E-Book, Deutsch, 275 Seiten
Herzen Wer ist schuld?
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-2775-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 275 Seiten
ISBN: 978-3-8496-2775-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Herzens bekanntester Roman ist eine Anklage an die gesellschaftlichen Zustände im Rußland des 19. Jahrhunderts und speziell an die Leibeigenschaft, die der Schriftsteller immer wieder anprangerte.
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Der General a. D. und der Hauslehrer.
Es ging auf den Abend. Alexis Abramowitsch stand auf dem Balkon. Er konnte sich von einem zweistündigen Mittagsschlafe noch immer nicht erholen. Träge öffneten sich die Augen und von Zeit zu Zeit gähnte er.
Da erschien der Diener mit einer Meldung. Aber Alexis Abramowitsch hielt es nicht für nöthig, ihn zu bemerken, und der Diener wagte es nicht, seinen Herrn zu stören. So vergingen zwei, drei Minuten. Nach Verlauf derselben fragte plötzlich Alexis Abramowitsch:
"Was willst du?"
"Während Euer Excellenz zu schlummern geruhten, ist der Hauslehrer, den der Doctor engagirt hat, hier angekommen."
(Was hier eigentlich zu setzen ist, ein Fragezeichen oder ein Ausrufungszeichen, das haben die Umstände nicht entschieden.)
"Ich habe ihn in das Zimmer geführt, in welchem der Deutsche wohnte, den Sie fortzujagen geruhten."
"Er bat mich, es Euer Excellenz zu sagen, wenn Sie zu erwachen geruhten."
"Ruf ihn her."
Und das Gesicht des Alexis Abramowitsch ward würdevoller, majestätischer. Nach einigen Minuten erschien abermals der Diener und meldete:
"Der Hauslehrer ist da."
Alexis Abramowitsch bewahrte Schweigen, dann sah er den Diener drohend an und sprach:
"Hast du vielleicht Mäuse im Munde, du Dummkopf, – he? Muffelt, daß man kein Wort versteht."
"Uebrigens," setzte er, ohne eine Wiederholung abzuwarten, hinzu: "rufe den Hauslehrer her," und dann nahm er sofort Platz.
Ein junger Mensch von dreiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahren, schlank, blaß und blondhaarig, in ziemlich engem schwarzem Rock erschien ängstlich und verlegen vor dem General.
"Willkommen, Verehrtester," sprach der General mit wohlwollendem Lächeln und ohne sich zu erheben. "Mein Doctor hat sich sehr günstig über Sie ausgesprochen; ich hoffe, wir werden mit einander zufrieden sein. Heda, Wasska," (dabei pfiff er), "warum reichst du ihm keinen Stuhl? Denkst wohl, bei so einem Hauslehrer ist das nicht nöthig. Ei, ei, wann schleift man euch endlich ab und macht euch zu einer Art Menschen! Bitte, nehmen Sie gefälligst Platz. Also, Verehrtester, ich habe einen Sohn; ein guter Junge, besitzt Fähigkeiten; soll für die Kriegsschule vorbereitet werden. Französisch spricht er bereits, deutsch spricht er zwar nicht, versteht's aber. Der frühere Lehrer, ein Deutscher, war ein Trunkenbold und befaßte sich gar nicht mit ihm; übrigens muß ich gestehn, daß ich ihn für gewöhnlich in der Wirtschaft beschäftigte; – er bewohnte das Zimmer, das Ihnen angewiesen worden ist; ich habe ihn fortgejagt. Ich sage es Ihnen ganz offen, es ist nicht nöthig, daß mein Sohn ein Magister oder Philosoph werde; indeß, Verehrtester, obgleich ich's Gott sei Dank habe, so will ich doch zweitausendfünfhundert Rubel nicht für nichts oder wieder nichts zahlen. Heutzutage, Sie wissen das selbst, verlangt man für den Militärdienst all diese Grammatiken und Arithmetiken ... Heda, Wasska, rufe mir mal Michael Alexejitsch."
Der junge Mann bewahrte während dieser ganzen Zeit Schweigen, erröthete, zupfte an seinem Taschentuch und wollte irgend etwas sagen; es sauste ihm förmlich in den Ohren – so strömte ihm das Blut zu Kopf. Er begriff nicht einmal ganz genau die Worte des Generals; aber er fühlte, daß seine ganze Rede ihm eine Empfindung bereitete, wie wenn man mit der Hand ein Wallroßfell zurückstreicht.
Als die Ansprache beendet war, sagte er:
"Indem ich die Verpflichtung übernehme, Ihren Sohn zu unterrichten, verspreche ich, alle meine Obliegenheiten mit bestem Wissen und Gewissen zu erfüllen ... selbstverständlich nach Maßgabe meiner schwachen Kräfte ... Uebrigens werde ich in jeder Weise bemüht sein, Ihr – Euer Excellenz Vertrauen zu rechtfertigen."
Alexis Abramowitsch unterbrach ihn:
"Meine Excellenz, mein Bester, wird nicht zu viel verlangen. Die Hauptsache ist, daß Sie Ihrem Zögling Lust zur Arbeit beibringen, ihn gewissermaßen spielend unterrichten – verstanden? Sie haben doch Ihre Studien beendet?"
"Ja, ich bin Candidat."
"Ist das ein neuer Rang?"
"Ein Gelehrtengrad."
"Leben Ihre Eltern noch – wenn man fragen darf?"
"Ja."
"Geistlichen Standes?"
"Mein Vater ist Kreisarzt."
"Dann haben Sie wohl Medicin studirt?"
"Physik und Mathematik."
"Verstehen Sie Latein?"
"Ja."
"Das ist eine durchaus unnütze Sprache; die Aerzte können sie freilich nicht entbehren; man kann doch nicht in Gegenwart des Kranken sagen, daß er morgen absegelt; aber was sollen wir damit anfangen, ich bitte Sie..."
Wir wissen nicht, wie lange die gelehrte Unterhaltung noch gedauert hätte, wenn Michael Alexejitsch – für gewöhnlich Mischa genannt, – sie nicht unterbrochen hätte. Es war dies ein Knabe von dreizehn Jahren, gesund, rothwangig, wohlgenährt und mit sonnenverbranntem Gesicht. Er hatte ein Jäckchen an, aus welchem er bereits in wenigen Monaten herausgewachsen war und machte just den Eindruck, der im allgemeinen all den Alltagskindern reicher Landedelleute eigen ist.
"Da ist dein neuer Lehrer," sprach der Vater.
Mischa scharrte mit dem Fuße.
"Gehorche ihm und lerne tüchtig; das Geld spare ich nicht, – aber du mußt die Gelegenheit zu benutzen wissen."
Der Lehrer stand auf, machte Mischa eine höfliche Verbeugung, ergriff seine Hand und sagte mit sanfter freundlicher Miene zu ihm, daß er alles thun würde, was in seinen Kräften stehe, um seinem Schüler das Lernen leicht und angenehm zu machen.
"Er hat schon einiges gelernt," bemerkte Alexis Abramowitsch. "Von der Madam, die bei uns wohnt; dann hat ihn auch der Pope unterrichtet – er ist ein Zögling des Priesterseminars, unser Dorfpope. Und nun, mein Lieber, bitte, examiniren Sie ihn mal."
Der Lehrer wurde verwirrt, dachte lange darüber nach, was er fragen sollte und sprach endlich:
"Sagen Sie mir mal, welchen Gegenstand behandelt die Grammatik?"
Mischa blickte bei Seite, zupfte sich an der Nase und sagte endlich:
"Die russische Grammatik?"
"Gleichviel – die Grammatik im allgemeinen."
"Das haben wir nicht gelernt."
"Aber was hat der Pope dir denn beigebracht?" fragte streng der Vater.
"Ja, Papachen, ich habe die russische Grammatik bis zum Partizip und den Katechismus bis zu den Sakramenten gelernt."
"Nun geh und zeige ihm das Unterrichtszimmer ... Erlauben Sie, Ihr Name?"
"Dmitri", entgegnete der Lehrer und erröthete.
"Und Ihr Vatersname?"
"Jakowleff."
"Ah so, Dmitri Jakowlewitsch. Wollen Sie nach der Reise nicht einen Imbiß zu sich nehmen – einen Schnaps trinken?"
"Ich trinke nur Wasser."
"Stellt sich nur so an," dachte Alexis Abramowitsch, den das lange gelehrte Gespräch im höchsten Grade ermüdet hatte.
Dann begab er sich zu seiner Frau in den Salon. Glafira Lwowna ruhte auf einem weichen türkischen Sopha. Sie hatte ein Hauskleid an. Das war ihr Lieblingscostüm, da jedes andere sie drückte. Eine fünfzehnjährige, wahrhaft glückliche Ehe war ihr gut bekommen. Sie hatte sich unter den Frauen zu dem entwickelt, was unter den Bäumen die Adansonia boabab ist. Alexis' schwere Schritte weckten sie; sie hob das verschlafene Haupt, eine ganze Weile konnte sie noch nicht wieder zu sich kommen; und als sei es ihr in ihrem ganzen Leben zum ersten Male passirt, daß sie außer der Zeit eingeschlafen, rief sie verwundert aus:
"Ach mein Gott, ich glaube, ich habe geschlafen! Denke dir, so etwas!"
Alexis Abramowitsch begann ihr Bericht zu erstatten über seine Bemühungen um Mischas Erziehung. Glafira Lwowna war mit allem zufrieden und trank, während sie ihm zuhörte, eine halbe Flasche Kwaß. Vor dem Thee trank sie täglich Kwaß.
Für Dmitri Jakowlewitsch waren mit der Audienz bei Alexis Abramowitsch noch nicht alle Unannehmlichkeiten überstanden; schweigsam und aufgeregt saß er im Unterrichtszimmer, als der Diener hereinkam und ihn zum Thee rief.
Unser Candidat war bisher noch niemals in Damengesellschaft gewesen; er hegte den Frauen gegenüber ein gewisses instinktartiges Gefühl von Hochachtung. Sie waren ihm von einer Art Nimbus umgeben; er hatte sie entweder auf den Straßen gesehen, geputzt und unzugänglich, oder auf der Bühne des Moskauer Theaters, – und dort hatte er alle Statistinnen wie Feen und Göttinnen angestaunt. Jetzt sollte er einer Generalin vorgestellt werden, und vielleicht ist sie nicht einmal allein!
Mischa hatte bereits Zeit gefunden, ihm zu erzählen, daß er eine...




