E-Book, Deutsch, 189 Seiten, Web PDF
Herrmann Computersimulationen und sozialpädagogische Praxis
1. Auflage 2008
ISBN: 978-3-531-91090-1
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Falldarstellungen, Modellierungen und methodologische Reflexionen
E-Book, Deutsch, 189 Seiten, Web PDF
Reihe: Humanities, Social Science (German Language)
ISBN: 978-3-531-91090-1
Verlag: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Format: PDF
Kopierschutz: 1 - PDF Watermark
Die Arbeit von Matthias Herrmann, mit der die Reihe startet, ist für mich nicht nur deswegen besonders interessant, weil es sich um eine von mir betreute Doktorarbeit handelt. Herrmann ist von Beruf stellvertretender Leiter eines Heims für verhaltensauffällige Jugendliche im Ruhrgebiet und seine Arbeit handelt von den Möglichkeiten, in diesem äußerst schwierigen sozialen Prax- feld die eigene erzieherische Arbeit durch die Verwendung spezieller von unserer Forschungsgruppe entwickelter Programme transparenter zu machen und zu verbessern. Gleichzeitig zeigen die Programme auch die Grenzen der Möglichkeiten der in derartigen Heimen tätigen Erzieher auf – Grenzen, die durch die institutionellen Randbedingungen gesetzt werden. Indem Herrmann in einer Doppelrolle als Erzieher und teilnehmender Beobachter empirisches Material sammelt, das dann die Datengrundlage für die Simulationsprogramme bildet, zeigt er in einer für mich faszinierenden Weise, wie soziale Praxis, wissenschaftliche Beobachtungsverfahren und die Verwendung spezieller Simulationsprogramme zu einem integrierten Methodenkomplex kombiniert werden können. Das von Kurt Lewin vor langer Zeit postulierte Programm einer Handlun- forschung mit der Verbindung von Forschung und sozialer Praxis scheint, so eine der Lehren der Arbeit von Herrmann, keine reine Utopie zu sein, nämlich durch den Einsatz von Simulationsprogrammen der von Herrmann verwendeten Art. Lewin, der sich immer für die Verwendung neuer mathematischer Methoden in den Sozialwissenschaften eingesetzt hat, hätte dieser neuen Möglichkeit sicher begeistert zugestimmt.
Zielgruppe
Research
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Das Analyseverfahren Computersimulation.- Beispiele: Die Simulation einer vierten Grundschulklasse und die Entstehung eines Weltbildes.- Die erste praxisnahe Anwendung eines Analyseprogramms.- Darstellung der zweiten Analyseprogrammanwendung.- Das Optimierungsprogramm GAGabi.- Methodisches Fazit der Analyseprogrammanwendungen.- Reflexionen zur Anwendung des Optimierungsprogramms GAGabi.- Abschließendes Fazit.
4 Die erste praxisnahe Anwendung eines Analyseprogramms (S. 47-48)
In diesem Kapitel kam zum Zweck der Analyse der Jugendhilfegruppe ein Zellularautomat der Forschergruppe um Klüver zum Einsatz. Bevor ich jedoch dessen genaue Funktionsweise und dessen konkrete Anwendung darstelle, beschreibe ich in den ersten Unterpunkten dieses Kapitels zunächst die Herleitung der empirischen Basis der Zellularautomatensimulation. Die inhaltliche Grundlage und Motivation, eine Jugendhilfegruppe zu simulieren entstand aus dem generellen Problem in Jugendhilfeeinrichtungen, dass ungünstige Gruppenzusammensetzungen das Gewaltpotential der einzelnen jugendlichen Gruppenbewohner noch deutlich erhöhen können. Exemplarisch möchte ich hier Gabis Problem zur Verdeutlichung heranziehen. Gabis Problem stellt eine typische Problemlage in der stationären Jugendhilfe dar und basiert auf einem konkreten, realen Fall.
Durch den Namen Gabi wird hier die spezielle Erzieherin benannt, die dieses Fallbeispiel durchlebt hat. Gabi ist selbstverständlich nicht ihr wirklicher Name. Gabi ist eine Erzieherin in einer Einrichtung der stationären Jugendhilfe und in diesem Fallbeispiel hat sie Dienst am Wochenende. In der besagten Gruppe innerhalb der Einrichtung für deviante Jugendliche ist es üblich, dass jedes Wochenende immer 4 andere von 12 Jugendlichen turnusmäßig nach Hause beurlaubt werden.
Daraus ergibt sich häufig die paradoxe Situation, dass sich das ohnehin schon hohe Aggressionspotential der Gruppe, trotz Verringerung der Mitgliederzahl von 12 auf 8, noch deutlich erhöht. Auch Gabi hat an diesem Wochenende das Pech, dass diese paradoxe Situation eintritt. Bestimmte Gruppenbewohner, die sonst andere Interaktionskontakte pflegen, kommen so zwangsweise, durch die Beurlaubung ihrer üblichen Interaktionspartner in die Lage mit Bewohnern häufig zu interagieren, zu denen sie sonst weniger Kontakt haben. Haben diese willkürlich zusammengeführten Bewohner ein ähnlich hohes Aggressionspotential und einen ähnlichen sozialisatorischen Erfahrungshorizont (vgl. Kap. 5), dann bestärken sich diese Bewohner untereinander in ihren aggressiven Interaktionsneigungen.
Gabi steht so nun vor der Situation, dass eine bestimmte Gruppe von Jugendlichen andere Jugendliche der Gruppe unterdrückt und körperlich angeht, bis dis Situation eskaliert und Gabi die Polizei verständigen muss. Ich kann aus langjähriger Erfahrung sagen, dass solche gruppendynamisch begründeten Eskalationen Alltag innerhalb solcher Jugendhilfeeinrichtungen sind. Die Simulationen im Rahmen dieser Arbeit haben demnach immer das Ziel, solche gruppendynamisch begründeten Problemstellungen der Sozialpädagogik besser zu verstehen, um dann letztlich zu adäquaten Problemlösungen zu kommen. Die in Kap. 5 und 6 verwendeten Programme sind deshalb auch nach der Protagonistin des angeführten Fallbeispiels benannt (ZAGabi und GAGabi).
4.1 Der exemplarische, pädagogische Gegenstand
Der pädagogische Gegenstand der empirischen Untersuchungen war eine Heimgruppe in der „stationären Jugendhilfe", in der ich als pädagogischer Mitarbeiter tätig war. Die Gruppe besteht aus 12 Jugendlichen, wovon 10 männlichen Geschlechts und 2 weiblichen Geschlechts sind. Das Alter der Mitglieder liegt zwischen 13 und 18 Jahren. Des Weiteren ist zu konstatieren, dass bei jedem Bewohner dieser Heimgruppe Verhaltensauffälligkeiten zu beobachten sind.
Diese äußern sich bei einem großen Teil der Jugendlichen in Form von Fremdaggression und Gewaltverhalten und bei dem anderen, kleineren Teil in Form von Depression und Autoaggressivität. Im Kontext einer Betrachtung gruppendynamischer Prozesse innerhalb solcher Gruppen bedeutet dies konkret, dass es in der vorgestellten Gruppe bei geringfügigen Änderungen der Gruppenzusammensetzung (durch z.B. Heimfahrten, Mitgliederwechsel oder Zimmerwechsel von einzelnen Mitgliedern bei 2-Bettzimmern etc.) zu problematischen Gruppenkonstellationen und in Folge dessen zu krisenhaften Situationen kommt. Solche Krisensituationen untergraben die erzieherischen Bemühungen um ein einigermaßen angenehmes Zusammenleben aller Gruppenmitglieder.




