Hesse | Durch die Hölle | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Hesse Durch die Hölle

Wahre Kriminalfälle
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-360-50159-2
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Wahre Kriminalfälle

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-360-50159-2
Verlag: Das Neue Berlin
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Drogenschmuggel, Menschenhandel und brutaler Mord - wahre Kriminalfälle Selbst einem Strafverteidiger kann das Blut in den Adern gefrieren, wenn grausame Taten verhandelt werden und, mehr noch, die erschütternden Schicksale der Opfer ans Licht kommen. Was sich im Gerichtssaal abspielt, ist - bestenfalls - das verdiente Ende der Täter. Strafverteidiger Bernd Hesse kennt und erzählt die Geschichten von ihrem Ausgangspunkt an und in allen Verästelungen, wahre Kriminalfälle aus dem Bereich der 'Organisierten Kriminalität', Mädchenhandel, Drogenschmuggel; Taten auch, die aus tragischen Verwicklungen 'ganz normaler Bürger' resultierten. Ein geständiger Mörder - aber hat er wirklich seine reiche Cousine erschlagen, die Geld verlieh, das Letzte aus ihren Gläubigern herauspresste und vor der eigenen Familie nicht haltmachte? Schützt der Geständige seine Familie? Ohne Sensationslust und versiert von allen Seiten beleuchtet, erzählt Hesse in 'Durch die Hölle' wahre Kriminalgeschichten und lässt seine Leser dabei an der packenden Recherche und den teils grausigen Einzelheiten der Verbrechen teilhaben. So auch in dem Fall eines Jurastudenten, der seine Eltern ermordete, sie mit der Kettensäge zerteilte und abschließend verbrannte. Ungeschönt erläutert Hesse in seinem Buch Hergänge brutaler Taten, Täterprofile und deren Verhandlungen vor Gericht.

Bernd Hesse wurde 1962 in Bad Saarow geboren. Nach Schulzeit, Abitur und Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenmonteur arbeitete er als Rohrleitungsmonteur für Erdölanlagen. Später studierte er Jura an der Freien Universität Berlin und promovierte zum Dr. iur. Nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt in Frankfurt (Oder) studierte er Kulturwissenschaften mit den Schwerpunkten Literaturwissenschaft und Linguistik an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und promovierte zum Dr. phil. Er betreibt eine Rechtsanwaltskanzlei in Frankfurt (Oder). Bei seiner anwaltlichen Tätigkeit ist er auf Wirtschaftsrecht, Arbeitsrecht und Strafrecht spezialisiert und als Strafverteidiger tätig. Das Brandenburgische Oberlandesgericht bestellt ihn regelmäßig zum Ausbilder. Neben einer Vielzahl juristischer Publikationen veröffentlichte er die Kriminalromane 'Rubel, Rotlicht und Raketenwerfer' und 'Wodka, Weiber, Wasserleiche'. Im Verlag Das Neue Berlin erschien die Sammlung authentischer Kriminalfälle 'Die Hinrichtung'.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


Der Jurastudent,
der seine Eltern zerstückelte

Der »Bratpfannen-Fall«

Wenn man schon keine Zeit hat, sollte man auch nicht »nur mal schnell« die Nachrichten auf dem Smartphone checken. Ich tat es auf dem Wege zu einer Gerichtsverhandlung dennoch.

»Lieber Bernd,

ich habe eine Frage. Kannst Du Dir Steffen Dietrichs Fall anschauen? Der Junge tut mir so leid. Jetzt sitzt er schon fünf Jahre im Gefängnis. Verurteilt als Mörder. Er hatte nie eine Chance im Leben. Bezahlen wird er Dich nicht können.

LG Charlotte«

Ui! Die Nachricht würde ich in Ruhe noch einmal lesen müssen. Zwei Stunden später saß ich im Auto, atmete nach der Verhandlung kurz durch und las die Nachricht auf dem Facebook-Messenger noch einmal.

Dann ging ich auf das Profil: Charlotte Flug, gut aussehende Mittsechzigerin mit einem offenen, freundlichen, aber auch entschlossenen Gesicht. Wie können Frauen um die fünfundsechzig Jahre heute noch wie fünfzig aussehen? Vielleicht hat das mit dem ganzen Beauty-Kram doch etwas für sich! Wohnt in Berlin, wir sind seit zwei Jahren auf Facebook miteinander befreundet.

Alles klar! Sie war es! Ich hatte sie bei einer Lesung kennengelernt, sie hatte mich in der Pause angesprochen, dass sie einen interessanten Fall kenne, in den sie involviert sei, und mich mal um meinen Rat bitten würde; zwar nicht heute, bei der Lesung, da passe das wohl nicht, aber später, da würde sie sich melden. Die meisten solcher Ankündigungen werden nicht wahr gemacht. Aber diese energische Frau schien umzusetzen, was sie sich einmal in ihren hübschen Kopf gesetzt hatte.

Nach ein paar Minuten meldete ich mich zurück.

»So einfach ist das leider nicht, liebe Charlotte. Bevor ich da ein Mandat annehme, müsste ich wissen, worauf eine Wiederaufnahme des Verfahrens gestützt werden soll, also welche neuen Umstände bekannt geworden sind, aufgrund derer von einer Änderung der ursprünglichen rechtskräftigen Entscheidung ausgegangen werden könnte. Derartige Wiederaufnahmeverfahren gehören zu den kompliziertesten und aussichtslosesten Verfahren überhaupt. Das bedeutet nicht, dass die Sache völlig hoffnungslos ist.

Derzeit sind sowohl die Kanzlei als auch ich persönlich mit der Bearbeitung von Mandaten so gut beschäftigt, dass derart aufwendige Sachen eigentlich nicht angenommen werden. Da ich nur einer der Sozien der Kanzlei bin, müsste ich das zuvor mit den Kollegen besprechen. Bestätige mir bitte, dass ich das so tun darf.

Dann bräuchten wir auch weitere Informationen zum Gang des Verfahrens damals und gerne weitere Hintergrundinformationen, die den Ermittlungs- und Gerichtsakten nicht zu entnehmen sind. Auch möchten wir wissen, welches Dein Motiv ist, Steffen helfen zu wollen, und ob Du schon während des ersten Strafverfahrens von den Umständen Kenntnis hattest, die jetzt eine andere rechtliche Beurteilung begründen sollen.

Bevor wir in dieser Sache in der Kanzlei eine Entscheidung treffen, würden wir Akteneinsicht in die Gerichtsakten nehmen. Dazu bräuchten wir eine von Steffen unterzeichnete Vollmacht. Wir würden ihn dann auch in der Justizvollzugsanstalt besuchen und mit ihm die Angelegenheit besprechen. Denn letztlich wäre er es, der uns in dieser Sache beauftragen müsste.«

Charlottes Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

»Oje, so ein großes Fass wollte ich gar nicht öffnen!!! Den Jungen würde ich mit Vollmachten und so noch nicht beunruhigen wollen. Nicht, dass er am Ende noch Hoffnung schöpft und denkt, dass sein Gefängnisaufenthalt ein vorzeitiges Ende finden könnte. Wenn das dann nicht einträfe, würde es Steffen gänzlich zerstören.

Gerne werde ich Dir all die Unterlagen und meine Notizen von den Verhandlungen übersenden. Nein. Ich werde sie Dir lieber in einem Gespräch übergeben.

Hintergrundinformationen, die nicht im Fall Erwähnung fanden? Davon habe ich mehr als genug. Steffen hat seine Eltern umgebracht. Monika, seine Mutter, war eine Kommilitonin von mir und über Jahre meine Freundin. Jedenfalls so lange, bis ich mitbekam, was mit ihrem Sohn läuft. Dann hielt ich den Kontakt um Steffens willen. Gebracht zu haben scheint es ja nichts. Monika und ich haben beide Chemie studiert. Aber finde damit mal eine Arbeit, wenn Du einmal ausgestiegen bist und später den Anspruch hast, Dich nicht unter Wert zu verkaufen! Monika war die letzten zwanzig Jahre arbeitslos. Sie hatte versucht, eine Erwerbsunfähigkeits- oder Erwerbsminderungsrente durchzubekommen. Wegen der Arbeitslosigkeit, ihrer Rentenbegehren und später Hartz IV legte sie dann immer Widersprüche ein und klagte vor dem Sozialgericht und Landessozialgericht. Mit ihren Anwälten war sie nie zufrieden. Deshalb sollte Steffen auch unbedingt Jura studieren. Das wollte er aber nie. Monika war der Meinung, dass das ein angesehener Beruf sei und ihr Junge dann ihre ganzen Verfahren durchführen könne … Ich muss jetzt Schluss machen. Melde mich später.«

Am Morgen des nächsten Tages war Kanzleitag in Frankfurt an der Oder. Wie fast immer fand die morgendliche Teambesprechung bei Bäcker Dreißig gegenüber unsrer Kanzlei in den Lenné-Passagen statt, während die Kanzleihunde Anja und Ebby das Büro bewachten.

Im Lenné-Park gibt es neben den botanischen Schönheiten vor allem Mütter mit Kinderwagen, Erholungssuchende auf den Wiesen, aber auch Zigarettenschmuggler aus östlichen Gefilden und Dealer von härterem Stoff. Die verschlungenen Pfade, die vielen Zugänge und ruhigen Zonen wissen eben nicht nur unbescholtene Besucher zu schätzen.

Grit, die freundliche Mitarbeiterin von Bäcker Dreißig, wusste, dass jetzt wieder der kleine Kaffee, der Cappuccino und die zwei Milchkaffees fällig waren, als Doreen, Peter, Stephan und ich dort eintraten. Peter, seit wir seine britischen Freunde kennengelernt haben, nennen auch wir ihn Pete, hatte vor einigen Wochen eine Änderung im Angebot erbeten; er verabscheute die Fertigcreme, die man landauf, landab überall in Bäckerläden auf die belegten Brötchen schmierte; von ihm stammte die Idee, auf das Hörnchen Butter streichen zu lassen. Für Pete legte Grit nun ein Croissant mit Käse und Schinken mit einem Hauch Butter in den Ofen; ein weiteres Croissant wurde für Stephan dazugelegt, der sich längst dieser Neuerung angeschlossen hatte. Mit flinken Händen arbeitete sie unsere Bestellung ab, der Milchschaum spritzte in die Tassen, und immer hatte sie einen coolen Spruch auf den Lippen.

Einige Minuten später, wir hatten schon die ersten Schlucke unseres Kaffees genossen, während die beiden Spezial-Croissants noch im Ofen schmorten, erschien es mir günstig, Charlottes Anliegen dem Team zu unterbreiten. Die Reaktionen kamen prompt.

Doreen, unsere Realistin, sagte freiheraus, was sie davon hielt: »Hast du zurzeit keine andere Arbeit? Da liegt eine Kiste Strafakten in der Kanzlei. Wann bitte möchtest du die prüfen? Für diesen Fall hast du überhaupt keine Zeit. Und …«, sie legte eine kleine Pause zur Erhöhung der Dramatik ein, »wie sieht es in der Sache selbst aus? Was du von der ersten Nachricht dieser Frau erzählt hast, klingt in etwa so: ›Mein Lieblingsneffe ist vor fünf Jahren verstorben. Es geht so ungerecht auf der Welt zu. Warum sterben die Guten immer so früh …!‹«

Stephan warf seinen Gedanken ein: »Weil wir vom Tode der Guten, die nach uns sterben, nichts mehr mitbekommen.«

Doreen fuhr fort: »Schauen Sie sich ihn noch mal an und sagen mir, ob Sie ihn nicht wiederbeleben können.«

Stephan ging enthusiastischer an die Sache, während Pete noch laut abwog: »Hört sich interessant an. Den müssen wir unbedingt im Knast besuchen …«

Diesmal unterbrach Doreen ihn: »Na klar, beide auch noch …«

Unbeirrt entwickelte Peter seinen Plan weiter: »Da gibt es vielleicht Parallelen zum Bratpfannen-Fall. Sicher ist das …«

Doreen feuerte noch einmal dazwischen: »… wieder so ein komischer Juristencode, der einem Familiendrama eine kulinarische Note beschert?«

Peter wandte sachlich ein: »Mutter und Tochter, oder Sohn, das weiß ich nicht mehr so genau, wurden über Jahre vom cholerischen und trinkenden Ehemann und Vater tyrannisiert. Nach einem Streit, bei dem der Mann wegen Nichtigkeiten ausgetickt war, verschwand er in der Küche. Die Frau folgte ihm, er stand dort, den Rücken ihr zugewandt. Die alte, gusseiserne Pfanne lag auf dem Herd. Da …«

Weshalb sollte nicht auch Pete von Doreen unterbrochen werden? Sie vollendete den Plot.

»… kam die Tochter dazu, nahm die gusseiserne Pfanne vom Herd und schlug zu. Beide droschen abwechselnd auf den Alten ein und schlugen ihn, bis ihnen die Arme schmerzten und der Kopf ihres Piesackers die gleiche Form wie die Pfanne hatte.« Sie ergänzte Peters Gedanken mit so viel Energie, dass man den Eindruck bekam, sie sähe die falschen Filme.

Wir drei Anwälte blickten stumm zu Doreen. Grit kam gerade mit dem Tablett an unseren Tisch; der Duft der frischen Croissants wehte über den Tisch. Sie hatte Doreens Schilderung des Bratpfannen-Falls mitbekommen und blickte sie nun ungläubig an.

Mein Kommentar dazu war: »Gibt es bei euch irgendwelche Spannungen in der Beziehung?«

»Quatsch! Mit Basti kann man sich gar nicht streiten. Der schaltet auf Durchzug und schweigt.« Grit stellte die duftenden Teile auf den Tisch und verschwand.

Doreen blickte in die Runde und endete bei mir, der ich gerade einen Schluck meines Milchkaffees schlürfte. »Doc, kommt das jetzt in dein nächstes Buch?«

»Ich muss zugeben, der Gedanke kam mir. Wäre auch zu schade, die Situation nicht zu beschreiben. Natürlich werde...



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