umfassen. Sie funktionieren daher nicht nur, aber auch nach politischen, ökonomischen und anderen »Systemlogiken«.
Die Praktische Theologin (2010) hat der evangelischen Kirche einen »Reformstress« bescheinigt und diese Diagnose seither mehrfach entfaltet. Wie viele andere sieht sie an der Wurzel eine theologische Orientierungskrise, die nicht durch organisatorische Maßnahmen, sondern nur durch eine inhaltliche Reflexion der heutigen Bedeutung von Rechtfertigung, Sünde, Kreuz und Auferstehung etc. bearbeitet werden kann. Weil dies öffentlichkeitswirksam vor allem in der Predigt geschieht, stehen für Karle die traditionellen Institutionen der evangelischen Kirche im Vordergrund: d:ie Pfarrer:in, deren Predigt und Seelsorge sowie die örtliche Gemeinde mit ihrem dichten Interaktionsgeflecht.
Die meisten aktuellen Kirchentheorien weiten ihren Gegenstandsbereich allerdings deutlich aus. Das zeigt sich etwa im »Handbuch für Kirchen- und Gemeindeentwicklung«, das und herausgegeben haben (Kunz/Schlag 2014): Auch die Kooperations- und Organisationsformen jenseits der »Gemeinde« müssen praktisch-theologisch gewürdigt werden. Die Erfahrungen, Erwartungen und Beteiligungsformen der Kirchenmitglieder, die seit den 1970er-Jahren seitens der EKD regelmäßig in großen, repräsentativen Erhebungen (KMU I-VI) erkundet werden, sind mit den evangelisch-inhaltlichen Überzeugungen praktisch-theologisch zu vermitteln. Und insgesamt darf die Kirche nicht auf Gottesdienst und Gemeinschaftsleben reduziert werden; sie umfasst auch Bildungsarbeit sowie unterschiedliche diakonische Institutionen. Nur so ist die evangelische Kirche bis heute eine öffentliche, gesellschaftlich wirksame Institution.
Wie lässt sich der Ertrag der praktisch-theologischen Kirchentheorie für die Praxis des Leitens zusammenfassen? Die genannten (und viele andere) Autor:innen unterstreichen die Komplexität der kirchlichen Verhältnisse, die sich in unterschiedlichen Orten, Regionen und Kulturen ganz verschieden darstellen und die jeweils zutiefst von politischen, von ökonomischen und religiösen Rahmenbedingungen geprägt sind. Was »Kirche« ist, lässt sich kaum auf einen einheitlichen Begriff bringen, weder organisatorisch-rechtlich noch in theologischer Hinsicht. Vielmehr vollzieht sich das kirchliche Leben nach unterschiedlichen »Logiken«, die mitunter in Spannung zueinander stehen, die sich aber in ihrer konkreten Wirkung auch positiv ergänzen.
Daraus ergibt sich unseres Erachtens, dass die Rolle der (Praktischen) Theologie für die Praxis des Leitens in der Kirche anders als bisher verstanden werden muss: Die Theologie liefert keine feststehenden Wahrheiten über »die Kirche«, die lediglich je neu »auszulegen« (R. Preul) oder vor Ort umzusetzen wären. Vielmehr will die praktisch-theologische Kirchentheorie alle Leitungsverantwortlichen




