E-Book, Deutsch, 75 Seiten
Reihe: 99 Welt-Klassiker
Heyse Das Glück von Rothenburg
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-122-8
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Novelle
E-Book, Deutsch, 75 Seiten
Reihe: 99 Welt-Klassiker
ISBN: 978-3-96281-122-8
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Heyse (1830-1914) ist ein Mitglied der Riege deutscher Literaturnobelpreisträger. Er bekam den Preis 1910 als erster deutscher Dichter überhaupt verliehen - Mommsen (1902) war Historiker. Theodor Fontane glaubte 1890, dass Heyse seiner Epoche »den Namen geben« und ein »Heysesches Zeitalter« dem Goetheschen folgen werde. Heyse war Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Er pflegte zahlreiche Freundschaften und war auch als Gastgeber berühmt. Viele seiner Novellen siedelte Heyse in seiner Wahlheimat Italien an.
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Das Glück von Rothenburg
Es war am Osterdienstag. Die Menschen, die das Auferstehungsfest durch einen Ausflug ins Freie, in den lustig aufblühenden Frühling hinaus gefeiert hatten, strömten in ihre Häuser und zu den Werktagsmühen, die morgen wieder beginnen sollten, zurück. Alle Landstraßen wimmelten von Fuhrwerken und Fußwanderern, die Eisenbahnen waren trotz eingelegter Extrazüge überfüllt, denn eines so lieblichen und beständigen Osterwetters konnte man sich seit vielen Jahren nicht erinnern.
Auch der abendliche Schnellzug, der auf dem Ansbacher Bahnhof in der Richtung nach Würzburg zum Abgang bereit stand, war doppelt so lang als in gewöhnlichen Zeiten. Dennoch schien er bis auf den letzten Platz gefüllt zu sein, da ein Nachzügler zweiter Klasse, der in der letzten Minute noch unterzukommen suchte, vergebens an allen Türen anklopfte, in alle Coupés hineinsah und überall nur einem mehr oder minder unwilligen oder schadenfrohen Achselzucken begegnete. Endlich fasste der Schaffner, der ihm zur Seite ging, einen raschen Entschluss, öffnete ein Coupé erster Klasse und schob den Spätling in den dämmernden Raum hinein, die Türe hastig zuschlagend, da eben der Zug sich in Bewegung setzte.
Eine einzelne Dame, die in der entgegengesetzten Ecke wie eine schwarze Eidechse in sich zusammengeschmiegt geschlummert hatte, fuhr plötzlich in die Höhe und warf einen strafenden Blick auf den unwillkommenen Störer ihrer Einsamkeit. Doch schien sie an dem blonden jungen Mann in schlichten Sonntagskleidern, der eine Mappe unterm Arm und ein abgetragenes Reisesäckchen mit einer altmodischen Stickerei in der Hand hielt, nichts Merkwürdiges zu finden. Wenigstens erwiderte sie seinen höflichen Gruß und die Entschuldigung, die er stammelte, nur mit einem stolzen, kaum merklichen Neigen des Kopfes, zog die schwarzseidene Kapuze ihres Mäntelchens wieder über die Stirn und schickte sich an, den unterbrochenen Schlaf so unbekümmert fortzusetzen, als ob statt des neuen Reisegefährten nur ein Gepäckstück mehr in den Wagen geschoben worden wäre.
Auch hütete sich der junge Mann, der sich hier nur als ein geduldeter Eindringling fühlte, durch überflüssigen Lärm an seine Gegenwart zu erinnern, ja, er hielt die ersten fünf Minuten, obwohl er stark gelaufen war, nach Möglichkeit den Atem an und verharrte standhaft in der unbequemen Stellung, in der er zuerst von seinem Eckplatz Besitz ergriffen hatte. Nur den Hut nahm er leise ab und wischte mit einem Tüchlein den Schweiß von der Stirn, diskret zu seinem Fenster hinausblickend, als könne er für sein Auftauchen in eine höhere Sphäre nur durch die bescheidenste Haltung Verzeihung erlangen. Da aber die Schläferin sich nicht rührte und die draußen vorbeisausende Landschaft wenig Reiz für ihn hatte, wagte er es endlich, seine Augen in das Innere des Coupés zu lenken, und nachdem er die breiten Kissen von rotem Plüsch und den Spiegel an der Wand hinlänglich bewundert hatte, nun auch die Gestalt der Fremden sich näher anzusehen, indem er sich mit vorsichtigen Blicken langsam von der Spitze des kleinen Schuhes, der unter dem Kleidsaume hervorsah, bis zu ihrer Schulter und zuletzt zu dem schmalen Streifen ihres Gesichts, den sie ihm zugekehrt, hinauftastete.
Eine sehr vornehme Dame musste es sein, das war ihm sogleich außer allem Zweifel, und weit her, eine Russin, Polin oder Spanierin. Was sie nur an und um sich hatte, trug den Stempel einer aristokratischen Herkunft: ihre Toilette, das feine rotlederne Reisetäschchen, gegen das sie so rücksichtslos den schmalen Fuß stemmte, der zierliche hellbraune Handschuh, in den sie die Wange geschmiegt hatte. Dazu umgab sie ein eigentümlicher Duft, nicht nach irgendeiner aromatischen Essenz, sondern nach Juchten und Zigaretten, und auf dem Teppich des Coupés lagen auch richtig einige halb ausgerauchte weiße Stümpfchen herum, die ihre Asche und etwas russischen Tabak verstreut hatten. Ein Buch war ebenfalls auf den Fußboden geglitten. Er konnte es nicht übers Herz bringen, es dort liegen zu lassen, und sah, indem er es behutsam aufhob und auf den Sitz legte, dass es ein französischer Roman war. Dies alles erfüllte ihn mit jenem heimlichen angenehmen Grauen, das junge Männer zu beschleichen pflegt, die, in bürgerlichen Kreisen aufgewachsen, unerwartet einmal in die Nähe einer Frau aus der großen Welt geraten. Zu der natürlichen Überlegenheit des Weibes über den Mann gesellt sich da der märchenhafte Reiz, den unbekannte, ungebundenere Sitten und die Ahnung leidenschaftlicher Freuden und Leiden in der höheren Welt auf den Sprössling der niederen ausüben. Ja, die Kluft, die zwischen den Ständen sich auftut, steigert nur diesen Zauber, da im Manne sich dann wohl eine traumhaft verwegene Neigung regt, gelegentlich einmal, auf sein Herrenrecht pochend, über diesen unausfüllbar scheinenden Abgrund sich hinwegzuschwingen.
Zu so abenteuerlicher Kühnheit freilich verstieg sich der junge Reisende nicht. Als er aber hinlänglich sicher zu sein glaubte, dass der Schlaf seiner fremden Nachbarin kein erkünstelter sei, zog er aus seiner Brusttasche sacht ein kleines, in graue Leinwand gebundenes Büchlein hervor und machte sich verstohlen daran, das feine, blasse, etwas hochmütige Profil der Schläferin mit raschen Strichen auf ein leeres Blatt zu zeichnen.
Es war kein ganz leichtes Unternehmen, obwohl ihn die sausende Bewegung des Schnellzugs über manche Anstöße leicht hinweghob. Er musste sich auf seinem Sitz halb schwebend erhalten und jeden Strich mit entscheidender Sicherheit machen. Der Kopf aber lohnte wohl der Mühe, und wie das Halbgesicht, in die Hand gedrückt, von den Falten der Kapuze leicht umrahmt, in der dämmernden Beleuchtung des Abends sich ihm zeigte, glaubte er niemals klassischere Linien an einem lebenden Wesen erblickt zu haben. Sie schien über die erste Jugend hinaus zu sein, der Mund mit den feinen Lippen zuckte zuweilen mit einem seltsamen Ausdruck von Bitterkeit oder Überdruss, selbst jetzt im Traum. Wunderschön aber war die Stirn und die Bildung der Augen, und das weiche, wellige Haar noch in reichster Fülle.
So hatte er etwa zehn Minuten höchst eifrig gestrichelt und das Skizzchen fast fertig gebracht, als die Schläferin plötzlich mit ruhiger Gebärde sich aufrichtete und im besten Deutsch die Frage an ihn richtete:
Wissen sie auch, mein Herr, dass es...




