Herzberg | Zwischen Schutt und Asche | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 287 Seiten

Reihe: Hamburg in Trümmern

Herzberg Zwischen Schutt und Asche

Hamburg in Trümmern 1 (Kriminalroman)
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-96714-033-0
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Hamburg in Trümmern 1 (Kriminalroman)

E-Book, Deutsch, Band 1, 287 Seiten

Reihe: Hamburg in Trümmern

ISBN: 978-3-96714-033-0
Verlag: Zeilenfluss
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Hamburg, Mai 1946: In einer Ruine nahe dem Bahnhof Altona werden die Leichen von drei jungen Frauen gefunden. Die Bevölkerung ist anfänglich schockiert, regelrecht in Aufruhr. Doch in einer nahezu vollständig zerbombten Stadt, die sich nur sehr schleppend von ihren Wunden erholt, geraten selbst abscheuliche Verbrechen schnell wieder in Vergessenheit – Hunger und Elend beherrschen den Alltag fast aller.
Allein die Kommissare Thiesen und Pfeiffer suchen immer verbissener nach einem Mörder, der sich hinter Korruption, Gleichgültigkeit und Habgier bestens zu verstecken weiß. Als sich ausgerechnet den britischen Besatzern plötzlich ein Mann stellt, der die schrecklichen Taten gesteht, scheint der Fall gelöst zu sein.
Nur wenige ahnen, dass damit erst die wahren Verantwortlichen aus ihrer Deckung gezwungen werden. Die Ereignisse überschlagen sich, ein tödlicher Wettlauf beginnt, dessen Ausgang bis zum Schluss völlig ungewiss bleibt …

"Zwischen Schutt und Asche" ist der erste Band der Reihe "Hamburg in Trümmern". Jeder Band ist in sich abgeschlossen.
Der zweite Band "Zwischen Leben und Tod" ist ebenfalls in allen Onlineshops erhältlich.

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1
      »Ich weiß nicht, was Sie erwartet haben, Herr Thiesen. Einen roten Teppich?« »Was erwartet man als zukünftiger Leiter der Mordkommission? Nicht viel, aber zumindest ein Büro mit Fenster.« Hans Maler konnte ein Schnaufen nicht unterdrücken. Vor einigen Wochen erst hatte man ihn – nach einem nicht enden wollenden Prozedere – zum neuen Chef der Hamburger Kriminalpolizei gemacht. 1946. Es war Mai. Der Zweite Weltkrieg, also die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht, lag gerade mal ein gutes Jahr zurück. Die alliierten Sieger wollten um jeden Preis verhindern, dass Überbleibsel der Naziherrschaft Schlüsselpositionen im neu zu errichtenden Deutschland einnahmen. Viele Posten waren bis heute unbesetzt, weil es schlichtweg zu wenig Männer mit halbwegs reiner Weste gab. »Wenn es nach mir gegangen wäre, dann säße ein anderer auf Ihrem Stuhl«, sagte Hans Maler in gleichgültigem Ton. »Der hat übrigens nur dreieinhalb Beine«, protestierte Hermann Thiesen kopfschüttelnd. »Und selbst für den habe ich zwei Tage lang gekämpft! Für Ihren Schreibtisch und ein paar weitere, noch brauchbare Exemplare bin ich ’ne halbe Woche kreuz und quer durch Hamburg gefahren.« »Dann verraten Sie mir am besten, warum ich es bin, der den Posten am Ende bekommen hat.« Thiesen hatte beschlossen, lieber das Thema zu wechseln. Dieses erste Gespräch mit seinem neuen Chef sollte zumindest angenehmer enden, als es angefangen hatte. »Ich habe vorher nie etwas mit Mord zu tun gehabt.« »Können Sie mit der Wahrheit umgehen, Kollege?« »Ob Sie’s glauben oder nicht – aber mit der Wahrheit kann ich immer noch am besten umgehen.« Thiesen schaffte es sogar, ein halbwegs ehrliches Lächeln zu produzieren. Hans Maler schnaufte und schaute zur Decke, als er von Neuem begann: »Die Anweisung kam von oben – von den Engländern.« »Warum?« »Das wollte ich eigentlich Sie fragen. Wenn Sie es auch nicht wissen, dann kommt mir die Sache noch komischer vor.« Thiesen rutschte vorsichtig auf seinem Stuhl herum. Zuerst wollte er nicht mehr nachhaken, dann siegte aber doch seine Neugier über die Vernunft: »Gibt es noch andere Gründe, die in Ihren Augen gegen mich sprachen?« »Allerdings! Ihre Akte ist blitzsauber, und das, obwohl Sie schon seit acht Jahren der Hamburger Polizei angehören.« »Ich würde das eher als positives Vorzeichen werten. Zumindest habe ich mir nichts zu Schulden kommen lassen.« »Waren Sie Mitglied in der Partei?« »Natürlich! Sie etwa nicht?« »Zeigen Sie mir mal einen Polizisten, der heute noch im Dienst oder auch nur am Leben ist, der nicht Teil dieser braunen Einheitssch…« Den Rest verschluckte Hans Maler gepflegt. »Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen.« »Die meisten, von denen man nichts gehört hat, hatten Freunde in der Partei. Sie verstehen …?« »Immer noch nicht! Aber vielleicht sollten wir das lieber lassen.« Hermann Thiesen hatte sich erhoben und schob den klapprigen Stuhl vorsichtig mit dem Fuß ein Stück beiseite. »Wahrscheinlich wäre es empfehlenswert, wenn wir uns offiziell darauf einigen, dass Sie mir die Leitung der Mordkommission übertragen haben, weil Sie keinen Besseren für diesen Posten gefunden haben. Jede andere Variante würde zu Irritationen führen.« Hans Maler nickte nur und griff nach seiner Kaffeetasse, deren Henkel abgebrochen war. Er nahm einen Schluck und verzog das Gesicht. »Zichorienkaffee, ich könnt kotzen«, presste er heraus. »Mittlerweile werden echte Kaffeebohnen fast mit Gold aufgewogen.« »Wenn es nur Kaffee wäre! Ich habe das Gefühl, als ob es an allem mangelt, womit wir ein halbwegs komfortables Leben verbinden.« Thiesen stieß den Atem geräuschvoll aus. »Wenigstens ist der endlose Winter vorbei und damit auch ein großer Teil der schlimmsten Hungersnot.« »Sei’s drum … noch Fragen?« »Kann ich davon ausgehen, dass ich regelmäßig Bezugsscheine für die wichtigsten Dinge bekomme?« Thiesen setzte ein schräges Grinsen auf. »Mit Geld können Sie mich kaum bezahlen, solange man dafür nirgends etwas bekommt.« »Das Einzige, wovon Sie ausgehen können, ist, dass ich alles versuchen werde, um meine Leute mit dem Nötigsten zu versorgen.« Hans Maler ließ seinen Kopf hängen und schüttelte ihn mechanisch. Plötzlich sah er wieder auf und musterte sein Gegenüber mit seltsamem Blick. »Sie wollten doch die Wahrheit, also bekommen Sie ein gutes Stück davon!« Der Kripochef lachte über seine Ankündigung und fuhr noch lauter fort: »Ich habe keine Ahnung, wie es überhaupt weitergehen soll. Aber wenn jemand in unserer Stadt herumlaufen und wahllos Menschen umbringen kann, dann brauchen wir wiederum einen anderen, der ihm auf die Finger klopft.« »Klingt aufregend, wenn der Magen vor Hunger knurrt und die Beine weich wie Pudding sind.« »Hören Sie auf, von Pudding zu reden! Da läuft mir sofort das Wasser im Munde zusammen.« Eine weitere Sackgasse, musste Thiesen feststellen. Zeit für ein anderes Thema: »Aus wie vielen Männern wird die neue Mordkommission denn bestehen?« Sein Gesicht verriet, dass er die Antwort bereits kannte und nur eine Bestätigung seiner Vermutung einforderte. »Sie bekommen einen Assistenten.« Hans Maler schob eine dünne Mappe über seinen Schreibtisch und nickte zufrieden, als Thiesen sofort danach griff und sie aufschlug. »Johann Pfeiffer«, nuschelte der Oberkommissar vor sich hin. »Der Kerl ist gerade mal vierundzwanzig!«, entfuhr es ihm dann erstaunt, nachdem er die ersten Zeilen überflogen hatte. »Hat der Bursche überhaupt einen Schulabschluss?« »Einen besseren als Sie, falls Sie’s genau wissen wollen.« »So genau wollte ich es eigentlich nicht wissen«, gab Thiesen leise zurück und blätterte weiter. »Ich sehe hier zwei Einträge. Er hat Schwarzmarktware an seine Kollegen verteilt.« »Und Sie werden lange suchen müssen, um einen zu finden, in dessen Akte so etwas nicht steht.« Hans Maler lächelte gequält. »Natürlich abgesehen von Ihrem Musterexemplar.« Sein Ton verdeutlichte, was er, in schweren Zeiten wie diesen, über allzu gesetzestreue Polizisten dachte. »Wo ist der Kollege?« Thiesen hielt es erneut für besser, das Thema zu wechseln. In absehbarer Zeit dürften sein neuer Chef und er vermutlich keine Freunde werden. »Sollte bereits in Ihrem Büro auf Sie warten. Zumindest hat er die Anweisung.« »Gut!« Thiesen nahm Haltung an und war im Begriff, sich zu verabschieden. »Gibt es sonst noch etwas?« »Ihren ersten Fall. Die Akte liegt auf Ihrem Schreibtisch.« »Worum geht’s?« »Sie werden es nicht glauben – um Mord!« »Sehr witzig! Was ist passiert?« »Soll ich Ihnen vielleicht auch gleich den Mörder auf einem Silbertablett servieren?« Hans Maler schüttelte den Kopf und gab ein leises Stöhnen von sich. »Sie sind der neue Chef der Mordkommission und es ist Ihre Aufgabe, einen Täter schnellstmöglich zu finden und ihn hinter Schloss und Riegel zu bringen. Haben Sie das verstanden?« »Natürlich, Chef!« Thiesen zog die Mundwinkel hoch und nickte angedeutet. »Schönen Tag noch, Herr Maler.«   Auf dem Weg in sein fensterloses Büro begegnete der Oberkommissar auf den Fluren nur vereinzelt ein paar Kollegen, die es offensichtlich allesamt eilig hatten. Die wenigsten schauten überhaupt auf und nahmen Notiz von ihrer Umgebung oder möglichen Details. Wegschauen, das hatte dieses Volk gründlich gelernt. Und es schien so, als würde diese zweifelhafte Fähigkeit das Kriegsende noch viele Jahre überdauern. Die meisten hatten einfach nur Angst und hofften, dass man sie nicht mit irgendeinem Kriegsverbrecher verwechselte und womöglich kurzerhand an einem Laternenmast aufknüpfte. Wobei davon auszugehen war, dass es in der Hamburger Polizei unverändert von NS-Verbrechern nur so wimmelte. Manche hatten falsche Namen angenommen und sogar mühevoll ihr Äußeres verändert, um selbst einer Gegenüberstellung mit Überlebenden des Wahnsinns standzuhalten. Trotzdem flogen jede Woche ein bis zwei Kollegen auf, denen man – sei’s zu Recht oder zu Unrecht – alle möglichen Gräueltaten vorwarf. Hermann Thiesen musste seiner Bürotür einen kräftigen Tritt verpassen, bevor die sich widerwillig vor ihm auftat. Erneut schlug ihm sofort der muffige Geruch von Akten entgegen, die sich bergeweise in verschimmelten Holzkisten an den Wänden und mitten im Raum auftürmten: Überreste aus über einem Jahrzehnt an Mordermittlungen im Nazideutschland. Vermutlich hätte man den ganzen Stapel in den Hof fahren und anzünden können, ohne dabei etwas Werthaltiges zu zerstören. Thiesen zweifelte daran, dass er eine dieser Akten jemals wieder in die Hand nehmen, geschweige denn darin blättern würde. Das einzige Licht im Raum stammte von einer trüben Glühlampe, die am Ende eines uralten Kabels in einer Keramikfassung von der Decke baumelte. Dieses muffige Loch hatte absolut nichts von einem Büro, dafür umso mehr von einem Archiv, besser noch: einem Akten-Friedhof. Und auch dieser Pfeiffer hatte sich noch nicht wie erwartet eingefunden. Ein perfekter Anfang! Gleich am ersten Tag unpünktlich zu erscheinen, warf einen dunklen Schatten auf die künftige Zusammenarbeit. Thiesen schob sich vorsichtig zwischen zwei Reihen Kisten hindurch und ließ sich am Ende ganz behutsam auf seinem dreieinhalbbeinigen Stuhl nieder. Den Höhenunterschied hatte er schon bei seiner ersten Inspektion mit ein paar dicken Büchern ausgeglichen. Trotzdem kippelte er fortwährend von einer Seite zur anderen. Das machte es schwer, sich...



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