Heye | Die Benjamins | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 361 Seiten

Heye Die Benjamins

Eine deutsche Familie
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8412-0789-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine deutsche Familie

E-Book, Deutsch, 361 Seiten

ISBN: 978-3-8412-0789-0
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Eine deutsche Jahrhundertfamilie Vom weltbekannten Philosophen und Autor des 'Passagen-Werks' Walter Benjamin bis zur 'roten Hilde', der ersten Justizministerin der DDR Hilde Benjamin: Uwe-Karsten Heye erzählt eine deutsche Familiengeschichte, die das gesamte 20. Jahrhundert umspannt. Fünf Menschen, fünf dramatische Schicksale -- Walter Benjamin, der Philosoph und Autor. Hilde Benjamin, als 'rote Guillotine' verschrien, aber auch deren Mann Georg Benjamin, Kommunist und Arzt, ermordet im KZ Mauthausen. Schwester Dora, Sozialwissenschaftlerin, die als Jüdin ebenfalls ins Exil getrieben wurde. Und schließlich Hildes Sohn Michael, Rechtsprofessor in Moskau und Ost-Berlin, der zeit seines Lebens mit der Familiengeschichte rang. Auf der Grundlage von bislang unbekanntem Archivmaterial sowie Gesprächen mit Zeitzeugen entwickelt Heye das spannende Psychogramm einer deutschen Familie und rückt ganz nebenbei so manches Zerrbild aus den Zeiten des Kalten Krieges zurecht. Auf der Grundlage von bislang unbekanntem Archivmaterial.

Uwe-Karsten Heye, geb. 1940, Journalist, arbeitete als Redenschreiber für Willy Brandt, Regierungssprecher von Gerhard Schröder sowie als Autor für ARD und ZDF. Seine Erinnerungen an Flucht und Nachkriegszeit 'Vom Glück nur ein Schatten' wurden unter dem Titel 'Schicksalsjahre' mit Maria Furtwängler verfilmt.Im Frühjahr 2014 erschien bei Aufbau 'Die Benjamins. Eine deutsche Familie'.

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1. KAPITEL


Kindheit um neunzehnhundert – ein Prolog

Da stehen sie, Georg und sein großer Bruder Walter, und auf flauschigem Fell sitzt Schwesterchen Dora. Mit ihnen schauen vier Cousinen in die Kamera. Vermutlich mussten sie längere Zeit hochkonzentriert warten, bis die Künstlerin Lili Strauss das Foto unter dem Blitzlicht abgebrannten Magnesiums im Kasten hatte. Georg Benjamin steht links, die rechte Hand liegt auf der geschwungenen Armlehne eines Chippendale-Stuhles, der um ein Vielfaches älter ist, als die Lebensjahre der Kinder zusammengezählt ergeben würden. Sie sind zwischen einem und elf Jahren alt. Auf dem Stuhl wie zwei Püppchen die Kleinen, rechts neben Walter die beiden größeren Cousinen, ganz vorn Dora. Ein Foto aus dem Jahr 1906.

Es ist eine Manifestation bürgerlicher Zufriedenheit. Weiße Kleidchen, die Röckchen liebevoll drapiert und angelupft, geben dem Foto Schwung: Kindermode um 1906 aus Chintz und mit fein geklöppelter Bordüre. Schleifchen und Lackschuhe bei den Kleinen und Kleider im Pepitamuster mit großem Kragen, der weiß abgesetzt und hochgeschlossen ist, bei den größeren Mädchen. Gertrud, ein Jahr älter als Georg, der am 10. September 1895, drei Jahre nach Walter, geboren wurde. Die Jungen tragen Matrosenanzüge.

Zwei jüdische Familien: Die Chodziesners, in die die Schwester von Pauline Benjamin, geborene Schönflies, eingeheiratet hatte. Cousine Gertrud Chodziesner schreibt unter dem Künstlernamen Gertrud Kolmar in den zwanziger Jahren Lyrik. Ihre Gedichtbände verbrennen 1933 auf den Scheiterhaufen der Nazis. Die Benjamin-Kinder sind Walter, Georg und Dora. Eine Kinderschar aus dem vergilbten Bilderbuch einer Epoche, die schon acht Jahre später in den ersten großen Weltkrieg münden sollte.

Krieg und Nachkrieg werden das Leben der Kinder entscheidend prägen. Noch herrscht der Optimismus der Gründerjahre. Die Dynamik der Industrialisierung und erste Versuche in der Luftfahrt sind Aufmacher in den Zeitungen. Ob die Benjamin-Kinder im Mai 1906 auch wie tausende andere Berliner Familien nach Tegel aufbrachen, ist nicht überliefert. Sie hätten dort das erste »halbstarre« Luftschiff aufsteigen sehen und das dringende Gefühl haben können, eine Zeitenwende zu erleben. Im selben Jahr fand erstmals ein Radrennen rund um Berlin statt.

Ob sich Vater Emil Benjamin in der »Vossischen Zeitung« über den Mannheimer Parteitag der Sozialdemokraten informieren konnte, vorausgesetzt, dass die bürgerlichen Blätter darüber überhaupt berichtet hatten, ist nur zu vermuten. Immerhin ging es 1906 dabei um nicht weniger als um die Trennung von Partei und Gewerkschaften, was vor allem der linke Parteiflügel mit Rosa Luxemburg und Karl Kautsky vehement bekämpft hatte. Die Trennung wurde dennoch mit großer Mehrheit bestätigt. In der Entschließung heißt es: »Die Gewerkschaften sind unumgänglich und notwendige Organisation für die Hebung der Klassenlage der Arbeiter innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft; sie sind nicht minder notwendig als die sozialdemokratische Partei.«

Wie immer Emil Benjamin politisch dachte, sein kulturelles Interesse ist jedenfalls verbürgt. Er und Pauline werden sowohl der Nationalgalerie als auch dem Neuen Museum ihre Aufwartung gemacht haben, um sich an der »Jahrhundertausstellung deutscher Kunst 1775 bis 1875« zu erfreuen, die 1906 endlich mit mehr als 2000 Bildern und 300 Zeichnungen realisiert werden konnte und das gebildete bürgerliche Berlin anlockte. 1906 war auch Karrierebeginn der von den Berlinern adoptierten Diseuse aus dem Ruhrgebiet Claire Waldoff, deren Songs bis heute ein Publikum haben.

Im gleichen Jahr dieses Foto mit den Kindern der beiden großbürgerlichen assimilierten jüdischen Familien, das ein Miteinander zeigen soll und doch mehr ein Nebeneinander ausstrahlt. Walter Benjamin beschreibt in seiner »Berliner Kindheit um neunzehnhundert«, deren Manuskript er noch als Emigrant in Paris immer wieder überarbeitete, so dass sie in unterschiedlichen, nicht immer übereinstimmenden Ausgaben vorhanden ist, so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was dieses Foto und sein absichtsvolles Arrangement zeigen wollte.

In kurzen Kapiteln sortiert er in der mir vorliegenden Ausgabe seine Kindheit, sprachlich immer mehr verdichtet und von allen Legenden befreit, ohne Schilderung gemeinsamer Streiche oder Abenteuer mit Freunden oder den Geschwistern, die Kindheitserinnerungen sonst mit Leichtigkeit begleiten. Die Geschwister, Cousinen, die Eltern und Großeltern haben »zwar alle ihren Buchauftritt, aber nur als Schattendiener der Dinge, nie als Menschen«, wie ein englischer Kritiker über Benjamins »Berliner Kindheit um neunzehnhundert« bemerkte.

Ganz fern nur schwebte die Mutter, einer Fee gleich, durch seine frühen Jahre. Für ihn ist sie eine Schönheit, die ihm noch in der Rückschau den Atem nimmt. Selbst wenn er nur beschreibt, dass die Eltern einer Abendeinladung folgten, für die sie das Haus verlassen mussten, lässt er erkennen, wie sehr er sie bewundert hat. Er schreibt: »An Abenden, da sie im Fortgehen war, mich tröstete, wenn sie in Gestalt des Kopftuchs, das sie schon umgenommen hatte, mich berührte. Ich liebte es und darum ließ ich sie nicht gern gehen. (…) Wenn dann von draußen mein Vater nach ihr rief, erfüllte bei ihrem Aufbruch mich nur noch der Stolz, so glänzend sie in die Gesellschaft zu entlassen. Und ohne es zu kennen spürte ich in meinem Bett, kurz bevor ich einschlief, die Wahrheit eines kleinen Rätselwortes: ›Je später auf den Abend, desto schöner die Gäste.‹«

Emil Benjamin ist in den Kindheitserinnerungen von Walter der ferne, oft abwesende Vater. Er ist sehr wohlhabend dank eines florierenden Handels mit Antiquitäten. Mehrfach reist er nach Paris, um dort kenntnisreich Teppiche und Möbel einzukaufen und auf dem Berliner Antiquitätenmarkt anzubieten. Möglicherweise hat dies in Walter die Neugier auf die ferne Metropole geweckt, die später zu seiner Lieblingsstadt wurde. In den zu Kleinstkapiteln geschrumpften Erinnerungen an diese Jahre, zwischen seinem Geburtsjahr 1892 und etwa 1912/13, wird auch deutlich, wie sehr er umgeben war von Attributen des Wohlstandes.

Wohlleben und Luxus sind für den kleinen Walter selbstverständlich und kommen ganz beiläufig daher. Dem Leser allerdings teilen sie sich unmittelbar mit, wenn Walter über die Vorbereitungen für eine Abendgesellschaft im Hause Benjamin mit gesetztem Essen schreibt: »… und das war mit einem Griff geschehen, durch den der Esstisch sich auseinandertat und eine Platte, in zwei Scharnieren aufgeklappt, den Raum zwischen zwei Hälften derart überbrückte, dass dreißig Leute an ihr unterkamen.« Walter half beim Decken mit »Gerätschaften wie Hummergabeln oder Austernmesser«. Er erzählt von grünen Römern, von kurzen, scharf geschliffenen Portweinkelchen, von filigran besäten Schalen für den Sekt und Näpfen für das Salz in Silberfässchen und den Pfropfen auf den Flaschen in Gestalt »schwerer metallener Gnome oder Tiere: Endlich geschah es, dass ich auf eines der vielen Gläser jedes Tischgedecks die Karte legen durfte, die dem Gast den Platz angab, der auf ihn wartete«.

Doch je näher der Abend kam und die Tafel ihren Glanz einzulösen hatte, den zu genießen allein den Gästen vorbehalten war, »desto mehr umflorte sich jenes Leuchtende und Selige, das es mir mittags noch versprochen hatte. Und wenn dann meine Mutter, trotzdem sie im Hause blieb, nur flüchtig eintrat, um mir gute Nacht zu sagen, dann fühlte ich verdoppelt, welches Geschenk sie sonst mir um die Zeit aufs Deckbett legte: das Wissen um die Stunden, die für sie der Tag noch hatte und das ich getrost, wie einst die Puppe, in den Schlummer mitnahm.«

Dennoch nimmt auch die Mutter in Walter Benjamins Kindheitserinnerungen kaum Gestalt an. Kann er sich wie ein Einzelkind gefühlt haben? Mehrfach kränkelnd? Einmal musste er mehr als ein Vierteljahr lang der Schule fernbleiben. Schon als Kind war er extrem kurzsichtig. Später entfernte ihn das Internat von den Geschwistern. Und eben der Altersunterschied: drei Jahre zum Bruder, neun Jahre zur Schwester. Mit der damals im Vergleich zu heute später einsetzenden Pubertät waren sie für ihn, den Eigenbrötler und Einzelgänger, wohl zu kindlich, um als Vertraute oder Gesprächspartner Erwähnung zu finden.

Die Geschwister waren offenbar selten mit den Eltern zusammen. Ihr Ersatz war das Kindermädchen, später die Gouvernante. Kein Wunder, dass Walter selbst die flüchtige Nähe der Mutter abends am Bett wie ein seltenes Geschenk empfand, ein kurzes Streicheln über das Haar oder ein schneller, auf die Wange gehauchter Kuss. Er genoss es wie eine Auszeichnung, zugleich verbunden mit ungestillter Sehnsucht nach Zärtlichkeit und Zuwendung. So gewann der als sehr in sich gekehrt beschriebene Junge vor allem der Dingwelt um sich herum phantasievolles Leben ab, in dem die Mutter manchmal schemenhaft erscheint. Ein Freund beschreibt ihn als »versponnen, einsam, als äußerst egozentrisches Kind«. Seine Tiefe sei oft die Tiefe eines »engen, lichtlosen Schachtes, der mit der Umwelt nicht kommunizierte«.

Seine Phantasie beschäftigt sich immer wieder mit den Dingen, die sein Zimmer oder die Wohnung der Eltern bereithalten und die er zu eigenem Leben erweckt. In dem Kapitel »Wintermorgen« erzählt er in der »Berliner Kindheit um neunzehnhundert« von einer kleinen Begebenheit: Ein Kindermädchen heizt den Ofen in seinem Zimmer an und schiebt einen Bratapfel in die Röhre. Benjamin entfaltet daraus eine zauberhafte Welt, angestrahlt vom Feuer des Ofens, wo es sich vor Kohlen »kaum rühren konnte«. Und doch war es »ein Gewaltiges, das dort in nächster Nähe,...



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