E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Hesse Die Hinrichtung
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-360-50151-6
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Authentische Kriminalfälle
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-360-50151-6
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bernd Hesse, 1962 in Bad Saarow geboren, ist doppelt promovierter Kulturwissenschaftler und Jurist. Er betreibt eine Rechtsanwaltskanzlei in Frankfurt (Oder) und ist vor allem als Strafverteidiger tätig.
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Schwarzes Gold
»Klein-klein ist hier gar nichts!«
Anne traute sich kaum, ihm den Brief zu übergeben.
Andreas nahm ihr den Umschlag ab und riss ihn vor ihren Augen auf.
Sie kannte ihren Freund gut und konnte den Inhalt an seinem Gesicht ablesen. »Wieder eine Absage?«
Er nickte.
»Aber du bleibst dran?«
»Klar doch!«, bestätigte er, um einen Moment später zu zweifeln. »Wenn es auch wenig Zweck hat.«
»Irgendwann wird es schon klappen«, munterte sie ihn auf.
Andreas schüttelte den Kopf. »Zu alt, überqualifiziert, keine Erfahrung in der einschlägigen Branche.«
»Quatsch!«, unterbrach sie ihn. »Du bist ein Genie! Wie viele Sprachen sprichst du? Mehr, als ich Jahre zur Schule gegangen bin. Du hast Kernphysik an der Lomonossow-Universität studiert. Du rechnest im Kopf schneller, als ich an der Kasse tippe.«
Beide lächelten. So hatte er versucht, die zierliche blonde Schönheit hinter der Supermarktkasse auf sich aufmerksam zu machen, und auch mehrfach beeindruckt: Sie tippte den Preis der Waren in die Kasse und noch bevor sie die Taste für die Gesamtsumme drückte, nannte er ihr laut die Zahl. Erst dachte sie, dass ein Trick dahinterstecke, er den Wert der Waren schon vor der Kasse zusammengerechnet habe oder sonst etwas. Dann hatte er das gleiche Spiel an einem anderen Tag mit den Waren einer Frau, die vor ihm an der Kasse stand, gespielt. Anne bewunderte ihren Andreas. Er war früher Wissenschaftler im Kernforschungszentrum Dresden-Rossendorf gewesen. Mit dem Aus für den Forschungsreaktor kam auch das Aus für seine wissenschaftliche Arbeit. Den Aufsprung zu dem sich jetzt dort wieder entwickelnden Forschungszentrum schien er nicht mehr zu schaffen. Als freier Berater für zukunftsorientierte Energieanlagen lief es auch nicht so gut. In manchen Monaten kam durch sein Hobby – er war Gitarrist in einer Country-Band – mehr Geld rein als durch seine freiberufliche Arbeit.
Und dann? Dann musste Anne, die für sie beide und seinen Jüngsten, der jetzt Jura studierte, ein Nest bauen wollte, auch noch dieses Häuschen finden: eines von den kleinen Häusern, die im zerbombten Dresden nach dem Krieg gebaut worden waren, ohne Schnörkel und Besonderheiten, und seit über vierzig Jahren kaum etwas daran gemacht, dafür aber bezahlbar. Doch bezahlbar hieß nicht umsonst. Wie sollte er Annes Wunsch jemals erfüllen können? Sie hatte etwas Besseres verdient als ihn: einen Mann, der sie liebte wie er, der aber auch wirtschaftlich in der Lage war, ihre kleinen Träume wahr werden zu lassen.
Sie holte ihn wie so oft in die Realität zurück. »Nee, du findest ganz bestimmt was. Ich gehe nachher wieder zur Spätschicht in den Supermarkt hinter die Kasse. Aber du, Andreas, du verkaufe dich nicht unter Wert.«
Er blickte die kleine, schlanke Frau mit den kurzen blonden Haaren liebevoll an. »Ach Schatz, der Wert eines Menschen bestimmt sich heutzutage doch nach dem, was er auf dem Bankkonto hat.«
Sie wiederholte sich. »Quatsch! … Du bist ein guter Wissenschaftler und, was viel wichtiger ist, ein guter Mensch!«
»Ich muss aber rational bleiben, Mäuschen. Nach den Jahren Unterbrechung komme ich nicht mehr in die Forschung zurück. Meine Kenntnisse zu Forschungsreaktoren russischer Bauart sind nicht mehr gefragt.«
»Dann machst du eben mit deinen Windkraftanlagen und dem Biokrimskrams weiter.«
»Die wollen auch nur Leute, die die Bauern überreden, ihre Flächen zur Verfügung zu stellen. Da kann ich auch gleich einen auf Makler machen.«
»Und dein Studienfreund Hartmut?«
»Ach, Schätzchen«, meinte er, ihr in die Augen blickend, »Hartmut ist alles Mögliche, ein Aufschneider, Blender, Schönredner und Selbstdarsteller, aber niemand, auf dem man seine Zukunft bauen sollte.«
»Der hat doch jetzt eine Firma gegründet, hast du gesagt.«
»Ja, stimmt schon.« Andreas nahm sie in die Arme und streichelte über ihre kurzen blonden Haare. »Er hat eine Firmenhülle einer alten Firma gekauft, die sich auf die Ausrüstung in der Gas- und Ölbranche spezialisiert hatte. Erst wenn das Geschäft läuft, will er sie aktivieren. Aber bei Hartmut muss man aufpassen.«
Zwei Monate später fand sich Andreas in den noblen Geschäftsräumen seines früheren Kommilitonen aus Moskau wieder.
Sie hatten sich vor über dreißig Jahren in Halle am Institut kennengelernt, wo sie ihr Abitur machten und sich auf das Studium in der Sowjetunion vorbereiteten. In Moskau hatten sich ihre Wege nur selten gekreuzt; er hatte den naturwissenschaftlichen Weg eingeschlagen, und Hartmut studierte Philosophie.
Eigentlich konnten die Männer, die sich herzlich mit einer Umarmung begrüßten, unterschiedlicher nicht sein: Andreas mit wilden Haaren, unrasiert, mit einem Lächeln im Gesicht, gekleidet in ein kariertes Hemd, mit Jeans und Sandalen, und Hartmut gut gekämmt, gründlich rasiert, einen vornehmen Blick aufgesetzt, im dunklen Maßanzug mit Krawatte. Der bieder wirkende Geschäftsmann war seinem alten Studienfreund am Eingangsportal entgegengekommen.
Gegenüber der Eingangstür war am Ende des Flures der Tresen mit einer Dame um die dreißig besetzt, die auf alle Fälle nett lächeln konnte. Hinter ihr prangte übergroß das Logo der Firma, das nach Andreas’ Empfinden dem tschetschenischen Wappen nachempfunden war.
»Wollen wir uns auf die Terrasse setzen?« war keine Frage, sondern eine freundliche, aber bestimmt vorgetragene Weisung Hartmuts. »Schauen wir uns Dresden von oben an.«
Offenbar hatte die Lomobiotec GmbH die gesamte obere Etage des Trade-Centers mit Dachterrasse angemietet. Die beiden Studienfreunde gingen den Flur entlang, in Richtung des Tresens. Als sie bei der immer noch nett lächelnden Frau angelangt waren, lächelte auch Andreas ihr zu, begrüßte sie und meinte mit Blick auf das Wappen: »Sieht aus wie die Silhouette des Tebulosmta.«
Die Dame lächelte weiter, diesmal ein wenig verlegen, so, als ob Andreas in einer anderen Sprache ihren üppigen Busen gelobt hätte, sie sich aber nicht ganz sicher war, ob er wirklich das gesagt hatte, was sie verstanden hatte.
Als Andreas das Missverständnis erfasste, deutete er auf das Emblem. »Der Berg neben dem Erdöl-Bohrturm, der höchste Berg Tschetscheniens.«
Andreas kannte solche peinlichen Situationen seit seiner Schulzeit. Er hatte schnell erkannt, dass seine sehr liebevollen Eltern ihm die Fragen, die ihn wirklich bewegten, nicht beantworten konnten und den mathematischen, musikalischen und sprachlichen Talenten des Sohnes unsicher gegenüberstanden. Sie brachten den kleinen Andreas zu seinen Übungsstunden in die Musikschule, fanden es in Ordnung, dass er im Orchester spielte, mit dem Geigenunterricht aufhörte und zur Gitarre wechselte, und freuten sich mit ihm, wenn er in Mathematik-Olympiaden die vordersten Plätze belegte. Die Mutter schnitt aus dem Kreisblättchen die Fotos mit dem Abbild ihres Sohnes aus, wenn sie ihn wieder in der Zeitung sah, und klebte sie ins Familienalbum. Woher Andreas all diese Neigungen und Begabungen hatte, konnten sich die Eltern nicht erklären; sie waren normal und der Junge so aus der Art geschlagen.
Die nett dreinblickende Frau nickte nun verständig. »Ja, ja, da war der Chef schon oft«, erklärte sie mit erstaunlich hoher Stimme.
»Das ist Frau Bienus«, stellte Hartmut stolz die Empfangsdame vor.
Nachdem Hartmut in Feldherrenmanier über Dresdens Dächer gewiesen hatte, als ob da sein Heerlager ruhte, plauschten die beiden über alte Zeiten, wer noch Kontakt zu wem hatte, was die alten Knaben jetzt alle so anstellten, und über ihre Frauen.
Von der Terrasse gingen sie in das Chefzimmer. Das war nicht so einfach wie anderswo zu betreten: Hartmut öffnete ein kleines Kästchen, das eine Fläche für einen Fingerabdruck-Scan bot, danach musste die Tür zusätzlich durch einen Schlüssel entriegelt werden. Die große, schwere, einbruchssichere Glastür ließ sich nur unter gehöriger Kraftanstrengung zur Seite rollen. Der Raum erweckte den Eindruck einer Sporthalle, der durch die sparsame Möblierung noch verstärkt wurde. Von der Eingangstür aus gesehen wurde das Zimmer im letzten Drittel von Hartmuts riesigem Schreibtisch und schräg dahinter einem großen, alten gusseisernen Safe dominiert. Hinter Hartmuts Schreibtisch hing ein Bild, auf dem er lebensgroß mit dem russischen Präsidenten Boris Jelzin zu sehen war.
Hartmut freute sich, als Andreas das Bild mit seinem Blick eingefangen hatte, und erklärte: »Da war ich als Mitglied der sächsischen Delegation zur Förderung der wirtschaftlichen Kontakte zwischen dem Freistaat und Russland.«
Zu einer späteren Gelegenheit erfuhr Andreas, dass Hartmut gar kein offizielles Mitglied der Delegation gewesen war, sondern über Vermittlung eines mitreisenden Bekannten als einer der Dolmetscher fungiert hatte. Den Kunden der Firma gegenüber diente das Bild jedoch als Legitimation für die ausgezeichneten Kontakte, die die Geschäftsführung zur russischen Staatsführung unterhielt; jedenfalls in früheren Zeiten. Man kenne zwar auch Putin sehr gut, der sei aber ein wenig scheuer, wenn es darum gehe, sich mit westlichen Unternehmensgrößen ablichten zu lassen.
»Ein Bild mit Präsident Putin würde aber überzeugender wirken.«
Sein alter Kommilitone lächelte. »Auch daran arbeiten wir.«
Ein ähnliches Bild gab es von Hartmut Walter zusammen mit dem früheren tschetschenischen Präsidenten Dudajew, das jedoch im Postkartenformat in Hartmuts Schreibtisch lag. Beide Bilder zusammen an die Wand zu hängen, empfand selbst der sich gerne mit seinen...




