E-Book, Deutsch, Band 1, 120 Seiten
Reihe: Saja
Heyn Saja
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7565-6456-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Felsenfrau
E-Book, Deutsch, Band 1, 120 Seiten
Reihe: Saja
ISBN: 978-3-7565-6456-9
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Schon in meiner Jugend habe ich gern Kurzgeschichten geschrieben, mich aber vor allem in die Welt der Geschichten vertieft und alles andere beim Lesen vergessen. Anfangs schrieb ich Geschichten für Erwachsene, tauschte mich in Autorenclubs aus und trug ein paar Texte auf Lesungen vor. Als unsere Tochter immer neue Geschichten hören wollte, entstand Saja in meinen Gedanken, nahm mehr und mehr Charakter an, ihr Umfeld rund um Tigara wuchs, und das Schreiben wurde wieder zu meinem Hobby.
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Kapitel 2: Die Legende von der Frau aus dem Felsen
Sajas Beine zitterten von dem langen Marsch, aber sie spürte auch eine große Erleichterung, in Sicherheit zu sein. Ihr schwirrte der Kopf. Sie wollte gar nicht daran denken, wie sie mit Buts die Felswand hochgesprungen war oder wie Kol und Kida gegen die riesige Felsenfrau gekämpft hatten.
„Er braucht was zu trinken“, murmelte sie, als sie das Anwesen des Faunus betraten, und führte Buts zu einer Tränke. Es tat gut, etwas Normales zu tun, einem Pferd Wasser zu geben.
Ein Schatten fiel auf sie.
„Oh“, schreckte sie zurück. Es war Taro, der großgewachsene Stallbursche des Faunus, zuständig für die drei magischen Clydesdales, die hier lebten. Wortkarg wie er war, blickte er auf sie herab und nahm die Zügel an sich. Es wäre ihr lieber gewesen, noch mit Buts allein zu sein.
„Er … ist verletzt, glaube ich.“ Sie zeigte auf seine Beine. Taro nickte nur. Und so unheimlich ihr dieser Mann auch war, so sehr hatte Saja den Eindruck, dass er und die magischen Pferde auf eine unerklärliche Weise miteinander verbunden waren.
Nun, da die Sorge für Buts nicht mehr in ihrer Hand lag und sie sich am Wasserhahn vor dem Stall erfrischen konnte, hasteten ihre Gedanken zur Felsenfrau. „Weshalb ist diese Steingestalt nur aufgetaucht?“, fragte sie und schüttelte das kühle Wasser von ihren Händen.
Kida hielt ihren Mund unter den Hahn. Sekunden später tropfte ihr das Wasser vom Kinn. Ein nasser Fleck bildete sich auf ihrem T-Shirt. Sie nickte und wischte sich über den Mund: „Und warum hat sie Jagd auf die Vogeleier gemacht?“
Auch Kol wusch sich das Gesicht. „Ehe wir darüber nachdenken können, müssen wir einen geeigneten Platz für das Nest finden. Das hat mächtig gelitten! Seht nur!“
Der große lila Vogel tippelte auf und ab und schwang bedrohlich seine Schwingen. „Amückamück“, machte er laut. Saja trat ein paar Schritte zurück: „Dieser Vogel ist aber groß. Kann er uns gefährlich werden?“
„Wir werden ein neues Zuhause für euch finden“, säuselte Kida, die offenbar keine Angst vor dem Vogel hatte. „Beruhige dich doch bitte sehr!“
„Sie versteht dich nicht, du Dussel“, sagte Kol kopfschüttelnd und stupste seine Schwester in die Seite.
„Lass das“, fuhr Kida ihn an. „Wir müssen uns schnell was einfallen lassen! Dieser seltsame Vogel ist ganz nervös!“
„Ja, das sehe ich“, knurrte Kol.
Saja spürte Unruhe in sich aufsteigen, angesichts der unnötigen Diskussion, die sich hier ankündigte. Schnell schlug sie vor: „Wie wäre es im Wald? Vögel nisten doch im Wald.“
Kida stemmte gereizt eine Hand in ihre Seite. Kol kratzte sich am Kopf: „Weißt du, wir kennen zwar diese Vogelart nicht, aber er hat auf einem Felsen sein Nest gebaut. Der Wald ist offenbar nicht das Richtige für ihn. Lasst uns überlegen, wo wir ähnliche Bedingungen wie im Felsenmeer finden.“
„Am Strand“, fiel Saja sofort ein. „Ich meine“, fügte sie schnell hinzu, als sie sah, wie Kida geräuschvoll einatmete, „… ich meine hinten am Roka-Strand, wo die Klippen anfangen.“
Kidas skeptischer Blick verwandelte sich in ein Strahlen: „Hey, ja! Das ist eine Idee! Liebe Vogelmutter, wir bringen dich an einen passenden Ort“, fügte sie an den Vogel gewandt hinzu. Vorsichtig wollte sie das Nest hochnehmen, doch das Nistmaterial hielt nicht mehr zusammen. „Ah!“, rief sie und setzte es gerade noch rechtzeitig ab, ehe den Eiern etwas passieren konnte.
„Pass doch auf!“, schimpfte Kol erschrocken. „Wir brauchen Zeug, damit sie das Nest ausbessern kann! Lasst uns Stroh, Blätter und kleine Zweige mitnehmen!“
„Wir haben keine Zeit“, erwiderte Kida wütend. „Schau sie dir an! Sie kann nicht mehr warten, sie wird uns angreifen! Siehst du nicht, wie nervös sie ist?!“
„Rede doch mit ihr“, spöttelte Kol. „Das kannst du doch so gut.“
„Hört auf, euch zu streiten“, bat Saja. Keiner der beiden hörte auf sie. Allerdings kam ihr eine Idee. Einen Moment lang zögerte sie, denn es war ihr nicht erlaubt. Man musste fertig ausgebildet sein, ehe man diesen besonderen Zauber anwenden durfte. Und es musste ein Notfall sein, der diesen Ruf-Zauber rechtfertigte. Doch heute war so viel passiert, dass sie ihre Zweifel in den Wind schlug. Sie konzentrierte sich, hob und senkte den Zauberstab und sang einen hohen Ton. Ob es klappen würde? Noch nie hatte sie diesen Zauber ausprobiert, aber sie hatte es bei Erwachsenen gesehen. Kida und Kol hörten augenblicklich auf zu streiten und schauten sie an.
„Was sollte das?“, wunderte sich Kol, als sie fertig war und nervös zur Straße schaute.
„Sie hat den Ruf-Zauber gemacht“, fuhr Kida ihn barsch an. „Hast du das nicht gehört?“
„Aber warum denn?“, fragte Kol, der Kida einfach ignorierte. Saja fuhr sich durch die Haare. Was habe ich nur getan? dachte sie. Wenn Blütenwind nun etwas passierte? Ihr Pferd war es nicht gewohnt, allein durch die Gegend zu laufen. Und wenn der Ruf nicht funktioniert hatte? Und wenn doch: Würde Blütenwind den Weg finden?
Vielleicht ließ man sie ja auch gar nicht raus.
„Damit wir uns aufteilen können“, antwortete Saja schnell. „Ihr beide könnt die Vogelfamilie zu den Klippen bringen, und ich kann in den Wald reiten, um Nistmaterial zu sammeln.“ Sie reckte den Kopf, um nach Blütenwind Ausschau zu halten.
„Und dafür rufst du dein Pferd? Wir haben hier genug Pferde!“, schimpfte Kol. Saja schluckte schwer. Natürlich hätte sie eines der Pferde des Faunus nehmen können!
„Jetzt lass sie in Ruhe“, unterbrach Kida ihren Bruder. „Besser du holst was, wo wir das Nest reintun können, eine Schale oder Kiste. Groß genug, damit es reinpasst und wir es transportieren können. Ich finde, Saja hat Recht. Buts ist verletzt, wir brauchen jeder ein eigenes Pferd.“
Saja sah, wie Kol den Mund öffnete, doch Kida ließ ihn nicht zu Wort kommen: „Unsere anderen Pferde sind bestimmt auf dem Feld!“
Kol blitzte seine Schwester an, wandte sich dann aber ab. Trotz Kidas zustimmende Worte, wurde Sajas Herz eng. Wie lange dauerte es eigentlich, bis ein gerufenes Pferd kam? Das kommt davon, wenn man verbotene Zauber verwendet, schimpfte sie im Stillen mit sich selbst.
„Hallo!“, rief Kol ein paar Minuten später, als er mit einer Kiste wiederkam und sie vor das ramponierte Nest stellte. „Na, wer kommt denn da?!“
Sajas Herz machte einen Satz. Ihre treue Haflinger-Stute kam auf den Hof getrabt. „Meine Gute!“, rief Saja, erleichtert, Blütenwind unversehrt vorzufinden, und klopfte ihrem geliebten Pferd den Hals.
Kida, die ein stolzes schwarzes und ein braun-weiß-geflecktes Pferd brachte, grinste: „Na also, dann sehen wir uns gleich am Roka!“
Sie bückte sich, um Kol zu helfen, das Nest sorgsam in die Kiste zu befördern.
Saja schwang sich elegant auf die wunderschöne, hellbraune Stute und rief: „Hüa!“
Sie konnte im Augenwinkel noch sehen, wie Kol die Kiste hoch zu Kida reichte, die bereits aufsaß; dann war sie außer Sichtweite. Ihre Zweifel verflogen, als sie nun vom Hof des Faunus ritt. An den Feldern ging es im Galopp weiter, egal, wie müde sie war. Mit Blütenwind war die Welt immer in Ordnung, fand sie.
Sie war im Wald angekommen, wo Blütenwind ganz von selbst das Tempo drosselte.
Außer Atem schwang sie sich vom Pferderücken und begann, Zweige und Blätter einzusammeln.
Als ihre Tasche voll war, ritt sie in Richtung Roka-Felsen. Wo der Sandstrand begann, ließ sie Blütenwind langsamer laufen. Aufmerksam hielt sie Ausschau nach Kol und Kida. Wo hatten sie Halt gemacht, um das Nest auszusetzen?
Die Geschwister fand sie nicht gleich, aber sie konnte das schimmernde Fell des schwarzen Friesen ausmachen, das sich vor dem Blau des Meeres abhob. Als sie näherkam, erkannte sie auch Kidas Appaloosa-Stute, und so stieg sie ebenfalls vom Pferd. Sie entdeckte die Geschwister in den schroffen Felsen, die neben dem Meer aufragten. Offensichtlich hatten sie sich für einen Platz entschieden, denn sie stellten die Kiste ab, und Kol kletterte geschickt nach unten zum Strand.
„Hallo schon wieder“, grüßte er mit vom Wind geröteten Wangen. Saja reichte ihm die Tasche.
Gebannt verfolgte sie, wie er noch einmal den Felsen erklomm und das Nistmaterial auskippte. Der lila Vogel schrie sein aufgeregtes „Amückamück“. Saja konnte nicht erkennen, was die beiden taten, doch kurz darauf kletterten sie beide nach unten.
„Lasst uns gehen“, forderte Kida sie auf, als sie vom unteren Felsen sprang. „Damit sich die Vogelmutter beruhigen kann. Sie hat jetzt alles, was sie braucht. Gut gemacht, Saja!“
„Ihr aber auch gut gemacht!“, lächelte Saja und dehnte vorsichtig ihre Beine. Wenn das mal keinen Muskelkater gab!
Sie führten die Pferde über den Strand zurück und stiegen erst dann auf, als der Boden unter ihnen wieder ein fester Weg war. Langsam ritten sie zurück in Richtung Stadt.
„Also dann“, meinte Saja unsicher und stoppte. „Ich bringe Blütenwind zurück zum Stall.“
Auch die Geschwister hielten an. „Ok, also dann“, wiederholte Kida vage, und Kol winkte knapp: „Cool.“
Einen Augenblick lang schauten sie einander an. Gerade eben noch waren sie voller Eile und Aktionismus gewesen, und plötzlich war alles getan.
Saja gab sich einen Ruck: „Wir sehen uns!“ Langsam ließ sie Blütenwind weiterlaufen. Der Zweifel, ob es richtig gewesen war, den Ruf-Zauber anzuwenden, stieg erneut in ihr hoch. Was waren eigentlich die...




