E-Book, Deutsch, Band 2, 192 Seiten
Reihe: Die Miss Kiss-Reihe
Hierteis Miss Kiss sucht Mister Biss
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-641-19925-8
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 192 Seiten
Reihe: Die Miss Kiss-Reihe
ISBN: 978-3-641-19925-8
Verlag: cbj
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Milly hat ein Problem. Eigentlich sogar zwei. Nein, drei. Zum einen hat sie ihren neuen Freundinnen Fi und Dana noch immer nicht gebeichtet, dass Ole kein Exfreund, sondern ihr Bruder ist. Das führt direkt zu Problem Nummer zwei: Wie soll sie die beiden zu ihrem Geburtstag einladen, wenn zu Hause eben jener Ole rumhängt? Und dann ist da auch noch der Kuss, den sie auf der Mittelstufen-Halloweenparty von einem geheimnisvollen Vampir bekommen hat. Nur zu gern wüsste Milly, wer hinter der Verkleidung steckt – denn der Kuss will ihr einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Ist sie etwa verliebt??? Woher weiß man so was? Drei Probleme, keine Lösung – aber Milly scheut keine Mühe, eine zu finden …
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… in dem ich von den Vom-Baum-Gefallenen auferstehe, dem Schokoladenauge eine Szene mache und mein Gehirn einen Kurzschluss erleidet
War ich tot? Um mich herum war alles schwarz. Das konnte allerdings auch daran liegen, dass ich die Augen zugekniffen hatte. Dafür spürte ich meinen Po umso deutlicher. Und das Handgelenk auch. Hm. Vielleicht war ich ja in der Hölle – zu ewigen Schmerzen verdammt wegen meiner Lügerei.
Ich blinzelte vorsichtig. Nein, in der Hölle war ich nicht gelandet. Nur auf dem Boden und auf Manuel, wie ich mit Entsetzen feststellte. Denn er lag unter mir und war ziemlich weiß um die Nasenspitze.
Oh Mann, jetzt war ich schon von so weit oben runtergeknallt. Hätte sich da nicht rumpelstilzchenmäßig der Boden auftun und mich verschlucken können – gulp und weg –, und Manuel, der das alles noch ein bisschen schlimmer gemacht hatte, gleich mit? Ich sah schon die Überschrift in unserer Schülerzeitung vor mir: Junge von Millys Hintern erschlagen.
Ängstlich beugte ich mich näher zu ihm und überprüfte, ob er noch atmete. Tat er. Und jetzt kam richtig Leben in ihn und er rieb sich ebenfalls den Po und das linke Knie.
Was für eine selten dämliche Situation. Jetzt bloß nicht heulen, Milly! Ich biss die Zähne zusammen und versuchte, an was Schönes zu denken. Nur war das gar nicht so leicht, wenn einem Schmerzen durch den Körper schossen, Janja das Gesicht zu einem breiten Grinsen verzog und Leon ein Prusten entfuhr, für das er sich von Luzi einen bitterbösen Blick und einen Ellbogenhieb einhandelte.
In diesem Moment entdeckte ich die Kacktze. Sie sprang von einem der unteren Äste auf die Lehne der Bank, von dort aus auf den Asphalt, stieg mit ihren dummen weißen Pfoten über mein Bein hinweg und stolzierte hoch erhobenen Hauptes davon.
Ungläubig starrte ich ihr nach. Mit Kacktzen, die über mich drüberstiegen, war ich fertig. Und mit Jungs, die unter mir zusammenbrachen, auch.
Jetzt galt es zu retten, was noch zu retten war. So würdevoll wie möglich rappelte ich mich auf und wischte mir die Hände an der Jeans ab, die nun doch nass geworden war. Dann hielt ich Manuel die Hand hin, zog ihn hoch und sah ihm in die Augen. Ganz dunkel waren die und mit langen Wimpern dran. Ich musste an Schokolade denken, was jetzt wirklich überhaupt nicht passte. Noch dazu musste ich ein gutes Stück zu ihm hochschauen, was mich nur noch mehr aufregte. Hätte ich ihn doch nur liegen lassen!
»Und wenn ich das nächste Mal vom Baum springe, dann geh gefälligst aus dem Weg!«, motzte ich ihn an, weil mir das alles so unglaublich peinlich war.
Er sah mich mit seinen Schokoladenaugen ganz seltsam an.
Dann drängte sich Janja zwischen uns. »Maaanu«, flötete sie. »Manu, tut’s sehr weh? Die ist ja mit ihrem Hintern voll Karacho auf dich draufgeknallt! Wie eine Arschbombe!«
Danke auch, Janja.
Zum Glück zerrte Luzi mich weg, bevor ich noch mehr dummes Zeug von mir geben konnte, und bugsierte mich auf die Bank. »Hast du dir sehr wehgetan?«, fragte sie und legte den Arm um mich, doch ich schüttelte sie ab und gab mir alle Mühe zu grinsen.
»Von so einem kleinen Hopser doch nicht.« Ich winkte ab, wobei ich merkte, dass ich mir das Handgelenk übel verstaucht hatte. »Alles gut.«
»Lässige Aktion«, meinte Fi, die mir mein cooles Getue abnahm. »Wenn du den Sprung beim Abgang noch stehst, kannst du Kunstturnerin werden.«
»Genau, und ich interviewe dich dann für die Schülerzeitung.« Dana zwinkerte mir zu. »Äh, wo waren wir stehen geblieben? Ach, ja, genau: Wann steigt denn jetzt die Party?«
In diesem Moment wurden meine Knie doch noch butterweich, und ich war froh, dass ich saß. Meine Schläfen pochten und meine Ohren pfiffen. Es fühlte sich an, als würde in meinem Kopf ein Orchester seine Instrumente stimmen.
»Nächstes Wochenende hätten wir Zeit«, drängelte Fi.
Wo blieb denn der verflixte Gong, um mich zu retten? Ich wartete einen Moment, dann noch einen und noch einen. Nichts geschah.
Und dann geschah doch was: Mein Mund ging auf und sagte, noch ehe ich einen klaren Gedanken fassen konnte: »Okay.«
Wahrscheinlich hatte mein Kopf doch etwas abbekommen bei dem Sturz. Wie betäubt sah ich in Luzis blaue, weit aufgerissene Augen. Und dann kam der Gong. Zwei Sekunden zu spät. »Vielleicht könnten wir ins Kino –«, setzte ich an.
Fi schüttelte den Kopf, dass ihr Nasendiamant funkelte. »Nee, bei dir zu Hause«, verlangte sie. »Wir wollen doch endlich mal deine Mutter kennenlernen, die so coole Bücher schreibt.« Seit ich in der Schule in einem Referat Im Spiegelsaal der 1000 Küsse vorgestellt hatte, waren sie Mamas treueste Fans.
Mein Schicksal war besiegelt. Die beiden klatschten sich ab. »Super! Das wird voll top!«
Oder voll Flop, dachte ich und rang mir ein Lächeln ab, obwohl ich lieber lauthals geheult hätte wie mein kleiner Bruder Bruno, wenn man ihm kein Licht zum Schlafen anlässt.
In den ersten zwei Stunden hatten wir Deutsch bei Herrn Fistab. In meiner Verzweiflung über meine Geburtstagsfeier versuchte ich sogar, mich damit abzulenken, dass ich dem Unterricht folgte. Aber irgendwie waberte in meinem Hirn zäher Nebel.
Das Fischstäbchen faselte irgendwas von einem »klasse Projekt«, das er sich für uns ausgedacht hätte. Um ein erstes Mal in die Arbeitswelt hineinzuschnuppern, sollten wir ein eintägiges Mini-Praktikum machen. »Ein Praktikum«, erklärte er uns, »ist was, bei dem man praktische Erfahrungen sammelt und selbst etwas ausprobiert, um sich eine Meinung zu bilden.« Also im Prinzip genau dasselbe, was ich auf der Schulparty mit dem Küssen getan hatte. Es ausprobiert. Meine eigenen Erfahrungen gemacht.
Aber was interessierte mich ein Berufspraktikum, wenn ich doch viel lieber ein zweites Kusspraktikum machen wollte? Schließlich hielten mich hier alle für eine Expertin in Sachen Küssen und Liebe. Da wäre ein bisschen mehr praktische Erfahrung nicht schlecht. Dazu musste ich allerdings irgendwie rauskriegen, wer dieser Vampir war. Und dann dachte ich wieder an den Kuss und auf einmal tat mir alles nur noch halb so weh und mein Kopf rumorte nicht mehr so sehr wie das Gekribbel und Gekrabbel in meinem Bauch. Fast wie auf der Party. Ich wäre gern noch länger dortgeblieben und hätte noch ein klitzekleines bisschen geküsst. Doch dummerweise war dann Janja dazwischengekommen – bis zur Unkenntlichkeit als Hexe verkleidet, aber immer sofort an ihrem albernen Flattergang zu identifizieren – und hatte in rauen Mengen Waldmeistergötterspeise gekotzt und dadurch sich selbst, Luzi, Leon und mich enttarnt.
Als es gongte, schreckte ich hoch. Draußen schüttete es inzwischen wie aus Kübeln. Das bedeutete Pause auf den Gängen. Ich schnappte mir meinen Apfel und meine Trinkflasche und schlenderte auf den Flur, wo ich mich aufs Fensterbrett hochzog und die Füße auf den Heizkörper stellte. Keine Sorge: Das Fenster war natürlich zu – mein Bedarf an Abstürzen war fürs Erste gedeckt. Nachdenklich guckte ich hinaus ins Grau-in-Grau. Von hier oben sah der Baum gar nicht so hoch aus.
Neben mir schwangen sich Fi und Dana auf die Fensterbank. Manchmal lernten ein paar von uns in den Pausen noch hektisch Vokabeln, wenn ein Test anstand. Aber an diesem Tag blieben die Bücher zu. An diesem Tag gab es nur ein Thema. Nein, zum Glück nicht meinen bescheuerten Sturz vom Baum, sondern die große Halloween-Schulparty.
Übers Wochenende hatte sich natürlich schon herumgesprochen, dass Janja, Luzi, Leon und ich dort geschnappt worden waren. Jetzt wollten die anderen alles wissen. Wie hatten wir es als Sechstklässler überhaupt geschafft, uns auf einer Mittelstufen-Party einzuschleichen? Als was hatten wir uns verkleidet? Wie war die Feier gewesen? Hatte es schlimmen Zoff gegeben, als man uns erwischt hatte? Würden wir einen Verweis bekommen?
Luzi, Leon und ich kamen allerdings kaum zu Wort, denn Janja machte sich furchtbar wichtig. Und das, obwohl es ganz allein ihre Schuld gewesen war, dass wir aufgeflogen waren. Wenn sie nicht Wackelpudding gekotzt hätte, hätte kein Mensch etwas gemerkt. Ich warf Luzi einen Blick zu und wir verdrehten die Augen.
Die Flatter war wirklich die Pest, schon immer gewesen. Ein paar Jahre hatte ich Ruhe von ihr gehabt, aber jetzt war sie an der neuen Schule wieder in mein Leben getreten – älter, größer, geschminkt und mit Absätzen, aber genauso doof wie eh und je mit ihren albernen Tippelschritten und dem Armgefuchtel dazu, als würde sie versuchen zu fliegen. Genervt biss ich in meinen Apfel und stellte mir vor, es wäre Janjas Ohrläppchen.
»He«, raunten Fi und Dana mir zu, die anscheinend auch genug von Janjas Show hatten. »Wir waren auch auf der Halloweenparty.«
Sag bloß. »Nein!«, hauchte ich gespielt überrascht, denn natürlich hatte ich die beiden erkannt.
»Ich hab sogar Fotos gemacht«, flüsterte Dana. »Fürs Wölfchen.« Das Wölfchen war unsere Schülerzeitung, in der sie mitarbeitete.
Jetzt war ich ehrlich überrascht. »Aber dann wissen die anderen Redakteure doch, dass du dort warst. Kriegst du da keinen Ärger?«
Dana schüttelte die Wallemähne. »Die verpfeifen mich schon nicht.«
Sie war wirklich cool. Ich bewunderte sie sehr. Es war ein großes Glück und ein kleines Wunder, dass so tolle Mädchen wie sie und Fi mit mir befreundet waren. Nur manchmal zwickte und zwackte mich das schlechte Gewissen, weil ich mir ihre Freundschaft mit einer Lüge...




