E-Book, Deutsch, 332 Seiten
Heßelmann Schlammschlacht
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7407-0062-1
Verlag: TWENTYSIX CRIME
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Padua-Krimi
E-Book, Deutsch, 332 Seiten
ISBN: 978-3-7407-0062-1
Verlag: TWENTYSIX CRIME
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
1958 Duisburg, Niederrhein. Seit 1980 Buchhändler in der Nähe von Stuttgart. Nun im Ruhestand. Seit 1991 schreibe ich Bücher. Was zunächst ein abendlicher Ausgleich für den Alltag war, wurde in wenigen Jahren zu einer Leidenschaft. Das Gefühl mit den eigenen Gedanken und Worten Menschen und Situationen zu erschaffen, ist im Moment des Schreibens unübertroffen. Dann aus diesen Büchern vorzulesen und die Zuhörer fesseln zu können erst recht. Kaum drei Jahre alt, die ersten Märchenplatten, dann Jim Knopf, die ersten (Kinder)-Krimis von Enid Blyton und später die von Jean-Bernard Pouy. Eine von Anfang an spannende und überaus fesselnde Welt, in der ich versank und die ich als Kind mit eigenen Figuren ergänzte. Meine Phantasie war angeregt. Das gilt auch heute noch. Ich wurde Buchhändler, schreibe seit 30 Jahren, erwecke Personen und Handlungen zum Leben und mache daraus Bücher, die ich gerne selber lese. Das ist in meinen Augen entscheidend: Man sollte die eigenen Bücher mögen.
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15. März, 7 Uhr 25
Verhandlungen sind zwecklos. Der Tod ist ein schlechter Partner in solchen Fällen. Betritt er den Raum, erzeugt er kein Leuchten in Augen. Im Gegenteil. Der matte Schimmer der Reißnägelköpfe, in eine Landkarte der Umgebung gesteckt, reicht für den Beweis seiner Heimsuchungen. Jeder eine weitere Marke, eine weitere Erfolgsmeldung. In diesem speziellen Fall gekennzeichnet von erstarrter Angst, von den Lidern wächsern, glänzend umfasst. Das aufgedunsene und verschmutzt wirkende Gesicht war dadurch zu einer unbeweglichen und steifen Maske geworden, die Commissario Berlingui schielend anstarrte. Auf groteske Art schien sie den inzwischen erkalteten und fest gewordenen, matt grauen Schlamm in seinem Mund noch ausspucken zu wollen, denn der Kopf war eigentümlich schräg hinter das Kissen gekippt, so, als wenn er für dieses Vorhaben Schwung hatte holen wollen. Eine Hand des Toten lag nach einem verzweifelten und erfolglosen Versuch sich des Angreifers zu erwehren, verrenkt auf seinem nun zum Teil entblößten Körper, dem man ansah, dass er in den vielen Jahren zuvor keinen Hunger hatte aushalten müssen. Die ganze Haltung wirkte eigentümlich lebendig. Doch der herbeigerufene Arzt hatte bereits vor nahezu anderthalb Stunden den unumkehrbaren Tod von Monsignore Tossatello festgestellt.
Piero Berlingui stand ein wenig in die Knie gegangen. Gebückt und vornübergebeugt. Wie ein leicht auseinandergezogenes Leporello neben der Liege. Nur so war es ihm möglich, trotz seiner Einszweiundneunzig alles aus der Nähe zu betrachten. Die linke Hand hatte er dabei in seiner Hosentasche vergraben und mit der rechten balancierte er eine Tasse Espresso, von deren Inhalt er eigentlich erhofft hatte, wach zu werden. Doch die Plörre war lediglich gefärbtes Wasser. Filippo sollte in seiner Bar Kurse für stümperhaft arbeitende Baristas anbieten. Selbst in einem Hotel mit vorwiegend alten Leuten als Gäste sollte wenigstens der Espresso Lebensgeister wecken können. Die Güte der angeblich gesunden Tees und Säfte wäre ihm egal.
Mit schief gelegtem Kopf musterte er die Leiche, fuhr er mit seinen Augen wie ein Scanner an ihr entlang, als suche er in dem, was er sah, eine verborgene Nachricht, ein Zeichen, das ihm den Täter nennen oder zumindest den Hergang schildern könnte. Blitzlichter erhellten zuckend wie in einer Disco die Szenerie. Was mochte der Ermordete in der Sekunde des Todes noch gesehen, an was gedacht haben? Konnte er an dem Blick, den nun fahlen Augen erkennen, ob er den Mörder gekannt hatte? Nein! Wirkte er angewidert oder überrascht? Weder noch. Warum hinterließ die Haltung der Leiche den Eindruck einer nur eher schwachen Gegenwehr? War der Schock größer als die Angst? Oder hatte dieser Monsignore im Moment des Überfalls geschlafen? Als er sah, dass er nichts von alledem in den Gesichtszügen erkennen konnte, war ihm klar, dies würde ein ganz und gar vertrackter Fall werden.
Enttäuscht blickte er auf. Denn in den vergangenen Jahren hatte er schon öfter aus den Gesichtern der Opfer manchen kleinen Hinweis auf diese Art herausgelesen, der ihn den einen, wenn auch kleinen, aber entscheidend schnellen Schritt vorwärtsgebracht hatte. So verkürzte sich häufig und viel zu flott der vermeintliche Vorsprung des Täters. Der Commissario schüttelte den Kopf, trank angewidert den letzten Schluck aus der kleinen Tasse und stellte sie weg. Fast hätte er sie dabei zu Boden fallen lassen. Er nahm die Hand aus der Hosentasche und massierte sich Achseln zuckend die Stirn.
Diesmal hatte er nicht die Verwunderung gesehen, keine nahezu taxierend schmalen Augen, wie vor sechs Wochen im erstaunten Gesicht des toten Severin Aldò. Der in der Szene bekannt war wie ein bunter Hund. Der hatte genug Neider und Feinde. Der hätte sich mit den Errungenschaften aus seinen kriminellen Machenschaften vorher schon längst absetzen müssen. Doch war er so arrogant, dass es für ihn noch Erfolg versprechender war, das Schicksal ein weiteres, ein letztes Mal herauszufordern. Deshalb wäre es für Berlingui allzu verständlich gewesen den Ärger in dessen Blick zu erkennen, den richtigen Zeitpunkt für die Flucht auf eine ferne tropische Insel nun doch verpasst zu haben. So aber sah Berlingui vor Wochen eine offensichtliche Überraschung in den Zügen des Toten, als er das stumme Gesicht der Leiche an der Böschung des in der Nähe der Autostrada betrachtet hatte. Ein leichtes Runzeln auf der Stirn. Augenbrauen die sich verwundert über der Nase fast berührten. Tage später nahm der Commissario den Sohn Aldòs fest, von dem es immer geheißen hatte, dass er seinen Vater abgöttisch geliebt hätte. Doch brauchte es nur einen Tag in den Händen von Collasso und seinen Kollegen, bis seine Aussage nur noch aus Widersprüchen bestand.
So in Gedanken blickte er noch einmal forschend auf Tossatello und drehte sich anschließend um. Vielleicht würde ihm später ein übersehenes Detail einfallen und weiterhelfen. Auch wenn ihm jetzt nichts verdächtig genug erscheinen wollte. Vielleicht lag es an der Müdigkeit, die von der Häufung wunderlicher Todesfälle in den letzten Wochen herrührte und die nun ihren Tribut zollte. Kaum einen Abend war er zu Hause gewesen. Kaum ein Wochenende hatte für etwas Ruhe gesorgt. Das Tagesgeschehen hatte ihn zum Dezimieren privater Ansprüche verpflichtet.
Währenddessen wartete auf ihn nur wenige Schritte entfernt Umberto Garatta, der im Hotel Colli Euganei für die Fangopackungen zuständig war. Mit starrem Blick und vollkommen bewegungslos saß er in einem Stuhl links neben der Tür zu dem Raum, in dem er vor nicht einmal drei Stunden den Monsignore morgens um halb fünf in Fango und Tücher eingepackt hatte.
„Es waren maximal sechs oder acht Minuten, bis ich wieder bei ihm drin war. Höchstens acht Minuten“, murmelte er immer wieder kopfschüttelnd vor sich hin. „Wirklich nicht mehr.”
Die letzten drei Worte, die er ständig wiederholte, klangen von Mal zu Mal beschwörender und flehender. Doch der Tote zeigte trotzdem keine Anstalten, seinen Zustand zu überdenken.
Berlingui warf noch einmal einen Blick durch die offenstehende Tür, auf den etwas verrenkten Leib der Leiche, beugte den Kopf und schloss abwechselnd das linke und rechte Auge. Dann stellte er die nächste Espressotasse auf den Sockelrand einer der ockergelben Säulen, die dem Raum eine antike, aber absolut künstliche Atmosphäre gaben. Es war der Moment, in dem die Routine begann. Er atmete tief durch und es klang wie ein Seufzer, in dem ein Fluchen versteckt war. Mit beiden Handflächen rubbelte er sich über das Gesicht, als wenn er die Folgen der Routine damit abwaschen könnte. Ab jetzt wurden Hunderte von Fragen gestellt, wurden diese weiß Gott wie oft wiederholt, Widersprüche zur Kenntnis genommen und wieder gefragt, nachgefragt, Erkundigungen eingeholt und nochmals Befragungen durchgeführt. Währenddessen versuchten die Kollegen, eventuelle Spuren zu sichern und auszuwerten. Jedes Fitzelchen wurde aufgehoben, jede verdächtige Unterlage beschlagnahmt. Von nun an glichen sich alle Fälle. Mord, schwerer Raub, Entführung, Vergewaltigung, es war egal. Es glich einer Formel, die es aufzudröseln galt. Ein solcher Automatismus könnte wirklich Abwechslung vertragen. Es gab genug krumme Typen, die man verhaften könnte. Irgendwann würde sich die Bagage untereinander ausschalten. Berlingui seufzte ein weiteres Mal. Weniger Hektik wäre ja auch schon ein Anfang. Denn von nun an lief die Zeit gegen die Ermittlungen, um vor allem frische, einwandfreie Fakten herzubekommen. Handwerkliche Praxis war ohnehin nicht Berlinguis Metier. Lupe und Pinzette verabscheute er. Genauso wie den Verdächtigen, der ihm gegenübersaß. Er war eher der Theoretiker und einer, der sich auf seine Intuition verlassen wollte. Und es meist auch konnte.
Berlingui kannte diese Situation in allen Variationen. Plötzlich hatte jemand aus Versehen den einzigen tauglichen Fingerabdruck mit einem Ärmel verwischt, war der Zeuge, der angeblich alles von Anfang an gesehen hatte, wie vom Erdboden verschwunden oder von einer starken Amnesie befallen, die Tatwaffe nicht auffindbar, der Erschossene erwürgt oder das vorher so bekannte Opfer nicht identifizierbar. Und wenn alles schön einfach erschien, widersprachen sich alle vorhandenen Details.
Er überlegte. Die Gästeliste des Hotels zu bekommen war für ihn kein Problem. Zeugen, die zum entscheidenden Zeitpunkt wenigstens in der Nähe waren, gab es, so hoffte er, genug und trotzdem beschlich ihn das Gefühl, diesmal einen stinkenden Fisch vorgesetzt bekommen zu haben. Er hatte still dem Getuschel gelauscht und wusste, hier waren ihm zu viele Wissende, Kommentierende und vor allem ganz Schlaue. Doppelt so viele Stammtische wie Personen. Fragend blickte er Dottore Alfonso Pantatti an. Er war einer der Wenigen, dem er nach dem Fund einer Leiche vertraute. Sofern es möglich war, war er mit ihm als Erstes am Tatort, damit dieser als Arzt eine Einschätzung geben konnte. Pantatti zuckte mit der Schulter und seinen Augenbrauen, schaute ebenso zur Leiche, inspizierte sie mit den...




