Hesse | Zeit der Lügen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Hesse Zeit der Lügen


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-641-26707-0
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-641-26707-0
Verlag: cbt
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein neuer bewegender Roman von der Autorin von »Das Mädchen im blauen Mantel«

USA 1944: Der Krieg in Europa und im Pazifik scheint weit entfernt, für Haruko in Colorado genau wie für Margot in Iowa. Bis die beiden plötzlich ins staubige Texas gebracht werden, nur weil ihre Väter als »feindliche Ausländer« angesehen werden: nach Crystal City, in ein Internierungslager für Familien, die beschuldigt werden, mit dem Feind zusammenzuarbeiten. Margots Familie versucht im Lager Abstand von den Nazis zu halten. Als einziges deutschstämmiges Mädchen geht Margot mit den Japanischstämmigen auf die Highschool und lernt dort Haruko kennen. Während Haruko wütend auf ihren Vater ist, weil er ihr nicht erzählt, weshalb sie hier sind, macht Margot sich Sorgen um ihre kranke Mutter und den Vater, den sie allmählich nicht mehr wiedererkennt. Die beiden Mädchen freunden sich heimlich an. Aber können sie einander trauen an einem Ort, an dem niemand die Wahrheit sagt?
Mit der berührenden Liebesgeschichte zweier Mädchen in einem US-Internierungslager während des Zweiten Weltkriegs lässt Monica Hesse ein Stück weitgehend unbekannte Geschichte lebendig werden.

Die vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin Monica Hesse stammt aus Illinois und ist außerdem Journalistin bei der Washington Post. Sie lebt mit ihrem Mann und einem verrückten Hund in Washington. »Das Mädchen im blauen Mantel«, ihr erster Roman, der auf Deutsch erschien, stand auf der New-York-Times-Bestsellerliste und erhielt zahlreiche Preise, darunter den renommierten Edgar Award in der Kategorie »Junge Erwachsene«, und wurde von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 nominiert. Inzwischen hat sie zahlreiche, ebenfalls vielfach ausgezeichnete weitere Romane geschrieben.
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EINS


HARUKO

Wären wir alle doch nur wieder zu Hause«, flüstert Toshiko. Glaubt sie, ich würde ihr jetzt eine andere Antwort geben als beim letzten Mal, als sie genau dasselbe sagte. Sie stupst mich an, um meine Aufmerksamkeit zu bekommen, obwohl sie genau weiß, wie sehr ich das hasse. Trotzdem bleibe ich ruhig, weil meine Schwester und ich einen unausgesprochenen Pakt geschlossen haben, höflich zu sein, weil alles andere uns Angst machen würde. Außerdem haben wir es unserer Mutter versprochen.

»Deine kleine Schwester ist nicht deine Feindin«, sagte Mama, als Toshiko und ich uns das letzte Mal gestritten haben. Das war, als ich zum ersten Mal von Texas hörte. »Das weiß ich«, sagte ich vielsagend und sprach nicht weiter, denn über den eigentlichen Feind wollte ich nicht sprechen.

Jetzt sitzen wir unserer Mutter gegenüber, die zwischen unseren Koffern eingekeilt ist und ihren Rücken ganz gerade hält, damit ihr Hut nicht gegen den Sitz des Waggons gedrückt wird. Sie hat die Augen geschlossen. Ich weiß nicht, ob sie schläft oder reisekrank ist. Dass man reisekrank werden kann, habe ich erst gelernt, als wir mit dem Zug losfuhren und manche Leute sich würgend in die Papiertüten übergaben, die von den Schaffnern verteilt worden waren. Der Hut sitzt nun schon seit über 1 000 Meilen auf dem Kopf meiner Mutter. Alles andere im Abteil sieht schlaff und mitgenommen aus: ihr Kleid, mein Kleid und meine Schwester, die sich mit ihrem ganzen Körper an mich lehnt, als ich ihren letzten Satz nicht kommentiere. Ich presse meine Stirn an die Fensterscheibe. Braunes Gras. Brauner Staub. Schmutzige Pferde, auf denen Männer reiten, die sich Halstücher über Mund und Nase gebunden haben. Eine unerträglich flache Landschaft.

Als ich Denver das letzte Mal sah, war der Himmel so klar, dass man bis zu den Bergspitzen sehen konnte.

»Haruko.« Diesmal stupst mich Toshiko unterhalb des Brustkorbs an.

»Helen«, korrigiere ich sie.

Sie verdreht die Augen. »Hier sind nur Japaner. Sie können deinen richtigen Namen aussprechen.«

Ich zwinge mich, weiter aus dem Fenster zu schauen, obwohl ich wütend auf Toshiko bin. »Meine Freunde nennen mich Helen.«

»Das waren doch höchstens fünf Mädchen, die dich so genannt haben.«

Wir sind alle ein bisschen gereizt, nicht nur meine Schwester und ich, sondern alle Reisenden im Zug, erschöpft von drei Tagen Höflichkeit und aufgeweichten Sandwiches. In meinem Kopf pulsiert das Kreischen des Zuges. Es schmerzt in meinem Kiefer und meinen Zähnen. Öl und Rauch beißen in meiner Nase. Ich bedecke die Nase und versuche, flacher zu atmen.

»Helen.« Schon wieder stupst sie mich an. »Kann ich den Brief noch mal sehen?«

Eigentlich will ich Nein sagen, nicht weil ich sie ärgern will, sondern weil ich den Brief hasse. Aber meine Mutter hat Toshikos Frage gehört und öffnet wachsam ein Auge, damit ich auch ja tue, worum ich gebeten worden bin. Sie liebt den Brief. Beide lieben den Brief.

Auf dem Brief befindet sich eine offizielle Stempelmarke, und auf dem Absender steht, dass er vom Justizministerium der Vereinigten Staaten von Amerika abgeschickt worden ist. Ich hole ihn aus meiner Handtasche und reiche ihn an Toshiko weiter, die ihn ehrfürchtig auseinanderfaltet. Was glaubt sie, was geschehen würde, wenn sie ihn zerreißt? Dass sie uns nicht hineinlassen? Das Entscheidende an dem Brief ist doch, dass sie uns nicht mehr rauslassen werden.

Liebe Frau Tanaka,

hiermit informieren wir Sie, dass Ihrem Antrag auf Zusammenführung mit Ihrem Ehemann Ichiro Tanaka in einem Familien-Internierungslager entsprochen worden ist. Bitte beachten Sie, dass sich diese Entscheidung ausschließlich auf Mrs Setsu Tanaka (44 Jahre alt), Miss Haruko Tanaka (17 Jahre alt) und Miss Toshiko Tanaka (12 Jahre alt) bezieht. In Crystal City, Texas, werden entsprechende Vorkehrungen für die Zusammenführung getroffen.

Crystal City. Wir fahren zu einem Ort, der Crystal City heißt. Zuerst stimmte mich dieser Name optimistisch, weil er einem eine wunderschöne Stadt vorgaukelt. Eine Stadt, für die es sich lohnt, schöne Dinge einzupacken. Mein schönstes Kleid. Meine neue Handtasche. Mein Fläschchen Tabu-Parfüm.

Im Zug sind auch andere Familien. Ein paar haben wir kennengelernt.

Mrs Ginoza und ihre kleine Tochter aus Los Angeles. Die alte Mrs Jamaguchi aus Santa Cruz. Die Geschichten dieser Familien klingen bis auf ein paar Details fast alle gleich. Meine Mutter hört jedem höflich zu, obwohl sie mittlerweile weiß, wie die Geschichten enden: Und dann sind wir in diesen Zug gestiegen.

Wir hatten uns gerade zum Essen gesetzt. Der Mann vom FBI ließ ihn nicht einmal zu Ende essen.

Sie behaupteten, wir hätten japanische Briefe versteckt. Aber es waren die Briefe meiner Schwiegermutter, die wir in unserer Aussteuertruhe verwahrten. Das ist doch nicht verstecken?

Wir kannten einen Anwalt, aber der sagte, er könne nichts machen, es sei alles legal. Präsident Roosevelt habe einen Erlass unterschrieben.

Jetzt höre ich sogar, wie meine Mutter der Braut, deren Mann zwei Tage nach der Hochzeit abgeholt wurde, über den Mittelgang hinweg unsere eigene Geschichte erzählt.

»Sie kamen an einem Samstagvormittag, als Ichiro noch bei der Arbeit war. Sie warteten auf ihn in meiner Küche«, erzählt Mama. »Ich durfte ihn nicht anrufen, um ihn nicht heimlich zu warnen. Wir mussten stundenlang warten. Mein Mann blieb lange weg, weil er einem Gast half, eine Wandertour vorzubereiten. Er arbeitete immer lang, weil er sich um alles kümmerte. Die Männer sagten, er benutze seinen Job, um Informationen an Gäste weiterzugeben, die ins Ausland reisen.«

Sie lässt in ihrer Geschichte so viel aus. Sie erzählt nicht, dass das Albany, wo mein Vater als Nachtportier arbeitete, das schönste Hotel der ganzen Stadt war. Dass einige Gäste Japaner, die meisten aber Weiße waren und dass sie meinen Vater mochten und uns sogar manchmal Geschenke aus fremden Ländern mitbrachten. Papierfächer aus Paris, Schneekugeln aus New York City. Sie erzählt nicht, dass einmal sogar die Frau des Gouverneurs dort eingekehrt war und mein Bruder ihr eine Orangenlimonade aus dem Hotelshop verkaufte und ich ihr einen Strohhalm zum Trinken brachte. Mrs Carr sagte, ich hätte entzückende amerikanische Grübchen, und eine ganze Woche lang, wenn Kenichi und ich abends die Böden aufwischten, spielten wir diese Szene in aller Ausführlichkeit nach. »Amerikanische Grübchen sind okay, wenn du nicht andere haben kannst«, sagte Ken dann. »Ich für meinen Teil hätte meine Grübchen aber lieber aus Frankreich.«

Wenn wir Mrs Carr imitierten, verliehen wir ihr manchmal einen hochnäsigen Akzent, den sie aber gar nicht hatte. »Habe ich amerikanische Grübchen gesagt? Himmel, ich meinte natürlich amerikanische Pickel.« Niemand außer uns fand das witzig. Überhaupt lachte niemand außer uns über die Sachen, die wir witzig fanden.

An dem Tag, als die Polizei in unsere Wohnung kam, half ich nicht an der Sodastation aus. Und Ken hatte uns bereits verlassen, um ein amerikanischer Held zu werden. Papa und Mama wollten nicht, dass ich allein dort arbeitete.

Ich zog mir gerade mein Volleyballtrikot an, weil ich mich mit ein paar anderen Nisei-Mädchen aus der California-Street-Gemeinde treffen wollte. Meine Mutter rief mich aus meinem Zimmer, weil ich für sie übersetzen sollte. Ich hatte noch Lockenwickler im Haar. Ich brauchte eine Weile, bis ich verstand, was die Männer wollten. Für manche Ausdrücke hatte ich keine Übersetzung. Was bedeutet Vorwand?, fragte ich einen der Polizisten, der die Frage unverschämt fand.

Wenn meine Mutter die Geschichte erzählt, lässt sie mein ganzes Leben aus.

Kurz nachdem der Brief von der Regierung eingetroffen war, kam auch ein Brief von meinem Vater, der nur an meine Mutter adressiert, aber an uns alle gerichtet war – auf Englisch. Wahrscheinlich hatten die, die seine Post überwachen, darauf bestanden, dass er englisch schreibt. Also musste ich ihn den anderen vorlesen. Hier gibt es einen Schönheitssalon und ein Lebensmittelgeschäft. Sie bauen eine amerikanische Schule und ein Schwimmbecken mit einem Durchmesser von 100 Yard und einem Sprungbrett! Die Leute können sich durch Arbeit etwas dazuverdienen, aber alle bekommen eine Wohnung und Wertmarken für Lebensmittel und Kleidung, egal ob sie Arbeit haben oder nicht. Es wird euch hier gefallen.

Mein Vater hätte sich wenigstens mehr anstrengen können, uns die Sache auszureden, meiner Mutter zu verbieten, nach Texas zu kommen. Aber als sie darauf bestand zu kommen, schrieb er uns fröhliche Briefchen, die sich wie Urlaubsgrüße anhörten. Mein Vater verwendete sogar Ausrufezeichen, die er bei mir als vulgär kritisiert hätte: Ganz viele Japaner! Gratisfilme im Gemeindezentrum! Haruko, sag deiner Mutter, dass das Krankenhaus ehrenamtliche Helfer sucht und dass ein paar Frauen eine Tofuproduktion aufbauen, mitten im Lager!

Auf diese Weise wollte mein Vater uns die karge texanische Wüste schmackhaft machen. Eine Tofuproduktion.

Ich erzählte meiner Mutter vom Krankenhaus. Sie strahlte. Meine Mutter, die ihren Abschluss an der Tokyo Women’s Medical Professional School gemacht hatte, die nie richtige Ärztin wurde, weil sie nach Amerika zog, um den ihr unbekannten Sohn einer befreundeten Familie zu heiraten, die nie richtig Englisch gelernt hat und die es sich stattdessen zur Aufgabe gemacht hat, sich um die Länge...


Stoll, Cornelia
Cornelia Stoll, geboren 1953, ist als Übersetzerin, Englischlehrerin und als Buchhändlerin ausgebildet. Sie war in allen drei Berufen tätig und übersetzt seit 1988 hauptsächlich englische Kinder- und Jugendliteratur, darunter Bücher von Zizou Corder, Monica Hesse, Erin Hunter, Beth Kephart, Gary Paulsen und Philip Pullman. Sie lebt in Tübingen.

Hesse, Monica
Die vielfach ausgezeichnete Bestsellerautorin Monica Hesse stammt aus Illinois und ist außerdem Journalistin bei der Washington Post. Sie lebt mit ihrem Mann und einem verrückten Hund in Washington. »Das Mädchen im blauen Mantel«, ihr erster Roman, der auf Deutsch erschien, stand auf der New-York-Times-Bestsellerliste und erhielt zahlreiche Preise, darunter den renommierten Edgar Award in der Kategorie »Junge Erwachsene«, und wurde von der Jugendjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2019 nominiert. Inzwischen hat sie zahlreiche, ebenfalls vielfach ausgezeichnete weitere Romane geschrieben.



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