E-Book, Deutsch, Band 3
Hickman / Weis Die Prüfung der Zwillinge
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-641-32314-1
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman - Eine Legende unter den Fantasy-Klassikern! Jetzt als überarbeitete Neuausgabe.
E-Book, Deutsch, Band 3
Reihe: Die Legenden der Drachenlanze
ISBN: 978-3-641-32314-1
Verlag: Blanvalet
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Beim Versuch, die Eroberung des Abyss durch den dunklen Magier Raistlin aufzuhalten, wurden dessen Zwillingsbruder Caramon und der Kender Tolpan durch ein magisches Artefakt in die Zukunft geschleudert. Was sie dort erfahren, ist schlimmer als alles, was sie befürchtet haben. Raistlin und die Göttin der Finsternis kämpfen noch immer um die Herrschaft und haben mit ihrem Krieg den ganzen Kontinent zerstört. Erst jetzt wird Caramon und Tolpan klar, wie wichtig es ist, den Magier zu stoppen. Auch wenn das bedeutet, dass sie ihren Bruder und Freund vernichten müssen …
Die Drachenlanze-Saga ist zeitloser Fantasy-Kult: Lesen Sie, wie alles in der »Chronik der Drachenlanze« begann und verpassen Sie nicht die neue Trilogie »Das Schicksal der Drachenlanze«.
Dieser Roman ist früher bereits geteilt unter den Titeln »Der Hammer der Götter« und »Caramons Rückkehr« erschienen.
Tracy Hickman und Margaret Weis gehören zu den beliebtesten und meistgelesenen Fantasy-Autoren der Welt, seit sie Mitte der 80er Jahre den Grundstein der vielschichtigen und noch immer wachsenden Drachenlanze-Saga gelegt haben. Mit ihrem neuen Zyklus vom »Stein der Könige« präsentieren sie jetzt Fantasy und Rollenspiel für das 21. Jahrhundert.
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1
Hoppla«, gab Tolpan Barfuß kleinlaut von sich.
Caramon warf dem Kender einen strengen Blick zu.
»Es war nicht mein Fehler! Wirklich, Caramon!«, kreischte Tolpan.
Aber noch während er sprach, irrte sein Blick umher, dann wanderte er zu Caramon und schließlich wieder zu ihrer Umgebung. Tolpans Unterlippe begann zu zittern, und er tastete nach seinem Taschentuch, nur für den Fall, dass er schniefen musste. Aber sein Taschentuch war nicht da, keiner seiner Beutel war da. Tolpan seufzte. In der Aufregung ihres Aufbruchs hatte er sie vergessen – sie waren alle in den Verliesen von Thorbadin zurückgeblieben.
Und es war wahrhaftig ein Moment voll Hektik gewesen. Einige Minuten zuvor hatten er und Caramon in der magischen Festung Zaman gestanden und das magische Gerät für Reisen durch die Zeit zu nutzen versucht; im nächsten Augenblick hatte Raistlin mit seiner Magie begonnen, und bevor Tolpan wusste, wie ihm geschah, hatte es eine schreckliche Erschütterung gegeben – singende Steine und zerspringende Felsen und ein schreckliches Gefühl, gleichzeitig in sechs verschiedene Richtungen gezogen zu werden. Und plötzlich – ZISCH – waren sie hier.
Wo immer dieses Hier auch sein mochte. Aber wo immer es auch war, es schien keineswegs das Hier zu sein, das sie ersehnt hatten.
Er stand neben Caramon auf einem Gebirgspfad in der Nähe eines riesigen Findlings knöcheltief im glitschigen aschgrauen Schlamm, der die Oberfläche des Landes unter ihnen völlig bedeckte, so weit er nur sehen konnte. Hier und dort ragten aus der weichen Aschendecke zerklüftete Spitzen von zerbrochenen Felsen hervor.
Es gab kein Zeichen von Leben. In dieser Ödnis war Leben auch undenkbar. Kein Baum erhob sich; nur feuergeschwärzte Stümpfe bohrten sich durch den dicken Schlamm. So weit das Auge reichte, erstreckte sich bis zum Horizont in jeder Richtung nur absolute Verwüstung.
Selbst der Himmel spendete keinen Trost, spannte sich grau und leer über ihnen. Im Westen jedoch war er seltsam veilchenblau verfärbt durch unheimliche, leuchtende Wolken, in denen strahlend blaue Blitze aufzuckten. Außer dem entfernten Grollen des Donners gab es keine Geräusche … keine Bewegung … nichts.
Caramon holte tief Luft und wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Es war unfassbar heiß, und obwohl sie erst vor wenigen Minuten an diesen Ort geraten waren, war seine schweißnasse Haut mit einem feinen Film grauer Asche überzogen.
»Wo sind wir?«, fragte er in ruhigem, gefasstem Ton.
»Ich … ich bin mir sicher, dass ich keine Ahnung habe, Caramon«, murmelte Tolpan. Und nach einer Pause: »Du etwa?«
»Ich habe alles so gemacht, wie du mir gesagt hast«, erwiderte Caramon mit unheilvoll ernster Stimme. »Du hast gesagt, dass Gnimsch erklärt hätte, wir müssten nur daran denken, wohin wir wollen, und dann würden wir dorthin gelangen. Ich weiß, dass ich an Solace gedacht habe …«
»Ich auch!«, schrie Tolpan. Als er dem funkelnden Blick von Caramon begegnete, begann er zu stammeln: »Zumindest habe ich die meiste Zeit daran gedacht …«
»Die meiste Zeit?«, fragte Caramon.
»Also« –Tolpan schluckte – »ich … ich habe einmal gedacht, nur einen kurzen Moment, wirklich, wie – äh – wie lustig und interessant es wäre und, nun ja, einzigartig, wenn wir einen – uh – besuchen … ähm …«
»Ähm was?«, herrschte Caramon ihn an.
»Einen … mmmmmmmm.«
»Einen was?«
»Mmmmmm«, murmelte Tolpan. Caramon zog scharf die Luft ein.
»Einen Mond!«, sagte Tolpan hastig.
»Einen Mond!«, wiederholte Caramon ungläubig. »Welchen Mond?«, fragte er nach kurzem Zögern, nachdem er sich wieder umgeschaut hatte.
»Oh« – Tolpan zuckte die Achseln – »irgendeinen von den dreien. Ich vermute, einer ist genauso gut wie der andere. Ziemlich gleich, könnte ich mir vorstellen. Außer dass natürlich Solinari überall glitzernde silberne Steine und Lunitari nur strahlend rote Steine hat, denke ich mir, und auf dem anderen ist alles schwarz, obgleich ich das auch nicht mit Sicherheit sagen kann, da ich ihn noch nie gesehen habe …«
Ein unterdrückter Laut von Caramon unterbrach ihn, und Tolpan entschied, dass er wohl besser den Mund halten sollte.
Das gelang ihm auch ungefähr drei Minuten lang, während Caramon weiterhin die Umgebung mit todernstem Gesicht musterte. Aber eine größere Macht wäre schon vonnöten gewesen, über die der Kender aber nicht verfügte, um ihn länger als drei Minuten vom Sprechen abzuhalten.
»Caramon«, plärrte er, »glaubst … glaubst du, dass wir es wirklich geschafft haben? Ich meine, auf einem – äh – Mond zu landen? Ich meine, es sieht jedenfalls nicht nach einem Ort aus, an dem ich zuvor schon einmal gewesen bin. Diese Steine sind zwar nicht silbern oder rot oder schwarz. Sie haben eher die Farbe von Gestein, aber …«
»Es wäre dir zuzutrauen«, unterbrach ihn Caramon düster, »immerhin hast du uns schon einmal zu einer Hafenstadt geführt, die sich mitten in einer Wüste befand …«
»Das war damals auch nicht mein Fehler!«, widersprach Tolpan beleidigt. »Sogar Tanis hat gesagt …«
»Dieser Ort« – Caramons Gesicht legte sich grübelnd in Falten – »sieht seltsam aus, aber irgendwie scheint er mir vertraut zu sein.«
»Du hast recht«, stimmte ihm Tolpan hastig zu, nachdem er noch einmal einen Blick auf die kahle, aschebedeckte Landschaft geworfen hatte. »Es erinnert mich auch an irgendetwas, jetzt, wo du das erwähnst. Nur« – der Kender schauderte – »ich erinnere mich einfach nicht, dass ich jemals an einem Ort gewesen sein soll, der so schrecklich war wie dieser … außer der Hölle.« Die letzten Worte sagte er ganz leise.
Die brodelnden Wolken drängten näher und näher und warfen noch ein Leichentuch über das öde Land. Ein heißer Wind kam auf, und feiner Regen begann zu fallen, vermischte sich mit der Asche, die in der Luft schwebte. Tolpan wollte gerade eine Bemerkung über diesen merkwürdig glitschigen Regen machen, als plötzlich und ohne Warnung die Welt explodierte.
Zumindest hatte Tolpan diesen Eindruck. Strahlendes, blendendes Licht, ein Zischen, ein Krachen, ein Dröhnen, das den Boden erschütterte, und Tolpan fand sich im grauen Schlamm wieder. Dort saß er und starrte dümmlich auf ein riesiges Loch, das nicht einmal dreißig Meter von ihm entfernt im Gestein aufgebrochen war.
»Im Namen der Götter!«, keuchte Caramon. Er packte Tolpan und zog ihn auf die Füße. »Bist du in Ordnung?«
»Ich … ich glaub’ schon«, stotterte Tolpan etwas mitgenommen. Er beobachtete, wie ein weiterer Blitz aus der Wolke in den Boden schlug und Stein und Asche durch die Luft schleuderte.
»Du meine Güte! Das war allerdings eine interessante Erfahrung. Obwohl es bestimmt nicht notwendig ist, sie zu wiederholen«, fügte er hastig hinzu, als er sah, dass der Himmel immer dunkler wurde und er fürchten musste, diese interessante Erfahrung noch mehrmals zu machen.
»Wo immer wir auch sind, wir sollten wohl lieber von dieser Anhöhe verschwinden«, murmelte Caramon. »Zumindest gibt es da einen Weg. Er muss doch irgendwohin führen.«
Als Tolpan auf den schlammigen Pfad sah, der in ein ebenso schlammiges Tal führte, kam ihm flüchtig der Gedanke, dass dieses Irgendwohin wahrscheinlich genauso grau und widerlich wie das Hier sein würde, aber nach einem kurzen Blick auf Caramons grimmiges Gesicht entschied der Kender eilig, diesen Gedanken für sich zu behalten.
Als sie sich auf dem Pfad durch den dicken Schlamm plagten, wehte der heiße Wind immer stärker, trieb Stückchen von geschwärztem Holz und Schlacke und Asche in ihre Haut. Blitze tänzelten zwischen Baumskeletten, ließen sie in leuchtend grünen und blauen Flammenkugeln explodieren. Der Boden erbebte vom Grollen des Donners. Und immer noch ballten sich Gewitterwolken am Horizont zusammen. Caramon trieb zur Eile an.
Als sie den Fuß des Hügels erreicht hatten, betraten sie ein Tal, das einst wunderschön gewesen sein musste, wie Tolpan sich auch jetzt noch vorstellen konnte. Früher, vermutete er, hatten hier Bäume gestanden, die in herbstlichen Orange- und Goldtönen oder im Frühling hellgrün geleuchtet hatten.
Hier und dort kräuselten sich Spiralen von Rauch, die sofort vom stürmischen Wind fortgepeitscht wurden. Zweifellos hatten hier Blitze gewütet, dachte er. Aber merkwürdigerweise kam auch ihm etwas bekannt vor. Wie Caramon zuvor hatte er das Gefühl, er müsse diese Gegend eigentlich kennen.
Tolpan watete durch den Schlamm und versuchte, nicht darauf zu achten, was dieses schleimige Zeug mit seinen grünen Schuhen und der leuchtend blauen Hose anstellte. Dabei entschied er sich dafür, den alten Kendertrick »Hilfe für den Orientierungslosen« auszuprobieren. Er schloss seine Augen und verbannte aus seinem Bewusstsein alles, was er soeben gesehen hatte, und befahl seinem Gehirn, ihm ein Bild der vor ihm liegenden Landschaft zu zeigen. Die Kenderlogik bei diesem Trick bestand darin, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendein Familienmitglied von Tolpan diesen Ort einmal besucht und die Erinnerung daran irgendwie an die Nachkommen weitergereicht hatte. Obwohl dieser Effekt wissenschaftlich bisher nicht erforscht ist (die Gnome arbeiten daran und haben ihre Untersuchungen dem Komitee vorgelegt), ist jedoch eindeutig belegt, dass sich – bis zum heutigen Tage – niemals ein Kender auf Krynn verlaufen hat.
Auf jeden Fall stand Tolpan mit geschlossenen Augen bis zum Knie im Schlamm und versuchte, ein Bild seiner...




