E-Book, Deutsch, Band 5, 224 Seiten
Heym Immer sind die Männer Schuld
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-27835-9
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Stefan-Heym-Werkausgabe
E-Book, Deutsch, Band 5, 224 Seiten
Reihe: Stefan-Heym-Werkausgabe, Erzählungen
ISBN: 978-3-641-27835-9
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Über weiblichen Instinkt, männliche Schuldgefühle und das Wunder einer Liebe, die im Alter jung geblieben ist – Stefan Heyms letzter Erzählband ist eine Liebeserklärung an seine Frau und an das Leben. Selbstironisch, heiter und voller Zärtlichkeit schreibt Heym über die Ehe und das Altern.
Stefan Heyms letzter heiter-selbstironischer Erzählband, bei C.Bertelsmann erstmals erschienen 2002, endlich wieder lieferbar in der digitalen Werkausgabe.
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Immer sind die Männer schuld
Ich erinner mich noch. Da war eine Zeit, wo ich ein heiterer Mensch war und herumgelaufen bin mit leichtem Herzen oder zumindest ausgeglichen in meinem Geist; aber jetzt denk ich immer sofort, was hab ich schon wieder gemacht, der Fleck auf dem Hemd, wo kommt der Fleck her, es hängen doch genug saubere Hemden im Schrank, und die alte zerbeulte Hose, immer läufst du herum wie ein Schlump, besonders wenn wir wollen ausgehen, kannst du nicht selber auf dich achten; und in mir fängt etwas an zu wuchern, ich weiß nicht was, aber wenn ich erzähl davon meinem Freund, dem Professor Mendel, dem bekannten Seelenauseinandernehmer, sagt der, Das ist dein Schuldbewußtsein; wenn alles immer schiefgeht und sich verhakelt, muß einer doch daran schuld haben, und wer kann das sein nach Lage der Dinge? – Nur du. Und sowieso sind immer die Männer schuld.
Und ich spür wie mein Schuldbewußtsein immer mehr wuchert in meinem Innern, und ich sag mir, ich muss nachdenken wie ich’s nur fertigbringen möcht daß mir nicht immer alles danebengeht und die Menschheit mich liebt und respektiert, und besonders mein Weib. Und ich frag sie, was soll ich nur machen, Liebste, daß ich nicht völlig verkomm, ich bin doch früher ein richtig was man nennt ein patenter Mensch gewesen und hab dir ein Glück gegeben schon am frühen Morgen so daß deine Augen haben geleuchtet, aber jetzt ist das erste wenn du aufwachst dass du mir klagst über was ich wieder hab falsch gemacht die Heizung hab ich nicht abgedreht und die Milch nicht weggestellt in den Kühlschrank, aber immer wiesle ich rum in der Küche und tu wer weiß wie eifrig und stör dich nur.
Und ich versprech ihr, ich werd mich bemühen, wahrhaftig und bei Gott, und sie wird sehen, es wird alles besser, aber sie soll mir nicht immer die Schuld geben an allem, das halt ich nicht aus, lieber bring ich mich um.
Umbringen! ruft sie. Wenn einer sich umbringt in dieser Familie, dann sie, und wer wird schuld daran sein? – ich: keine Frau, Ost oder West, hält das aus, einen Mann, der nichts einsieht und seine Frau alles machen läßt und alles bedenken, und dann tut er noch nicht mal was sie ihm sagt sondern vollführt seinen eigenen Kokolores, und wer muß es ausbügeln? – sie.
Dabei lieb ich sie doch, das ist das Komische: Sie hat so etwas an sich, nur einen Blick manchmal oder eine Bewegung mit zwei Fingern über eine Stelle auf meinem Gesicht, ganz zart, und das Herz schmilzt mir über meinem Sonnengeflecht, und ich denk, sie ist doch die einzige welche eine Bedeutung hat für mich, und warum sag ich nur immer was ihr gegen den Strich geht, wenn ich nur wüßte wo der Strich verläuft bei ihr, damit ich mich verhalten könnt auf die richtige Art. Und ich denk, vielleicht fehlt mir was, ein Instinkt, oder ein Nerv, oder eine Chemie, welche mich könnten auf Kurs halten auf den Wogen des Lebens, damit ich nicht auf eine Klippe gerate und festsitz mit meinen guten Absichten, oder welche mir weisen den richtigen Weg von meinem Frühstück früh bis nach den Nachrichten abends, damit ich nicht irgendwohin stolper wo es nicht weitergeht zwischen meinen Problemen.
Mit dem Frühstück fängt es schon an. Wenn ich meine Semmel zerschneid fängt es schon an zu krümeln, bei mir aber nicht bei meinem Weib, und wenn ich reinbeiß in die Semmel, krümelt es noch mehr, und ich seh, wie sie wieder kuckt nach unten auf den Teppich, und ich bück mich sofort und fang an die Krümel aufzupicken mit meinen Fingern, und sie sagt, laß das, es bleiben doch welche liegen, und warum kann essen, sagt sie, ohne zu krümeln, ich müßt vielleicht meinen Kopf halten über meinen Teller oder meinen Teller unter meinen Kopf, so klug wären andere Männer doch auch, sagt sie, und schon versink ich wieder in meiner Schuld und dank dem lieben Gott, daß nicht ein Stückchen von der Seite von meiner Semmel mit dem Aprikosenjam drauf auf dem Teppich gelandet ist sondern nur ein Krümel von der gebackenen Seite, haben Sie mal versucht Aprikosenjam abzukratzen von dem Gewebe von einem orientalischen Teppich? Aber das sieht mein Weib nicht, daß ich noch Glück gehabt hab in meinem Unglück, sie sieht nur daß sie muß gehen gleich nach dem Frühstück und ihren Staubsauger holen, ich könnt ja den Staubsauger selber holen, sag ich, und anfangen aufzusaugen die Krümelei, aber das will sie auch wieder nicht, ein Mann wie ich kann höchstens den Staubsauger kaputtmachen, und außerdem ist es besser, wenn ich ruhig dasitz, glaubt sie, und nicht anricht ein neues Malheur.
Und nach dem Frühstück, wie ich schon gehen will an meinen Computer und weitermachen mit dem, was ich gerade schreib, spür ich plötzlich, wie alles so still ist um mich herum, und ich denke, um Gottes willen, du kannst sie doch nicht so allein lassen nachdem sie dir hingestellt hat solch ein Frühstück mit Ei und mit Käse und allem; geh hinauf zu ihr, denk ich, und frag sie, ob sie was braucht und du ihr kannst helfen vielleicht. Und da liegt sie auf dem Bett, und ich weiß, sie ist traurig, ich hab ein Gefühl für menschliche Stimmungen, und ich weiß, ich müßt sie in meinen Arm nehmen und festhalten, aber sie sagt ich soll sie in Ruh lassen, gefälligst, immer geh ich ihr hinterher, sie zu kontrollieren, sagt sie, aber sie möchte auch mal ihre Ruhe haben vor mir. Und ich seh daß was ich gemacht hab ist schon wieder falsch, ich hätt mich zurückhalten sollen und warten bis sie mich ruft, oder ich hätt ihr was erzählen sollen, was Interessantes, damit sie auf andre Gedanken kommt, aber was soll ich ihr erzählen was sie nicht schon weiß, ich erzähl ihr schon alles, außer wenn ich was vergeß, nicht daß ich Alzheimer hätte, aber im Alter vergißt man eben manchmal wenn einer angerufen hat, ihre Freundin Anne zum Beispiel, und wieder wächst mein Schuldbewußtsein.
Also will ich ihr was erzählen, damit sie schon auf was anderes kommt wie auf meine ewige Schuld, und ich leg mich zu ihr aufs Bett, sie rechts, ich links, und ich sag wie ich hab gesehen auf dem Fernseher arme Meeresvögel aus der Nordsee, welche sind ganz beschmiert gewesen mit Öl und erstickt und wie es mich angefüllt hat mit Trauer, weil ich doch ein empfindsamer Mensch bin mit einem Herz für die Kreaturen, aber die Herren Schiffsreeder und ihre Kapitäne, weil sie so vergiert sind auf noch mehr Profite, lassen ihr altes verdrecktes Öl direkt laufen ins Wasser von der Nordsee, und die Ölpumpen von den Engländern, welche ihr Öl aus dem Boden von der Nordsee herauspumpen, die Engländer sind auch zu geizig um dichtzuhalten ihre Rohre und ihre Ventile und ohne Löcher drin, so daß schon das frischgepumpte Öl nach oben steigt und den Vögeln in die Federn und den Fischen in die Kiemen, und ich lieg und erwart, daß sie was Mitleidiges sagt wie, Die armen Tiere! – aber was sagt sie und kuckt mich dabei an als wär ich ein Monster, sie sagt, du bist schuld wenn die Vögel werden angeschwemmt auf den Strand mit ihrem Gefieder verölt und verklebt und schon halb oder ganz tot.
Und mir verschlägt es die Stimme in meiner Kehle, und ich krächz, wieso ich, wo hab ich ein Schiff, daß ich schütten könnt altes Öl in die Nordsee und ersticken die halbe Vogelwelt ich lieg hier friedlich im Bett neben dir wie du hast gewünscht und erzähl dir von den Übeln in der Welt es sollt dich bringen auf andre Gedanken, aber sie antwortet, du bist auch so ein Typ wie die Schiffsreeder und die Kapitäne, nimmst du vielleicht Rücksicht auf mich und die Umwelt, du trampelst auf die Stiefmütterchen in unserm Garten welche ich hab erst kürzlich gepflanzt, und bevor ich erwidern kann, aber doch aus Versehen, sagt sie, red nicht, du nimmst keine Rücksicht und bist mit schuld an dem Tod von den armen Vögeln, und ich denk, vielleicht bin ich doch ein bissel mit schuld, zuerst bei den Stiefmütterchen, und dann mit dem Öl; das gibt es ja vor Gericht: Schuld durch Assoziation, und sowieso sind die Männer immer schuld.
Und im letzten Herbst hat unsre Frau Doktor gesagt, ob wir nicht möchten uns impfen lassen gegen die Grippe, alle Leute lassen sich impfen gegen die Grippe und lassen sich unter die Haut spritzen tote Grippeviren damit der Körper Widerstandskräfte entwickeln kann gegen lebendige Viren welche werden eventuell auftreten und wir können gesund durch die schlechte Jahreszeit kommen und unbehelligt; aber was tut Gott, kaum ist sie geimpft, kriegt mein Weib eine Grippe von den Viren welche unsre Frau Doktor hat ihr gespritzt unter die Haut, vielleicht daß diese noch nicht so tot waren wie sie hätten gewesen sein sollen, oder der weiße Leib von meinem Weib hat eine spezielle Neigung zu Viren welche tot sind und freut sich mit solchen als wären sie gesund und prall und lebendig und entwickelt daraus eine richtige Infektion, jedenfalls sagt sie wieder, ich wär daran schuld wenn die Impferei sie krankmacht, denn wenn nämlich mich die Impferei auch krankmachen täte hätt ich nicht dagesessen in der Praxis von der Frau Doktor und kühl gelächelt wie diese ihre Nadel gesteckt hat meiner eigenen Frau unter die Haut, und hätte nicht dazu noch gesagt, sei tapfer Liebste, da mußt du durch.
Jawohl, immer sind die Männer schuld; ich weiß das, und Sie wissen es auch, Verehrter. Zum Beispiel Sie erwarten einen Gast, einen wichtigen, und Ihr Weib stellt Kaffee hin und Kuchen, welchen sie hat extra gebacken, und Obst welches sie hat selber geerntet im Garten, aber der Gast kommt nicht. Der Gast hat sich verspätet, und wir sitzen am Tisch und warten, mein Weib und ich, und mein Weib sagt, Weißt du, sagt sie, wie oft ich schon einen Tisch mit Kaffee und mit Kuchen und mit Zutaten gerichtet hab für deine Gäste und für dich? Und dann hab ich noch die Konversation...




