Heym / Mallwitz | Reden an den Feind | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2

Reihe: Stefan-Heym-Werkausgabe, Erzählungen

Heym / Mallwitz Reden an den Feind

Stefan-Heym-Werkausgabe
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-641-27836-6
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Stefan-Heym-Werkausgabe

E-Book, Deutsch, Band 2

Reihe: Stefan-Heym-Werkausgabe, Erzählungen

ISBN: 978-3-641-27836-6
Verlag: C.Bertelsmann
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Flugblatt als Waffe gegen den Nationalsozialismus – Stefan Heym bei der U.S. Army

Als junger Mann vor den Nazis geflohen, kam Stefan Heym als Soldat der U.S. Army nach Deutschland zurück. Er gehörte zu den Ritchie Boys , einer Gruppe, die sich mit psychologischer Kriegsführung beschäftigte. Sie sollte die deutschen Soldaten dazu bewegen, sich zu ergeben und so ihr eigenes und das Leben vieler anderer zu retten. In diesem Band sind Originalmanuskripte aus jener Zeit versammelt: Hörstücke, Aufrufe, Stories, die noch einmal das Schicksal eines Volkes lebendig werden lassen, das am Ende des Krieges auf die Katastrophe zutrieb, die der Autor zu verhindern suchte, indem er zum Widerstand gegen das Regime aufrief.

Stefan Heyms Texte aus seiner Zeit bei der U.S. Army sind authentische Zeugnisse psychologischer Kriegsführung gegen das Nazi-Regime. Bei C.Bertelsmann erstmals 1986 erschienen, endlich wieder lieferbar in der digitalen Werkausgabe.
Heym / Mallwitz Reden an den Feind jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


Reden an den Feind


Der Zweite Weltkrieg brachte die Entwicklung einer neuartigen Waffe: Ideen. Wer damit umzugehen wußte, konnte, wenn er Glück hatte und die Umstände günstig waren, erreichen, daß Menschenleben nicht vernichtet wurden, wie im Krieg üblich, sondern erhalten blieben. Mir war es beschieden, mit dieser Waffe umzugehen. Unter welchen Bedingungen und bei welcher Gelegenheit ich dies tat, wie ich mich meines Auftrages entledigte und was damit erreicht wurde, davon handelt das Buch

Natürlich stand ich dabei nicht allein. Schon um ein einfaches Flugblatt im tatsächlichen Sinne des Wortes an den Mann zu bringen, brauchte man ein ganzes Team von Leuten: Drucker, Granatenfüller, Artilleristen, Piloten, von denen, die das Material für den Text zu liefern oder diesen zu billigen hatten, zu schweigen. Wie dann erst bei einer Rundfunksendung, die den totalen Einsatz eines großen Senders, Luxemburg zum Beispiel, erforderte! Dennoch war man einsam im Moment, da man die Sache schrieb; der Einfall, auf dem alles beruhte, mußte aus dem Hirn des Autors kommen oder, wenn man so will, aus seinem Herzen. Das Ganze hieß Psychological Warfare und war, ich wußte es damals und sage es heute noch, etwas unerhört Aufregendes. Selten haben Schriftsteller – der Sergeant Hans Burger, der Sergeant Jules Bond, der Sergeant Peter Weidenreich, der Sergeant Heym, der Lieutenant Habe – die Ressourcen einer ganzen Armee zwecks Verbreitung ihres Wortes zur Verfügung gehabt; selten aber war auch die Verantwortung so groß, die der Schriftsteller auf sich nahm: jede falsche Wendung, jeder falsche Ton mochte zur Folge haben, daß der Gegner, statt sein Gewehr wegzuwerfen, es in Anschlag brachte.

Ein wenig von dem Atem jener Zeit weht, glaube ich, noch heute durch diese Seiten, und sicherlich läßt sich aus ihnen das Schicksal ablesen nicht nur der militärischen Einheiten, an welche die Appelle gerichtet waren, oder der Stadt, die das Ultimatum erhielt – das Schicksal eines ganzen Volkes wird lebendig, das in den Monaten, um die es hier geht, auf die Katastrophe zutrieb, die der Autor zu verhindern suchte, indem er zum Widerstand gegen das Regime aufrief.

Armeen, im Wesen bürokratische Institutionen, haben die Eigenheit, ihre Leute nach Vorschrift, das heißt willkürlich und unökonomisch, einzusetzen. In meiner Ausbildungskompanie saß in der Schreibstube ein Korporal, der jedesmal aufseufzte, wenn vor dem Fenster ein Lastauto vorbeiratterte. »Ich bin Motorschlosser«, erklärte er mir, »ich kann von meinem Schreibtisch aus hören, was mit dem Ding da draußen nicht in Ordnung ist, und ich könnt’s in einer Viertelstunde repariert haben. Aber mein verdammter Intelligenz-Quotient ist zu hoch, und so muß ich hier sitzen und Listen schreiben.«

In meinem Falle schien der I.Q. mit meinen Eignungen jedoch übereinzustimmen, oder es traten andere Gesichtspunkte auf seiten höherer Instanzen hinzu, meine Kenntnis der deutschen Sprache etwa, die dazu führten, daß ich aus Neosho im Staate Missouri, aus dem Signal Corps, nach Camp Ritchie in Maryland beordert wurde, der Hohen Schule der Military Intelligence, aus der sich das Personal der G-2-Abteilungen der Stäbe rekrutierte. In Camp Ritchie wimmelte es von Immigranten verschiedenster Art und von Intellektuellen, die die aus amerikanischen Berufssoldaten bestehenden Kader zur Verzweiflung trieben; dementsprechend herrschte im Lager ein wohltuend unmilitärischer Ton. In einem zwei Monate währenden Kursus wurde einem dort beigebracht, wie man Informationen über den Feind erhielt, aus eroberten Kriegskarten etwa, aus Briefen und Befehlen, oder von der Zivilbevölkerung, und hauptsächlich von Kriegsgefangenen, die bei unseren Übungen auch wirklich in Wehrmachtsuniform auftraten; man lernte, wie man diese Informationen auswertete, wie man Liaison hielt mit angrenzenden verbündeten Einheiten, wie man sich hinter den feindlichen Linien bewegte, und ähnliches mehr, welch alles in der rauhen Wirklichkeit dann ganz anders aussah. Der Kursus endete mit einem glorreichen Nachtmarsch, auf dem wir uns, im Dunkel der Blue Ridge Mountains, mit Hilfe angeblich erbeuteter deutscher Karten zurechtfinden mußten, und einem ebenso glorreichen Theaterstück am nächsten Tag auf der Freilichtbühne im Camp. In dem Stück, inszeniert von dem Sergeanten Burger, ehemals vom Prager Deutschen Theater, kamen so ziemlich alle Situationen vor, in die, nach Meinung der Oberen von Camp Ritchie, ein G-2 im Felde hineingeraten mochte: von der Begegnung mit einem Offizier der französischen Fremdenlegion, der schneidig salutierend ins Stabszelt trat, bis zu dem listenreichen Gespräch mit einem alten Bauernweiblein, das dem neugierigen Amerikaner die gegnerischen Stellungen darlegen sollte. Dann war man fertig ausgebildet und erhielt vier bis sechs Streifen auf den Ärmel, je nachdem, und konnte in den Einsatz gehen.

Ich aber geriet zunächst nach Gettysburg, auf den Friedhof, wo die Toten der großen Schlacht des Bürgerkriegs liegen, in eine hölzerne Baracke, einst Eigentum des Civilian Conversation Corps, das den Friedhof als Krisennotstands-Projekt restauriert hatte; in dieser Baracke wurde jetzt die 2nd Mobile Broadcasting Company organisiert, deren erster Zug aus Schriftstellern, Journalisten, Rundfunksprechern, Theaterleuten und dergleichen bestand, allesamt deutschsprachig. In Gettysburg tauchte auch, aus Nordafrika kommend, als Instrukteur jener Lieutenant Hans Habe auf, gleichfalls Schriftsteller von Beruf, mit dem ich dann in Frankreich, in Luxemburg und in Deutschland zusammenarbeiten sollte.

Die 2nd Mobile Broadcasting Company war eine Prachteinheit, ein Produkt amerikanischen Erfindergeistes und Organisationstalents. Ausgerüstet mit Lautsprecherwagen und transportablen Radiosendern, ach, was waren das für praktische zerlegbare Masten, mit Setzmaschinen und Druckerpressen, die sich von Ort zu Ort fahren und, wenn’s not tat, auf offenem Felde aufstellen ließen, und eingegliedert in ihre Reihen das für die Handhabung all der Maschinerie notwendige technische Personal, war sie der Stolz von General Bradleys 1. U.S.-Armee; nur taugte sie leider nicht ganz für die Zwecke, für die sie vorgesehen war. Die Lautsprecher auf ihren schweren Militärlastkraftwagen trugen, wenn’s hoch kam, dreihundert Meter, und die Kommandanten in der Frontlinie weigerten sich, die Trumms in der Nähe ihrer Leute auffahren zu lassen, denn sie zogen sofort das feindliche Feuer auf sich; die Reichweite der eleganten Sender war minimal, und wo waren, in den Schützenlöchern des Feindes und hinter den Hecken, in deren Schutz er sich eingegraben hatte, die Empfänger, die unsere Sendungen hätten auffangen können? Und die Druckerpressen waren so kleinformatig, und so langsam, und so abhängig von gewissen Papiersorten, daß größere Massen von Flugblättern oder gar Zeitungen darauf nicht hergestellt werden konnten.

Die Kompanie blieb denn auch nur in den ersten Wochen nach der Invasion beisammen, im Schloß Colombières in der Normandie. Wir borgten uns Lautsprecherwagen von den Engländern, deren Gerät bis zu einem Kilometer weit schallte, wir schrieben und druckten eine Anzahl von Flugblättern, über deren Wirkung wenig zu erfahren war, und lauschten, neiderfüllt, dem mächtigen Soldatensender Calais, den der unnachahmliche Sefton Delmer vom Süden Englands aus machte, maskiert als ein Sender aufmüpfiger Wehrmachtsangehöriger.

Dann, nach der Durchbruchsschlacht von Avranches, als alles aus der Normandie und der Halbinsel Cotentin herausquoll und auf Paris zuströmte, löste die Kompanie sich praktisch auf; nur das Küchenpersonal, die Schreibstube und ein Teil der Techniker blieben beisammen, die andern wurden, in Grüppchen oder einzeln, dorthin befohlen, wo man annahm, daß sie gebraucht würden. Ich fuhr in einem Jeep, den Karabiner schußfertig im Arm, mitten durch nächtliches Feindgebiet nach Rennes in der Bretagne, das der Maquis soeben befreit hatte. Als einer von nur etwa einem halben Dutzend Amerikanern in der Stadt, beschlagnahmte ich eine Druckerei mitsamt ihren Papiervorräten, quartierte mich im Nebenhaus ein, und begann, mit Manuskripten, die Habe mir durch Kurier zukommen ließ, und nach seinem beigefügten Lay-out, die ersten Nummern der »Frontpost« zu drucken, jener etwa briefbogengroßen Zeitung für den deutschen Landser, die zwei- oder dreimal wöchentlich erschien, mit letzten Nachrichten von den Kriegsschauplätzen und mit Informationen über die Zustände in der Heimat und in den verschiedensten Wehrmachtseinheiten, und deren Exemplare per Artilleriegranaten und Flugzeugbomben, besonders konstruierte, über den Köpfen ihrer Leser abgeliefert wurden.

Von Rennes wurde ich noch einmal in die Normandie zurückberufen, um ein besonderes Flugblatt, gerichtet an die Besatzung der Felseninsel Cézembre im Hafenbecken von St. Malo, zu schreiben; hier ließ sich endlich einmal die Wirkung eines solchen Flugblattes testen; nach dem Abwurf zwang die Besatzung ihre Offiziere tatsächlich, die als uneinnehmbar geltende Insel mit all ihren Bunkern und Befestigungen zu übergeben, und der Hafen von St. Malo war frei. Und dann saß ich wieder auf einsamem Posten in einer Druckerei, diesmal schon viel weiter östlich, in Le Mans, und druckte wieder die »Frontpost«, während das Gros der Armee vorwärtsrollte und Habe, in Begleitung des Sergeanten Burger, sich in Paris feiern ließ. Ich saß fest, während Pattons Panzer, Paris umgehend, weiter vorstießen und ganz Ostfrankreich befreiten und Luxemburg dazu, und ich dachte schon, man hätte mich vergessen und ich würde den Rest des Krieges in Le Mans, der mit Abstand langweiligsten Stadt Frankreichs, zu verbringen haben, da kam, zusammen mit der...


Heym, Stefan
Stefan Heym, 1913 in Chemnitz geboren, emigrierte, als Hitler an die Macht kam. In seiner Exilheimat New York schrieb er seine ersten Romane. In der McCarthy-Ära kehrte er nach Europa zurück und fand 1952 Zuflucht, aber auch neue Schwierigkeiten in der DDR. Als Romancier und streitbarer Publizist wurde er vielfach ausgezeichnet und international bekannt. Er gilt als Symbolfigur des aufrechten Gangs und ist einer der maßgeblichen Autoren der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts. Er starb 2001 in Israel.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.