Heym | Goldsborough | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 5

Reihe: Stefan-Heym-Werkausgabe, Romane

Heym Goldsborough

Stefan-Heym-Werkausgabe
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-27833-5
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Stefan-Heym-Werkausgabe

E-Book, Deutsch, Band 5

Reihe: Stefan-Heym-Werkausgabe, Romane

ISBN: 978-3-641-27833-5
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Stefan Heyms großer Amerikaroman

Mickie Kennedy ist hungrig nach dem großen Leben. Sie wohnt in Goldsborough, einer typisch amerikanischen Stadt, in der die Menschen ihr Brot unter Tage verdienen müssen. Wäre sie in gesicherten Verhältnissen aufgewachsen, hätte sie vielleicht die Liebe kennengelernt, wie sie es sich ersehnte. Doch Arbeit und Sorge zu Hause sind kein Nährboden für romantische Träume eines jungen Mädchens. So nimmt sich Mickie vom Leben, was es ihr bietet, und kümmert sich nicht weiter um die Moral. Ein Gedanke beherrscht sie völlig: Sie will raus aus ihrem armseligen Dasein, koste es, was es wolle ...

Stefan Heyms sozialkritischer Roman über das Amerika der kleinen Leute im Bergarbeitermilieu wirft ein zeitloses Bild auf die Abgehängten des amerikanischen Traums. Auf Deutsch erstmals 1953 beim List Verlag Leipzig erschienen, endlich wieder lieferbar als Teil der digitalen Werkausgabe.

Stefan Heym, 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte, als Hitler an die Macht kam. In seiner Exilheimat New York schrieb er seine ersten Romane. In der McCarthy-Ära kehrte er nach Europa zurück und fand 1952 Zuflucht, aber auch neue Schwierigkeiten in der DDR. Als Romancier und streitbarer Publizist wurde er vielfach ausgezeichnet und international bekannt. Er gilt als Symbolfigur des aufrechten Gangs und ist einer der maßgeblichen Autoren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er starb 2001 in Israel.

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Erstes Kapitel


Die Verandatreppen wurden morsch. Jedes Mal, wenn er seinen Fuß auf eine der Stufen setzte, spürte er, wie das Holz unter seinem Gewicht nachgab. Man müßte die Sache in Ordnung bringen. In der Grube lag schließlich genug Holz herum, und er konnte es relativ billig bekommen. Aber das ganze Haus war am Zusammenfallen, und wenn man da einmal mit Reparaturen anfing, würde man nie fertig werden.

Immerhin, das bißchen, was der Mensch hat, sollte er nicht so vor die Hunde gehen lassen. Und es war nun mal sein Haus; und auf den Blechbriefkasten, der schief und ungeschickt an eine Zaunlatte genagelt war, hatte Mickie seinen Namen gemalt: Die Farbe hatte rote Tränen geweint, die unter dem »C« und dem »K« und dem »y« eingefroren zu sein schienen. Es war sein Haus; er zahlte ja immer noch dafür. Alle zwei Wochen, nach dem Blick in die Lohntüte, gab es ihm von neuem einen Stich. Und auch wenn er die letzte Rate abgestottert haben würde, dachte er sich, würde es ihm noch vorkommen, als gehöre diese alte Holzbaracke nicht ihm, sondern der lausigen Bergwerksgesellschaft. Was für ein Schwindel! Man mußte das Haus kaufen, um überhaupt ein Dach über dem Kopf zu haben, und mit jeder Abzahlung, die sie einem gleich vom Lohn abzogen, fesselten sie einen noch mehr an die Grube.

Er klappte den Deckel des Briefkastens herunter. Eine bunte Reklamebroschüre von einer Kreditanstalt und die heutige Nummer des lagen darin. Er schmiß die Broschüre ungelesen fort, klemmte die Zeitung unter den Arm und folgte der Spur nackter Erde, die sich durch schütteres Gras hinzog bis zu dem windschiefen Abtritt am Ende des Pfades. Ein paar große, blaue Herbstfliegen surrten hoch. Kennedy setzte sich hin, ließ aber die Tür offen, um Licht zum Lesen zu haben.

Der Präsident hatte bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus eine Erklärung abgegeben, irgendetwas über Demokratie. Weinbergs Herrenartikelgeschäft in Goldsborough veranstaltete einen Ausverkauf vor der nächsten Preissteigerung. Der Prozeß gegen Hale war auf heute vor dem Kreisgericht Goldsborough angesetzt.

Kennedy zerriß die Zeitung in Vierecke. Vom Hause her hörte er Evalines keifende Stimme. Er stand auf. Beim Herausgehen versetzte er der Tür des Abtritts einen wütenden Stoß mit seinem Absatz, so daß sie krachend zuflog.

Das einzig Gute an diesem Tag war noch das Wetter, frisch und klar. Von seiner Veranda aus hatte er einen großartigen Blick über ganz Goldsborough, über den Pokie-Fluß hinweg und noch weiter über die dahinter liegenden Berge, die sich in einem bläulichen Schimmer verloren. Er liebte dieses Land und diese Berge. Wenn die Jagdzeit begann, drückte er sich immer für ein paar Tage vor der Arbeit in der Grube, nahm sein Gewehr und ging in die Wälder. In zwei Tagen konnte er dann mehr Fleisch heranschaffen, als er für zwei Wochen Lohn kaufen konnte – besonders jetzt, wo Kurzarbeit die Regel war.

Schon wieder kam das Keifen aus der Küche. Er ging ins Haus. Im ersten Augenblick konnte er im Halbdunkel nur den großen weißen Kühlschrank erkennen; dann unterschied er seine Kinder. Sie waren in ständiger Bewegung, fielen übereinander her, stürzten, sprangen auf, rannten weiter; Gott weiß, wo sie die Energie dazu hernahmen. Und dann sah er Angeline, unbeweglich in ihrem Schaukelstuhl in der Ecke, ihr schweres regelmäßiges Atmen klang wie das Rauschen auf einer abgenutzten Grammophonplatte.

Bedauernswertes Wesen, dachte er und fühlte sich gleichzeitig verärgert und schuldbewußt. Er konnte sie schon nicht mehr ansehen – das Baumwollkleid, straff gespannt durch die fetten, rosa Schenkel, die unter dem zu kurzen Rock sichtbar waren; ihre dicken, weichen Hände, die vergeblich versuchten, über dem Bauch zueinanderzukommen; ihre Augen, eingeengt von den verquollenen Backen. Dabei war sie eine gute Frau; tadellos; sie konnte ja nichts für ihr Unglück. Die Kinder hatten sie so gemacht, wie sie war; und er war es, der ihr die Kinder gemacht hatte.

»Wir werden noch zu spät kommen!« Das war Evaline, vom Küchenherd her. »Alle Jubeljahre einmal bitte ich den Mann, mir eine Gefälligkeit zu tun. Gehn wir jetzt also, oder was? Wenn du mich nämlich nicht mitnimmst, werd ich schon jemand anders finden. Nicht jeder ist so stinkfaul wie du –«

Ihre dünnen Lippen schnappten über ihrem zahnlosen Munde zusammen. Wie ein derart dürres Weibsstück ein Monstrum wie seine Frau in die Welt gesetzt haben konnte, blieb Kennedy ein Rätsel.

»Kaffee!« sagte er und setzte sich an den Tisch.

Evaline schob die Tasse vor ihn hin und einen Teller mit ein paar Stück Brot und mehreren Scheiben Speck.

»Du hast dich ja schön herausstaffiert!« bemerkte er.

»Und warum nicht?« gab sie ihm sofort zurück, wobei sie an ihrem schwarzen Kleid herumzupfte und ihren Kragen glattstrich. »Wie oft komm ich schon in die Stadt? Wie ich noch mein eignes Haus hatte, da bin ich jeden Tag in die Stadt gegangen, manchmal sogar zweimal. Aber jetzt? Wer füttert denn deine Brut und wischt ihnen die Rotznasen? Du vielleicht? Und wenn’s nicht das ist, dann ist’s was anderes. Schinderei den ganzen Tag –«

Er legte die letzte Scheibe Speck auf sein Brot und erklärte höflich: »Wenn’s Ihnen hier in Pritchett Heights nicht passt, Mrs. Polowski, dann wissen Sie ja, was Sie tun können.«

»O ja?« Sie lehnte sich über ihn. »Ich möcht mal sehen, was passieren würde, wenn ich hier fortginge.«

Er hustete und wischte sich den Mund. Der Streit endete immer an diesem Punkt. Sie wußte, daß sie unentbehrlich war, die alte Hexe. »Wo ist Mickie?« fragte er.

»Wo wird sie schon sein?« sagte Evaline. »Im Bett, schläft. Leute wie ich müssen sich die Haut von den Knochen arbeiten, aber die Prinzessin darf man ja nicht stören. Wenn du meine Meinung wissen willst –«

»Wer will deine Meinung schon wissen!« sagte er und lachte. Er hatte eigentlich keinen Grund zum Lachen, nur daß er wusste, daß sein Lachen Evaline furchtbar reizte. Er lachte tief aus der Brust heraus, die Fältchen neben seinen Augenwinkeln zuckten. Sein Lachen füllte die Küche von einem Ende zum andern. Die Kinder – Donnie und Robbie und Sally – und die drei kleineren, die er von Angeline hatte, stimmten in das Gelächter ein.

Evaline schlug die Hände an die Ohren. »Gackernde, schnatternde Teufel!« schrie sie.

Kennedy erhob sich. Mit seiner arbeitsschweren Hand haute er ihr eins auf den knochigen Hintern; dann, mit einem halben Blick auf Angeline, die während des ganzen Lärms ungerührt dagesessen hatte, verließ er das Haus.

Weit ausschreitend, ging er an der Reihe der grauen, aus Holzlatten zusammengenagelten Häuschen entlang, die sich nur durch die verschiedenen Stadien ihrer Reparaturbedürftigkeit voneinander unterschieden. Das war Pritchett Heights. Billiges Land auf einer Anhöhe, die kahl war bis auf ein paar magere Bäume und zerzauste Büsche; darum hatte die Bergwerksgesellschaft hier gebaut. Billige zweistöckige Buden, ohne Keller und Isolierung, ohne Kanalisation, Wasser nur aus ein paar Pumpen; so hatte die Bergwerksgesellschaft hier gebaut. Überall in diesem Teil von Pennsylvania konnte man Siedlungen dieser Art finden; sie waren weder Dorf noch Stadt; amtlich hatten sie überhaupt keinen Namen; Bergarbeitersiedlungen waren es; und wenn man sich in Goldsborough nach dem Weg nach Pritchett Heights erkundigte, schauten die Leute einen mißtrauisch an – was konnte einer schon dort wollen?

Kennedy erreichte das Ende der Reihe, dort, wo Elijah Jamiesons Haus, getragen von wackligen hölzernen Stützen, zu einem Viertel über den Abhang hinausragte. Vor diesem Haus begann die ungepflasterte Straße, die den Berg hinunter nach Goldsborough führte, und hier parkten die Autobesitzer unter den Arbeitern ihre Wagen.

Kennedy trat zu seinem Chevrolet. Das war ein Wagen, wie man ihn so leicht nicht wieder fand. Mit seinen verbogenen, geflickten rostzerfressenen Kotflügeln, mit Stoßstangen, die an Drähten hingen, mit dem altersgefleckten Glas seiner Windschutzscheibe war dieser Chevrolet ein Schandfleck auf den spiegelglatten Autobahnen des Landes. Nicht daß Kennedy es so empfand – die Karre lief; das war die Hauptsache. Sie brachte ihn und noch ein paar Kumpel von Pritchett Heights wohlbehalten zur Grube und zurück; und während der Jagdzeit fuhr er damit in die Wälder; und wenn er sie heute vor dem Gerichtsgebäude falsch parkte, würde der nächste beste Polizist ihm einen Strafzettel verabreichen, was bewies, daß die alte Ratterkiste genauso gut war wie jeder andere Wagen und daß vielleicht doch etwas Richtiges an Trumans Erklärung über Demokratie war, die im gestanden hatte.

Evaline war ihm nachgerannt. Noch ganz außer Atem, setzte sie sich neben ihn. Sie versuchte, aufrecht zu sitzen, wie sich’s gehört, und gleichzeitig die Sprungfeder zu vermeiden, die durch das Sitzpolster gedrungen war. Der Starter winselte ein paarmal, der Motor sprang an, und Kennedy steuerte den Wagen vorsichtig auf die Straße.

Die Straße hatte tiefe Schlaglöcher, und das Gestrüpp in den Gräben wucherte bis auf die Fahrbahn. Sie führte steil bergab, mit drei scharfen Kurven, bei Wintereis kaum befahrbar. Im Frühling und Herbst mußten sich die Autos durch dicken Schlamm hindurcharbeiten, während sie im Sommer solche Staubwolken hochwarfen, daß die Blätter und Dornen des Gestrüpps gelblich-weiß statt grün waren. Blieb ein Wagen stecken und konnte er nicht abgeschleppt werden, so war die Straße...


Heym, Stefan
Stefan Heym, 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte, als Hitler an die Macht kam. In seiner Exilheimat New York schrieb er seine ersten Romane. In der McCarthy-Ära kehrte er nach Europa zurück und fand 1952 Zuflucht, aber auch neue Schwierigkeiten in der DDR. Als Romancier und streitbarer Publizist wurde er vielfach ausgezeichnet und international bekannt. Er gilt als Symbolfigur des aufrechten Gangs und ist einer der maßgeblichen Autoren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er starb 2001 in Israel.



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