Heyse | In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 284 Seiten

Reihe: 99 Welt-Klassiker

Heyse In der Geisterstunde und andere Spukgeschichten


Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-164-8
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 284 Seiten

Reihe: 99 Welt-Klassiker

ISBN: 978-3-96281-164-8
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Neue Deutsche Rechtschreibung Paul Johann Ludwig von Heyse (15.03.1830-02.04.1914) war ein deutscher Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Neben vielen Gedichten schuf er rund 180 Novellen, acht Romane und 68 Dramen. Heyse ist bekannt für die 'Breite seiner Produktion'. Der einflussreiche Münchner 'Dichterfürst' unterhielt zahlreiche - nicht nur literarische - Freundschaften und war auch als Gastgeber über die Grenzen seiner Münchner Heimat hinaus berühmt. 1890 glaubte Theodor Fontane, dass Heyse seiner Ära den Namen 'geben würde und ein Heysesches Zeitalter' dem Goethes folgen würde. Als erster deutscher Belletristikautor erhielt Heyse 1910 den Nobelpreis für Literatur. Null Papier Verlag

Paul Heyse (1830-1914) ist ein Mitglied der Riege deutscher Literaturnobelpreisträger. Er bekam den Preis 1910 als erster deutscher Dichter überhaupt verliehen - Mommsen (1902) war Historiker. Theodor Fontane glaubte 1890, dass Heyse seiner Epoche »den Namen geben« und ein »Heysesches Zeitalter« dem Goetheschen folgen werde. Heyse war Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Er pflegte zahlreiche Freundschaften und war auch als Gastgeber berühmt. Viele seiner Novellen siedelte Heyse in seiner Wahlheimat Italien an.
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I. Die schöne Abigail.


Wir hatten nach dem Abendessen in einem befreundeten Hause bei Bowle und Cigarre bis in die späte Nacht hinein geplaudert, zuletzt über die Entlarvung eines spiritistischen Gauklers, die gerade vor wenigen Tagen gelungen war und bei Gläubigen und Spöttern großen Lärm gemacht hatte. An den Bericht über den Vorgang – Einer aus unserem Kreise war zugegen gewesen – hatte sich ein endloses Gespräch über das Für und Wider jener rätselhaften Erscheinungen geknüpft, die auf der helldunklen Grenze zwischen Seelen- und Nervenleben stehen und selbst von der hochmütigsten Wissenschaft nicht länger mit Schweigen und Achselzucken abzufertigen sind. In das lebhafte Gewirre der widerstreitenden Meinungen hinein erklang plötzlich der tiefe Ton der alten Standuhr, die Mitternachtsstunde ankündigend. Als der letzte der zwölf harten, langsamen Schläge verhallt war und eine kleine Stille entstand, hörten wir aus dem Sofawinkel heraus die helle Stimme der jungen Schwester der Hausfrau, die in ihrer drollig trockenen Tonart ausrief: So! die Geisterstunde wäre nun glücklich angebrochen. Ich erlaube mir den Vorschlag zu machen, dass jetzt die Debatte über Suggestion, Telepathie, Autohypnose, und wie der konfuse Spuk sonst noch heißen mag, geschlossen wird und wir uns endlich mit etwas Soliderem beschäftigen, ich meine, mit echten und rechten Gespenstergeschichten, wie sie zur Geisterstunde passen. Ich glaube zwar an die tanzenden Nonnen in »Robert der Teufel« so wenig wie an den fliegenden Holländer, trotzdem aber kann ich mich eines angenehmen Gruselns nicht erwehren, wenn sie gut gespielt und gesungen werden, und nichts hab’ ich lieber, als wenn mir – in guter Gesellschaft – die Haut ein bischen schaudert und das Haar zu Berge steht. Gerade dass man weiß, es ist Alles Unsinn, und doch hat es diesen wunderlichen Effect, ist das Hübsche daran, wie man es ja auch bei allem Poetischen erfährt, das uns mit fortreißt, obwohl wir wissen, es ist ein Spuk der Fantasie. Verzeihen Sie, Herr Doktor, wandte sie sich lächelnd zu mir, ich schwatze da sehr unbescheiden über Dinge, die Sie besser verstehen. Aber warum sind Sie Alle, nachdem die Uhr Zwölf geschlagen, so wie auf Verabredung verstummt? Der Erste, der den Mund öffnet, wenn ein Engel durchs Zimmer geflogen ist, sagt bekanntlich immer etwas Dummes.

Alle sieben Weisen könnten nichts Klügeres über die Wirkung der Poesie sagen, als was Sie eben geäußert haben, liebes Fräulein, erwiderte ich, mich gegen sie verneigend. Ich freue mich, eine so tapfere Idealistin in Ihnen zu begrüßen, welcher Schiller, wenn er sie hätte reden hören, seine Hochachtung bezeugen würde als einer werten Gesinnungsgenossin. Denn in der Tat meinte er ja auch: was sich nie und nirgend hat begeben, das allein veraltet nie. Aber lassen wir diese ästhetischen Prinzipienfragen und kommen zu unserer mitternächtigen Tagesordnung. Sie wollen Spukgeschichten hören? Wenn nun aber Niemand von uns eine recht ausbündige, die nicht gar zu kindisch und köhlergläubig wäre, in Bereitschaft hat?

Nein, sagte das kluge Mädchen lachend, das versteht sich, es darf nicht etwa auf einen bloßen Bademantel hinauslaufen, der, zum Trocknen aufgehängt, vom Winde hin und her geweht wird und sich für ein Gespenst ausgibt, wie ich selbst als kleines Mädchen einmal erlebt habe. Es muss Etwas sein, was einem vernünftigen Menschen, und der kein Hasenfuß ist, was aufzuraten gibt, und wofür auch nicht gleich eine prosaische Aufklärung bei der Hand ist. Wie wär’s, wenn wir Umfrage hielten, und wer nichts derart aus eigener Erfahrung oder nach glaubwürdiger Mitteilung zu erzählen wüsste, müsste ein Pfand geben?

Dann rücke du selbst nur gleich mit deinem Pfand heraus, sagte ihre Schwester lächelnd, denn schwerlich sind dir außer jenem Bademantel überirdische Gesichte zu Teil geworden.

Wer weiß! versetzte die Mutwillige und bemühte sich, eine geheimnisvolle Miene zu machen. Aber ich komme zuletzt. Der Doktor hat jetzt das Wort. Wir bitten um ein recht hübsches Gespenst, Herr Doktor, Wahrheit oder Dichtung, in Prosa oder in Versen ist uns gleich, nur dass es uns recht eiskalt dabei über den Rücken läuft und zu gleicher Zeit eine sanfte ätherische Hand uns das Gesicht streichelt.

Damit kann ich nun freilich nicht dienen, versetzte ich, wenn ich nicht etwas zusammenfabeln will, was ich doch aus dem Stegreif nicht wagen würde. Das Höchste in dieser Art hat schon ein Höherer geleistet, der Dichter der Braut von Korinth. Mir selbst ist nur ein unscheinbares Erlebnis in der Erinnerung, das für eine geheimnisvolle Wirkung in die Ferne, die längst durch tausend Tatsachen bestätigt ist, ein neues Zeugnis ablegt. Ich war als ein junger Mensch von dreiundzwanzig Jahren in Rom und hatte in Berlin die beiden Menschen zurückgelassen, denen von all meinen Nächsten ich am meisten fehlte: meine Mutter und meine Braut. Im frühen Frühling des Jahres 1853 nun, an einem dunklen, stürmischen Abend, sitzt meine Liebste ruhig mit einer Handarbeit bei ihren Geschwistern, als sie heftig unten an der Haustür klingeln hört und mit dem Rufe: das ist Paul! hinaus- und die Treppe hinuntereilt, um selbst das schon verschlossene Haustor zu öffnen. Niemand stand draußen an der Schwelle, und sie musste sich, da sie zurückkam, von den Brüdern mit ihrer »bräutlichen Fantasie« necken lassen. Am anderen Morgen besucht sie meine Mutter, die kommt ihr mit den Worten entgegen: Denke nur, was mir gestern Abend begegnet ist! – und erzählt genau denselben Hergang, wie sie plötzlich die Hausglocke gehört habe, mit dem lebhaften Ton, den ich anzuschlagen pflegte, zu meinem Vater hineingeeilt sei und ebenfalls ausgerufen habe, das müsse ich sein, der unten stehe, worauf sich auch hier das Ganze als eine Sinnestäuschung erwiesen habe. Oder doch als etwas Anderes? Denn acht Tage später kam ein Brief aus Rom mit der Nachricht, dass ich an einem Malariafieber bedenklich krank gelegen, und gerade an jenem Abend die Gefahr auf ihre Höhe gestiegen sei.

Wieder ward eine kleine Stille in der Runde. Dann sagte das Fräulein ruhig: Eine nachdenkliche Geschichte, von der ich jedes Wort glaube. Denn von den Wirkungen der Seelen auf einander ohne die Vermittlung sinnlicher Zwischenträger haben wir ja heute Abend schon genug unwidersprechliche Beweise gehört. Und so sollen Sie ohne Pfand sich gelöst haben, obwohl es keine eigentliche Gespenstergeschichte ist, keine solche, die...



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