Heym | Märchen für kluge Kinder | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2

Reihe: Stefan-Heym-Werkausgabe, Erzählungen

Heym Märchen für kluge Kinder

Stefan-Heym-Werkausgabe
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-27839-7
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Stefan-Heym-Werkausgabe

E-Book, Deutsch, Band 2

Reihe: Stefan-Heym-Werkausgabe, Erzählungen

ISBN: 978-3-641-27839-7
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Märchen für kluge Kinder und für Erwachsene, die noch etwas dazulernen wollen.

Stefan Heym hat neben seinen Romanen, Erzählungen und essayistischen Arbeiten auch Märchen geschrieben. Entstanden sind sie immer in schwierigen Zeiten – es scheint, als habe sich der Autor immer dann seiner Märchenwelt zugewendet, wenn es Krisen in seinem Leben zu überwinden galt. Er selbst sagte, daß er die Märchen zu seinem Trost brauchte und um über den Umweg des Märchens von der Wirklichkeit zu sprechen, die auf andere Art längst nicht so elegant zu beschreiben gewesen wäre. Es sind Märchen voller Weisheit und Wahrheit entstanden, voller Liebe und liebenswerter Bosheit.

Alle Märchen von Stefan Heym in einem Band, erstmals erschienen zwischen 1965 und 1989, endlich wieder lieferbar in der digitalen Werkausgabe.
Heym Märchen für kluge Kinder jetzt bestellen!

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Das Cymbelinchen


Das Cymbelinchen saß im Garten und spielte. Es spielte Hochzeit: Ein großer langer Tannenzapfen war der Bräutigam, ein kleiner dicker war die Braut, und die gelben Löwenzähne waren die Brautjungfern. Ein brauner Käfer kam und blieb vor den beiden Tannenzapfen stehen; das war der Pastor, und er sagte: »Wollt ihr?« Und der große lange Tannenzapfen sagte ja, und der kleine dicke Tannenzapfen sagte ja. Dann waren sie Mann und Frau, und die Hochzeit war zu Ende.

Was nach der Hochzeit kam, wußte das Cymbelinchen nicht. Als seine Schwester, das Irmchen, geheiratet hatte und in einer grünen Kutsche abfuhr, hatte die Großmutter gesagt: »Nun fängt der Ernst des Lebens an.« Aber was war der Ernst des Lebens?

Auf einem Ast saß ein Vogel, der hatte einen roten Schwanz und wippte damit. »Was ist der Ernst des Lebens?« fragte ihn das Cymbelinchen. Der Vogel sang:

»Auf dem Baume

hängt ’ne Pflaume,

gleich wird se munter,

gleich fällt se runter –«,

was der reine Unsinn war, denn es war gar kein Pflaumenbaum, und so konnte auch keine Pflaume herunterfallen.

Da kam das Pudelfräulein Lulu, schüttelte sich ausführlich und legte sich vor Cymbelinchen auf den Bauch. »Was ist der Ernst des Lebens?« fragte das Cymbelinchen die Lulu. Das Pudelfräulein sagte:

»Auf der Decke

sitzt ’ne Schnecke,

gleich wird se munter,

gleich kriecht se runter –«,

was ebenfalls der reine Unsinn war, denn so weit das Cymbelinchen blickte, es saß gar keine Schnecke auf der Decke, und so konnte auch keine herunterkriechen.

Schließlich ritt der Prinz herbei auf seinem Rappen, der eine goldene Decke unter dem Sattel trug. Das Pudelfräulein Lulu bellte, und der Prinz hielt den Rappen an und lächelte dem Cymbelinchen zu. Das Cymbelinchen fragte ihn: »Was ist der Ernst des Lebens?«

Der Prinz dachte nach, aber es wollte ihm kein passendes Gedicht einfallen. So sagte er: »Komm mit, Cymbelinchen. Wir werden es schon herausfinden.«

Dem Cymbelinchen war es recht. Zu Mittag sollte es zwar grüne Klöße geben, aber zu Mittag würden sie alle schon zurück sein – der Prinz und das Cymbelinchen hinter ihm und das Pudelfräulein Lulu und der rotgeschwänzte Vogel, der übrigens Heinrich hieß.

Der Rappe trabte klippetiklapp, das Pudelfräulein Lulu rannte, was das Zeug hielt, die Bäume an der Straße glitten nur so vorbei, und der Vogel Heinrich flog voran und war ganz aufgeregt, denn es kommt nicht jeden Tag vor, daß so ein hoher Herr wie der Prinz sich persönlich um etwas bemüht. Das Cymbelinchen aber hielt sich am Prinzen fest und dachte: So schnell bin ich noch nie vorwärts gekommen. Ob das schon zum Ernst des Lebens gehört?

Nach einer Weile drehte sich der Prinz zu Cymbelinchen um und sagte, vielleicht solle man eine Rast einlegen. Sie wären schon sieben Wochen geritten und hätten sieben mal sieben mal sieben Meilen hinter sich gebracht, und auch das Pudelfräulein Lulu wäre bestimmt hungrig.

Das Cymbelinchen sagte erschrocken: »Was ist mit den grünen Klößen zu Mittag?« Zu Mittag hätten sie doch zurück sein wollen? Und nun wären es schon sieben Wochen!

»Tja«, sagte der Prinz, »da ist guter Rat nun teuer«, und er war ganz traurig, so daß am Ende das Cymbelinchen ihn trösten mußte und sagte, vielleicht würden sich die grünen Klöße doch so lange halten. Inzwischen packte der Prinz aus, was er mitgebracht hatte – ein Schinkenbrot und ein Stück Käsetorte mit Rosinen, weil das Cymbelinchen diese so gern aß, und für das Pudelfräulein Lulu ein Zipfelchen Wurst, und der Vogel Heinrich fraß mit dem Rappen aus demselben Sack.

Nach dem Essen wurde dem Cymbelinchen ganz schläfrig.

»Müde?« sagte der Prinz. »Du kannst dich hier hinlegen, und deinen Kopf lehnst du an meine Schulter, da ist es warm und bequem.«

»Ist das dann der Ernst des Lebens?« fragte das Cymbelinchen.

»Nein, noch nicht«, meinte der Prinz und begann ihr von seinem Schloß zu erzählen, das größer war als eine ganze Stadt und tausend Säle hatte, einen prächtiger als den anderen, und der prächtigste, ganz in Gold und Silber und mit der schönsten Aussicht, war reserviert für das Cymbelinchen. Das Cymbelinchen aber bekam es mit der Angst zu tun, denn statt des wunderbaren Schlosses waren nur hohe dunkle Bäume ringsum, und hinter den Bäumen lagen große weiße Berge. Die Sache mit dem Schloß hörte sich wohl recht gut an, aber die Großmutter hatte mehr als einmal vor Leuten gewarnt, die kleinen Mädchen große Versprechungen machten, und hatte gesagt: »Cymbelinchen! Erst wäge, dann wage! Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach.«

Gott sei Dank, daß das Pudelfräulein Lulu mit von der Partie war. Das war wenigstens jemand von zu Hause, und auch der Vogel Heinrich kannte sich aus.

Der Vogel Heinrich hatte von den Körnern des Rappen gefrühstückt und wippte nun mit dem roten Schwanz und sagte:

»Hoch hinaus

geht selten gut aus –«,

was nicht gerade beruhigend klang.

Das Pudelfräulein Lulu hatte den Wurstzipfel verspeist und leckte sich die Lippen.

»Willst du mir nichts sagen, was mich beruhigen könnte?« fragte das Cymbelinchen.

Lulu blickte das Cymbelinchen aus blanken schwarzen Augen an und sagte:

Ȇber Stock,

über Stein

reißt der Rock,

bricht das Bein –«,

und das machte dem Cymbelinchen das Herz noch schwerer. Schließlich schlief es aber doch ein und träumte.

In Cymbelinchens Traum war der Prinz gar nicht der Prinz, sondern der Peter, der es immer an den Zöpfen zog, wenn es nicht schnell genug davonlief, und der dazu rief:

»Linchen, Linchen,

kesses Bienchen –«,

weshalb es den Peter auch nicht leiden mochte und oftmals wünschte, er möge hinfallen und sich ein Loch in den Kopf stoßen, aber kein zu großes, nur richtig weh sollte es tun.

Dann war aber der Traum-Peter doch nicht der Prinz, sondern sie waren zwei verschiedene Personen, die sich heftig stritten, und zwar wegen des Cymbelinchens. Der Prinz wurde ganz rot im Gesicht und der Peter auch; ihre Augen blitzten, und sie gingen aufeinander los wie Kampfhähne. Der Prinz zog seinen Degen, und der Peter lud seine Schleuder, und bestimmt hätte es Mord und Totschlag gegeben, wenn das Cymbelinchen sich nicht zwischen sie geworfen und »Halt! Halt!« gerufen hätte.

Da gingen der Prinz und der Peter auseinander und immer weiter fort von Cymbelinchen, bis am Ende keiner mehr zu sehen war, nur noch der große lange Tannenzapfen und der kleine dicke, die plötzlich vor ihr standen und sagten: »Das ist der Ernst des Lebens. Die Klöße sind angebrannt.«

Wie nun das Cymbelinchen aufwachte, hatte der Prinz schon alles eingepackt, der Rappe stand gesattelt da und stampfte mit den Füßen. Der Vogel Heinrich zwitscherte:

»Auf dem Rasen

sitzen zwei Hasen,

gleich werden se munter,

gleich hüpfen se runter –«,

aber das hatte gar nichts mit der Geschichte zu tun, denn weit und breit konnte das Cymbelinchen gar keinen Hasen sehen. Und das Pudelfräulein Lulu schwänzelte um das Cymbelinchen herum und bellte:

»Auf der Säule

hockt ’ne Eule,

gleich wird se munter,

gleich fliegt se runter –«,

und das war erst recht Unsinn, wo doch nur Bäume dastanden und gar keine Säule. Der Prinz aber sagte: »Du hast ja ganz schrecklich geträumt, Cymbelinchen. Träumst du immer so heftig?«

»Immer wenn ich Schinkenbrot gegessen habe«, sagte das Cymbelinchen. »Das liegt in meiner Natur.«

»Ach so«, sagte der Prinz. »Dann wollen wir lieber weiterreisen. Halte dich nur gut fest an mir, denn jetzt geht es bergauf.«

Die Bäume wurden immer kleiner und die Steine immer größer, und der Rappe trabte klippetiklapp, das Pudelfräulein Lulu rannte, was das Zeug hielt, und der Vogel Heinrich flog voran, denn er war es gewohnt, hoch oben zu sein. Schließlich kamen sie dorthin, wo der ewige Schnee und das ewige Eis waren, und die Sonne schien so lustig auf die weiße Pracht, daß es aussah, als hätte ein Märchenriese lauter Perlen und Diamanten ausgestreut. Und dann waren sie auf dem Gipfel und blickten ins Land.

»Da ist mein Schloß«, sagte der Prinz.

Da lag es auch, unten im Tal auf der andern Seite der Berge, direkt an einem blauen, blauen See, und es sah ganz klitzeklein aus wie ein Spielzeugschloß, aber das kam daher, daß von hoch oben alles ganz anders aussieht, wie jeder weiß, der die Welt einmal von einem Kirchturm betrachtet hat.

Nein, der Prinz hatte nicht geflunkert, nicht das kleinste bißchen, und das Cymbelinchen erhielt den prächtigsten Saal im Schloß, ganz in Gold und Silber, mit der prächtigsten Aussicht auf den blauen, blauen See, und es aß seinen Grießbrei mit einem goldenen Löffel von einem silbernen Teller, und auch das Pudelfräulein Lulu bekam sein Fressen in einem silbernen Napf, und der Vogel Heinrich sollte in einen goldenen Käfig, aber er sagte: »Danke schön« und blieb draußen vor dem Fenster auf einem grünen Zweig.

Außerdem erschien eine Hofdame, die dem Cymbelinchen beibrachte, wie man einen artigen Knicks macht und wie man »Jawohl, Euer Majestät« und »Danke schön, Euer Majestät« sagt, und eine Kammerzofe, die dem Cymbelinchen das Kleid auf- und zuknöpfte, und dann war da die Stallmagd...


Heym, Stefan
Stefan Heym, 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte, als Hitler an die Macht kam. In seiner Exilheimat New York schrieb er seine ersten Romane. In der McCarthy-Ära kehrte er nach Europa zurück und fand 1952 Zuflucht, aber auch neue Schwierigkeiten in der DDR. Als Romancier und streitbarer Publizist wurde er vielfach ausgezeichnet und international bekannt. Er gilt als Symbolfigur des aufrechten Gangs und ist einer der maßgeblichen Autoren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er starb 2001 in Israel.



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