Heßelmann | Saya - Auf der Suche nach dem Leben | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, Band 3, 356 Seiten

Reihe: Saya - Auf der Suche nach dem Leben

Heßelmann Saya - Auf der Suche nach dem Leben

Erstens kommt es anders ...
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-8806-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Erstens kommt es anders ...

E-Book, Deutsch, Band 3, 356 Seiten

Reihe: Saya - Auf der Suche nach dem Leben

ISBN: 978-3-8192-8806-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Kaum eine Stunde später sah sie ihn das letzte Gerät verlassen und zu den Duschen gehen, ließ selbst die Multipresse in der Ausgangsposition einrasten und ging ebenfalls zu den Duschen. Sie wusste, sie musste sich beeilen, Haarewaschen würde ausfallen müssen, nur dann käme sie vor ihm raus. Beim Duschen zählte sie langsam bis hundert, das musste reichen. Abtrocknen, anziehen und raus. Im Eingangsbereich blieb sie stehen, sah durch die Glastür sein Fahrrad, jubelte leise, alles richtig gemacht, und stellte die Tasche auf den Boden. Mit einem Aufatmen hockte sie sich daneben und tat minutenlang, als suchte sie etwas in ihren Sachen.

1958, Duisburg, Niederrhein. Kaum drei Jahre alt, die ersten Märchenplatten, dann Jim Knopf, die ersten (Kinder)-Krimis von Enid Blyton und später die von Jean-Bernard Pouy. Eine von Anfang an spannende und überaus fesselnde Welt, in der ich versank und die ich als Kind mit eigenen Figuren ergänzte. Meine Phantasie war angeregt. Das gilt auch heute noch. Ich wurde Buchhändler, schreibe seit 30 Jahren, erwecke Personen und Handlungen zum Leben und mache daraus Bücher, die ich gerne selbst lese. Das ist in meinen Augen entscheidend: Man sollte die eigenen Bücher mögen.
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Wochen nach der Unterschrift


Regen, so wie er hier fiel, kannte sie aus den letzten vielen Jahren nicht. Entweder es gab in Paita nahezu unwetterartige Regenfälle, meist im August, dennoch sehr selten, oder heiße, viel zu lange Trockenperioden. Der Effekt des Humboldtstroms, der im Süden Perus für eine lang anhaltende Trockenheit und dadurch für die Atacama-Wüste sorgte, schuf dort oben in Paita zwar etwas wärmere und deshalb feuchtere Luft, ließ es trotzdem selten regnen. Grün wie hier war es in Paita nur an wenigen Stellen. Meist gab es nur Palmen wie vorne am Meer und ein paar riesige Kapokbäume, während Agaven und Kakteen allgegenwärtig zu sein schienen. Erst nördlich der Paita-Bucht wurde das Land rund um die Mündung des Río Chira großflächig grüner. Alles hatte sich im Verlauf Tausender Jahre damit abgefunden, mit wenig Wasser auszukommen. Daher hatte sie Mühe, ein paar Blumen auf ihrem schmalen Balkon zum Blühen zu bringen. Hier hingegen blühten bald in jedem Garten prachtvolle Blumen.

Sie schaute auf die Uhr. Sie war zu früh, deshalb ging sie bereits seit einer Stunde durch den Ort und schaute sich um. Aber die Zeit, die sie hier verbracht hatte, war wohl zu kurz gewesen. Denn sie erkannte niemanden. Niemand sprach sie an. Niemand taxierte sie mit entsprechendem Blick, weil allein ihre Kleidung nicht hierher passte. Mit ihren nahezu purpurfarbenen Leggins, dem weißen T-Shirt und der selbst gestrickten Jacke mit dem bunten Andenmuster war sie nicht up to date und für das recht kühle Wetter obendrein nicht warm genug gekleidet. Heute Abend wäre sie aber wieder im warmen Zimmer ihrer Pension.

Tatsächlich hatte sie den Ort anders in Erinnerung. Mittlerweile waren zu viele Jahre vergangen. Über achtzehn, wenn sie sich nicht verrechnet hatte. Nach einer Stunde erreichte sie wie eine Spaziergängerin die kleine Siedlung. Dort blieb sie am Ende des Weges stehen, sah zuerst auf das Buschwerk mit dem Feld dahinter und dann in den Himmel, vielmehr in das Grau der Wolken, anschließend auf den Zettel in ihrer Hand. Am alten Deich 7, stand auf diesem. Ein kleines hübsches Haus, im Gegensatz zu den anderen keines aus Backstein, sondern weiß verputzt. Gerade groß genug für die zwei, dachte sie. Als sie in die Einfahrt ging, sah sie hinter einer Hecke versteckt auch das drollige, ehemalige Ferienhaus, von knospenden, bald blühenden Blumen und Büschen umgeben.

Dann nahm sie sich ein Herz, ging an die Eingangstür und klingelte. Sie war richtig. Kollberg stand auf dem kupfernen Metallschild unter dem Knopf. Die Sekunden verstrichen und die Tür vor ihr öffnete sich. Seine neue Frau stand in dieser und lächelte sie an.

„Ja? Guten Tag“, sagte sie und hielt die Klinke mit gerunzelter Stirn fest, als wolle sie die Tür im Notfall gleich wieder schließen können. Ihre Stimme sanft und sympathisch. Ihr Deutsch nahezu akzentfrei. Es klang, als würde sie die Wörter etwas singen.

„Guten Tag … Frau Kollberg“, erwiderte sie freundlich und holte gleichzeitig tief Luft, weil wegen des Namens auf dem Klingelschild nun doch alte Bilder und Erinnerungen ihren Kopf eroberten, „mein … Name ist Sybille Flores. Vielleicht hat Francesco mal von mir erzählt. – Er hat mich meist Bille genannt.“

Mayumi sog die Lippen ein, ihr Lächeln wirkte nun etwas eingefroren, dennoch machte sie einen Schritt zur Seite und ließ Bille eintreten.

„Cicco ist noch nicht zu Hause. Es werden sicher noch halben Stunde dauern. Aber vielleicht wollen Sie warten. Ich können Kaffee machen.“

Bille nickte, schlüpfte aus den Schuhen und ging nahezu bedächtig in die Wohnung. Links hinter einer Tür wohl die Gästetoilette, wie man sagt, rechts die Küche, die Tür in diese durch einen gemauerten Bogen ersetzt. Esszimmer und ein großes Wohnzimmer folgten, alles modern und doch gemütlich eingerichtet. Ganz anders als sie Kollberg in Erinnerung hatte. Ganz anders als sie seit Jahren in Paita lebte.

„Entschuldigen Sie bitte! Sie werden sich sicher wundern, warum ich nach so vielen Jahren hier plötzlich auftauche. Und das auch noch unangekündigt. Meine Eltern hätten sich sicher auch gewundert, wenn sie noch leben würden, aber sie sind vor zwei Wochen bei einem Autounfall ums Leben gekommen und …“, sie stockte, deutete auf einen Stuhl am Esstisch. Mayumi nickte – Natürlich! Sori! Entschuldigen Sie! – und Bille setzte sich.

„… bei ihnen zu Hause fand man meine Adresse und man gab mir Bescheid.“

Jetzt lächelte sie traurig, knetete die Hände im Schoß und zog mit einem Seufzer die Brauen hoch.

„Sie kennen das vielleicht. Die Polizei hat Fragen, dann die Beerdigung, der ganze Papierkram, der Nachlass. Es gibt keine Geschwister oder andere Verwandten, obwohl … so stimmt es auch wieder nicht. Aber … nun ja. Es gibt Sünden, die einen einholen. Als ich am Grab stand, fiel mir ein, wen ich noch in all den Jahren … im Stich gelassen habe. Ich weiß, das alles hört sich nicht besonders logisch und plausibel an … Aber dann fragte ich in meinem Hotel, ob man den Namen Kollberg hier noch kennt, und man gab mir Ihre Adresse.“

Während Bille einem Redeschwall gleich versuchte, alles zu erklären, stellte Mayumi derweil die Tassen und eine volle Isolierkanne auf den Tisch, schüttelte unmerklich den Kopf und goss den Kaffee ein.

„Cicco hat nicht viel erzählen. Aber ich weiß doch, weil Guido hat dann getan. Nun Cicco und ich heiraten vor sechs Jahre und wohnen hier.“

Sie musste nicht sagen, dass sie glücklich war, ihre ruhige Art und ihr Gesicht sagten alles. Mayumi war eine hübsche Frau. Ganz anders als sie selbst. Klein, mit ihren dunklen, mandelförmigen Augen etwas fremd und zugleich vertraut wirkend, in Peru gab es viele Frauen und Mädchen mit ähnlich schönen Augen. In dieser Beziehung war Bille dort die Fremde. Mayumis Kleidung fast schon zu schick für die Vorstellung, die man von einer Hausfrau hatte, wenn ein Mann jemanden aus einem solchen Land zur Frau nahm. Eine modisch enge Jeans und darüber ein leichtes hellblaues Jeanshemd, die Ärmel aufgekrempelt. Die langen Haare zu einem flotten, aber schicken Dutt geformt. Ihre eigenen immer noch recht langen, dunkelblonden und lockigen Haare hingegen zwar frisch gewaschen, aber im Gegensatz zu damals strohig geworden. So schlank wie damals war sie auch nicht mehr.

Bille schaute mit nachdenklicher Miene auf den Boden vor sich, walkte immer noch ihre Hände und nickte mit einem Seufzer.

„Natürlich. Ich freu mich, ich …“ Sie brach ab und schaute hoch, vielmehr hinter sich, weil sie von draußen ein Geräusch hörte.

„Cicco und Guido kommen von Arbeit jetzt.“

Schon war Mayumi aufgestanden und vor an die Tür gegangen. Bille blieb sitzen, sie hatte dort jetzt nichts zu suchen. Kollberg würde genug geschockt sein, wenn er sie sähe, würde sie vielleicht aber auch gar nicht erkennen. Aus den Augenwinkeln sah sie Mayumi winken, aber nicht so, als würde sie damit eine Warnung oder Ähnliches kundtun wollen.

„Hallo Yumi, mein Schatz“, hörte sie ihn und den Schmatzer eines Kusses und gleich darauf, eigentlich zeitgleich:

„’n Abend Mommy. Haben wir Besuch?“

Seine Stimme alles andere als kindlich, etwas rau, männlich und ernst wirkend, sie wagte sich nicht umzudrehen, um zu sehen, wie beide nun aussahen, als keine drei Sekunden später Kollberg vor ihr stand.

„Bille?“ Ihr Name wie ein Gummi auseinandergezogen. Seine Verwunderung und Hunderte Fragezeichen deutlich zu hören.

Sie sah hoch, sah in sein seit damals kaum gealtertes Gesicht und im selben Moment liefen all die verdrängten Filme ab, die sie dummerweise hatten fliehen lassen, weil sie von ihrem Leben so viele Freiheiten erwartet hatte, die sie aber glaubte nach der Schwangerschaft verloren zu haben. Nur wenige davon waren mit ihrem neuen Mann Luis Flores wahr geworden. Hirngespinste sind ohnehin so gut wie nicht zu realisieren. Das wusste sie bald. Am Grab ihrer Eltern holte die Vergangenheit sie ein. So einfach und schnell konnte das Leben seine Wahrheiten mitteilen. Nicht nur Kollberg, Guido und ein paar Freunde hatte sie wegen dieser lauen Freiheiten im Stich gelassen, sondern auch ihre Eltern, die jahrelang versuchten, mit diversen Glückwunschkarten den Kontakt aufrechtzuerhalten. Und sie schrieb in diesen Jahren gerade mal eine Handvoll zurück.

Mittlerweile stand Guido neben Kollberg und sah auf sie hinunter.

„Ich glaub, ich spinn“, entfuhr es ihm.

Kollberg verzog sein Gesicht und schaute Mayumi fragend an, doch sie zuckte nur mit den Achseln und meinte im Flüsterton:

„Sie ist vor halben Stunde kommen. Ihre Eltern sind gestorben, bei einem Autounfall. Sie machen nun Besuche. Mehr weiß ich nicht.“

„Ja, meine Eltern sind vor zwei Wochen auf der Autobahn südlich von Hannover unter einen Laster geraten, der einfach die Spur gewechselt hat, weil der Fahrer sie angeblich nicht gesehen hat. Der Laster und sie kamen ins Schleudern und ihr Auto wurde vom Auflieger erwischt und hat sich mehrfach...



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