E-Book, Deutsch, 448 Seiten
Hesse Sie mussten nach links gehen
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-641-26706-3
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von der Autorin von „Das Mädchen im blauen Mantel"
E-Book, Deutsch, 448 Seiten
ISBN: 978-3-641-26706-3
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frühjahr 1945: Das KZ Groß-Rosen ist befreit, und die Soldaten behaupten, der Krieg sei vorbei. Aber für die 18-jährige Zofia Lederman fühlt es sich nicht so an. Ihr ganzes Leben ist in Scherben zerfallen: Vor drei Jahren waren ihr Bruder Abek und sie die Einzigen aus ihrer Familie, die an der Rampe nach rechts geschickt wurden, weg von den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. Alle anderen – ihre Eltern, ihre Großmutter, ihre Tante Maja – mussten nach links gehen. Das Einzige, was Zofia noch am Leben hält, ist die Suche nach ihrem Bruder. Aber wie soll sie ihn in dem Meer von Vermissten finden? Und was, wenn er nicht mehr lebt?
Die vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin Monica Hesse stammt aus Illinois und ist außerdem Journalistin bei der Washington Post. Sie lebt mit ihrem Mann und einem verrückten Hund in Washington. »Das Mädchen im blauen Mantel«, ihr erster Roman, der auf Deutsch erschien, stand auf der New-York-Times-Bestsellerliste und erhielt zahlreiche Preise, darunter den renommierten Edgar Award in der Kategorie »Junge Erwachsene«, und wurde von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 nominiert. Inzwischen hat sie zahlreiche, ebenfalls vielfach ausgezeichnete weitere Romane geschrieben.
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A
Niederschlesien, August 1945
Schlangen. Schlange stehen kann ich gut. Schlange stehen kann ich gut, weil man dabei an nichts denken muss. Man steht einfach da. Und diese Schlange ist einfach, weil nur wenige Menschen vor mir stehen. Sie ist einfach, weil ich den Grund kenne, warum ich anstehe. Es ist ein guter Grund und ich bin gut im Schlangestehen.
Vor der Schlange, an einem Tisch, sitzt eine amtlich aussehende Frau – ich glaube, sie ist vom Roten Kreuz. Der Tisch sieht aus wie ein hübscher Esstisch, den jemand aus dem Haus auf die Straße hinausgetragen hat. Nur dass er nicht auf einem Teppich steht, sondern auf Pflastersteinen, und dass keine Kerzenleuchter darauf stehen, sondern sich ordentliche Papierstapel darauf häufen, außerdem riecht er nach Möbelwachs. Vielleicht bilde ich mir das auch nur ein, aber genauso sieht er aus. Daneben steht eine einzelne Tasse, genau im richtigen Winkel zu den Papieren, wie auf einem gedeckten Tisch, als wollte sie an das frühere Leben des Tisches erinnern. Eine Tasse Tee für die Amtsperson.
»Der Nächste«, sagt sie, und wir rücken vor, weil das Vorwärtsrücken zum Schlangestehen gehört.
Ich sehe mich um, aber die anderen Gar-Nichts-Mädchen kommen nicht heraus, um sich zu verabschieden. Ich bin die Erste, die das Krankenhaus verlässt. In den ersten Wochen nach dem Krieg haben sich ständig gesündere Patienten verabschiedet, wurden ständig Pläne geschmiedet. Wenn man aus dem Fenster der Krankenstation schaute, sah man fast jedes Mal einen Laster vorbeituckern. Darin deutsche Soldaten auf dem Nachhauseweg. Polnische Soldaten auf dem Nachhauseweg. Russen, ein paar Kanadier, sie fuhren alle in unterschiedliche Richtungen und in jeder Richtung war jemand zu Hause. Als wäre die Welt ein Brettspiel und alle Spielfiguren wären in der Schachtel durcheinandergewürfelt worden.
Aber den Gar-Nichts-Mädchen ging es zu diesem Zeitpunkt noch nicht so gut. Wir haben deshalb noch keine Verhaltensregeln für den Fall, dass eine von uns geht. Wir haben keine Adressen zum Austauschen. Wir haben nichts. Wir wiegen nichts, wir fühlen nichts, wir haben über Jahre von nichts gelebt.
Auch unsere Seelen sind nichts. Das ist das größte Nichts und der Grund, warum wir immer noch im Krankenhaus sind. Unsere Seelen sind kraftlos. Durcheinander.
»Zofia? Ich wusste nicht, ob du das behalten willst.«
Ich drehe mich nach der Stimme um. Die kleine blonde Krankenschwester rennt aus dem Haus, ihr Mund sieht wie ein roter Kringel aus. Sie gibt mir einen Brief, der von meiner eigenen Hand adressiert ist. Zurück an Absender. Der Absender bin ich. Die Adresse lautet – ich weiß gar nicht genau, wer der Adressat diesmal gewesen ist. Seit Monaten, seit dem Tag, als ich wieder in der Lage war, einen Stift zu halten, habe ich Briefe an alle geschrieben, von denen ich eine Adresse wusste. Habt ihr ihn gesehen? Sagt ihm, er soll auf mich warten. Aber ihre Adressen waren nicht mehr ihre Adressen und die Post war nicht mehr die Post. Und ich war nicht mehr ich und ich begriff, dass ich das, was ich tun musste, nicht von einem Krankenhausbett aus tun konnte. Wenn ich ihn finden wollte, musste ich hier raus.
Deshalb stehe ich draußen, obwohl meine Seele immer noch wund ist, und die anderen Mädchen stehen weiter drinnen am Fenster.
Sagt ihm, die Ärzte lassen mich erst gehen, wenn es mir besser geht, habe ich geschrieben. Sagt ihm, es geht mir erst besser, wenn ich draußen bin und ihn gefunden habe.
»Hier, ich habe dir noch etwas hergerichtet«, sagt die blonde Schwester und überreicht mir etwas in einem Tuch. Es ist noch warm. Essen. Die Hitze drückt angenehm an meinen Bauch. Ich falte den Stoff auseinander und gebe ihn ihr zurück, aber sie sagt, ich soll ihn behalten.
Jetzt besitze ich also diesen karierten Stoff. Er gehört mir, was die Anzahl meiner Besitztümer in dieser Welt auf sechs erhöht. Später kann ich ihn zu einem Kopftuch falten, oder ich kann ihn in zwei Dreiecke schneiden, dann habe ich zwei Kopftücher, was die Anzahl meiner Besitztümer auf sieben erhöhen würde. Ich besitze außerdem ein Kleid, Unterwäsche, ein Paar Schuhe, eine Geldzuwendung in Form eines großen Scheines und ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass ich Häftling in Groß-Rosen gewesen bin. Dies soll mir den Kontakt mit anderen Hilfsorganisationen erleichtern und mir helfen, an Lebensmittelkarten zu kommen. Die Mitarbeiter, die es mir gegeben haben, haben gesagt, es sei von allen diesen Dingen das Wertvollste.
»Der Nächste«, sagt die Amtsperson. Sie ist ungefähr so alt wie meine Mutter und hat Falten auf der Stirn, die ihr Gesicht jetzt weicher erscheinen lassen. Eine andere Mitarbeiterin kommt, um zu helfen.
Die blonde Schwester sieht mich immer noch an. »Hast du noch etwas vergessen?«, fragt sie. Urbaniak, fällt mir jetzt ein. Sie heißt Urbaniak mit Nachnamen.
»Meine Schuhe. Wo sind meine Schuhe?«
Warum habe ich das nicht gemerkt? Ich habe gerade auf meine Füße geschaut, und die braunen Lederstiefel, die ich anhabe, gehören mir nicht.
»Das sind deine Schuhe. Deine neuen Schuhe. Weißt du das nicht mehr?«, sagt sie behutsam, und dann erinnere ich mich: Die braunen Stiefel gehören jetzt mir, denn als ich vor Monaten in das Krankenhaus gebracht wurde, hatte ich Schuhe an, die die Nazis mir zugeteilt hatten, sie passten mir nicht und waren ganz löchrig. Meine erfrorenen Füße waren so geschwollen, dass man sie mir nicht ausziehen konnte. Eine Schwester musste sie an den Laschen aufschneiden. Die Schwestern sagten, ich hätte geweint, aber daran kann ich mich nicht erinnern.
Wie sich gezeigt hat, ist es nicht so schlimm, den dritten und vierten Zeh zu verlieren – wenn man schon Zehen verlieren muss –, weil man dann trotzdem noch gehen und balancieren kann.
»Du willst wirklich nicht länger hierbleiben, Zofia?«
»Ich erinnere mich jetzt wieder an die Schuhe. Ich hatte es nur kurz vergessen.«
»Du hast mich heute schon einmal danach gefragt.«
Ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Dima geht heute. Er muss zu seinem neuen Posten und kann mich im Auto mitnehmen.«
Dima ist der Soldat, der mich ins Krankenhaus gebracht hat, als es noch kein Krankenhaus war, nur ein Gebäude voll mit Pritschen und Jodflaschen. Auch Dimas Jeep von der Roten Armee war voll, voll mit Menschen. Die Russen hatten drei Tage zuvor Groß-Rosen befreit, aber bald wurde klar, dass niemand von uns wusste, auch die russischen Soldaten nicht, wie so eine Befreiung aussehen sollte. Tausende von uns waren immer noch im Lager, zu schwach, um zu gehen. Dima fand mich halb bewusstlos in einer Frauenbaracke, erzählte er mir später in dem gebrochenen Polnisch seiner Mutter. Ich hatte Glück, dass ich bewusstlos war, denn als er wieder Leben in mein Gesicht streichelte, waren alle leckeren Rationen schon verteilt worden: wächserne Schokolade und Rindfleischdosen.
Unsere Mägen waren zu geschwächt für diese reichhaltigen Lebensmittel. Ich habe Leute gesehen, die monatelang von einer Kartoffel am Tag gelebt haben, dann das Fleisch gegessen haben und nie mehr aufgestanden sind. Wir waren befreit worden und starben trotzdem wie die Fliegen.
»Es ist vorbei«, sagten die Soldaten zu uns im Februar. Offiziell war es noch nicht vorbei, es sollte noch ein paar Monate dauern, aber was sie meinten, war, dass die SS-Offiziere nicht mehr ins Lager zurückkommen würden.
»Jetzt ist es wirklich vorbei«, sagten uns die Schwestern im Mai und flößten uns Zuckerwasser und Haferbrei ein. Vom Flur hörten wir Jubelschreie. Deutschland hatte kapituliert.
Was meinten sie mit vorbei? Was war vorbei? Mein Zuhause war weit fort und ich besaß nicht einmal eigene Schuhe. Was sollte vorbei sein?
»Der Nächste«, sagte die Amtsperson, und ich machte wieder einen Schritt vor.
Eine Rauchstoß, ein knatternder Motor. Dima fährt mit seinem Jeep vor. Er springt heraus, als er mich warten sieht, und ich staune wieder einmal, dass er wie auf einem Filmplakat aussieht, wie ein Soldat aus einem Film: Kräftiges Kinn. Ausgeprägte Wangenknochen. Freundlicher Blick. Dima, der meine Briefe frankiert hat. Der auf meine Bitte hin seine Kameraden über Birkenau ausgefragt und erfahren hat, dass es einen Monat vor Groß-Rosen befreit worden war. Und der mir das noch einmal erzählt hat, als ich es vergessen hatte, und dann ein weiteres Mal, als ich es wieder vergessen hatte. Erinnerst du dich, Zofia? Wir haben schon darüber gesprochen. Mein Gedächtnis ist ein Sieb, und Dima ist der Grund, warum ich diesen Ort verlassen darf – weil er mich mitnimmt.
»Ich wäre doch reingekommen, Zofia.« Er legt seine Hände auf meine Schultern. Über dem einen Ohr sind seine Haare etwas kürzer. Wahrscheinlich hat er sie sich eigenhändig vor einem Spiegel geschnitten. »Das ist zu anstrengend für dich. Du weißt, dass ich mir Sorgen um dich mache.«
»Ich muss hier Schlange stehen.«
»Sie muss erfasst werden«, sagt Schwester Urbaniak. »Die Hilfsorganisationen dokumentieren jeden Fall.«
Ein Klopfen an einer Scheibe, wie von einem Vögelchen. Ich sehe nach oben. Hinter dem Krankenhausfenster im zweiten Stock stehen die Gar-Nichts-Mädchen. Sie sind aufgewacht, sie klopfen an die Scheibe und winken. Dima winken sie genauso zu wie mir. Sie lieben ihn. Er winkt zurück.
»Der Nächste«, sagt die Frau vom Roten Kreuz. Ich warte noch eine Weile, dann merke ich, dass sie mich meint. Sie trägt eine einreihige blaue Uniform....




