E-Book, Deutsch, 320 Seiten
Heßelmann Keine Rückkehr
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7407-5503-4
Verlag: TWENTYSIX CRIME
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Mallorca-Krimi
E-Book, Deutsch, 320 Seiten
ISBN: 978-3-7407-5503-4
Verlag: TWENTYSIX CRIME
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1958 Duisburg, Niederrhein. Seit 1980 Buchhändler in der Nähe von Stuttgart. Nun im Ruhestand. Seit 1991 schreibe ich Bücher. Was zunächst ein abendlicher Ausgleich für den Alltag war, wurde in wenigen Jahren zu einer Leidenschaft. Das Gefühl mit den eigenen Gedanken und Worten Menschen und Situationen zu erschaffen, ist im Moment des Schreibens unübertroffen. Dann aus diesen Büchern vorzulesen und die Zuhörer fesseln zu können erst recht. Kaum drei Jahre alt, die ersten Märchenplatten, dann Jim Knopf, die ersten (Kinder)-Krimis von Enid Blyton und später die von Jean-Bernard Pouy. Eine von Anfang an spannende und überaus fesselnde Welt, in der ich versank und die ich als Kind mit eigenen Figuren ergänzte. Meine Phantasie war angeregt. Das gilt auch heute noch. Ich wurde Buchhändler, schreibe seit 30 Jahren, erwecke Personen und Handlungen zum Leben und mache daraus Bücher, die ich gerne selber lese. Das ist in meinen Augen entscheidend: Man sollte die eigenen Bücher mögen.
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Prolog
„Hauen Sie ab“, hatte Sfarzi gesagt und dabei mit seinen Armen gewedelt, „hauen Sie ab! Verschwinden Sie! Von mir aus gleich für drei oder vier Wochen. Und wenn‘s sein muss auch länger. Mir fast egal. Sie müssen raus aus dem Bau. Abstand gewinnen. Diesen ganzen Mist hinter sich lassen und vergessen. Machen Sie mal richtig Urlaub. Ich weiß sowieso nicht, wann Sie das letzte Mal weg waren. Am besten verlassen Sie sogar das Land, statt in Ihrem Garten rumzuhängen. Gehen Sie weit weg, in die Bretagne, Mongolei oder Atacama, nach Schweden, oder ... vollkommen einerlei ...”, er machte noch eine als Witz gedachte Handbewegung dazu, „gehen Sie doch nach Mallorca. - Da ist es ganz besonders schön und vor allem still. Denn sie treffen kaum einen Landsmann.”
Sfarzi lachte bei den letzten Bemerkungen und wackelte auf seinem Stuhl wie ein Kind hin und her.
„Das würde nämlich gerade noch fehlen. Umzingelt von Italienern. Die schöne Ruhe wäre dahin. Mitsamt der Erholung. Und im Übrigen findet Ihre soziale Ader dort auch ihre Ruhe. Sie könnten mit einem Aufenthalt Wiedergutmachung leisten, für die ganzen Gräueltaten, die Mussolini und Co während des Bürgerkrieges dort hinterlassen haben. – Mensch, Piero, ich kann mir keinen seelisch und körperlich ramponierten Commissario leisten. Hauen Sie ab! Tanken Sie auf! Danach sehen wir weiter.”
Drei Monate hatten sie an ihm herumgebastelt. Aufgeschnitten, zugenäht und wieder irgendwo aufgeschnitten. Dann lachten sie und meinten, keine Frau würde für noch so viel Geld so gründlich behandelt und verschönert werden. Ja, bei ihm wäre doch eigentlich nur Arm und Bein wiederherzustellen. Von der ekligen, zu einer wulstig gewordenen Narbe auf seiner Brust sagten sie nichts. Die hatten sie einfach zugeklebt. Aber dieses Gefühl in seinem Kopf konnten sie so nicht . Mit keinem Pflaster. Dafür fehlte ihnen das Werkzeug. Da half auch kein Verband und keine Schere. Hier ging es nicht einfach um Wunden und nicht um Schmerz. Das war nichts für ihre dämlichen Tabletten. Hier ging es um die Ungeheuerlichkeit, die dahintersteckte. Die er nicht verstand, weil sein Bewusstsein seit dem Moment des Aufpralls nicht die Möglichkeit bekommen hatte, es irgendwie nachzuvollziehen. Als man ihm versprach, das in den Griff zu bekommen, fand er sich in einem weichen Ledersessel wieder. Aber das Gequatsche dieser Psychologin ging ihm bereits nach dem ersten Tag auf die Nerven. Ihr Gesicht passte zu jedem einfachen Berufe-Rate-Quiz im Fernsehen. Selbst ohne hinzugucken hätte er sie als Therapeutin entlarvt. Diese lebende Stereotype. Diese zweibeinige, dozierende Zeile aus dem Lehrbuch im Staatsdienst. Allein schon wie sie sprach, als wenn sie mit ihm ein Rhetoriktraining absolvierte, statt sich in seinen Zustand einzufühlen. Dabei jedes Wort und jede Silbe betonend. Vollkommen emotionslos. So könnte man Steine zum Wegrennen bringen, aber nicht Menschen neuen Lebensmut einhauchen. Da war nichts Fürsorgliches, Mütterliches, geschweige Weibliches dran. Man hätte ja wenigstens auf die Optik, ihre Optik, Acht geben können, bevor man ihm so etwas vorsetzte. Carla durfte ja nicht mit. , hieß es. Nein, er verstand es nicht. Aber wenigstens so eine wie Vio wäre gut gewesen. Eine mit Witz und Geist - und diesem unnachahmlichen Sex-Appeal, dem jeder Anstand fehlte und der trotzdem so überaus anständig war. Trotz des ständigen Eroberungsfeldzugs mit dünnen Klamotten und schwingendem Hintern. Der allein schon hätte jede Therapie ersetzt. Aber auch diese Ablenkung gestand man ihm nicht zu, denn die Psycho-Tante war klapperdürr wie eine Gottesanbeterin und ihre Armhaltung passte auch irgendwie dazu.
Nachts verfolgte ihn immer noch die Hand mit der Mini-Uzi, dieser kleinen MP, die unaufhörlich den Abzug drückte, die er anstarrte, nachdem die Seitenscheibe schon längst hochgefahren war und der Rest von dem dazugehörigen Körper bereits an der Autotür seines Wagens hing. Dieses enervierende, fast übertrieben und provozierend langsame Tackern der Salve vertonte nahezu live solche Nächte. Und jedes Mal deutlicher und mehr in Zeitlupe sah er den Kugeln dabei zu, wie sie ihm Arm und Bein zerschlugen. Hörte er deren Zischen in der Luft und das ekelige Pflatschen, als sie sein Fleisch mit hässlichen Wunden zerfetzte. Löcher, die Carla nachts in den letzten drei, vier Wochen im Dunkel des Zimmers gnädigerweise dann nicht mehr wahrnahm, wenn sein zerbeultes Ich ein kurzes Vergessen, eine kurze Erlösung in ihrem Körper suchte. Wenn gleichzeitig dieses Fragezeichen in seinem Kopf sich aufplusterte und genau in diesem Moment glaubte, seine Daseinsberechtigung ausspielen zu müssen, damit es sein Glück wieder sabotieren und infrage stellen konnte. Genau in diesem Moment, als auch der Film der Erinnerungen das herausschießende Blut aus Bein und Arm auf seine innere Leinwand projizierte, schleuderte und dieser Film gleich darauf riss.
Er hatte viel Blut verloren, sehr viel. Der Zustand war lang genug kritisch. Sein Wille rang mit der Sehnsucht nach ewiger Ruhe und dem Wunsch, sofort einsatzfähig zu sein. zu werden schien in diesem Bestreben nicht vorzukommen. Ein anständiger Mörder hätte seinen Kopf explodieren lassen oder das Herz zersiebt. Und nicht noch versucht, ihn mit dieser scheißgelben Maschine zu überholen. Aber so hatte er sein Leben wieder erhalten und wusste wochenlang nicht, wie er damit umgehen sollte.
Seit vier Tagen war er nun hier, tatsächlich auf dieser Insel, Mallorca, die sonst keiner ihrer Freunde und Bekannten kannte, nicht mal sein treuer Helfer, der schlaue Ispettore Collasso oder dessen viel zu schöne und gleichzeitig irgendwie verruchte Freundin Chiara, die für Berlingui immer noch eher ein zweifelhaftes Animiermädchen als lediglich eine Empfangsdame in einer zugegebener Maßen speziellen Bar war. Seit vier Tagen war er also nun hier und versuchte, Abstand zu gewinnen. Seit vier Tagen fuhren sie mit einem schicken, aber für die meisten kleinen Straßen im Gebirge viel zu großen durch die Gegend, um nicht nur Kilometer und Sehenswürdigkeiten hinter sich zu lassen. Eher ein Versuch, mit jedem Kilometer auch einen Teil der Festplatte in seinem Kopf zu löschen und die Gebilde seiner Angstträume zum Abbruch freizugeben.
Mit jeder Kurve der Küstenstraßen wurde ihm allmählich darüber hinaus bewusst, dass er in den letzten Monaten viel zu oft der Rückseite seines Lebens, des Ganzen, dieser berühmten Münze begegnet war. Der Rückseite, die man nicht mag, weil kein Wert sichtbar ist. Höchstens für einen Numismatiker, obwohl auch in dessen Katalogen diese vielfach kleiner oder erst an zweiter Stelle abgebildet werden. Aber das Leben ist keine Sammlung, die man großartig gestalten kann, schon gar nicht mit extra dafür erspartem Geld.
Schicksale lassen nämlich kein einheitliches Thema zu, das erfreuen könnte. Es gerät wie so häufig zunächst zu einer Ansammlung von zumeist pointenlosen Erfahrungen. Völlig zusammenhanglos und doch mit fatalistischer Wirkung. Weil man zurück im Alltag aufgegeben hatte, sich auf die wesentlichen Dinge zu konzentrieren. Denn von diesem Moment an war man davon überzeugt, man bräuchte sich nicht sonderlich anzustrengen, um seine Sammlung auf Vordermann zu bringen. Angeblich war man ja genesen und wieder der Alte.
Während der letzten Tage im Krankenhaus, anschließend daheim auf der Terrassenliege und nun hier, auf einem Klappstuhl unten am Pool, hatte er sich manchmal totgestellt, bis niemand mehr Notiz von ihm nahm. Auch nicht Carla. Sogar die Natur vergaß ihn, machte eine Pause und legte den Schatten eines Baumes oder einer Mauer auf seinen Körper und wurde deshalb wieder sommerlich alltäglich und normal. Genau das, normal zu werden, das war hier sein Ziel. - Seit gestern hatte er endlich das Gefühl, dass es klappen könnte. Obwohl die Natur ihn nicht vergessen hatte. In diesem Fall Gott sei Dank.
Sie waren am Ende des Ortes neugierig einen schmalen, gefährlich brüchigen Weg hinuntergestolpert. Unten angelangt, endete dieser unspektakulär am Meer. Inmitten von Kieseln, Steinen und Resten einer Mauer. Ein karger Strand. Fast langweilig. Vor ihnen eine Art Mole. Ein langer, steinig schrundiger Finger hinaus ins Wasser. Zwischen ihm und ihnen waren die Wellen einladend glatt. Keine Minute später waren sie hineingesprungen. Mit einem kindlichen Juchzer und nackt. Sie alberten und tollten in dem, trotz des Herbstes, noch warmen und seidigen Wasser herum. Bewarfen sich mit auf der Oberfläche dümpelnden Algenstücken und versuchten einen Fuß, Arm oder Zipfel Haut des anderen zu erwischen, um sich gegenseitig tiefer ins Wasser zu ziehen. Augenblicke später lagen sie auf dem Rücken und ließen sich treiben. Falls es etwas gab, das Schrecken verstummen, Angstträume abschalten und Wunden schlagartig heilen lassen konnte, war es das Geräusch der unauffälligen Gischt, die sich am Ufer zwischen den Steinen im Takt der flachen Wogen zurückzog und Berlingui an...




