E-Book, Deutsch, 334 Seiten
Reihe: 99 Welt-Klassiker
Heyse Troubadour-Novellen
Überarbeitete Fassung
ISBN: 978-3-96281-194-5
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 334 Seiten
Reihe: 99 Welt-Klassiker
ISBN: 978-3-96281-194-5
Verlag: Null Papier Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Paul Heyse (1830-1914) ist ein Mitglied der Riege deutscher Literaturnobelpreisträger. Er bekam den Preis 1910 als erster deutscher Dichter überhaupt verliehen - Mommsen (1902) war Historiker. Theodor Fontane glaubte 1890, dass Heyse seiner Epoche »den Namen geben« und ein »Heysesches Zeitalter« dem Goetheschen folgen werde. Heyse war Schriftsteller, Dramatiker und Übersetzer. Er pflegte zahlreiche Freundschaften und war auch als Gastgeber berühmt. Viele seiner Novellen siedelte Heyse in seiner Wahlheimat Italien an.
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Der lahme Engel
(1880)
Gegen Ende des zwölften Jahrhunderts war die Provence voll von dem Ruhm einer eben so weisen als schönen Dame, der Vizegräfin , Schwester des Vizegrafen , der nach dem Tode seines älteren Bruders Roger die Herrschaft über die lachenden Fluren und stolzen Schlösser seines Gebietes angetreten hatte. Er selbst war seit Jahren verwitwet, hatte seine beiden jungen Söhne an den Hof des Königs von Frankreich gesandt, dass sie dort frühzeitig ritterliche Künste und höfische Sitte lernten, und lebte mit der unvermählt gebliebenen Schwester auf der Burg von Beziers, die einsam zwischen dunklen Wäldern und zerstreuten Gehöften auf einer geringen Anhöhe lag und von ihren höchsten Turmzinnen nach Süden hinaus dem Blick bis ans Meer zu schweifen verstattete. Er war ein strenger, starrsinniger Herr, den man niemals lachen sah, außer über die Possen seines Narren, was er sich selber dann oft so übel nahm, dass er an dem armen Wicht, den er doch eigens zu solchem Dienste fütterte, seinen Ingrimm mit Peitschenhieben ausließ. Gesang und Tanz erschollen niemals auf der Burg von Beziers, obwohl die Provence von höfischen Sängern und Spielleuten wimmelte, und selbst als der Vizegraf noch ein jugendlicher Herr war, mied er die Weiber und schien auch seine eigene Schwester nur mit heimlichem Unmut neben sich zu dulden. Vor Jahren hatte er sie sehr geliebt und in Ehren gehalten, da sie ihm Hoffnung gab, mit einem Könige in nahe Blutsfreundschaft zu treten. Zwei Söhne mächtiger Fürsten warben damals um die Hand der Siebzehnjährigen, deren Schönheit, Sitte und heitere Klugheit weit über Frankreich hinaus gepriesen wurden: Heinrich’s II. von England zweitgeborener Sohn und der Erbe der Krone von Aragon. War es um der Nachbarschaft willen, oder weil der Sohn Peter’s von Aragon dereinst die Krone tragen sollte, genug, diesem Letzteren war das schöne Grafenkind verlobt worden; sie hatten bereits Briefe und Bildnisse getauscht, da machte ein Unfall die stolzen Hoffnungen zu Schanden: Beatrix stürzte mit dem Pferde auf der Reiherjagd, eine schwere Verletzung, die von unwissenden Ärzten falsch behandelt wurde, warf das junge Fräulein auf ein langwieriges Krankenlager, und als sie endlich, in ihrem zwanzigsten Jahre, für genesen erklärt ihre Marterstatt verlassen durfte, war das eine ihrer Beine gegen das andere so beträchtlich verkürzt, dass sie nur mit Hilfe eines Stabes zu gehen vermochte und jede Anstrengung des versehrten Gliedes mit großen Schmerzen bezahlen musste.
Eine andere Wunde, ihrem Stolze geschlagen, brauchte weit längere Zeit, um ganz zu vernarben. Aragon hatte an dem Gebrechen der jungen Braut, das einer künftigen Königin nicht wohl anzustehen schien, einen unholden Vorwand gesucht, das Verlöbnis, das aus Gründen der Staatsklugheit schon früher nicht mehr mit günstigen Augen betrachtet worden war, trotz des Widerstrebens von Seiten des Bräutigams zu lösen und ihr Bildnis zurückzuschicken. Dass nun der früher abgewiesene Werber der Prinz von England, sich seiner alten Neigung erinnern und zu der nun ihrerseits Verschmähten sich zurückwenden würde, konnte Niemand erwarten. Gleichwohl geschah es. Aber die hochgesinnte junge Dame, im Innersten verletzt durch die Absage ihres spanischen Bräutigams, erklärte, sie wolle sich nicht auf Krücken in ein Königshaus eindrängen, noch von Mitleid und Großmut annehmen, was sie der Liebe selbst zuerst geweigert habe; sie gedenke unvermählt zu bleiben und im Schatten, wie es einem krüppelhaften Weibe gezieme, zu sorgen, dass Niemand je ihrer spotten möge.
Diesen ihren festen Entschluss hatte der gestrenge Bruder ihr nie verziehen, und nachdem sie selber längst die ihr zugefügte Kränkung verwunden, saß der Wurm noch in seinem Herzen und vergiftete dasselbe gegen Diejenige, die mit ihm an Einer Mutterbrust gelegen hatte. Die Schwester aber, so schwer sie diesen unbrüderlichen Groll und Hass empfand, ließ es ihn nie entgelten, sondern zeigte ihm stets das gleiche helle und holdselige Gesicht, das sie auch nicht mit sonderlicher Mühe zu erheucheln brauchte. Denn als sie nur erst mit ihrem Gebrechen vertraut und, obwohl mit Schmerz und Not zu Anfang, doch mehr und mehr wieder Herrin ihrer Bewegungen geworden war, sah sie ihr Los gar nicht als ein so kümmerliches und beklagenswertes an, sondern als eines, das nur dazu dienen sollte, die Stärke ihres Geistes und die Heiterkeit ihres Gemüts desto siegreicher zu bewähren.
Sie hatte in den Jahren, die sie auf dem Siechenlager zugebracht, es sich angelegen sein lassen, mit mancherlei Wissenschaften vertraut zu werden, von denen sonst ein hochgeborenes Fräulein zu jener Zeit so wenig zu erfahren pflegte, als heutzutage. Was nämlich die graduierten Ärzte an ihrem armen jungen Leibe verpfuscht hatten, war durch die Hilfe einer einfachen Bäuerin in etwas wieder gebessert worden, die mit allerlei ererbter Geheimweisheit zwar den Hauptschaden nicht zu heilen, wohl aber die übelsten Folgen zu verhüten verstand. Da sie nun alle Tage um die Genesende war und sie lieber gewann, als eine eigene Tochter, die der Himmel ihr versagt hatte, weihte sie nach und nach die kluge junge Dame, die eine lebhafte Lernbegierde bezeigte, in ihr ganzes heimliches Wissen ein, wies ihr die Kräuter, aus denen sie die erfrischenden Tränke und heilsamen Salben bereitete, lehrte sie, wie man Wunden verbinden und innere Gebrechen erkennen möge, und als Beatrix erst wieder aufgestanden und kräftig genug war, einen mäßigen Ritt zu unternehmen, sah man das wunderliche Paar, die schöne Vizegräfin und das Bauernmütterchen, manchen Tag in den nächsten Dörfern zusammen herumziehen, die Alte mit flinken Schritten neben der Reiterin, zu der sie beständig hinaufsprach, ihr etwa ein Heilkraut, das am Wege wuchs, zu zeigen, oder auf eine ihrer Fragen zu antworten.
Auf diese Weise besorgten sie gemeinsam die ziemlich ausgebreitete Landpraxis der Mutter , wie die weise Alte genannt war, bis Vizegraf Ademar, durch eine Spottrede, die ihm zu Ohren kam, aufgereizt, seiner Schwester dies vergnügliche Werk der Barmherzigkeit mit heftigen Worten untersagte. Seitdem blieb Beatrix zu Haus, ohne doch des Unterrichts der Alten gänzlich zu entbehren. Sie hatte sich nahe den Zimmern, die sie sonst...




