Hesse | Die letzte Baustelle | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

Hesse Die letzte Baustelle

Wahre Kriminalfälle
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-360-50192-9
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wahre Kriminalfälle

E-Book, Deutsch, 152 Seiten

ISBN: 978-3-360-50192-9
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Bauunternehmer ist ermordet worden. Der Mann hat sich in seinem Leben viele Feinde gemacht, der Kreis der Tatverdächtigen ist groß. Doch alle Spuren verlaufen im Sand, bis die Polizei die Sprachnachricht »Der Abriss ist erfolgt« abfängt. Dieser Fall eines Auftragsmordes liegt einer der neun spannenden Geschichten zugrunde, die von Mord, Betrug, Drogenhandel und Raub handeln und in unterschiedlichen sozialen Milieus von der Obdachlosenszene bis in die Chefetage von Unternehmen spielen. Bernd Hesse ist Rechtsanwalt und hat einige der Täter als Strafverteidiger vor Gericht vertreten. Er rekonstruiert Tathergänge, Motive, die Ermittlungsarbeit der Polizei sowie die juristische Aufarbeitung aus nächster Nähe. »Es sind Fälle, die würde man in einem fiktiven Krimi für unglaubwürdig halten ...« Märkische Oderzeitung

Bernd Hesse, geboren 1962, ist promovierter Jurist und promovierter Literaturwissenschaftler, arbeitet als Rechtsanwalt in eigener Kanzlei in Frankfurt an der Oder und Berlin, ist spezialisiert auf Wirtschafts-, Arbeits- und Strafrecht und als Strafverteidiger tätig. Neben zahlreichen juristischen Schriften hat er Kriminalromane, zwei Sammlungen authentischer Kriminalfälle im Verlag Das Neue Berlin (»Die Hinrichtung«, »Durch die Hölle«) sowie im Eulenspiegel Verlag einen Anekdotenband über E.T.A. Hoffmann veröffentlicht.
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Die letzte Baustelle oder Pacta sunt servanda


Der Grundsatz »pacta sunt servanda«, nach dem Verträge einzuhalten sind, entstammt entgegen einem weitverbreiteten Irrglauben und wie der lateinischen Schreibweise zufolge vermutet werden könnte, nicht dem römischen Recht, sondern entwickelte sich erst im kanonischen Recht des Mittelalters. Sei es, wie es sei, dieser Grundsatz wurde zwei Verbrechern zu einem schrecklichen Verhängnis.

*

Franziska fuhr mit einem alten schwarzen Rad am Ufer eines Spreearms entlang. Das Radfahren tat ihr gut, auch wenn Berlin nicht ungefährlich für Radfahrer war. Die Eile der Stadt, die Sorglosigkeit gegenüber anderen … ach Quatsch, ihre Gedanken drifteten ab, plätscherten einfach vor sich hin, obwohl ihr dieses Rad einiges an Mühe abforderte. Sie hatte es über eine Ebay-Kleinanzeige erworben. Zwei Räder waren ihr in der Hauptstadt der Fahrraddiebe schon gestohlen worden. Die Hände würde sie denen abhacken, wenn sie die beim Klauen erwischte ... Hier musste es sein, sie war ganz in der Nähe ihres Ziels. Die Wege vor sich beobachtend, nahm sie den Schatten in der kleinen Parkanlage rechts vor ihr nicht wahr. Ihr Herz pochte nicht nur von der Anstrengung.

Da vorne lief er tatsächlich und hatte einen Hund dabei, einen recht großen. Angst vor Hunden hatte sie nie gehabt. Aber da sie sich mit Hunden auskannte, begegnete sie ihnen mit Respekt. Anders war es mit dem Mann am anderen Ende der Leine. Wie lange hatte sie sich seine und die Bilder seines Geschäftspartners im Internet angesehen? Immer strahlende Lebemänner. Gut, langsam in die Jahre gekommen, aber im Geschäft weiterhin viel Biss, viele Ideen, sicher noch mehr Träume und ganz bestimmt viele Leichen im Keller. Zumindest eine davon war ihr bekannt. Ihre schwarzen Haare lugten nur etwas unter dem Helm hervor. Wenn sie jetzt über einen spitzen Stein führe und einen Platten bekäme, würde es den ganzen Plan zunichtemachen, durchfuhr es Franziska. Zu lange hatte sie darauf hingearbeitet, zu lange hin und her gegrübelt, ob es richtig war, alles wieder aufzuwühlen. Vielleicht hätte sie besser zu Hause bleiben und alles auf sich beruhen lassen sollen. So kamen doch die meisten Menschen ganz gut mit ihrem Leben zurecht.

Sie radelte nun etwas langsamer, noch völlig unbeachtet von ihrem Ziel. Ihre Hände begannen zu schwitzen. Gerade als sie an ihm vorbeifahren wollte, zog der Hund, den er nicht unter Kontrolle zu haben schien, auf die andere Seite des Weges. Franziska musste abbremsen, klingelte und rief gleichzeitig: »Passen Sie doch auf!«

»Das ist kein Radweg!«, fuhr er sie an und zog seinen Hund zu sich.

»Geh erst mal mit deiner Töle in die Hundeschule!«, feuerte Franziska zornig zurück und war schon vorüber. Zum Glück hatte er so sehr auf seinen Hund achtgegeben, dass er sie nicht angesehen und ihr nur von hinten nachgeschaut hatte. Das mit der »Töle« tat ihr im Nachhinein leid, da sie Hunde mochte, und auch den dort, nur nicht seinen Besitzer. Was konnte der Hund dafür, mit so einem Gassi gehen zu müssen!

Wolfgang S. genoss die herbstliche Kühle des abendlichen Spaziergangs durch Berlins Mitte mit seinem Weimaranerrüden Max. Er mochte sein Haus in Duisburg, wusste aber auch die Tage in Berlin zu schätzen, wo für ihn zurzeit mehr Geld zu machen war. Nachdem sich in seinem Leben die finanzielle Lage mal wieder konsolidiert hatte, stellte sich aber erstaunlicherweise keine Zufriedenheit ein. Das stimmte nicht ganz, gestand er sich ein. Eine Genugtuung gab es ihm schon, es immer wieder zu schaffen, sich aufzurappeln und durchzubeißen. Als Taxifahrer das Studium finanziert, eine Anwaltskarriere hingelegt, viele Narren aufs Kreuz gelegt, sich verzockt, die Anwaltszulassung verloren, mal Koffer mit Kohle herangeschleppt, mal Gläubiger an den Hacken gehabt, auch solche, die ihm für nicht gezahlte Raten Körperteile abzutrennen drohten, Geld auf immer wieder andere Weise herangeschafft: Klubs, Mädchen, Autoersatzteile, Stahl, Öl, Immobilien und noch so einiges. Ein stetiges Auf und Ab. Wenn man nicht zugreift, bekommt man auch nichts. Man darf in diesem Leben nicht darauf hoffen, dass einem was geschenkt wird. Und jetzt hatte er es wieder geschafft.

Der frühe Abend schenkte frische Luft, Bewegung und einen klaren Kopf, den er für den nächsten Tag brauchte. Den letzten Gedanken verwarf er sogleich. Die ganze Zeit über hatte er einen klaren Kopf gebraucht. Morgen würde gefeiert!

Für sich wählte Wolfgang die Wege entlang des Spreearms an der Fischerinsel und für Max die entlang der Wiesen und Parkanlagen. Am Uferstreifen gab es Abschnitte für beide: auf der einen Seite Wasser, auf der anderen Gebüsch. Dass er in Berlin und bei seinen Geschäften seit geraumer Zeit beobachtet wurde, bemerkte er nicht. In seiner Berliner Zweitwohnung würde bei ihrer Rückkehr auf Max dessen Hundefutter und auf ihn eine Flasche sehr guten Rotweins warten. Man musste sich das Leben auch schön machen, und davon verstand er schließlich einiges. Außerdem hatten sie etwas zu feiern.

»Max, zieh nicht so!«

Plötzlich hörte er eine Fahrradklingel dicht hinter sich und eine keifende Frau, der er nur entgegenbrüllte, dass dies hier kein Fahrradweg sei, während er Max zu sich zog. Die junge Frau kreischte was von »Töle« und »Hundeschule« und war genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Sicher so eine fahrradbesessene Ökotrulla mit unrasierten Achseln, die dachte, dass die Welt ihr gehöre und Haustiere methanausscheidende Luxusartikel einer Überflussgesellschaft seien.

Verärgert zog er wieder an der Leine. Der Hund hatte kein Verständnis für seinen Herrn, wie Menschen die Stellung zu ihrem Hund gelegentlich bezeichneten, und zog seinerseits. Der Mensch lief viel zu langsam. Hier auf der Fischerinsel, mitten in Berlin, kannte Max alle Gerüche; da war nicht viel Neues hinzugekommen. Ihn zog es fort.

Der Mann riss nun noch mal an der Leine. Der Hund blickte sich um und starrte den Mann einen Augenblick an. Sein Herr sah etwas Merkwürdiges in den Augen seines Hundes. Die empfand er für einen Augenblick als unnatürlich hell. Er lächelte. Der Hund war nach seinem Geschmack. Da mochte sein Geschäftspartner frotzeln, wie er wollte. Schon als Wolfgang sich darüber informiert hatte, was für einen Hund er sich anschaffen sollte, meinte er, dass die charakteristischen Eigenschaften jener Rasse diejenigen seien, die sie beide verbanden: stur, intelligent und energisch. Er selbst war in die Jahre gekommen, aber mit diesem Hund traute sich keiner zu dicht an ihn heran.

Max und er hatten viele Gemeinsamkeiten. Er selbst hatte sich im wahrsten Sinne des Wortes durchbeißen müssen und ließ nicht locker, wenn er seine Beute erst mal zwischen den Zähnen hatte. Ihm war bewusst, dass er bei dieser Selbsteinschätzung übertrieb. Aber sie gefiel ihm. Und letztlich logen sich doch alle selber die Taschen voll. Und er hatte auch ein gutes Recht dazu. Schließlich hatte sich der Selfmade-Millionär erst nach oben kämpfen müssen.

Mit den Worten »Lass das!«, »Aus!« und »Pfui!« zog er Max von etwas weg, was nun das Interesse des Hundes geweckt hatte und so klein war, dass Wolfgang es nicht erkennen konnte. Immer wieder hatte er von Leuten gelesen, die Giftköder oder Wurststückchen mit Rasierklingen ausbrachten, um Hunde zu töten. Bei diesem Gedanken schüttelte er kaum merklich den Kopf. Die Menschheit schien komplett verrückt zu sein.

Seine Gedanken strebten zum kommenden Tag. Auch dafür waren solche Hunderunden geeignet: Er ließ das Geschehene Revue passieren und schmiedete neue Pläne. Der nächste Tag war mit Terminen vollgepfropft, die ihm früher lagen: feierliche Einweihung des neuen Gebäudekomplexes in Anwesenheit einer Senatorin – der regierende Oberbürgermeister wollte sich wohl aus politischen Gründen nicht sehen lassen, da es keine Sozialwohnungen zu verteilen gab –, anschließend Pressekonferenz und am Ende die Party in ihrer Firma.

Ab da wäre es wieder eine Veranstaltung für ihn. Manni würde sich nicht lumpen lassen, sondern die Puppen tanzen lassen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Manfred K. und er kannten sich schon viele Jahre, waren vor Urzeiten Anwälte in unterschiedlichen Kanzleien in Nordrhein-Westfalen gewesen, begegneten sich nicht nur am Abend in der Klubszene, verloren sich dann aber aus den Augen, genauso wie sie ihre Anwaltszulassungen verloren, weil die kreuzbraven Tugendwächter der Anwaltskammern der Auffassung waren, dass ihr recht legerer Umgang mit Mandantengeldern nicht standesgemäß sei. Mannis Interesse für die Rechtswissenschaften hielt sich in Grenzen; er wollte nur so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich machen. Darin waren sich beide einig. Wolfgang selbst war ein guter Unterhalter und Gastgeber, war bei ihren Feiern auch spendabel und konnte an deren Ende die eine oder andere Frau abschleppen. Manni konnte die Gesellschaften immer noch ein wenig besser unterhalten, sie bei der Stange halten und nebenher Geschäfte eintüten. Mit seinem Esprit schaffte der es auch, einen Hydranten für Philatelie zu begeistern.

Seine Abneigung gegen Presseauftritte hatte Wolfgang bei weiteren Geschäften mit nordafrikanischen Machthabern entwickelt, die Geld in die Kassen spülen sollten. Als sich in den Neunzigerjahren die offiziellen Ansichten zu diktatorischen Herrschern, deren Öl und Geld wandelten und Menschenrechtsverletzungen sowie Demokratiedefizite moniert wurden, kramten Schmierfinken die alten Bilder heraus und störten seine Geschäfte. All das Gute, was er geleistet hatte, sollte plötzlich null und...



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