Liebe Besucherinnen und Besucher,
aufgrund unseres Sommerfestes sind wir am 03. September 2026 bis 14 Uhr erreichbar. Am 04. September 2026 sind wir wieder wie gewohnt für Sie da. Vielen Dank für Ihr Verständnis.
Ihr Team von Sack Fachmedien
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
Hess Lehrbuch für die systemische Arbeit mit Paaren
4. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8497-8516-1
Verlag: Carl-Auer Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein integrativer Ansatz mit Elementen aus Paarberatung, Einzeltherapie und Mediation
E-Book, Deutsch, 400 Seiten
ISBN: 978-3-8497-8516-1
Verlag: Carl-Auer Verlag GmbH
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thomas Hess, Dr. med., Kinder- und Jugendpsychiater, Paar- und Familientherapeut, Supervisor, Organisationsberater, Mediator und Klärungshelfer; nach Tätigkeit als Chefarzt einer Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanz 1993-1999 Leiter des IEF (Institut für Ehe und Familie, seit 1999: Institut für systemische Entwicklung und Fortbildung) in Zürich. Seither in freier Praxis und als Trainer in Weiterbildungen für Systemtherapie mit dem Schwerpunkt Patchworkfamilien tätig.
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Prolog: Annäherungen an Liebe und Partnerschaft
„Was ist die Liebe? Ich habe zwar jedes Wort gelesen, das gewisse selbst ernannte Weise über ihre Natur geschrieben haben, ich habe mit zunehmendem Alter immer mehr darüber philosophiert, aber ich werde nie akzeptieren, daß sie etwas Unwichtiges oder Eitles sein soll. Sie ist eine Art Wahnsinn, über den Philosophie keine Macht hat; eine Krankheit, die den Menschen in jeder Phase seines Lebens befallen kann; wenn sie ihn im Alter ereilt, ist sie sogar unheilbar. Unbeschreibliche Liebe! Göttin der Natur! Nichts ist süßer als ihre Bitternis, nichts ist bitterer als ihre Süße! Göttliches Monster, das sich nur mit Paradoxen beschreiben lässt!“ (Casanova 1999, S. 7).
Liebe zu beschreiben ist ein schwieriges Unterfangen. Jeder Mensch erlebt sie anders, definiert sie auf seine eigene Art und Weise. Möglich, dass in anderen Kulturen Liebe etwas ganz anderes ist als in unseren Vorstellungen. Für den größten Teil der westlichen Welt trifft es aber wohl zu, dass Liebe an die grundlegende Spannung zwischen dem Wunsch nach Verschmelzung und demjenigen nach Unabhängigkeit rührt. Liebe wird assoziiert mit Glück, Leidenschaft, Sehnsucht, Erfüllung und Sichverstehen, aber auch mit Opferbringen, Abhängigkeit, Trennung und Schmerz.
Wie der Einzelne die Liebe erlebt, ist das eine; das von Medien, Kino und Werbung verbreitete Liebeskonzept etwas anderes. Gerken und Konitzer nennen es das romantische Liebeskonzept. Es hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts gegen die materielle Liebe durchgesetzt.
„Die romantische Ideologie – die heute am weitesten verbreitete Liebesideologie – hat ein ganz anderes Credo: ‚Verschmelzung mit dem Schicksal und Verschmelzung gegen das Schicksal‘. Das schließt die fixe Idee ein, daß einem, wenn man nur die richtige Frau, den richtigen Mann findet, fast nichts mehr passieren kann. Ob das klappt, darüber entscheidet nur das Schicksal.
Das Konzept der romantischen Liebe ist eine absolut verkitschte Ideologie. Vertrautheit, Sex und Treue – alles soll hier zu 100 Prozent erfüllt werden. Wer schafft das, wer hält das aus? Absolute Vertrautheit, glühende Leidenschaft, totale sexuelle Erfüllung und hundertprozentige Treue – und das ein Leben lang? Die logischen Konsequenzen sind Streß und Bigotterie, zunehmende Scheidungsraten und wachsende Gewinnmargen für Psychologen und Paartherapeuten“ (Gerken u. Konitzer 1995, S. 56).
Auch Dechmann und Ryffel (2001) sehen partnerschaftliche Enttäuschungen und Schwierigkeiten auf dem Hintergrund des romantischen Liebeskonzeptes (S. 89). Es sind jedoch nicht nur die überhöhten Erwartungen, die manche Beziehungen scheitern lassen. Damit die Beziehung zu einer reifen Partnerschaft heranwachsen kann, ist nicht nur die Liebe ausschlaggebend, sondern auch der familiäre und gesellschaftliche Hintergrund. War und ist dieser wachstumsfördernd, sind die Voraussetzungen günstiger. Erzwingen lässt sich Liebe jedoch auch dadurch nicht.
Mit wenigen Ausnahmen geht es in Sachbüchern kaum je um die Liebe, ja nicht einmal, wenn es sich um ein Buch über Paarberatung handelt. Noch bedenklicher ist, dass es viele dieser Bücher unterlassen, darauf hinzuweisen, wie klein und ohnmächtig Beratende vor der Unergründlichkeit der Liebe stehen, die sie nur pflegen und hegen, nie aber herbeiführen oder wieder erwecken können.
Partnerschaft ist die pragmatische Seite der Liebe, der ernüchternde Folgezustand. Partnerschaft ist Synergie, Tauschhandel, gegenseitige Entwicklungshilfe und auch Unterstützung. Sie ist Alltag, Routine, Organisation und Durchhalten. Partnerschaft muss von Liebe getragen sein, sonst verkommt sie zu Konkurrenz, Machtkampf, Egoismus und Frustration oder läuft auf Hoffen, Abwarten, Ausweichen, Sichverpassen, Einsamwerden und Resignieren hinaus.
Viele Paare finden ihr gemeinsames Glück, leben 20, 30 oder 50 Jahre zusammen. Andere suchen Hilfe, erhalten sie und sind zufrieden mit dem Angebot. Nach ein, zwei Sitzungen finden sie zurück zu ihren Ressourcen. Sie haben ein neues Gleichgewicht gefunden. Als Berater habe ich vor beidem Hochachtung. Von den verbleibenden Paaren wird im Folgenden die Rede sein. Was macht aber den Unterschied aus, dass die einen Paare nach drei Monaten aufgeben, andere 50 Jahre zusammenleben?
Die Struktur wissenschaftlicher Revolution nach Kuhn (1976)
Die Revolution umfasst vier Phasen:
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Die normale Wissenschaft ist geprägt durch die Bemühungen, das in einem bestimmten Wissenschaftsbereich bestehende Paradigma2 zu bestätigen, die zugrunde liegende Theorie zu erweitern und zu differenzieren. Abweichungen werden durch geeignete Maßnahmen wegkontrolliert oder als Folge ungenauer Messungen interpretiert.
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Anomalien und das Auftauchen wissenschaftlicher Entdeckungen: In dieser Phase erhalten Anomalien mehr Beachtung. Es werden Ausnahmen von der Anwendbarkeit der Theorie gefunden und beschrieben. Das Interesse der Forschung gilt nun diesen Abweichungen. Es werden Beweise zusammengetragen, welche die Begrenzung oder gar Ungültigkeit der Theorie belegen.
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Krisen und das Auftauchen alternativer Theorien: Nun werden sich die Wissenschaftler dessen bewusst, dass eine Krise eingetreten ist, d. h., dass für einen Forschungsbereich verschiedene konkurrierende Theorien, aber keine allgemein anerkannte zur Verfügung stehen. Kuhn spricht von „Wucherung von Versionen einer Theorie“.
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Die Reaktion auf die Krise: Jetzt folgt die Geburt einer neuen Theorie oder die Einigung des Wissenschaftsbetriebes auf eine der verschiedenen konkurrierenden Theorien. Daraufhin beginnen die Forscher erleichtert, der nun anerkannten neuen Theorie zum Durchbruch zu verhelfen, indem sie bestätigende Experimente und Beweisführungen durchführen. Der Kreislauf beginnt von vorne.
Liebesbeziehungen und Partnerschaften sind einem Entwicklungsprozess unterworfen. Dieser kann zu einer intensiven reifen Partnerschaft führen oder in der Trennung enden. Es gibt einfachere und komplexere Modelle, die diesen Prozess erklären (Jellouschek 2001; Willi 1992; 2002). Zur Beschreibung greife ich – Dechmann und Ryffel (2001) folgend – auf die Erklärung von Paradigmenwechseln in der Wissenschaftsgeschichte von Kuhn (1976, 1977) zurück (vgl. Kasten S. 15). Der Vergleich passt gut, da sowohl Partnerschaft wie auch Forschung von Neugier und Faszination genährt werden.
Nach Kuhn besteht wissenschaftliche Erkenntnis also nicht darin, dass Wahrheiten gefunden werden, sondern darin, dass die Wissenschaftsgemeinde zu einem Konsens gelangt. Genauso ist es in der Partnerschaft auch. Nicht das Auffinden von Wahrheit ist wesentlich, sondern die Suche nach einem Konsens. Dieser kann in einer neu gefundenen gemeinsamen Sichtweise, einer neuen Aufgabe bestehen oder darin, dass zu einem bestimmten Thema Dissens besteht.
Die Entwicklung einer Partnerschaft und die Überwindung einer Krise kann folgendermaßen in Beziehung zu Kuhns Konzept gebracht werden:
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Die Phase der Verliebtheit ist geprägt durch die Bestätigung der Überzeugung (bzw. Theorie) „Dies ist der richtige Partner für mich“. Die Partnerschaft wird als Chance und Bereicherung erlebt. Allfällige Unterschiede zwischen Wunsch und Realität werden ausgeblendet oder beschönigt. Auseinandersetzungen werden kaum oder mit großer Kompromissbereitschaft geführt.
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Die Phase der Ernüchterung: Das Paar realisiert, dass nicht alles so gut aufgeht, wie es während der Verliebtheit schien. Die Partner beginnen, sich übereinander aufzuregen, üben aneinander Kritik. Die Überzeugung „Dies ist der beste Partner für mich“ ist noch intakt, aber mit einigen Abstrichen. Die Partner stellen sich den Unterschiedlichkeiten, diskutieren und setzen sich mit den verschiedenen Meinungen und Bedürfnissen auseinander. Das Interesse gilt sowohl der Partnerschaft wie auch eigenen individuellen Interessen, die den anderen u. U. ausschließen. Ein neues Gleichgewicht wird gefunden.
Falls es den Partnern nicht gelingt, die Herausforderung der Unterschiedlichkeit als gegenseitige Bereicherung zu nutzen, sondern sich daran aufzureiben beginnen, kippen die Wahrnehmungen langsam in die Richtung von Störungen, Ärgernissen und werden dann plötzlich nur noch als Hinweis dafür gesehen, dass die Partnerwahl möglicherweise falsch war; die Wahrnehmung wird immer negativer. Die Bemühungen, die Beziehung zu verbessern, gehen grundsätzlich in Richtung der Wiederherstellung der bisherigen Paarrealität, vor allem, indem versucht wird, den Partner zu verändern.
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Krisen und das Austesten neuer Lebens- oder Beziehungsformen: Nun folgt die Paarkrise, allenfalls mit Ambivalenzphase. Es wird anerkannt, dass eine Krise eingetreten und die bisherige Form der Beziehung unmöglich geworden ist. Die bisherigen Lösungsversuche werden aufgegeben, was mit Ängsten, Unsicherheiten und Verwirrungszuständen einhergeht. Vermehrte Ausrichtung nach außen ermöglicht den Partnern, neue Ressourcen zu finden. Es werden Lösungsoptionen auf neuen Ebenen diskutiert oder ausgetestet. Vielleicht versuchen die Partner mit einem neuen Hobby, mit mehr trennenden Aktivitäten, mit Wohnungswechsel oder einer anderen Aufteilung der familiären Pflichten ein neues Gleichgewicht zu finden. Auch Außenbeziehungen oder berufliche Veränderungen...




