Heyden | Fürsten-Roman 2441 | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2441, 64 Seiten

Reihe: Fürsten-Roman

Heyden Fürsten-Roman 2441

Ein Sommer voller Glück
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8387-5573-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Sommer voller Glück

E-Book, Deutsch, Band 2441, 64 Seiten

Reihe: Fürsten-Roman

ISBN: 978-3-8387-5573-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als Prinz Daniel seine Jugendliebe wiederfand.

Seit fünfzehn Jahren hat Daniel Prinz von Erlenthal seine Großmutter nicht mehr gesehen. Früher hat er stets den Sommer bei der alten Gräfin in Greetsiel verbracht. Zusammen mit seinem älteren Bruder Louis und seiner Jugendfreundin Miriam hatte Daniel dort die glücklichste Zeit seines Lebens.

Doch inzwischen hat sich einiges geändert: Louis ist bei einem Unfall ums Leben gekommen, und Albin Fürst von Erlenthal, dem der unabhängige Geist seiner Schwiegermutter suspekt ist, hat Daniel den Umgang mit der Gräfin verboten. Schließlich habe sein Sohn als zukünftiger Fürst Wichtigeres zu tun.

Daniel fügt sich in sein Schicksal - bis eines Tages ein Brief aus Greetsiel eintrifft...

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Gerhardine Gräfin von Seggern genoss den milden Frühlingstag. Sie saß mit dem Rücken an die dicke Kirchenmauer gelehnt, die in zwischen so viel Sonne gespeichert hatte, dass sie der alten Gräfin den Rücken und die alten Knochen wärmte. Die betagte Dame, seit Kurzem neunzig Jahre alt, war klein, zierlich und von diversen altersbedingten Gebrechen gezeichnet.

Ein tiefer Seufzer entrang sich ihrer Brust. Sie betrachtete ihre runzligen Hände und wusste, dass ihr Gesicht ebenso faltig aussah. Wenn sie sich im Spiegel betrachtete, kam ihr das einst so schöne Antlitz wie eine Landkarte vor – eine Landkarte jenes Lebens, das es nicht immer gut mit ihr gemeint hatte.

Einzig die blauen Augen blitzten und funkelten vor Lebendigkeit und zeigten jedem, dass der Körper der Gräfin schwach geworden sein mochte, ihr Geist hingegen immer noch vor Vitalität sprühte.

Sie saß gern hier in der Sonne auf der Bank neben dem Eingang zu der kleinen Kirche aus Ziegelsteinen. Die Kirche mit dem mächtigen, wehrhaften Turm lag auf einem kleinen Hügel, und der Friedhof ringsherum war terrassenförmig angelegt worden. Hier fühlte Gerhardine sich geborgen. Hier ruhten all die Menschen, die ihr in ihrem Leben etwas bedeutet hatten und die längst von ihr gegangen waren.

Die Grafenfamilie von Seggern hingegen besaß eine Gruft unter der Kirche, doch da wollte die Gräfin nicht bestattet werden. Dort würde keine Sonne jemals ihr Grab wärmen – eine Vorstellung, die der alten Dame nicht sonderlich behagte. Auch ihr Mann hatte seine letzte Ruhestätte in der Familiengruft gefunden. Gerhardine bedauerte das nicht. Sie hatte ihn nicht so lieben können, wie er es verdient gehabt hätte, denn ihr Herz hatte immer einem anderen gehört.

Orgelklänge aus der Kirche drangen leise über den Friedhof, und Gräfin Gerhardine genoss es. Miriam Bartels spielte gut. Die Kirchengemeinde konnte sich glücklich schätzen, sie nach ihrer Rückkehr in den Ort als Organistin gewonnen zu haben.

Wieder seufzte die Gräfin tief, und ihr Blick wanderte zu der niedrigen Steinmauer. Die Mauer schützte den Friedhof vor den Wassern des Burggrabens, der die alte Burg Windhusen umgab.

Der Wohnsitz der Gräfin versprühte einen gewissen maroden Charme. Auch hier hatte die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Verlassen lag die Burg da und konnte nicht verhehlen, dass sie schon bessere Zeiten gesehen hatte. Irgendwie trostlos, durchfuhr es die Gräfin, so trostlos wie ihr Leben.

Früher, ja, da hatte es Leben in den alten Mauern gegeben. Kinderlachen! Früher, als ihre Tochter und ihre Enkelkinder sie noch in den Schulferien besucht hatten. Doch das war lange vorbei, denn mit dem Ende der Schulzeit hatte ihr Schwiegersohn diese Besuche für überflüssig gehalten.

Der Gedanke an Albin Fürst von Erlenthal ließ die alte Gräfin erschauern. Sie hatte ihren Schwiegersohn von Anfang an nicht gemocht – ebenso wenig wie er sie. Gerhardine verstand bis heute nicht, wie ihre einzige Tochter sich in einen derart despotischen und herrischen Mann hatte verlieben können.

Leonharda war zu einem freien und unabhängigen Menschen erzogen worden, wie es hier in Ostfriesland üblich war. Doch offenbar wollte sie nicht frei und unabhängig sein, denn sie hatte sich ihrem Mann vollkommen untergeordnet und fügte sich seinem Willen, den er auch seinen Kindern aufzwang.

Fürst Albin war der unabhängige Geist seiner Schwiegermutter suspekt, und er hatte seiner Frau den Umgang mit ihr schlichtweg verboten. Leider hielt sich Gerhardines Tochter an diese Weisung.

Mühsam erhob sich die alte Gräfin nun von der Bank und nahm den Strauß Wiesenblumen auf, den sie neben sich gelegt hatte. Sie hatte ihn am Rand des Waldes gepflückt, der die Zufahrt zur Burg und zur Kirche nach Süden hin begrenzte.

Es war kein großer Strauß, denn das Bücken fiel Gerhardine mittlerweile äußerst schwer, ebenso wie das Gehen. Außerdem war es noch zu früh im Jahr, um eine üppige Auswahl an Wiesenblumen geboten zu bekommen. So bestand der Strauß lediglich aus wilden Margeriten, Butterblumen und den ersten Kornblumen.

Schwer stützte sich die Gräfin auf ihren Gehstock, während sie zu einem schlichten Grab ging, auf dem eine große Granitplatte lag. Goldene Buchstaben bildeten den Namen Rainer Bartels, und Gerhardines Herz wurde schwer.

Rainer Bartels – die große Liebe ihres Lebens, ihre einzige, wahre Liebe! Doch er war der Sohn eines Kleinbauern gewesen, hatte später als Knecht und dann als Verwalter auf dem Gut der Grafen von Seggern gearbeitet – so weit unter ihrem Stand, dass sie sich nie zu ihrer Liebe hatte bekennen dürfen. Weder seine noch ihre Familie hätten das damals zugelassen.

Und doch war die Liebe, die sie füreinander gefühlt hatten, niemals gestorben, auch wenn sie beide jemand anderes geheiratet hatten. Und auch jetzt, zwanzig Jahre nach Rainers Tod, war diese Liebe noch immer lebendig.

Gerhardine wollte sich bücken, um die Blumen abzulegen. Rainer hatte diese wilden Feld- und Wiesenblumen immer geliebt, und sie ärgerte sich, dass ihr Rücken ihr das Bücken so schwer machte.

»Darf ich Ihnen helfen, Gräfin?«, bot ihr da eine samtene Frauenstimme freundlich an.

Gerhardine war so sehr in ihre Gedanken vertieft gewesen, dass sie überhört hatte, dass die Orgelklänge verstummt waren und Miriam Bartels nun neben ihr stand.

Die Organistin war eine attraktive junge Frau von dreißig Jahren, nicht sehr groß, aber schlank. Langes, honigfarbenes Haar umspielte dicht und voll ihr schmales, überaus sympathisch wirkendes Gesicht, das von klaren grünen Augen beherrscht wurde.

Gerhardine mochte Miriam, die eine Urenkelin von Rainer war. Ihre Augen – das waren seine Augen. Lächelnd reichte die Gräfin ihr den Strauß.

»Das ist wirklich lieb von dir, Miriam«, sagte sie und sah zu, wie die junge Frau die Blumen auf die Granitplatte legte.

»Sie bringen meinem Urgroßvater also immer die Blumen«, stellte Miriam fest.

Die Gräfin errötete verlegen.

»Immerhin wäre dein Urgroßvater in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden«, erklärte Gerhardine den Grund ihres Handelns. »Und er hat lange Jahre auf dem Gut meiner Eltern gearbeitet!«

»Ich weiß.« Miriam Bartels nickte. »Bis er dann in Emden Arbeit gefunden hat.«

Gerhardine ging langsam zur Bank zurück und bat die junge Organistin mit einer Geste, sich neben sie zu setzen.

»Leiste mir ein wenig Gesellschaft«, bat sie. »Ich habe nicht oft das Vergnügen, mich mit jungen Leuten zu unterhalten – natürlich nur, wenn du Zeit hast, Kind. Oder musst du dich um deinen Sohn kümmern?«

Miriam schüttelte den Kopf und nahm die Einladung an.

»Nein, Noah verbringt den Nachmittag bei meinen Eltern.«

Die Gräfin berührte kurz die glatte weiche Hand der Jüngeren und lächelte.

»Ich bin sehr froh, dass du den Weg aus Hamburg zu uns zurückgefunden hast«, gestand sie. »Jetzt hat die Gemeinde doch wenigstens eine talentierte Organistin für die alte Orgel in der Kirche.«

»Nun ja, ich bin ja nicht ganz freiwillig zurückgekehrt.« Miriam wischte sich mit einer eleganten Geste eine Haarsträhne aus dem schönen Gesicht. »Aber nach meiner Scheidung hatte ich keine andere Wahl. Ich bin froh, dass ich hier eine Stelle als Lehrerin bekommen habe. So können meine Eltern mich ein wenig unterstützen.«

»Wie ich deine Eltern kenne, sind sie glücklich, ihren Enkel nun fast jeden Tag sehen zu können«, war die Gräfin überzeugt.

»Wenn sein Vater sich nur halb so viel um Noah kümmern würde …«, stieß Miriam mehr traurig als wütend hervor. »Aber er scheint zu glauben, dass Noah ihn nicht braucht. Er hat es vorgezogen, sofort eine neue Familie zu gründen, und Noah zählt nun nicht mehr.«

»Das ist nicht sehr nett«, gab die Gräfin zu, und Miriam nickte.

»Wie geht es denn Ihrer Familie?«, erkundigte sich die junge Frau scheinbar beiläufig, um das Thema zu wechseln.

Die alte Gräfin registrierte das sehr wohl.

»Nicht viel besser«, gestand sie. »Ich habe meine Tochter seit gut fünfzehn Jahren nicht mehr gesehen. Sie hat den Kontakt abgebrochen.«

»Aber Daniel besucht Sie doch sicherlich«, vermutete Miriam und war verwundert, als die Gräfin nun den Kopf schüttelte.

»Sein Vater hat es ihm verboten!« Gerhardines Mundwinkel zuckten voller Bedauern. »Mein Schwiegersohn kann sehr überzeugend sein, Miriam.«

»Ich weiß«, erinnerte sie sich. »Aber Daniel muss mittlerweile fünfunddreißig Jahre alt sein. Er kann sich doch nicht von seinem Vater vorschreiben lassen, ob er seine Großmutter besuchen darf oder nicht.«

Verständnislosigkeit lag in ihrer weichen, angenehmen Stimme.

»Ich denke, dass Albin eine Möglichkeit gefunden hat, ihn daran zu hindern. Ich werfe es Daniel nicht vor.«

»Schade, dass Louis nicht mehr lebt. Er hätte sich seinem Vater sicher widersetzt.« Miriam seufzte. »Er war immer rebellischer als Daniel.«

»Und eigensinniger«, erinnerte sich die Gräfin. »Sein Tod war wirklich eine Tragödie. Ich hätte Leonharda so gern zur Seite gestanden in dieser schweren Zeit. Ich weiß, wie es ist, ein Kind zu verlieren. Aber Albin hat es nicht für nötig erachtet, mich von Louis’ Tod in Kenntnis zu setzen. Ich musste es aus der Zeitung erfahren.«

»Ja, es war damals in den Nachrichten«, erinnerte sich auch Miriam. »Louis Erbprinz von Erlenthal, Sohn und Nachfolger des...



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